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„Klarträumen beeinflusst die Gefühle positiv“


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Bio - natürlich gesund leben - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 09.03.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "„Klarträumen beeinflusst die Gefühle positiv“" aus der Ausgabe 2/2022 von Bio - natürlich gesund leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bio - natürlich gesund leben, Ausgabe 2/2022

PROF. (APL.) DR. PHIL. MICHAEL SCHREDL ist wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Seit über 30 Jahren ist er auf dem Gebiet der Traumforschung aktiv und als Somnologe im Bereich der Schlafmedizin tätig. Er bietet eine Alptraumambulanz für Erwachsene an und ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift „International Journal of Dream Research“.

Herr Schredl, um von den positiven Effekten des Klarträumens zu profitieren, müssen die meisten es erst einmal erlernen. Wie lange kann das dauern?

Dazu haben wir noch keine guten Daten. Ich selbst habe drei Monate gebraucht. Bei einer Studie mit jungen Studierenden haben innerhalb von sechs Wochen 50 Prozent aller Personen, die zu Beginn der Studie noch nie einen luziden Traum hatten, einen erlebt.

Schaffen es kreative Menschen leichter, luzide zu träumen?

Menschen, die sich für viele Sachen ...

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... interessieren, haben es leichter mit dem luziden Träumen, ja. Das ist kein riesiger Effekt, aber ein kleiner.

Wie lange dauert ein luzider Traum?

Im Durchschnitt sind es etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Bei Neulingen deutlich kürzer, bei geübten luziden Träumern wird in einschlägigen Foren auch von längeren Phasen und verschiedenen Möglichkeiten, die Klartraumphasen zu verlängern, berichtet.

Aber mehr als 15 Minuten sind dann schon ein sehr hohes Level. Wir wissen durch eine Studie auch, dass diese subjektiv geschätzten Zeiten mit der real verstrichenen Zeit sehr gut übereinstimmen.

Wie stark kann ich die Handlung in einem luziden Traum beeinflussen?

Der Beeinflussbarkeit sind keine Grenzen gesetzt. Aber auch da gibt es verschiedene Level. Als weniger Geübter kann man zum Beispiel hochspringen und wegfliegen. Geübtere können auch Menschen verwandeln, verschwinden lassen oder das komplette Traumszenario ändern.

Wenn man es schließlich geschafft hat, luzide zu träumen: Muss man weiterüben?

Ja. Ich habe zum Beispiel nicht weitergeübt und die luziden Träume sind wieder verschwunden. Es gibt Naturtalente, die so zwei bis drei luzide Träume pro Woche haben, ohne irgendetwas zu trainieren. Aber beim Großteil der Menschen ist Training notwendig. Es ist ähnlich wie beim Meditieren: Wenn man den Geist nicht regelmäßig schult, neigt er wieder zur gewohnten Haltung.

WAS WISSEN WIR ÜBER KLARTRÄUME?

Bei einem Klartraum (oder luzider Traum) weiß die träumende Person, dass sie gerade träumt, und kann so das Geschehen beeinflussen. Die Fähigkeit zum Klarträumen haben manche Menschen von Natur aus, sie lässt sich aber auch erlernen. Laut einer Studie hatten 55 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal in ihrem Leben einen luziden Traum. Ungefähr 23 Prozent erleben einmal oder öfter im Monat einen Klartraum. Nur wenige Menschen träumen jede oder fast jede Nacht luzide.

Klarträume treten vor allem in den sogenannten REM-Schlafphasen (REM = Rapid Eye Movement) auf und daher vermehrt im letzten Viertel der Nacht.

Seit mehr als 1.000 Jahren wird über das Phänomen berichtet , erst zwischen 1980 und 1985 wiesen die Wissenschaftler Keith Hearne und Stephen LaBerge nach, dass luzide Träume tatsächlich auftreten. Heute weiß man, dass sich das Klarträumen neurobiologisch vom regulären Träumen unterscheidet. Es sind weitere Gehirnareale aktiv, die mit der Beobachtung des eigenen Geisteszustands verbunden sind.

Luzides Träumen wird oft als Vergnügen erlebt: So nutzen 80 Prozent der Teilnehmer*innen einer Studie ihre Fähigkeit beispielsweise, um zu fliegen oder schönen Sex zu haben. Andere versuchen mit dem Klarträumen gezielt Albträume positiv zu beeinflussen, sportliche Fähigkeiten zu trainieren oder sich kreativen Input zu holen. Die Schlafqualität wird nach heutigen Erkenntnissen durch das luzide Träumen nicht negativ beeinflusst.

Kann ich beim luziden Träumen nur die Handlung des Traumes beeinflussen oder mir auch gezielt eine bestimmte Situation herbeiträumen?

Wir nennen das Vorsätze fassen. Das haben wir im Schlaflabor untersucht. Die Probanden sollten im Schlaf üben, Darts zu werfen. Die sehr geübten luziden Träumer konnten das auch umsetzen, wenn sie nicht im Traum von jemandem gestört wurden oder die Pfeile plötzlich irgendwie anders aussahen. Selbst bei sehr geübten luziden Träumern ist das Szenario nicht einhundertprozentig gestaltbar.

Um also Ängste wie etwa Höhenangst im luziden Traum zu bekämpfen, muss ich erst einmal das Klarträumen erlernen und dann darin so gut werden, dass ich mich zum Beispiel auf einen hohen Berg „träumen“ kann?

Richtig. Um Wachängste gezielt im luziden Traum zu bekämpfen, braucht man tatsächlich ein sehr hohes Level. Das erfordert so viel Ausdauer, dass ich mich frage, ob das die klassische systematische Desensibilisierung in ein paar Sitzungen nicht schneller hinkriegt. Da scheinen mir Aufwand und Ergebnis nicht in einem guten Verhältnis zu stehen.

Bei Albträumen, also bei Traumängsten, ist das anders. Die treten ja sozusagen von selbst auf, das Szenario ist also gesetzt. Und sie sind meist bizarr. Das heißt, mir kann auch viel schneller auffallen, dass ich träume. Das erleichtert das Luzidewerden. Mit ein bisschen Übung kann ich dann im Traum aktiv werden, und die Träume verlieren ihren bedrohlichen Charakter.

Auch Sportler*innen erhoffen sich ja, ihre Fähigkeiten in luziden Träumen zu perfektionieren …

„Der Beeinflussbarkeit der Traumhandlung sind keine Grenzen gesetzt. Weniger Geübte können zum Beispiel fliegen. Geübtere können Menschen verwandeln oder das komplette Traumszenario ändern.“

Ja, Daniel Erlacher von der Universität Bern erforscht diese Möglichkeit. Aber auch da muss ich erst einmal erreichen, dass ich luzide von meinem Sport träume. Das ist also für Personen sinnvoll, die eine große Klartraumfähigkeit mitbringen. Bei anderen verlangt es viel, viel Übung. Da kann man sich dann fragen, ob nicht ein besserer Effekt erzielt wird, wenn man die gleiche Übung direkt in die sportlichen Fähigkeiten steckt.

Man muss immer aufpassen, dass man die Erwartungen ins luzide Träumen nicht überzieht. Klarträumen macht Spaß, das ist, glaube ich, unstrittig. Aber luzide Träume effektiv für spezielle Ziele einzusetzen, das kann lange dauern.

Eine andere Idee ist ja, sich im Schlaf Lerninhalte – zum Beispiel Sprachen – vorzunehmen. Wie ist da der Stand?

Das funktioniert nicht. Beim Sport ist es klar: Man übt Fähigkeiten, die man im Prinzip schon gelernt hat. Aber Sie können nichts verbessern, was Sie vorher noch nicht gelernt haben. Sie müssten sich ja ein Vokabelbuch vorstellen und dann noch sicher sein, dass die Vokabeln des Traumbuchs richtig sind.

Ich glaube schon, dass das funktionieren könnte. Die Idee gibt es auch schon, aber noch keine Studien. Das Problem ist, dass dafür längerfristige Studien nötig wären. Solche Persönlichkeitsveränderungen passieren ja nicht von heute auf morgen. Man braucht dafür Probanden, die mindestens ein Jahr bei der Sache bleiben. Erst dann könnte man signifikante Effekte erwarten.

Menschen, die luzide träumen, berichten, dass sie im Alltag achtsamer sind. Ist das eine positive Auswirkung des Klarträumens?

In welche Richtung das geht, wissen wir nicht. Denn es kann natürlich auch sein, dass Personen, die achtsam sind, leichter luzide träumen:

Kann ich über das luzide Träumen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen? Wenn ich zum Beispiel sehr schüchtern bin, kann ich dann im Traum üben, etwas forscher zu sein?

Wenn ich meiner Umgebung mehr Aufmerksamkeit schenke, habe ich eine höhere Chance, das auch im Traum zu tun und mir so bewusst zu werden, dass ich träume.

Man weiß also noch nicht, was Henne und was Ei ist?

Genau. Was Studien gut gezeigt haben, ist, dass luzides Träumen die Gefühle positiv beeinflusst. Wenn man luzide geträumt hat, freut man sich und ist auch den ganzen Tag über besser gestimmt.

Wie sieht es denn mit den Risiken des Klarträumens aus? Manche berichten, sie hatten luzide Albträume und konnten sie nicht beeinflussen oder aufwachen. Das hört sich abschreckend an.

Bei Menschen, die nur wenige luzide Träume haben und kaum etwas darüber wissen, kann das tatsächlich passieren. Es kommt die Erkenntnis: Ich weiß, dass ich träume, aber ich kann nichts tun und nicht aufwachen. Dann verstärkt sich die Angst. Bei geübteren Träumern kommt das sehr selten vor, etwa in drei Prozent der Träume. Diese Nebenwirkung ist nicht ganz trivial. Aber letztendlich ist sie leicht behandelbar.

Wie?

Wenn man merkt, dass man zu luziden Albträumen neigt, kann man im Wachzustand eine Technik aus der Albtraumtherapie üben. Man stellt sich vor, was man braucht, um die unangenehme Situation im Traum erfolgreich zu bewältigen. Man übt also im Wachzustand, damit man es im Traum besser kann.

Würden Sie sagen, man kann das luzide Träumen ohne ernsthafte Gefahr im Selbststudium lernen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist auch kein einziger Fall bekannt, in dem es durch luzides Träumen zu langfristig negativen Effekten gekommen wäre. Das Einzige, was eben auftreten kann, sind die angesprochenen Schwierigkeiten. Dann ist es gut, in entsprechende Foren eingebunden zu sein, in denen man Fragen stellen kann.

Wo informiert man sich?

Es gibt viele gute Clips auf Youtube. Aufpassen sollte man, wenn für das Klartraumtraining viel Geld verlangt wird. Da wird häufig mehr versprochen, als das luzide Träumen tatsächlich leisten kann.

Das Wissen um luzide Träume und ihren Nutzen für die spirituelle Entwicklung hat uralte Wurzeln im Buddhismus.

Die Technik gibt es, ja. Eine spirituelle Übung, die sehr viel Geistestraining erfordert. Sie wird auch als Traum-Yoga bezeichnet, eine Art Meditieren im Schlaf. Ich habe es auch schon mal probiert, aber es hat nicht geklappt. Und ich habe auch noch niemanden getroffen, der mir aus eigener Erfahrung hätte erzählen können, wie es sich anfühlt. Ich glaube, man muss wirklich 30 Jahre im Himalaya gelebt und geübt haben, um das zu können. Einem westlichen Menschen mit normalem Lebenswandel ist das nicht zugänglich. Deshalb bin ich auch immer vorsichtig, wenn entsprechende Trainings oder Kurse angeboten werden. Die meisten, die im westlichen Kontext diese Lehre vorstellen, machen das auf einem theoretischen Level.

Gibt es keinen Austausch zwischen der westlichen Wissenschaft und buddhistischen Lehrern des Traum-Yoga?

Nein. Das Problem ist, dass das Traum-Yoga im tibetischen Buddhismus eine Geheimlehre war. Das heißt, es wurde immer nur vom Lehrer zum Schüler weitergegeben. Es gibt viele sehr alte Schriften dazu. Aber dieser Austausch wird bestimmt irgendwann mal kommen. Man braucht halt diese trainierten Leute und die kann man als westlicher Wissenschaftler nicht so einfach rekrutieren.

Worin sehen Sie das größte Potenzial des Klarträumens?

Als Wissenschaftler fasziniert mich am Klarträumen, dass es möglich ist, die Fähigkeiten des Bewusstseins im Reinzustand – also ohne Ablenkung durch äußere Reize – zu untersuchen. Das Gehirn bastelt im Schlaf, ähnlich wie im Wachzustand, eine Erfahrungswelt zusammen. Was ist da möglich? Welche Erfahrungen lassen sich machen, die auch für das Wachleben befruchtend sind, etwa Erkenntnisse über sich selbst oder kreative Ideen?

Das Interview führte Heidi Tiefenthaler.

WIE LERNEN WIR KLARTRÄUMEN?

Grundsätzlich kann man das Klarträumen erlernen, auch wenn bisher nicht geklärt ist, ob das für alle Menschen zutrifft. Eine gängige Möglichkeit dafür baut auf zwei Strategien auf: Erstens gilt es zu lernen, sich besser an die eigenen Träume zu erinnern. Zweitens sollte man regelmäßig einen sogenannten Realitätscheck üben.

Menschen, die sich gut an ihre Träume erinnern, haben bessere Chancen, luzide zu träumen. Bei den meisten von uns verblasst die Erinnerung an das nächtliche Geschehen allerdings nach dem Aufwachen sehr schnell. Hier ist es hilfreich, ein „Traumtagebuch“ zu führen. Sie legen es am besten direkt an Ihr Bett und notieren sofort nach dem Aufwachen und möglichst detailliert das Traumgeschehen der Nacht. So kann sich mit der Zeit das Erinnerungsvermögen verbessern.

Beim Realitätscheck fragt sich die Übende mehrmals tagsüber, ob sie wach ist oder träumt, und überprüft, ob alles, was sie sieht, den physikalischen Gesetzen der Wachrealität entspricht. Alternativ kann man den Realitätscheck auch mit einem Test verbinden: Man hält sich zum Beispiel Nase und Mund zu und versucht weiterzuatmen. Wenn es nicht funktioniert, ist man sicher, dass man wach ist.

Übt man diese Realitätschecks regelmäßig und über längere Zeit, tauchen sie irgendwann auch in den Träumen auf. Treten dann bizarre Umstände auf oder funktioniert das Atmen, wird sich die schlafende Person bewusst, dass sie träumt: Sie wird luzide. Eine Erkenntnis übrigens, die bei den meisten so starke Glücksgefühle auslöst, dass sie schnell erwachen. Bei weiterem regelmäßigem Üben hat man aber gute Chancen, das luzide Träumen zu verstetigen, die Traumphasen zu verlängern und auch die Beeinflussbarkeit des Geschehens nach und nach zu verstärken. Leider gilt aber auch: Wer aufhört zu üben, verliert die erlernte Fähigkeit wieder.