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Klar zur Wende? Zur Problematik der Energiewende in Deutschland


skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 20.09.2019

Die Energiewende ist der deutsche Beitrag zum Klimaschutz, zu dem sich die 196 Staaten der Klimakonvention der Vereinten Nationen verpflichtet haben. Deutschland soll bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral wirtschaften1. Dies soll durch einen Verzicht auf die Nutzung fossiler Brennstoffe für die Energieversorgung erreicht werden. Stattdessen soll auf erneuerbare Energien zurückgegriffen werden. In Deutschland sind dies aufgrund der geographischen Verhältnisse weitestgehend die Wind- und die Sonnenenergie. Es drängt sich die Frage auf, ob dies gelingen kann.


Dabei sind zwei Dimensionen zu betrachten: ...

Artikelbild für den Artikel "Klar zur Wende? Zur Problematik der Energiewende in Deutschland" aus der Ausgabe 3/2019 von skeptiker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: skeptiker, Ausgabe 3/2019

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Abb. 1 Energiewende – Wind statt Kohle


Ziel des vorliegenden Aufsatzes ist es, eine Diskussion anzustoßen, ob man bei der deutschen Energiewende auf dem richtigen Weg ist. Dabei wird nicht in Zweifel gezogen, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, den Klimawandel zu begrenzen – jedoch bedarf die Art und Weise einer Überprüfung. Ebenso wenig soll dieser Text eine Stellungnahme für oder gegen eine bestimmte Technologie darstellen, sondern Grenzen und Möglichkeiten beleuchten.

Methode

Der Grundgedanke dieser Arbeit ist zu diskutieren, wie eine Energieversorgung aussehen würde, die mit den heutigen Techniken zur Nutzung erneuerbarer Energien den heutigen Energiebedarf für Strom, Mobilität sowie Heizung und Prozesswärme decken könnte. Dazu wird ein Szenario unterstellt, in dem die gesamte Energieversorgung auf Basis von regenerativ erzeugtem elektrischem Strom erfolgt und damit hergestelltes Gas oder flüssiger Brennstoff keine nennenswerte Rolle spielen. Damit soll nicht ausgesagt werden, dass dies die zu realisierende Variante sein soll. Es handelt sich vielmehr um leicht nachvollziehbare und auf einfachen Prämissen beruhende Abschätzungen, die lediglich die Größe der anstehenden Aufgabe beleuchten sollen.
Es handelt sich vielmehr um eine leicht nachvollziehbare und auf einfachen Prämissen beruhende Abschätzung, die seitens der Energiebereitstellung zu einer Minimallösung führt. Da dies allerdings auf der Verbraucherseite erhebliche Investitionen in die Infrastruktur erfordert, dürfte dies mit Sicherheit nicht die Optimallösung darstellen. Es soll lediglich die Größe der anstehenden Aufgabe umrissen werden.
Die Darstellung beruht auf amtlichen statistischen Daten zum Energieeinsatz sowie weiteren frei verfügbaren seriösen Daten. Weiterhin werden die heute entwickelten technischen Lösungskonzepte zugrunde gelegt. Letztendlich erweist sich der Zeitraum von 30 Jahren als viel zu kurz, um Techniken, die heute noch nicht mindestens als Pilotanlage erfolgreich erprobt wurden, zu einer solchen technischen Reife zu entwickeln, dass die Investition in eine flächendeckende Großtechnik vorstellbar wäre, die 2050 abgeschlossen wäre.
Des Weiteren beschränkt sich diese Betrachtung auf eine durch mittlere bis große Betreiber geprägte Versorgungsstruktur. Ob eine weitergehend dezentral betriebene Stromerzeugung sinnvoller wäre, bedürfte einer eigenen Untersuchung, obgleich es zweifelhaft erscheint, dass sich in dieser groben Betrachtung Vorteile ergeben würden.

Ziele und Anforderungen

Die Energiewirtschaft muss mit der Energiewende nicht nur die heutige Stromerzeugung von der Nutzung fossiler Brennstoffe auf erneuerbare Energien umstellen, sondern auch die Bedarfe, die heute direkt durch den Einsatz von Kohle, Öl und Gas gedeckt werden. Man denke an den Einsatz von Benzin und Dieselkraftstoff im Verkehr, genauso wie Gas und Heizöl bei der Heizung oder der Erzeugung von Prozesswärme in der Industrie. Zusätzlich müsste der Wärmebedarf gedeckt werden, der heute als Fernwärme aus der Abwärme von Kraftwerken bedient wird. Es wird der Endenergieverbrauch 2017 der Betrachtung zugrunde gelegt, Abb. 21.
Diese Energie, zusammen über 2400 TWh (Terawattstunden), kann heute in weiten Grenzen zu beliebigen Zeiten mit ebenfalls in weiten Grenzen beliebiger Leistung abgefordert werden. Die Energiewirtschaft muss selbstverständlich auch nach der erfolgten Wende in der Lage sein, die diesem Verbrauch zugrundeliegenden Bedürfnisse zu befriedigen, was aber nicht unbedingt heißt, dass dafür auch die gleiche Energiemenge aufgewendet wird. Vielmehr lassen sich erhebliche Einsparungen realisieren. Gelingt es etwa durch bessere Wärmedämmung oder den Einsatz von Wärmepumpen, die Verluste zu minimieren oder die Prozesse effizienter zu gestalten, führt dies zu einer Verringerung der bereitzustellenden Energie.
In einem solchermaßen optimierten System müssen etwa 1600 TWh elektrischer Strom pro Jahr durch Solar- und Windkraft gedeckt werden, wenn man lediglich einen kleinen Zuwachs an anderen regenerativen Energieträgern unterstellt, wie er real zu erwarten sein dürfte. Darin sind bereits die durch Speicherung zu erwartenden Verluste berücksichtigt. Im Jahresmittel liegt der Leistungsbedarf insgesamt bei 193 GW (Gigawatt), darin 36 GW für die Deckung der Speicherverluste. Etwa 10 GW decken Wasserkraftwerke und Biomasse. 183 GW sind durch Sonnenund Windenergie zu erbringen. Diese Leistungen sollen in Ermangelung genauerer Daten für diese vereinfachte Betrachtung als über das Jahr konstant angenommen werden.

Regenerative Stromerzeugung

Im ersten Ansatz erscheint es sinnvoll, die Stromerzeugung etwa hälftig zwischen Solar- und Windenergie aufzuteilen, denn das maximale Angebot von Wind und Sonne findet zu verschiedenen Jahreszeiten statt, sodass sich der Aufwand an Speicher für einen saisonalen Ausgleich minimieren lässt.

Abb. 2:Endenergieverbrauch in Deutschland 2017


Gleichwohl könnten natürlich auch andere Gesichtspunkte eine Rolle spielen, etwa der Flächenbedarf, die Notwendigkeit der Kurzzeitspeicherung oder finanzielle Überlegungen. Wind weht bekanntlich nicht immer gleichmäßig. Hohe Windgeschwindigkeiten und damit höhere Energiemengen treten nur in vergleichsweise kurzen Zeiträumen auf. Im Durchschnitt des Jahres 2017 lieferten die installierten Windenergieanlagen nur 21,6 % der Energie, die sie aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit bei kontinuierlichem Wind der Stärke 7 Bft (Beaufort) hätten liefern können. Dies muss bei der Zahl der zu errichtenden Windräder berücksichtigt werden, um die geplanten 800 TWh im Jahresverlauf zu erzeugen: Es zeigt sich, dass eine Kapazität (= Summe der Nennleistung der installierten Anlagen) von 423 GW erforderlich ist, was 100 700 Einheiten der derzeit weitgehend üblichen Anlagen mit 4,2 MW (0,0042 GW) Nennleistung entspricht.
Diesem Bedarf steht aktuell ein Bestand von nur 28 700 Anlagen mit zusammen 55 GW Nennleistung gegenüber6. Inklusive des Ersatzbedarfs, der sich aus der begrenzten Lebens- dauer von 20 Jahren ergibt, müssten von heute an pro Jahr 5850 Anlagen mit 24,6 GW gebaut werden, um 2050 über die notwendige Anzahl Windräder zu verfügen. Zum Vergleich: Weltweit stieg die Kapazität der installierten Windenergieanlagen 2018 um 49 GW7, davon entfielen auf Deutschland lediglich 3,7 GW. Würde man die Anlagen zu einem Windpark zusammenfassen, sie dabei im empfohlenen Abstand vom Fünffachen des Rotordurchmessers aufstellen, ergäbe sich ein Flächenbedarf von etwa 50 000 km², also gut die Fläche Niedersachsens (48 000 km²). In Deutschland stehen jedoch nur 6240 km² zur Verfügung, die geographisch geeignet sind und bei denen gleichzeitig keine anderen Restriktionen bestehen, insbesondere aus dem Natur- und Artenschutz8. Der Bau von über 80 % der Anlagen dürfte daher mit vehementen Protesten der Anwohner einhergehen, die, so könnte man vermuten, den Artenschutz gerne als Argument gegen Windanlagen in der Nachbarschaft anführen werden (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Solarpark Fürstenwalde: Grundfläche 1,1 km², 40 MWp installierte Leistung



» Bei Windrädern und Solaranlagen ist mit Protesten von Anwohnern zu rechnen. «


Bei Solaranlagen ist die Situation nicht wesentlich anders. Hier beträgt die Auslastung nur 10,5 %, sodass insgesamt Solarmodule für eine Nennleistung von 870 GWp installiert werden müssen. Zum Vergleich: 2017 waren in Deutschland Solarmodule für 43 GWp in Betrieb9, weltweit 391 GWp (Gigawatt Peak)10. Man müsste in Deutschland also noch mehr als das Doppelte der 2017 weltweit in Betrieb befindlichen Anlagen installieren. Von heute an müsste in jedem Jahr bis 2050 ein Zubau von rund 28 GWp realisiert werden. 2018 wurden in Deutschland nur rund 3 GWp erreicht.
Neben der Nutzung aller geeigneten Dachflächen, was etwa 150 GWp abdecken würde8, müssten auch etwa 12 000 km² Solarparks errichtet werden, was etwa drei Viertel der Fläche Schleswig-Holsteins entspricht (15 800 km²). Jedoch stehen nur 3120 km² ohne Einschränkungen zur Verfügung.8 Auch hier kollidiert die Errichtung von 80 % der benötigten Anlagen mit bestehenden Einschränkungen, oftmals mit Natur- und Artenschutz, und es dürfte mit Widerständen von Anwohnern und Naturschützern zu rechnen sein. Plakativ gesagt: Von heute an müsste 10 950 Tage (= 30 Jahre) lang bis 2050 ein Solarpark der Größe des Flugplatzes Fürstenwalde in Betrieb genommen werden (s. Abb. 3).

Speicherung

Auf den Webseiten von Betreibern oder Anbietern von Solaranlagen ist gelegentlich zu lesen, die Anlagen lieferten genügend Strom, um eine bestimmte Anzahl von Menschen zu versorgen11. Derartige Aussagen sind ganz offensichtlich falsch, denn bekanntlich gibt es Zeiten, in denen keine Sonne scheint. Im Sommer ist das Leistungsangebot durch Wind nur gering, und nach Sonnenuntergang liefern die Solarparks überhaupt keinen Strom mehr. Ohne eine Speicherung des erzeugten Stromes wären die Menschen für lange Zeiten nicht versorgt.
Es ist denkbar, durch geeignetes Bedarfsmanagement den Strombedarf in gewissem Ausmaß in die Zeiten zu verlagern, in denen genügend Leistung vorhanden ist, etwa indem die Batterien von Elektroautos tagsüber in Stillstandszeiten geladen werden oder die Warmwasserbereitung am Tag erfolgt. Es sei am Rande erwähnt, dass auch das Bedarfsmanagement (Smart Grid ) erfordert, dass Sensoren, Messgeräte und überhaupt dafür geeignete Geräte und Anlagen bei den Verbrauchern flächendeckend installiert sein müssen.
Eine vollständige Verlagerung des elektrischen Verbrauchs in die hellen Tagesstunden wird sicher nicht möglich sein, man denke an die nächtliche Beleuchtung, Produktionsprozesse oder auch die Bedarfe in den Haushalten etc., zumal fast 50 % der Sonnenenergie innerhalb von nur drei Tagesstunden um die Mittagszeit anfallen. Man wird also nicht umhin können, Strom tagsüber zu speichern, um ihn dann nachts und in den Vormittags- und Nachmit- tagsstunden zur Verfügung zu haben. In dem angenommenen Szenario liegt der über das Jahr gleichmäßige Strombedarf pro Tag bei etwa 4,4 TWh. Um die Größenordnung zu verdeutlichen, sei willkürlich aber sehr optimistisch angenommen, dass es gelingen könnte, 75 % des Strombedarfs so zu verlagern, dass er direkt durch Solarstrom gedeckt wird. Dann verbleiben 1,1 TWh, die außerhalb der Sonnenscheindauer zu decken sind. Derzeit vorhandene Speicherkapazitäten reichen dazu bei weitem nicht aus. In den deutschen Pumpspeicherwerken können gerade einmal 0,038 TWh gespeichert werden, für die in den Haushalten und den öffentlichen Netzen vorhandenen Batteriekapazitäten gilt Ähnliches.
Wollte man den Strom, wie verschiedentlich vorgeschlagen12, in Bleiakkumulatoren speichern, würden diese etwa elf Millionen Tonnen wiegen. Zum Vergleich: Die Weltjahresproduktion an Blei beträgt 11,3 Millionen Tonnen13. Auch bei Verwendung von Lithium-Ionen-Batterien wird die Situation nicht besser: Zwar werden nur etwa 92 000 Tonnen an Lithium benötigt, um die erforderlichen 5,5 Millionen Tonnen Batterien zu bauen, aber die Welt-Jahresproduktion außerhalb USA betrug 2018 auch nur 85 000 Tonnen14, 15,. Hinzu kämen Gleichrichter und Wechselrichter in großen Mengen, um Wechselstrom in den zur Speicherung in Batterien geeigneten Gleichstrom umzuwandeln und diesen auch wieder als Wechselstrom in das Versorgungsnetz einzuspeisen.
Selbst diese gewaltige Speicherkapazität reicht lediglich aus, um die 24 Stunden eines Hochsommertages zu überbrücken. Die Batterien sind am Morgen erschöpft und müssen am nächsten Tag wieder voll geladen werden, sonst reicht es nicht für die folgende Nacht. Was passiert aber, wenn der nächste Tag verregnet ist und die Batterien nicht vollständig geladen werden können?

Abb. 4: GuD-Kraftwerk Hamm-Uentrop, Netto-Leitungsabgabe max. 800 MW


Dies leitet zu der Frage über, was überhaupt geschieht, wenn Wind und Sonne über einen längeren Zeitraum nicht in ausreichendem Maße Energie liefern. Solche Zeiträume, Dunkelflauten genannt, gibt es vergleichsweise häufig. Nach Ergebnissen vom Energy Brainpool, einer von Greenpeace Energy eG getragenen Organisation – sicher weit entfernt von einer Kohle- oder Atomlobby –, ist alle zwei Jahre mit einer mindestens 14-tägigen Phase zu rechnen, in der Sonne und Wind als Lieferanten praktisch komplett ausfallen16.
Über so lange Zeiträume ist sicher auch das beste Bedarfsmanagement überfordert, schließlich muss die Wirtschaft laufen und es gibt wohl wenige Prozesse, die, wenn der Bedarf entstanden ist, einfach zwei Wochen oder länger aufgeschoben werden können. Der europäische Stromverbund dürfte nur wenig zur Lösung beitragen können. Dieser wäre nur in der Lage, den Bedarf zu decken, wenn während einer Dunkelflaute in Deutschland in den Nachbarländern flächendeckend strahlender Sonnenschein oder Starkwind herrscht – Windanlagen benötigen eine Windstärke von 7 Bft, um die volle Leistung zu liefern. Schließlich müssten die Anlagen dort den Bedarf des jeweiligen Landes und zusätzlich den Bedarf in Deutschland decken. Wie wahrscheinlich ist dieses Zusammentreffen?
Auch hier bleibt nichts anderes übrig, als den Strom zu speichern. Da Strom – außer in Akkumulatoren – nicht direkt speicherbar ist, muss er in eine andere Energieform umgewandelt werden. Bekannt ist etwa, mit überschüssigem Strom mittels großer Pumpen Wasser in ein auf einem Berg angelegtes Speicherbecken zu pumpen und dieses Wasser bei Bedarf wieder über Turbinen zur Stromerzeugung zu verwenden. Diese Pumpspeicherwerke sind jedoch an geographische Voraussetzungen gebunden, die nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen.
Ein allgemein favorisiertes Konzept stellt die Erzeugung von Wasserstoff mittels Elektrolyse dar. Dieser Wasserstoff kann in heute bereits vor- handenen unterirdischen Erdgasspeichern gelagert werden. In einer alleine auf Strom aufgebauten Energieversorgung wird er dann bei Bedarf in Kombikraftwerken als Brennstoff für eine Gasturbine eingesetzt, die einen Generator antreibt. Die Abwärme beheizt einen Dampfkessel, mit dem wiederum eine Dampfturbine betrieben wird, die ihrerseits einen Generator antreibt. Durch diese aufwändige Technik sind Wirkungsgrade bis 60 % möglich. Bei einem Wirkungsgrad der Elektrolyse von etwa 80 % ergibt das den gesamten oben angesetzten Speicherwirkungsgrad von etwa 50 %.

Abb. 5: Elektrolyseanlage Falkenhagen, el. Aufnahmeleistung 2 MW


Wenn die Kombikraftwerke den vollen Leistungsbedarf decken sollen, dann müssen sie zusammen eine Leistung von nur 147 GW aufbringen, da die Speicherverluste bei der Wiederverwendung nicht mehr gedeckt werden müssen. Die bisher größten gebauten derartigen Anlagen, wie etwa das Kraftwerk in Hamm (s. Abb. 4), liefern etwa 0,8 bis 0,85 GW (850 MW)17, was 170 bis 180 solcher Kraftwerke erforderlich macht.
In Deutschland existieren derzeit 37 zumeist kleinere Anlagen mit zusammen 12,6 GW.18 Von der ersten Planung bis zur Inbetriebnahme vergehen etwa fünf bis sechs Jahre, die reine Bauzeit beträgt etwa drei Jahre. Wohlgemerkt, ohne die Zeiten für eine Standortsuche und Verzögerungen durch Bürgerproteste, Gerichtsverfahren oder langwierige Verfahren mit Gutachten und Gegengutachten, von denen Projekte zur Energieversorgung heute üblicherweise begleitet werden.
Damit die volle erforderliche Leistung bis 2050 zur Verfügung steht, müsste also in den nächsten 30 Jahren etwa alle zwei Monate ein solches Kraftwerk fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. Dies erscheint in Anbetracht der in den letzten Jahren eher verhaltenen Bautätigkeit im Kraftwerkssektor und der entsprechend heruntergefahrenen Kapazitäten der Hersteller nur sehr schwer vorstellbar.
Die Speicherung der benötigten 50 TWh an Wasserstoff ist in den in Deutschland vorhandenen unterirdischen Erdgasspeichern durchaus möglich. Das Problem sind hingegen die Elektrolyseure: Es gibt schlicht und einfach keine Anlagen in der notwendigen Baugröße.
Die Elektrolyseure müssen ausreichend groß sein, um die aus Wind und Sonne maximal zu erwartende Leistung aufzunehmen, abzüglich der zur laufenden Bedarfsdeckung erforderlichen Leistungsabgabe. Nach Erfahrungswerten liegt die Maximalleistung etwa bei der halben Summe der installierten Leistung von Sonne und Wind, hier etwa 650 GW, in Summe wäre also eine Leistung von etwa 500 GW aufzunehmen. Ordnet man diese Anlagen zweckmäßig den Kraftwerksstandorten zu, dann sind 184 Anlagen mit jeweils etwa 2,7 GW Aufnahmeleistung erforderlich. Die bislang größte Elektrolyseanlage in Falkenhagen ist mit 0,002 GW (2 MW) Leistungsaufnahme um einige Größenordnungen zu klein19 (Abb. 5). Erst 2019 sind erste Untersuchungen angelaufen, zwischen 2025 und 2030 einen Elektrolyseur im Gigawattbereich zu bauen20. Dieser wäre dann nur noch um den Faktor 2,7 zu klein.
Außerdem ist der aktuelle Wirkungsgrad, den der Betreiber mit „bis zu 65 %“ angibt, der sich aus den Betriebsdaten aber nur auf etwa 50 % errechnen lässt, noch nicht ausreichend hoch.
Zum Vergleich: Wollte man eine der benötigten 2,7-GW-Anlagen mit der in Falkenhagen genutzten Technik aufbauen, wären 10 800 20-Fuß-Container („TEU“) notwendig. Dies übertrifft die Ladekapazität eines 340 m langen und 46 m breiten Containerschiffs („Xin Shanghai“, 9600 TEU, Abb. 6) deutlich. Auch wenn es gelingt, das Bauvolumen im Laufe der Entwicklung auf die Hälfte zu senken, ist die Anlage sehr groß, wahrscheinlich deutlich größer als das GuD-Kraftwerk. Auch hier brauchen wir die nächsten dreißig Jahre alle zwei Monate eine fer- tiggestellte Anlage. Dies ist in Anbetracht einer heute noch nicht einmal näherungsweise in der erforderlichen Größe realisierten Anlage völlig illusorisch. Kein Kapitalgeber wird sich darauf einlassen, Milliardensummen in Anlagen zu investieren, für die keinerlei Betriebserfahrungen vorliegen.

Weitere Gesichtspunkte

Es sei darauf hingewiesen, dass es bei einer Umstellung der Energieversorgung weitere Baustellen gibt, die hier nur qualitativ dargestellt sein sollen. Zum einen müssen die Übertragungs- und Verteilnetze auf wesentlich höhere elektrische Leistungen ausgebaut werden als heute. Derzeit erreicht die maximal zu übertragende Leistung kurzfristig etwa 80 GW. Zukünftig sind es dann maximal 650 GW, die zwischen Erzeugern, Speichern und Verbrauchern transportiert werden müssen. Auch wenn der Aufwand hierfür nicht mit einfachen Mitteln abschätzbar ist, dürfte es sich wohl um ein Vorhaben enormer Größenordnung und Komplexität handeln, die das seit Jahren stagnierende Suedlink-Projekt – fünf Trassen zu je 2 GW – eher banal erscheinen lässt21 . Zum anderen müssen sich natürlich die heutigen direkten Verbraucher von fossilen Brennstoffen für die neuen Endenergieträger einrichten. Man denke an Elektrofahrzeuge und den damit verbundenen Aufbau von Ladestationen. Oder an den anstehenden Umbau der Heizanlagen, in diesem Konzept auf Wärmepumpen mit Elektroantrieb. Oder den Installationsaufwand für die Geräte für das Bedarfsmanagement. Damit dies aber geschehen kann, müsste eine gewisse Planungssicherheit gegeben sein, welche Endenergieträger denn in Zukunft zur Verfügung stehen werden und zu welchen Kosten. Ähnliches muss auch in den anderen Segmenten, Industrie, Gewerbe, Handel, Dienstleistungen geschehen, wenn etwa Zementwerke, Metallgießereien, Bäckereien etc. ihre Heizanlagen umstellen sollen. Sind da die Konzepte überhaupt schon entwickelt? Beispielsweise für den elektrischen Betrieb von Lastkraftwagen? Oder die Versorgung von Schiffen und Flugzeugen?

Abb. 6: Windkraftanlagen im Rhein-Hunsrück-Kreis


Systemschwächen

Trotz des gewaltigen Aufwandes, der betrieben werden muss, um eine alleine auf regenerativen Quellen aufbauende Energieversorgung zu installieren, ist die Abhängigkeit vom nicht planbaren Wetter unvermeidbar. Was passiert, wenn die Dunkelflauten länger dauern als gedacht? Oder kürzer aufeinander folgen? Was passiert, wenn es einen verregneten Sommer gibt, oder ein schlechtes Windjahr, wenn also die hauptsächlichen Quellen Wind und Sonne nicht die Energiemengen bereitstellen, wie vorgesehen? Dabei muss das Wetter noch nicht einmal exotische Kapriolen schlagen und es braucht auch keine extremen Erscheinungen, einen Vulkanausbruch auf Island etwa, der die Sonne verdunkelt: Um die Energieversorgung in Bedrängnis zu bringen, genügt es, dass hierzulande übliche Wetterverläufe auftreten (Fachausdruck: „miserables Dreckwetter“), die lediglich länger andauern oder in kürzerer Folge auftreten. Welche Reservekapazitäten soll man einplanen?
In Anbetracht des Risikos, was passiert, wenn es zu größeren Defiziten in der Stromversorgung kommt, sollte man sich auf die sichere Seite begeben. Also die historisch ungünstigsten Wetterkonstellationen zugrunde legen und dort noch etwas Sicherheitspuffer einplanen. Man braucht sich nur einmal vorzustellen, wie der Tagesablauf ohne Energieversorgung aussähe: ohne den morgendlichen Kaffee, ohne Wasser, denn der Druck auf den Leitungen wird durch elektrisch angetriebene Pumpen erzeugt. Auch ohne Brot und Brötchen, denn der Bäcker kann nicht backen. Die Kühlanlagen in den Läden arbeiten nicht mehr, die elektrisch betriebenen LKW können die Verteilung der Lebensmittel nicht mehr aufrecht erhalten. Wenn das Bargeld abgeschafft ist und Zahlungen elektronisch erfolgen, könnte man noch nicht einmal bezahlen. Der Tauschhandel wird vielleicht wieder aktuell: „Ich habe eine Rolle Klingeldraht. Wie viel Kartoffeln kann ich dafür bekommen?“ Man kann die Frage stellen, ob mit einem solchen System, ohne eine gesicherte Abdeckung einer Grundlast, überhaupt eine hinreichende Versorgungssicherheit leistbar ist. Schließlich ist es immer möglich, gerade wenn sich das Wetter infolge des Klimawandels in Extreme entwickelt, dass eine Phase unzureichender regenerativer Stromerzeugung länger dauert als angenommen. Sollte man nicht wenigstens für einige Grundfunktionen die Versorgung mit sicher verfügbarem elektrischen Strom gewährleisten? Man denke etwa an die Erzeugung und Verteilung von Grundnahrungsmitteln, häuslichem Strom für Kochen, Licht und Heizung, Krankenhäuser, sicherheitsrelevante Bereiche etc. Es wäre außerdem dem Wirtschaftsstandort Deutschland nicht zuträglich, wenn Unternehmen in ihre Auftragsbestätigungen und Verträge schreiben müssten „…unter der Voraussetzung, dass genügend Strom zur Verfügung steht.“ Kurz: Bei allen hier dargestellten Zahlen muss im Geiste ein „+ X“ hinzugezählt werden, wobei keine Aussage gemacht werden kann, wie groß dieses X ist.


» Was passiert, wenn es zu größeren Defiziten in der Stromversorgung kommt? «


Gesamtsituation

Es sei darauf hingewiesen, dass auch bei der Aufteilung der Erzeugerkapazitäten auf Wind und Sonne einiges Optimierungspotenzial gegeben ist. So sinkt zwar der Flächenbedarf, wenn man einen höheren Anteil des Stromes solar erzeugt, allerdings sind diese Flächen kaum einer anderweitigen Nutzung zugänglich, während unter Windanlagen durchaus Landoder Forstwirtschaft möglich ist. Auch steigt der Anteil des über Speicher genutzten Stromes, was zu höheren Verlusten und zu einem höheren Erzeugerbedarf führen kann. Ferner müssten weitere Überlegungen zu den Gesamtkosten aus Bau, Betrieb und Entsorgung berücksichtigt werden, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würden.
Schon die Betrachtung der Stromerzeugung aus Wind und Sonne lässt unabhängig von diesen Überlegungen erhebliche Zweifel aufkommen, ja, eine Errichtung der notwendigen Anlagen bis 2050 fast unmöglich erscheinen. Es fehlt dabei nicht nur an den Produktionskapazitäten, auch die Bereitstellung geeigneter Flächen stößt an Grenzen. Neue Flächen müssen gefunden und ausgewiesen werden. Entsprechende Raumordnungs- und Bebauungspläne zu entwickeln und zu beschließen, erfordert viele Verwaltungsakte und Ratsversammlungen. Der unausweichliche Protest der Anwohner wird neben den absehbaren personellen Engpässen der Verwaltungen für weitere Verzögerungen sorgen. Es erscheint nicht sehr glaubhaft, dass mehr als ein Bruchteil der benötigten Anlagen bis 2050 bereitstehen wird – selbst wenn man von heute an die Projekte entschlossen vorantreiben würde. Ganz zu schweigen von dem eher zögerlichen Handeln, wie es sich heute darstellt.
Es gibt keine Speichertechnologie, die bis 2050 flächendeckend installiert sein könnte, um den Ausgleich zwischen dem fluktuierenden Angebot an regenerativer Energie einerseits und dem kontinuierlichen Bedarf eines Industrielandes andererseits herzustellen. Man wird kaum in der Lage sein, Batteriespeicher in nennenswertem Umfang zu errichten, sondern wird auch für die Sommernacht auf Power to Gas zurückgreifen müssen. Das Problem, dass die Kernstücke aller auf regenerativen Strom aufbauenden „Power to X“-Technologien nicht verfügbar sind, gewinnt dadurch an Dringlichkeit.
Dann aber kann nicht darauf verzichtet werden, die Energieversorgung über eine Sekundärstruktur, also über Kraftwerke, entweder nuklear oder mit fossilen Brennstoffen betrieben, sicherzustellen. Und zwar so lange, bis die Speichertechnik realisiert ist, und auch die Verbraucher können nur in dem Maße auf regenerativ erzeugten Strom umgestellt werden, in dem fertig installierte Speichertechnik zur Verfügung steht.
So wie es aussieht, ist 2050 ein kaum erreichbares Ziel für eine auch nur näherungsweise treibhausgasneutrale Wirtschaft in Deutschland. Äußerungen, dass sich die Energiewende ,mit dem nötigen politischen Willen schneller realisieren ließe, vielleicht sogar innerhalb der nächsten 15 Jahre, erweisen sich unter diesem Aspekt als völlige Utopie fern jeder Realität. Unabhängig vom Zieltermin gibt es darüber hinaus einige weitere Faktoren, die zu einem Scheitern der Energiewende führen können.
Ein wesentlicher Punkt dürfte die Akzeptanz in der Bevölkerung sein. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass den Bürgern klar ist, wie sehr die Umstellung auf regenerative Energiequellen das Land verändern wird. Schon heute wird gegen die Errichtung von Solar- und Windanlagen protestiert, Ostern 2019 gab es Proteste gegen den Ausbau des Übertragungsnetzes durch das Projekt Suedlink. Viele der heute in die jeweilige Diskussion vehement eingebrachten Aspekte des Natur- und Artenschutzes dürften ihren Ursprung in dem Bestreben haben, die naturgemäß großen Anlagen mit eher zweifelhafter Ästhetik und problematischer Auswirkungen auf die Umgebung in der näheren Umgebung des Wohnortes zu vermeiden. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass die grundsätzlich positive Stimmung zur Energiewende kippt, wenn mehr Anlagen errichtet werden und die Folgen nicht mehr zu übersehen sind.
Weiterhin muss man sehen, dass Deutschland bis 2038 über die Hälfte seines Kraftwerksparks stilllegen will, ohne dass derzeit Neuanlagen errichtet werden. Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie, aus der Braun- und Steinkohle wird nur noch eine gesicherte Leistung von unter 45 GW zur Verfügung stehen, bei einem Bedarf, der schon heute ohne nennenswerte Anteile für Elektromobilität oder anderen Umstellungsmaßnahmen bis zu 80 GW betragen kann. Deutschland wird also Strom zukaufen müssen, wenn die regenerative Erzeugung unter etwa 35 GW fällt – aber aus welchen Quellen? Aus Atom- und Kohlekraftwerken im Ausland? Natürlich wäre der CO2-Ausstoß dann in Deutschland geringer als vor dem Kohleausstieg – aber zur Vermeidung der Klimaerwärmung trägt es nichts bei, wenn man lediglich die Drecksarbeit nach außen verlagert. Soll hingegen nur Ökostrom zugekauft werden, setzt dies voraus, dass in den Nachbarländern genau dann ein Überschuss an regenerativ erzeugtem Strom besteht, wenn in Deutschland Mangel herrscht.
Wie auch immer – es ist mit einer Verteuerung des Stroms zu rechnen, denn in der Marktwirtschaft führt die Verknappung des Angebots zu einer Erhöhung der Preise. Wenn überhaupt die notwendigen Kapazitäten zur Verfügung stehen. Die Deckungslücke in Deutschland würde schon bei heutigem Verbrauch bis zu 35 GW betragen, was etwa 90 % der Kraftwerksleistung Polens oder etwa einem Viertel der Kraftwerksleistung in Frankreich entspricht22, 23. Nicht unwahrscheinlich, dass es irgendwann in Deutschland zu einem größeren Stromausfall kommen könnte, nicht weil irgendwelche Schadensfälle aufgetreten sind, sondern weil einfach kein Strom verfügbar ist. Ein solches Ereignis würde klar werden lassen, wie wenig Versorgungssicherheit erneuerbare Energien bieten – was ebenfalls zu einem Stimmungsumschwung führen könnte.

Abb. 7: Bürgerprotest: „Für die Energiewende, aber …“


Als Letztes sei noch auf die Finanzierung hingewiesen. Es mag durchaus sein, dass die Nutzung der erneuerbaren Energien langfristig kostengünstiger ist als die Nutzung fossiler Brennstoffe, die bei Verzicht auf die Verstromung von Braunkohle fast vollständig importiert und bezahlt werden müssten. Aber zunächst muss der Aufbau der Anlagen und der Infrastruktur finanziert werden, nicht nur bei der Stromerzeugung, sondern auch bei den Verbrauchern. Auch wenn dieser Aufwand nicht beziffert werden kann, dürfte klar sein, dass dieser eher im zweistelligen Billionen- Euro-Bereich als darunter liegen wird, insbesondere, wenn man die angesichts der großen Nachfrage zu erwartende Preisentwicklung der benötigten Komponenten berücksichtigt. Kann selbst eine reiche Volkswirtschaft wie Deutschland das leisten? In der es heute schon bei allen möglichen Stellen an Geld fehlt, etwa der Bahn, die noch nicht mal hinreichend ausgestattet wird, die vorhandene Infrastruktur zu erhalten?

Geht es doch?

Im Gegensatz zu dieser Betrachtung gibt es einige Papiere, deren Autoren den Standpunkt vertreten, dass die Energiewirtschaft sehr wohl bis 2050 umgestellt werden kann, ja dass es lediglich an dem entschiedenen politischen Willen fehle, dies auch früher, bis 2040 oder noch eher, umzusetzen. Stellvertretend dafür sei hier die Publikation „Treibhausgasneutrales Deutschland 2050“ betrachtet, die vom Umweltbundesamt bereits 2013 veröffentlicht wurde5. Dort geht man von einem System aus, in dem Strom, Wasserstoff und Erdgas in einem nicht näher bestimmten Mix als Endenergieträger bereitgestellt werden sollen. Dies ist sicher auch eine denkbare Ausführung, bei der zwar der Aufwand für die Stromerzeugung höher ist als hier angesetzt, allerdings die Infrastrukturmaßnahmen günstiger ausfallen. Man hat weniger Aufwand mit der Rückverstromung von Wasserstoff und kann bei Wärmeanwendungen sicher viel von der vorhandenen Infrastruktur mit möglicherweise nur kleineren Anpassungen weiter nutzen. Man verliert allerdings auch einige Einsparpotenziale und muss weitere verlustbehaftete Prozessschritte ausführen, um Methan oder gar flüssige Brennstoffe aus dem regenerativ erzeugten Wasserstoff herzustellen.


» Es ist mit einer Verteuerung des Stroms zu rechnen. «


Man geht davon aus, dass die Bevölkerung bis 2050 etwas abgenommen haben wird, die Menschen aber den gleichen Lebensstil und das gleiche Konsumverhalten wie zuvor pflegen. Man will natürlich keine Kernenergie nutzen und Biomasse nur in dem Maß, wie sie als Abfallprodukt aus der landwirtschaftlichen Produktion anfällt. Dass ein solches Szenario auf Zustimmung trifft, ist sicher verständlich: Wir leben weiter wie bisher, die Technik löst die Probleme.
Man rechnet mit einem jährlichen Energiebedarf von 3000 TWh, fast das Doppelte dessen, was in diesem Artikel angesetzt wurde. Diese Zahl erscheint in Anbetracht der oben angesprochenen Umsetzungsverluste – und dem Verzicht auf stromsparende Wärmepumpen bei der Heizung – durchaus plausibel. Wie nun sieht die Lösung aus? Was schlagen die Autoren vor, wie der Strom in hinreichender Menge erzeugt und die Versorgung durchgängig gesichert werden kann?
Die Antwort ist ernüchternd: Nichts. Gar nichts.…gehen wir davon aus, dass ein größerer Teil des in Deutschland benötigten Stroms im Ausland erzeugt würde. […] Eine dem heutigen Stand vergleichbare Importquote scheint realistisch.
Diese Importquote lag 2014 bei etwa 75 %24 .
Das ist ernüchternd und erhellend. Ernüchternd, wenn man bisher geglaubt hat, es gäbe eine Art Masterplan, nach dem die Umstellung erfolgen soll. Erhellend über die Denkweise der Entscheidungsträger. Allerdings nicht sehr beruhigend.
Dabei gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man kauft im Ausland wieder Kohle- und Atomstrom ein, dann hat man die Drecksarbeit nur nach außen verlagert. Deutschland steht dann zwar mit einer weißen Weste da – aber für das Klima ist nichts besser geworden.
Oder man vertraut darauf, dass die Nachbarländer zusätzlich zu ihrer eigenen Umstellung auf klimaverträgliche Stromerzeugung noch einmal 150 000 Windanlagen und 18 000 km² Solaranlagen in ihr Land stellen, wofür uns Deutschland zu schade ist. Außerdem wäre es dringend an der Zeit, entsprechende Verträge abzuschließen, denn schließlich ist die zeitliche Problematik bei der Errichtung der Anlagen in den Nachbarländern die gleiche wie hier, sogar noch schärfer, weil mehr Wind- und Solaranlagen gebaut werden müssen. Wer beispielsweise von der Kohlekommission erwartet hatte, dass diese eine Art Plan vorlegt, wie der Umstieg zumindest in den nächsten Jahren realisiert werden soll, sah sich von dem im Januar 2019 unter viel Medienaufmerksamkeit vorgelegten Abschlussbericht enttäuscht4 . Außer den Empfehlungen für die Abschaltung der Kohlekraftwerke bis 2038 findet man lediglich eine Zusammenstellung, wer wie viel Geld wofür erhalten soll und was sich die von den diversen Ausstiegen betroffenen Bundesländer sonst so an Maßnahmen für einen wirtschaftlichen Strukturausgleich vorstellen. Einen Ausbau der Anbindung an das Schienennetz vielleicht? Oder doch lieber die „Einrichtung eines neuen DLR-Instituts zu einer Key enabling technology“?
Auch hier ist die Situation durchaus mit der Alternativmedizin vergleichbar: Es wird zwar behauptet, die Energieversorgung in Deutschland wäre alleine mit regenerativen Energieträgern möglich, es gibt jedoch offenbar keine Studie, die sich mit der ingenieurtechnischen Umsetzung der Energiewende ganzheitlich befasst hätte und zudem zu dem Schluss gekommen wäre, dass die Umstellung durchführbar ist.

Was tun?

Die Konsequenz aus dieser Betrachtung darf sicher nicht dahin gehen, dass man die Ziele des Klimaschutzes doch zugunsten der Verfolgung des bisherigen Lebensstils ablehnt. Dies kann nicht sein. Deutschland muss seinen überdurchschnittlichen Energieverbrauch und den damit verbundenen Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren. Die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen hängen davon ab, dass auch die Industrieländer ihre Ziele erreichen, die historisch gesehen die größten Nutznießer und Verbraucher fossiler Brennstoffe waren.
Die Energiewende ist bis 2050 allerdings nicht zu schaffen, zumindest nicht in der Form, wie sie bislang betrieben wird. Diese einfache Tatsache ergibt sich aus einer Betrachtung allgemein zugänglicher Daten. Es nutzt nichts, immer weitergehende und ambitioniertere Ziele zu fordern. Vielmehr müssen neue Lösungen gesucht und gefunden werden. Dazu ist es erforderlich, das unvermeidliche Verfehlen der Ziele bis 2050 – und vermutlich auch der Zwischenziele – als gegeben zu akzeptieren und sich nicht von Forderungen aller möglichen Klimaschützer treiben zu lassen. Vielmehr muss ein Konzept erarbeitet werden, das auch umsetzbar ist und möglichst rasch zu deutlichen Verbesserungen führt und nicht aus klimatechnischen Nullnummern besteht.
Es muss ein tragfähiges Konzept entwickelt werden, wie die deutsche und europäische Energiewirtschaft aussehen soll, nachdem der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern vollzogen ist. Dazu müssen die Vor- und Nachteile, die durchgerechneten Bilanzen aus Rohstoffgewinnung, Bau, Betrieb und Entsorgung sowie den anlagebedingten Risiken betrachtet und bewertet werden. Es muss auch jedem Bürger klar sein, dass die Auswirkungen des Umbaus auch ihn und seine Umgebung betreffen wird. „Not in my backyard“ wird nicht gehen.


» Wir brauchen ein tragfähiges Konzept für die deutsche und europäische Energiewirtschaft nach Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. «


Auch derzeit weniger entwickelte Technologien wie die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage , CCS) kann in die Betrachtung einfließen – allerdings mit realistischen Annahmen zu den Potenzialen und den benötigten Entwicklungszeiten. Hier könnten die Skeptiker ihren Beitrag leisten und durch kritisches und wissenschaftliches Denken eine faktenbasierte rationale Diskussion fördern. Zweckmäßig wäre, dieses Konzept in der Folge durch eine Abstimmung demokratisch zu legitimieren. Dies alles dauert Zeit – erscheint aber auf jeden Fall schneller, als bei jeder Einzelmaßnahme den Gang durch alle Gerichtsinstanzen durchzuziehen. Aus diesem Konzept ist ein ehrgeiziger Zeitplan abzuleiten, was bis 2050 erreichbar ist und bis zu welchem Zeitpunkt nach 2050 die Energiewende vollzogen sein soll. Irgendwelche Hoffnungen auf in der Zukunft mögliche bahnbrechende Erfindungen und Entwicklungen sind hier fehl am Platz. Sie können auf dem Weg einfließen, aber man sollte sich nicht darauf verlassen, dass sie eintreten. Vielleicht wäre es sogar angebracht, die verschiedenen beschlossenen Ausstiege im Lichte der Realisierungsmöglichkeiten der Energiewende zu überdenken.
Der Autor dankt Dr. Simon Friederich und Amardeo Sarma für die fachliche Beratung.
Die Datenquellen und die verschiedenen diesem Artikel zugrunde liegenden Annahmen und Auswertungen können dem im Internet verfügbaren Begleitmaterial entnommen werden, tinyurl.com/Begleitmaterial-Skeptiker-3-19

1 Arbeitsgruppe IK III.1: Klimaschutzplan 2050 – klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (Hrsg.); 2. Auflage, Februar 2019,www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzplan_2050_bf.pdf, Zugriff am 28.08.2019.
2 Huneke, F.; Linkenheil, C. P.:, Niggemeier, M:. (2018) Kalte Dunkelflaute: Robustheit des Stromsystems bei Extremwetter; Energy Brainpool, Greenpeace Energy eG, Berlin 2017,www.energybrainpool.com/fileadmin/download/Studien/Studie_2017-06-26_GPE_Studie_Kalte-Dunkelflaute_Energy-Brainpool.pdf, Zugriff am 28.08.2019.
3 Ram, M;, Bogdanov, D.; Aghahosseine, A. et al.: Global Energy System based on 100 % Renewable energy _ Energy Transition in Europe Across Power, Heat, Transport and Desalination Sectors. LUT University and Energy Watch Group, Lapeenranta, Berlin, Dezember 2018,energywatchgroup.org/wp-content/uploads/2018/12/EWG-LUT_Full-Study_Energy-Transition-Europe.pdf, Zugriff am 02.09.2019.
4 Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“: Abschlussbericht, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI) (Hrsg.), Januar 2019,www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/A/abschlussbericht-kommission-wachstum-strukturwandel-und-beschaeftigung.pdf?__blob=publicationFile, Zugriff am 02.09.2019.
5 Purr, K.; Strenge, U.; Will, M. et al. (2014): Treibhausgasneutrales Deutschland im Jahr 2050 - Hintergrundpapier, Umweltbundesamt, April 2014,www.umweltbundesamt.de/ publikationen/treibhausgasneutrales-deutschland- im-jahr-2050, Zugriff am 28.08.2019.
6 de.wikipedia.org/wiki/Windenergie, Daten für 2017, Zugriff am 28.08.2019.
7 www.irena.org/wind, Zugriff am 28.08.2019.
8 BMVI (Hrsg.): Räumlich differenzierte Flächenpotenziale für erneuerbare Energien in Deutschland, BMVI-Online-Publikation 08/2015, www.bbr.bund.de/BBSR/ DE/Veroeffentlichungen/ministerien/BMVI/ BMVIOnline/2015/DL_BMVI_Online_08_15. pdf?__blob=publicationFile&v=2, Zugriff am 28.08.2019.
9 www.energy-charts.de/power_inst_ de.htm, Zugriff am 28.08.2019.
10www.energy-charts.de/power_inst_ de.htm, Zugriff am 28.08.2019.
11 www.ews-schoenau.de/ews/energieerzeugung/ projektvorstellung/windpark-rohrenkopf/, Zugriff am 28.08.2019.
12 Quaschning, V.:www.youtube.com/ watch?v=DlwWSrTLYeE, Zugriff am 28.08.2019.
13 de.statista.com/statistik/daten/ studie/38017/umfrage/produktion-von-bleimetall- weltweit-seit-2004/, Zugriff am 28.08.2019.
14 Mittermeier, A.: Lithium und Elekotoautos – ist die Preishysterie gerechtfertigt?, www.gevestor.de/details/lithium-und-elektroautos- ist-die-preishysterie-gerechtfertigt-779356. html, Zugriff am 28.08.2019.
15 NN: Lithium; U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries, February 2019 (Link)16 Huneke F, Linkenheil CP, Niggemeier M: Kalte Dunkelflaute: Robustheit des Stromsystems bei Extremwetter; Energy Brainpool, Greenpeace Energy eG, Berlin 2017, www.energybrainpool.com/fileadmin/download/Studien/ Studie_2017-06-26_GPE_Studie_Kalte- Dunkelflaute_Energy-Brainpool.pdf, Zugriff am 02.09.2019.
17 Webseite der Trianel GmbH zum Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Hamm-Uentrop www.trianel-hamm.de/kraftwerk/, Zugriff am 02.09.2019.
18 Umweltbundesamt: Datenbank Kraftwerke in Deutschland (ab 100 MW elektrischer Leistung),www.umweltbundesamt.de/ sites/default/files/medien/372/dokumente/ kraftwerke_de_ab_100_mw.xls, Zugriff am 11.09.2019.
19 www.uniper.energy/storage/sites/default/files/2018-12/2018_11_uniper_power-to-gas_flyer_1.pdf_0.pdf, Zugriff am 02.09.2019.
20 www.cleanthinking.de/gigawatt-elektrolyse- wasserstoff-rotterdam/, Zugriff am 02.090.2019.
21 de.wikipedia.org/wiki/Suedlink, Zugriff am 02.09.2019.
22 www.agora-energiewende.de/ fileadmin2/Projekte/2018/CP-Polen/Agora- Energiewende_report_on_the_Polish_power_ system_WEB.pdf, Zugriff am 02.09.2019.
23 www.rte-france.com/en/article/annual- electricity-reports, Zugriff am 02.09.2019.
24 NN: Energieflussbild 2014 für die Bundesrepublik Deutschland, Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, zitiert nach Bund der Energieverbraucher www.energieverbraucher.de/de/daten-und-statistiken__ 988/, Zugriff am 02.09.2019.

Dr.-Ing. Norbert Aust

studierte Allgemeinen Maschinenbau an der TU Darmstadt und promovierte über ein Thema aus dem Bereich Thermischer Turbomaschinen. Beruflich tätig war er in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Qualitätsmanagement bei führenden Herstellern von Vakuumpumpen und Kompressoren. Seit Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben beschäftigt er sich intensiv mit den Grundlagen der Homöopathie und den Nachweisen zur Wirksamkeit.


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