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KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 09.03.2022

Elgar, Bridge Cellokonzert, Oration ORF RSO Wien, Christopher Ward, Gabriel Schwabe; Naxos

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 4/2022

Als Naxos noch ein neuer Stern am CD-Himmel war und den Markt der „Majors“ aufmischte, lautete das ehrgeizige Ziel des Labels, von allen Werken der klassischen Literatur nur eine Lesart vorzulegen, um sich nicht selber Konkurrenz zu machen. Bei der Erfolgsgeschichte konnte das naturgemäß nicht lange funktionieren. Längst hat Naxos vieles runderneuert, und so gibt es heute Alternativaufnahmen, wohin man schaut. Nun hat es auch das Cellokonzert (1919) von Edward Elgar „erwischt“. Und mit dieser Neuproduktion macht es das Label seinen Käufern jetzt richtig schwer, sich zwischen „neu“ und „alt“ zu entscheiden.

„Alt“ meint hier die vor 30 Jahren entstandene Aufnahme mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Michael Halász und der großartigen Solistin Maria Kliegel. Zugegeben: In Sachen Klangqualität und ...

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... Orchester-Perfektion sind die Wiener unter Ward den Royals vielleicht eine Nasenlänge voraus. Was den solistischen Part betrifft:

Hier vermag ich mich zwischen Kliegel und Schwabe nicht zu entscheiden. Beide sind gleichsam ideale Interpreten des Elgar-Konzerts, und man könnte fast glauben, dass Schwabe in die Fußstapfen seiner Vorgängerin tritt. Und das gilt auch für das so ganz anders geartete „Concerto elegiaco“ (1930) von Frank Bridge, das Naxos jetzt zum ersten Mal in seinem Katalog präsentiert und diesen um ein ebenso schwergewichtiges wie schönes Werk bereichert. Den elegischen Ton dieses Trauerarbeit am Ersten Weltkrieg leistenden Werks trifft Schwabe (alp-)traumhaft intensiv.

Die ORF-Musiker assistieren kongenial.

Burkhard Schäfer

Reali, Vivaldi Sinfonien, Sonaten Le Consort; Alpha

Von Vivaldi gibt es noch viel zu entdeckende Kammermusik. Das französische Ensemble Le Consort kombiniert einen bekannten mit einem unbekannten venezianischen Komponisten, die beiden Zeitgenossen Vivaldi und Giovanni Battista Reali. Von dessen sechs hier aufgenommenen „Sinfonien“ sind fünf Ersteinspielungen. Reali kann qualitativ gut mit Vivaldi mithalten. Le Consort kostet mit seinem homogenen Klang die delikat gesetzten Harmonien mit ihren würzigen Dissonanzen effektvoll aus und sorgt mit energetischem Spiel für musikalische Kurzweil.

Elisabeth Richter

Sammartini Sonaten für Blockflöte und Basso Continuo div. Solisten; Aeolus

Wer hier Dutzendware erwartet, dürfte enttäuscht sein. Denn Giuseppe Sammartinis Schreibart weicht doch ohrenfällig von der seiner Zeitgenossen ab. Individuell und mitunter auch wenig vorhersehbar fügt er seine musikalischen Einfälle zu einem sehr geschmeidigen Ganzen. Da passt es nur zu gut, dass Andreas Böhlen auch zu einer recht stark individualisierten Lesart neigt, bei der er sich mitunter als Jazzer zu erkennen gibt.Die drei Continuospieler bieten ihm einen sehr präzisen Grund, auf dem er sich frei entfalten kann.

Reinmar Emans

Morricone Cinema Suites für Violine und Orchester Marco Serino, Orchestra Haydn di Bolzano e Trento, Andrea Morricone; Arcana

Am 6. Juli 2020 starb Ennio Morricone 91-jährig. Die Zahl seiner Filmpartituren seit 1961 ist Legion, während seine Musik für andere Genres, etwa Kammer-oder Kirchenmusik, weitgehend unbekannt geblieben ist. Aus Filmpartituren extrahierte Orchestersuiten, seit jeher gerne in Konzertsälen gespielt, haben auch Morricone begleitet, nicht selten bis zur Abstrahierung hin zu „absoluter“, dem ursprünglichen Zweckzusammenhang abgelöster Musik. Kurz vor seinem Tod revidierte er einige dieser Suiten in enger Abstimmung mit dem Geiger Marco Serino, mit dem er 20 Jahre lang zusammengearbeitet hatte. Der umfangreiche Booklet-Text dokumentiert die künstlerische und menschliche Freundschaft der beiden Männer.Die sieben voneinander unabhängigen Werke sind Filmen oder Fernsehproduktionen entnommen.

Nur wenige Monate nach dem Tod seines Vaters hat Andrea Morricone, selbst Filmkomponist, mit dem Orchestra Haydn di Bolzano e Trento eine liebevolle, fein ausgeleuchtete, klanglich vorzüglich raumgreifende Hommage an seinen Vater eingespielt, mit dem er in der Musik zu „Cinema Paradiso“ auch kompositorisch zusammenarbeitete.

Der Medienwechsel der Filmmusik zur Konzertmusik ist nahtlos gelungen, ohne die Spannungsbögen oder die atmosphärische Dichte der ursprünglichen Zusammenhänge zu kompromittieren. Im Gegenteil zeigen sich hier umso stärker die musikalischen Qualitäten der Musik auch im Detail.

Jürgen Schaarwächter

Brahms Sonaten für Klarinette und Klavier Michael Collins, Stephen Hough; BIS

Bei einzelnen Spitzentönen im ersten Satz denkt man noch: Hm, das klingt jetzt ein bisschen spitz, liegt vielleicht doch etwas zu hoch. Aber danach vergisst man schnell, dass die Brahms-Sonate op. 100 eigentlich für Geige geschrieben ist. Weil Michael Collins den kantablen Ton mit seinem Instrument sehr schön aussingt. Im abschließenden Allegretto grazioso liefert er das finale Argument für seine eigene Bearbeitung: Das Thema in der Baritonlage wirkt wie gemalt für den warmen Klarinettenklang.

Collins’ Arrangement der Violinsonate bereichert das Repertoire um ein weiteres kostbares Stück von Brahms. Dessen zwei originale Klarinetten-Sonaten gehören ja schon lange zu den unbestrittenen Meisterwerken – und auch sie sind hier in herrlichen Interpretationen zu erleben.

Michael Collins und der Pianist Stephen Hough bilden ein kammermusikalisches Spitzenduo, mit dem gestalterischen Feinsinn, um die Farben dieser Musik auszuleuchten und den Stimmungen nachzuspüren. Sie verbinden das herbstliche Melos der Sonaten mit rhythmischer Kraft, wie im Kopfsatz der f-Moll-Sonate, finden aber auch den Atem, um einen scheinbar nie endenden lyrischen Strom zu entfalten. So wie am Beginn des Andante, das dem Gefühl von milder Nostalgie so wunderbar Raum gibt. Nachdem das Stück mit einem stürmischen Vivace davongebraust ist, verabschieden sich Brahms und seine Interpreten vom Publikum mit der gelassenen Grundstimmung der zweiten Sonate in Es-Dur.

Marcus Stäbler

Brahms, Dvorák, Bridge, Poulenc, Massenet u. a. Lied-Transkriptionen Adrien La Marca, Danae Dörken; La Dolce Volta

Die musikalische Partnerschaft zwischen dem Bratschisten Adrien La Marca und der Pianistin Danae Dörken kam 2020 zustande, als beide beim Fernsehprogramm „Hope@Home“ zu Gast waren.

Im gesprächigen Interview, das im reich bebilderten Booklet abgedruckt ist, erzählen sie darüber, und wie sie – gerade in Pandemie-Zeiten – ein „Wohlfühl-Album“ einspielen wollten. Dies ist ihnen auf jeden Fall gelungen!

Adrien La Marca zaubert nämlich aus seiner Bratsche (1780 von Nicola Bergonzi in Cremona gebaut) einen süchtigmachenden Ton, der mich dazu verführte, das Album mehrmals hintereinander von Anfang bis Ende zu hören! Mit dem Evergreen „Sous le ciel de Paris“ wird die Szene gesetzt, und man kommt immer wieder in eine todschicke Pariser Welt zurück, mit schlicht aber effektvoll arrangierten Chansons von Satie („Je te veux“), Poulenc („Les chemins de l’amour“) oder Charles Aznavour („Chanson bohème“).

Nur ein Originalwerk für Bratsche ist im bunten Programm enthalten: die Albumblätter op. 39 von Hans Sitt, eine zauberhafte Satzfolge in der Tradition von Schumanns märcheninspirierten Kompositionen. Die (ursprünglich für Violine oder Cello geschriebene) Serenade von Frank Bridge, die La Marca mit schwingender Leichtigkeit darstellt, erinnert an sein Debütalbum, das ganz der englischen Musik gewidmet war. Man wünscht sich eine baldige Fortsetzung seiner Zusammenarbeit mit diesem kleinen, aber sehr feinen Label.

Carlos María Solare

Debussy, Rivier Streichquartette Mandelring Quartett; Audite

Dass das Streichquartett-Repertoire weit mehr ist als die bloße Summe herausragender Einzelwerke, zeigt seit vielen Jahren das Mandelring Quartett mit seinen herausragenden, vielfach preisgekrönten Einspielungen. Und mit dem in Detmold beheimateten Label Audite hat es einen Partner an der Seite, der nicht nach vordergründigem Namedropping und raschem Erfolg Ausschau hält, sondern den anderen, nicht immer einfachen Weg geht: den des ehrlichen Interesses, des erweiterten Blicks und der „Nachhaltigkeit“.

Nun können Aufnahmen nicht unbedingt gänzlich „grün“ sein, aber mit Nachhaltigkeit ist in diesem Sinne die des Repertoires und der Gattung gemeint. Schon bei den einzeln eingespielten Brahms-Quartetten stand immer ein unbekanntes Werk aus dem Freundeskreis an der Seite: Welch Entdeckungen!

Nun also das französische Repertoire in zwei Folgen: Nach Maurice Ravel und Fernand de la Tombelle ergänzen sich nun komplementär Claude Debussy und Jean Rivier (1896-1987). Und wer dessen zwei Quartette aus den Jahren 1924 und 1940 aufmerksam hört, wird sich vermutlich fragen, warum ihm dieser Komponist nicht schon eher begegnet ist. Das Geheimnis liegt wohl in seiner unspektakulären Biografie. Unglaublich, mit welcher unaufgeregten Selbstsicherheit hier neben Debussy zwei ebenso vergessene wie vielsagende, die französische Tradition weiterdenkende Kompositionen eingespielt wurden. Ein Ensemble wie das Mandelring Quartett, das so uneitel am Repertoire arbeitet und auf konstant hohem Niveau seine Alben vorlegt, bleibt leider Ausnahme. Absolute Hörempfehlung!

Michael Kube

Beethoven Tripelkonzert, Klavierkonzert WoO 4 Trio RoVerde, Württembergische Philharmonie Reutlingen, Vahan Mardirossian; Brilliant

Vom Tripelkonzert, dem Stiefkind unter Beethovens Konzerten, sind inzwischen einige empfehlenswerte Aufnahmen im historisch inspirierten Stil erschienen. Unter ihnen etwa jene mit einem Trio um die Cellistin Anne Gastinel unter Leitung von Paavo Järvi (Naïve).

Ihnen kann die Produktion des Budget-Labels Brilliant mit dem Trio RoVerde ohne weiteres an die Seite gestellt werden.

Das Trio mit Lusiné Harutyunyan, Benedict Kloeckner und Ekaterina Litvintseva zeigt sich auf diesem Debütalbum als ziemlich gut funktionierendes Kollektiv:

Die drei musizieren ansteckend lebendig, wie aus einem Guss, mit einer erfrischend unaufdringlichen Virtuosität, die im Schlusssatz auch mal große Lust am zirzensischen Spektakel offenbart. Die Außensätze werden – gerade auch vom Orchester – trocken-aggressiv angepackt, so vibratoarm, wie es in diesem Repertoire fast schon Standard ist. Die Cellokantilene zu Beginn des zweiten Satzes nimmt Kloeckner dennoch mit elegantem Ton und nicht wenig Emphase.

Pianistin Litvintseva schickt noch das Klavierkonzert WoO 4 (das hier dummerweise als Nr. 0 gezählt ist) des 14-jährigen Beethoven hinterher: Es ist nur durch seine Solo-Stimme überliefert, in die die Orchesterzwischenspiele im Klavierauszug eingetragen sind. Welche Orchestrierung Litvintseva verwendet, wird leider verschwiegen. Die junge Russin lässt sich mit sensiblem Spiel auf die erstaunlich selbstbewussten Gehversuche des Teenagers ein.

Andreas Friesenhagen

Wermann, Merkel, Reger Cello und Orgel Hannah Vinzens, Gordon Safari; MDG

Cello und Orgel? Ein ungewohntes Paar. Doch es gibt Originalkompositionen für die Besetzung. Diese Werke aufzuspüren und einzuspielen war eine tolle Idee für ein Album voller romantischer Entdeckungen. Vielleicht muss man es nicht unbedingt am Stück hören, weil sich viele Werke in ihrem kantablen Charakter ähneln. Aber was für schöne Melodien uns da ansingen! Und wie beseelt die Cellistin Hannah Vinzens und der Organist Gordon Safari in der Dresdner Christuskirche spielen – herrlich!

Marcus Stäbler

Purcell Birthday Odes For Queen Mary The King’s Consort, Robert King; Vivat

Wer sich schon so lange mit der Musik Purcells beschäftigt hat wie Robert King, kann gewiss aus dem Vollen schöpfen. Auch bei diesen Oden hat er nicht nur einen lesenswerten Booklet-Artikel geschrieben, sondern auch wieder die Solisten einbinden können, die bereits im Wesentlichen bei der Aufnahme der „Royal Odes“ mitgewirkt haben (siehe FONO FORUM 8/21, Seite 126). Dass es an einer solch klaren Interpretation eigentlich nichts auszusetzen gilt, verwundert daher kaum. Hoffentlich geht es so weiter…

Reinmar Emans

Smyth, Warren u. a. Musik für Streicher Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Douglas Bostock; cpo

Für das dritte Album in der Reihe „British Music For Strings“ hat der Chefdirigent des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim, Douglas Bostock, Komponistinnen aus seiner Heimat aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelt; alle Werke sind zwischen 1890 und 1952 entstanden.

Und obwohl das ein Zeitraum ist, in dem es grundlegende Veränderungen gab, ist die hier präsentierte Musik davon völlig unberührt: Alle Werke sind tonal und wurzeln in der Spätromantik.

Für die Suite von Ethel Smyth ist das noch klar, denn das Stück entstand in den 1880er-Jahren während Smyths Leipziger Studienjahre, in denen sie vor allem von Musikern und Lehrern aus dem Brahms-Kreis beeinflusst war. Sie zeigt in ihrem Opus 1, dass sie das Kompositionshandwerk beherrscht und originelle Themenideen hat.

Susan Spain-Dunk war in den Zwischenkriegsjahren als Komponistin in Großbritannien erfolgreich und dirigierte ihre Werke bei den Proms. Ihre Suite und ihr Lament schwelgen im spätromantischen Wohlklang. Stilistisch ganz ähnlich sind auch die musikalischen Naturbetrachtungen von Ruth Gipps und Constance Warren, Letztere mit Einflüssen aus der Volksmusik. Damit standen die Komponistinnen im Mainstream des britischen Musiklebens.

Bostock und das Südwestdeutsche Kammerorchester wählen für diese Stücke durchweg einen satten, dichten und warmen Klang, in dem es sich trefflich baden lässt. Etwas mehr Luft und Durchsichtigkeit würden aber vielleicht gerade die Werke von Spain-Dunk und Warren davor bewahren, an der Kitsch-Grenze zu kratzen.

Dorothee Riemer

Loeffler, Ruggles, Hanson, Cowell Orchesterwerke Basque National Orchestra, Robert Trevino; Ondine

Ja, es gibt sie, die großartige US-amerikanische Orchestermusik jenseits von Ives, Barber, Copland, Bernstein und Glass. Der (noch) eher wenig bekannte Dirigent Robert Trevino hat nun mit dem ebenfalls (noch) nicht wirklich berühmten Basque National Orchestra drei unpopuläre US-Komponisten „ausgegraben“, die, wie das Booklet vermerkt, zu ihren Lebzeiten zwar bewundert wurden, aber nie einen „Hit“ wie „Appalachian Spring“ lancierten und deshalb posthum ins Abseits gerieten. Für den Vierten im Bunde, Howard Hanson (1896-1981), gilt das nicht. Sein Stück „Before The Dawn“ (1920) erklingt als Weltersteinspielung. Die Tondichtung „La Mort de Tintagiles“ (1897) – nach Maeterlinck – des deutschstämmigen Charles Martin Loeffler (1861-1935) ist eine echte Trouvaille, zumal das Werk mit einer der schönsten Passagen für die Viola d’amore punktet, die je für das Instrument geschrieben wurden.

Konziser und moderner im Tonfall präsentieren sich die „Evocations“ (1943) von Carl Ruggles (1876-1971), die es auch in einer Version für Klavier gibt. Berühmt wurde der auch als Maler tätige Ruggles für seine „Dissonant Counterpoints“. Von harscher Atonalität ist das Werk aber weit entfernt.

Zum Höhepunkt des Albums geraten die „Variations For Orchestra“ (1956) von Henry Cowell (1897-1965). Ein wenig erinnert das Werk an Hindemith, es wirkt in seinem ganzen Duktus aber lässiger, wenn man so will: amerikanischer. Das unprätentiös-legere Cover-Artwork des Albums passt wie die Faust aufs Auge zu dieser wie beiläufig daherkommenden Produktion.

Burkhard Schäfer

Mendelssohn Doppelkonzert, Violinsonaten Marc Bouchkov, Claire Huangci, Kammerorchester Basel, Howard Griffiths; Berlin Classics

Nur eine „reife“ Sonate für Violine und Klavier hat Mendelssohn hinterlassen, die Sonate F-Dur von 1838. Alle übrigen sind Jugendwerke und Fragmente. Warum diese eine Sonate neben Mozart, Beethoven und Brahms bis heute ein Schattendasein fristet, will allerdings nicht einleuchten. Erst recht nicht, wenn sie so gespielt wird wie von Marc Bouchkov und Claire Huangci. Geradezu himmelstürmend eröffnen sie das Eingangs-Allegro, um sich im Seitenthema dann ganz auf dessen lyrische Qualitäten einzulassen.Das hymnische Adagio hat Wärme und Tiefe, der Schlusssatz sprüht nur so vor Spiellaune.

Bouchkov und Huangci stellen eine lebendige Virtuosität unter Beweis, die beide an die Grenzen des manuell Machbaren führt, die sie freilich sicher einhalten. Mit denselben Tugenden statten sie auch die f-Moll-Sonate aus, eines der Violinwerke, die der Teenager für sein eigenes Musizieren schrieb. Mit einem überraschend ernsten Allegro, das noch dazu mit einem Solo-Rezitativ der Violine reichlich unorthodox eingeleitet wird, und einem herrlich gesanglichen Mittelsatz steht diese Sonate an Reife der späteren kaum nach.

Bouchkov und Huangci pflegen einen sinnlichen, auf Tonschönheit gerichteten Zugang zu Mendelssohn, der denkbar weit von historisierenden Tendenzen entfernt ist. Beide spielen „moderne“ Instrumente. Daher überrascht es einigermaßen, dass sie im Doppelkonzert auf ein Streichorchester treffen, das auf Darmsaiten in dezidiert „authentischer“ Spielweise musiziert.

Andreas Friesenhagen

Saint-Saëns Cellokonzert Nr. 1, Sinfonie Nr. 1 Astrig Siranossian, Philharmonie Südwestfalen, Nabil Shehata; Alpha

1921 ist Camille Saint-Saëns in Algier gestorben. Gelegenheit für die Philharmonie Südwestfalen unter ihrem Chefdirigenten Nabil Shehata, dem französischen, klassizistisch-romantischen Komponisten ein ganzes Album zu widmen.

Entstanden ist eine lohnende Werkschau, der Astrig Siranossian mit ihrer freien, farbenreichen Interpretation des ersten Cellokonzertes in a-Moll (1872) Glanz verleiht.

Im ersten Satz wechselt die französisch-armenische Cellistin ganz selbstverständlich zwischen unaufdringlicher Virtuosität und Versunkenheit. Eleganz und Raffinesse prägen ihr Spiel. Ganz erzählerisch gelingt ihr das Menuett – unmerkliche Bogenwechsel und ein voluminöser, dunkler Klang auf der C-Saite am Ende verfeinern ihre Interpretation. Und wenn im ebenfalls direkt anschließenden Finale die Themen des Kopfsatzes zurückkehren und von Siranossian mit noch mehr Brillanz ausgestattet werden, dann bleiben bezüglich der Solistin keine Wünsche offen.

Im Orchester dagegen wäre noch ein wenig mehr rhythmische Präzision erforderlich, da manche Tuttischläge nicht ganz zusammen sind und auch die Streicher nicht immer gemeinsam wechseln. Auch in der von Saint-Saëns im Alter von 18 Jahren komponierten Es-Dur-Sinfonie (1853) fehlt es mitunter im Detail an Klarheit.

Dafür bietet die Philharmonie Südwestfalen klangfarblich ein großes Spektrum und überzeugt mit exzellenten Holzbläsern, die auch – und hier besonders die Solooboe – das sinnliche Bacchanale aus der 1877 entstandenen Oper „Samson et Dalila“ veredeln.

Georg Rudiger