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KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 06.04.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 5/2022

Barock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Telemann Musik mit Viola Antoine Tamestit, Akademie für Alte Musik Berlin; Harmonia Mundi

Ja, es ist wohl vor allem Georg Philipp Telemann zu verdanken, dass die Bratsche, die lange als Stiefkind der Streichinstrumentenfamilie ein Schattendasein gefristet hatte, als konzertantes Soloinstrument ins Rampenlicht rückte.

Sein Konzert G-Dur für Viola, Streicher und Continuo machte den Start, es avancierte zum barocken Bratschenkonzert schlechthin und gehört zum eisernen Repertoirebestand. Antoine Tamestit hat es jetzt auf seiner wunderbaren Stradivari-Viola von 1672 mit der Akademie für Alte Musik Berlin eingespielt. Entstanden ist eine Interpretation von größter Kantabilität, Vitalität und Sprachhaftigkeit, von Spielfreude und souveräner technischer Perfektion. Das Konzert erscheint hier im Kontext mit Werken von Telemann, die den Kreativitätshorizont dieses ...

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... so produktiven Komponisten beleuchten: Ouvertüren mit Humor und Spaßfaktor, spartanische Fantasien für Viola solo und das G-Dur-Konzert für zwei Violen.

Wo man hier auch einsteigt: Immer begegnet man Interpretationen mit Esprit und Musizierlust. Langweilig und routiniert geht es nie zu in diesem vielgestaltigen Telemann-Programm, das mit Frische und Schwung daherkommt, dass es eine Freude ist. Zusammen mit Sabine Fehlandt (in den Werken für zwei Bratschen) und den Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin mit ihren fein differenzierenden Streichern profiliert sich Antoine Tamestit einmal mehr als hochsensitiver Feinzeichner auf seinem Instrument. Ein auf der ganzen Linie überzeugendes Plädoyer für die gehaltvolle Musik von Georg Philipp Telemann!

Norbert Hornig

Frühe Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

Romberg Cellokonzerte Nr. 4 u. 6 Raphael Wallfisch, London Mozart Players; cpo

Bernhard Romberg ist vor allem Cellisten ein Begriff, obwohl er in allen Genres aktiv war. Die hochvirtuosen Cellowerke, die er sich auf den Leib schrieb, bilden jedoch das Zentrum seines Schaffens. Die zwei hier eingespielten Konzerte sind großangelegte Kompositionen, die innerhalb des formalen Korsetts große Fantasie an den Tag legen: E.T.A. Hoffmann war das F-Dur-Werk „gar lieb und werth“. Wallfisch meistert die vertrackten Solopartien bravourös und entlockt auch in den höchsten Lagen seinem „Ex-Romberg“ Guadagnini-Cello warme Kantilenen.

Carlos María Solare

Bearbeitung

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Grieg Peer Gynt Ragnhild Hemsing, Trondheimer Solisten; Berlin Classics

Diese Bearbeitung von Edvard Griegs Bühnenmusik „Peer Gynt“ für Hardangerfiedel, Violine und Streichorchester besitzt eine ganz eigene Aura. Durch die Verwendung des Volksinstrumentes, aber auch durch den feinziselierten Klang des Orchesters. Ragnhild Hemsing gestaltet, abwechselnd auf Fiedel und Violine, mit größter Subtilität. Von der Interpretation geht ein Klangzauber aus, dem man sich kaum entziehen kann. Hier tut sich eine Wunderwelt auf, in die man eintaucht und kaum wieder in die kühle Realität des Daseins entlassen werden möchte.

Norbert Hornig

England

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD SACD

Purcell Fantasien Chelys Consort of Viols; BIS

Purcells Fantasien sind die letzten ihrer Art, jedoch alles andere als ein nostalgischer Blick auf vergangene Zeiten: Wie Bachs „Kunst der Fuge“ ziehen sie selbstbewusst die Summe einer langen Tradition, technisch von höchster Vollkommenheit und musikalisch von einzigartiger Intensität. Aufgeführt wurden sie vorzugsweise von Amateuren der oberen Schichten, denen es nicht um die virtuose Beeindruckung eines Publikums, sondern um das eigene Vergnügen ging. Allerdings ist die Frage, welche Besetzung Purcell im Sinn hat, nicht zweifelsfrei geklärt.

Üblicherweise werden die Stücke heute von reinen Gambenconsorts aufgeführt, aber sowohl der Ambitus als auch die Linienführung einiger Oberstimmen sind eher geigentypisch. An sehr guten Aufnahmen dieser Musik herrscht kein Mangel, und so stellt sich die Frage nach dem Mehrwert dieser Neuproduktion. Drei Tänze aus „The Fairy Queen“ und „Dioclesian“ sowie die berühmte Chaconne Z 730 können es nicht sein, denn das sind nun wirklich ausgesprochen moderne Stücke, die auf Gamben merkwürdig sperrig wirken, und das Fragment Z 744 gab es auch schon auf Tonträger.

Beeindruckend sind sicherlich das samtene, sehr homogene Klangbild, das von der SACD-Technik wunderbar eingefangen wurde, und die Geschmeidigkeit der interpretatorischen Gesten. Vor drei Jahrzehnten hätte man das wohl als perfekt bezeichnet, aber heute sind die Ansprüche gewachsen, und man stellt fest, dass beim Chelys Consort eben doch nicht alle Terzparallelen millimetergenau übereinanderliegen. Immerhin wird mit dieser SACD das Interesse an Purcell wachgehalten.

Matthias Hengelbrock

Amerika

Musik ★★★★

Klang ★★★★★

HD

Gershwin, Bernstein u. a. Musik mit Trompete Simon Höfele, Frank Dupree u. a.; Edel

Salz und Karamell wollen Trompeter Simon Höfele und Pianist Frank Dupree dem Publikum präsentieren – und das steht musikalisch für Klassik und Jazz. Erstere wird repräsentiert durch mehrere Gershwin-Kompositionen, allerdings in Bearbeitungen: Die „Rhapsody In Blue“ erklingt in Tomefei Dokschitzers Arrangement für Trompete und Klavier, den „Amerikaner in Paris“ sowie den zweiten Satz des Klavierkonzerts hat Frank Dupree eigens für Trompete, Jazztrio und Streichquartett bearbeitet. Und für das Salz, also den Jazz, sorgen mehrere Arrangements, etwa von Miles Davis’ „Blue In Green“, für Triobesetzung Klavier, Bass, Schlagzeug. Dass Frank Dupree im Jazz ebenso zu Hause ist wie in der Klassik, dürfte spätestens seit seinen Kapustin-Einspielungen bekannt sein und manifestiert sich auch hier wieder aufs Schönste, nicht nur in der unvermeidlichen „Rhapsody“. Simon Höfele beweist schon gleich im einleitenden Glissando der „Rhapsody“, dass er über einen glaubwürdigen Jazz-Ton verfügt, und er brilliert auch in den übrigen Gershwin-Stücken – ebenso allerdings in den Jazznummern, etwa in Dizzy Gillespies „Manteca“, wo dank Overdub gleich vier Trompetenstimmen zu hören sind.

Natürlich ist der Dialog von Jazz und klassischer, also komponierter Musik, nicht so neu wie das Beiheft uns glauben machen möchte – aber letztlich kommt es ja ausschließlich auf die Qualität der Musik an. Und die stimmt hier, weil man beiden Interpreten anmerkt, dass sie in jedem der beiden Genres gleichermaßen zu Hause sind und mit großem Spaß agieren. „Easy Listening“ mit Niveau!

Thomas Schulz

Filmsound

Musik ★★★★

Klang ★★★★★

HD

Williams Orchesterwerke Berliner Philharmoniker, John Williams; Deutsche Grammophon

Da haben sich ein Dirigent und ein Orchester gefunden, die hörbar Spaß am gemeinsamen Musizieren haben und ausgesprochen gut miteinander harmonieren. Die Berliner Philharmoniker interpretieren John Williams möglichst werktreu, schließlich hat seine Filmmusik einen hohen Wiedererkennungswert. Allen voran der düster-heroische, dem Bösewicht Darth Vader gewidmete „The Imperial March“ aus „Das Imperium schlägt zurück“, der für alle „Star Wars“-Fans eine Hymne ist.

Natürlich hatte Hollywoods erfolgreichster Komponist dieses Stück bei seinen drei Konzerten mit den Berliner Philharmonikern im Oktober 2021, die auf klanglichem Topniveau mitgeschnitten wurden, im Repertoire. Genau wie weltberühmte Themen aus „Harry Potter“, „Jurassic Park“ oder „Indiana Jones“. Ein Höhepunkt dieser Aufnahme ist die „Elegy For Cello And Orchestra“, Bruno Delepelaire, Solocellist der Berliner Philharmoniker, spielt sie feinfühlig.

Beim gesamten Orchester ist stets zu spüren, dass alle Musiker Meister ihres Faches sind. Selbst beim komplexen „The Adventures Of Han“ aus dem „Star Wars“-Spinoff „Solo“ brillieren sie mit blindem Verständnis für dieses Werk und natürlich fließenden Tempi. Das begeisterte nicht bloß das Publikum in der Philharmonie, sondern viele weitere Musikliebhaber. John Williams’ Debüt mit den Berliner Philharmonikern – mit 89 war er der älteste Debütant am Dirigentenpult – schaffte tatsächlich den Sprung an die Spitze der deutschen Albumcharts. Vielleicht war das für John Williams eines der schönsten Geschenke zu seinem 90. Geburtstag.

Dagmar Leischow

Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Bruckner Sinfonie Nr.7 Gürzenich-Orchester, François-Xavier Roth; Myrios Classics

Vor rund einem Jahr legten Markus Stenz und das Stavanger Symfoniorkester eine rekordverdächtig schnell gespielte Siebte von Bruckner vor. Stenz’ Nachfolger im Amt des Kölner Gürzenichkapellmeisters, François-Xavier Roth, unterbietet seine Zeiten jetzt noch. Vor allem das „Sehr feierlich und sehr langsam“ zu spielende Adagio dürfte mit seinen 18 Minuten alles bisher Dagewesene unterbieten.

Doch es geht nicht um sportliche Leistungen. Roth wählt für beide Themenbereiche des Adagios einen schnelleren Grundpuls als üblich, bleibt aber erfreulich unforciert und lässt sich trotz der beschleunigten Gangart Zeit. Das Seitenthema denkt er von der Achtelbewegung in Bratschen und Celli aus und hält die Musik so beständig im Fluss. Das Thema darf sich ausdrucksvoll gesanglich darüber verbreiten. Den Höhepunkt baut Roth sehr zwingend auf mit einem „Non confundar“-Thema, dessen Viertelnoten recht kurz abgesetzt und mit Nachdruck formuliert sind. Das zieht einen auf die Stuhlkante, ohne dass dafür großes Pathos bemüht werden müsste. Oder der Beginn der Durchführung im ersten Satz: erfüllte Ruhe und klangliche Subtilität, wenn die Holzbläser das Hauptthema in Umkehrung präsentieren, dann die Celli ihre Version des Seitenthemas tonschön zur Diskussion stellen.

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Roth äußerste Transparenz des Orchestersatzes herstellt und allein deshalb mit überkommenen Klangvorstellungen zu Bruckner aufräumt. Alles wirkt fein ziseliert und oft eher nach innen gewendet. Ein sympathischer, anregender Bruckner.

Andreas Friesenhagen

Sinfonien

Musik ★★★★

Klang★★★★

HD

Haydn Sinfonien Vol. 11 Kammerorchester Basel, Giovanni Antonini; Alpha

Zu Giovanni Antoninis Haydn-Zyklus gab es nach einer Anfangseuphorie zunehmend Kritik. Umso erfreulicher ist, dass sich in Vol. 11 das Bild wieder aufhellt. Dies liegt in erster Linie daran, dass hier wie schon in Vol. 5-7 das Kammerorchester Basel zum Einsatz kommt, das nicht nur eine viel bessere Spieltechnik, sondern auch eine viel subtilere Klangkultur zu bieten hat als Il Giardino Armonico. Die Schweizer federn Antoninis aggressive Impulse sehr elegant ab, verleihen allen musikalischen Gesten die nötige Eleganz und lassen auch in dramatischen Passagen jenen Charme zur Geltung kommen, der so charakteristisch für Haydns Musik ist.

Während in fast allen bisherigen Folgen des Projekts „HAYDN2032“ neben Haydns Sinfonien entweder ein Vokalwerk aus seiner Feder oder ein Instrumentalwerk eines anderen Komponisten erklang, beschränkt sich Vol. 11 auf vier Sinfonien, die unter dem Titel „Au goût Parisien“ zusammengefasst werden.

Dieser passt fraglos zu den beiden „Pariser“ Sinfonien Nr. 82 und 87 (um 1785), in gewisser Weise auch noch zur Sinfonie Nr. 24 (1764), die nachweislich auch in Paris aufgeführt wurde und dort Gefallen fand, nicht aber für die dreisätzige Sinfonie Nr. 2 (1757/59), die zwar später in Paris publiziert wurde, in der Haydn sich aber noch an barocken Traditionen abarbeitet. Einmal mehr merkt man, wie Antonini sich die Dinge zurechtbiegt. Dies gilt vor allem für die Riesenbesetzung, die historisch nicht zu rechtfertigen ist und mit der er die frühen Stücke erschlägt – eine Interpretation im Dienst der Musik klingt anders.

Matthias Hengelbrock

Lied

Musik ★★★★

Klang ★★★★★

HD

Schubert Winterreise Benjamin Appl, James Baillieu; Alpha

Sind Winterreisender und Leiermann auch als Vorfahren von Samuel Becketts Ham und Clov denkbar? Ist dies ein surrealistisch-nihilistisches Endspiel, das da – drüben hinterm Dorfe, barfuß auf dem Eise – vorgeführt wird? Oder aber ein weiterführendes Gedankenpuzzle? Groß ist die Interpretationsbreite. Jedenfalls stellt die Nummer 24 der „Winterreise“, nach einer 23 Lieder währenden Suche des Winterreisenden nach Wärme und Geborgenheit, erstmals die Frage nach Gemeinschaft: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn?“

Wohl bleibt diese Frage im Grunde unbeantwortet, doch für Benjamin Appl geht das Geschehen weiter; er legt das Lied in wunderbarem, geheimnisvollem Pianissimo an, das vom Weg als Ziel kündet. Letzteren empfindet der Sänger als „großes Geschenk“, denn so könne man sich ein Leben lang auf diese musikalische, intellektuelle und emotionelle Reise des An-sich-selbst-Wachsens begeben und immer wieder neue Pfade einschlagen.

Der aus Regensburg gebürtige Bariton genießt als Liedinterpret im englischsprachigen Raum ebenfalls große Wertschätzung, hat unter anderem schon mehrmals in Londons Lied-Mekka, der Wigmore Hall, gastiert und nun auch dieses Album in London aufgenommen. In der Kirche des Heiligen Silas in Kentish Town entstand eine tiefschürfende, die Extremsituationen von Schuberts „schauerlichen Liedern“ intensiv und bewegend darstellende Interpretation. Dabei ist ihm James Baillieu ein wahrer Partner am Klavier, ein tief empfindender Mitgestalter.

Gerhard Persché

Komponistin

Musik ★★★★

Klang ★★★

Schumann Klaviermusik Angela Tirino; Urania Records

Mit zehn Jahren hatte Clara Schumann originelle melodische Ideen, ein gutes Gefühl für Proportionen, sie kannte musikalische Formen, und sie war offenbar schon sehr virtuos. Das alles lässt sich aus ihren ersten veröffentlichten Kompositionen heraushören, vier Polonaisen. Oft werden Schumanns frühe Kompositionen als unreife Kinderwerke abgetan, aber die Pianistin Angela Tirino zeigt, wie viel in diesen ersten Stücken schon steckt. Vor allem die folgenden opus-Zahlen, im Teenager-Alter geschrieben, sind lauter kleine romantische Perlen.

Dorothee Riemer

Klassik mit Jazz

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Piazzolla, Kapustin u. a. Cello und Klavier Konstantin Manaev, Danae Dörken; Ars

„Klingende Geschichten von der Liebe“ betiteln Cellist Konstantin Manaev und Pianistin Danae Dörken ihre kammermusikalischen „Programmmusikwerke“ der 2010er-Jahre von Johanna Doderer und Gordon Hamilton und die weniger unmittelbar programmatischen Kompositionen von Piazzolla und Kapustin. Die Werke evozieren starke Emotionen, viele haben einen beachtlichen jazzigen Anteil und werden mit viel Feingefühl und vollem spieltechnischen Einsatz kraftvoll und sensibel erfüllt. Das Zusammenspiel der Musiker ist perfekt.

Jürgen Schaarwächter

Virtuoser Barock

Musik★★★★

Klang ★★★★

HD

Händel Opernarien Emöke Baráth, Artaserse, Philippe Jaroussky; Erato

Da Philippe Jaroussky als Sänger bekannter ist denn als Dirigent – der hier eine Premiere feiert –, könnte der Titel „Dualität“ fast ein Duettalbum erwarten lassen. Das Cover-Foto macht allerdings deutlich, dass die ungarische Sängerin Emöke Baráth hier zwei Figuren – besser zwei Geschlechter – verkörpert. Da Händel mitunter Männerrollen mit Frauen besetzte, lässt sich aus dem vorhandenen Material ein schöner Querschnitt zusammenstellen. Leider bleiben die Geschlechterrollen etwas eindimensional, indem die Männerrollen fast immer durch Stärke und Kraft charakterisiert werden.

Dadurch wird eine Qualität des Händel’schen Stils etwas unterbelichtet, nämlich die Zärtlichkeit und Sensibilität, die bei ihm bekanntlich sowohl starke Frauen als auch Männer ausstrahlen können. So wirkt Cleopatras Arie „Se pietà di me non senti“ eher nachdrücklich, sodass Zweifel aufkommen können, ob ihr Gegenüber wirklich davon bezirzt wird.

Stimmlich weiß Emöke Baráth in allen (Geschlechter-)Lagen zu gefallen. In der tiefen Lage klingt sie fast schon wie ein Mezzosopran, wären da nicht die Lautstärkeunterschiede zu den höheren Tönen. Doch artikuliert sie in aller Regel sehr klug und setzt schöne Akzente. Vor allem aber kann sie glutvoll auftreten und damit natürlich auch unterschiedliche Rollenbilder verkörpern. Einen nicht geringen Anteil daran hat freilich auch das Ensemble Artaserse, das von Jaroussky zu einer sprachgenauen Musizierweise angehalten wird. Damit bereitet der Sänger einen schönen Grund, auf dem sich die Sängerin wunderbar entfalten kann. Auch das ließe sich als Dualität begreifen.

Reinmar Emans

Klavier-Klassiker

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Mozart Klaviersonaten Elisabeth Leonskaja; Warner

Nach Elisabeth Leonskajas Abwanderung in den Westen 1978 nahm ihre Schallplattenkarriere nur langsam wieder Fahrt auf. Mittlerweile ist ihre Diskografie allerdings zu stattlichem Umfang angewachsen. Nach ihrer ersten Wiener Amadeo-Produktion mit virtuosem Liszt folgten hauptsächlich Einspielungen von Werken der deutschen Klassik und Romantik; Mozarts Name tauchte in diesem Zusammenhang überraschenderweise nur einmal auf, nämlich in einer Aufnahme mit Edvard Griegs Mozart-Erweiterungen für zwei Klaviere.

Jetzt schloss die Pianistin aus Tiflis, inzwischen Mitte 70, diese Lücke mit einer Serie der 18 Klavier-Solosonaten Mozarts. Wer den künstlerischen Weg Leonskajas verfolgt hat, wird vom Ergebnis dieser späten Gesamtaufnahme nicht überrascht sein. Die Neuproduktion zeichnet sich durch eine geradezu kalligrafische Genauigkeit und Sauberkeit aus. Es findet sich in allen 55 Sätzen der sechs CDs kein Takt, der von ihr pianistisch und musikalisch nicht bis ins letzte Sechzehntel rund und deutlich zur Geltung gebracht ist.

Stilistisch folgt Leonskaja dabei allerdings der ästhetischen Maxime des „Nichts als die Noten“. Im Ton zwar milder als der stets hochgespannte Richter, erlaubt sie der Musik dennoch kaum, sich belkantistisch oder stimmungshaft zu entfalten – „das pochende Herz anzuzeigen“, wie Mozart selber es einmal ausdrückte: Alte Schule sozusagen, und damit ein aktueller interpretatorischer Gegenpol zu den ähnlich hochrangigen Einspielungen etwa von Uchida oder Pires, die Mozarts Musik stärker und historisch stilgerechter als „Sprache der Empfindung“ interpretieren.

Ingo Harden

Musiker-Dynastie

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Bach und Söhne Sinfonien Berliner Barock Solisten, Reinhard Goebel; Hänssler

Die Hälfte der hier eingespielten Sinfonien von Mitgliedern der Bach-Familie sind Ersteinspielungen. Aber natürlich gibt es gute Gründe dafür, dass einige Werke offenbar erst durch das in Leipzig erarbeitete Bach-Repertorium in den Blick gerieten. Denn immerhin zwei Sinfonien C. P. E. Bachs sind in keinem der einschlägigen Werkkataloge verzeichnet und eine weitere gilt als Incertum, weil sie insgesamt drei Familien-Mitgliedern zugeschrieben wird.

Stilistisch wäre der ältere Bach-Sohn schon der wahrscheinlichste Kandidat. Zwar brechen im zweiten Satz die Akkordschläge die liebliche Atmosphäre immer mal wieder auf, doch so zerklüftet wie einzelne Sätze von C. P. E. ist hier keiner. Dessen typisches Stilmittel lässt sich sehr schön im ersten Satz der Es-Dur-Sinfonie hören. Trotz der abrupten Wechsel der musikalischen Mittel wird doch ein überzeugendes Ganzes daraus, vielleicht auch, weil die Berliner Barock Solisten das Bild eines durchaus hitzigen Gesprächs evozieren. Auch die überraschenden Umbrüche der Diktion im ersten Satz der e-moll-Sinfonie werden ebenso dezidiert wie überzeugend aufgefangen. Sehr viel gefälliger sind im Vergleich dazu die Sinfonien von Johann Christoph Friedrich und Johann Ernst Bach.

Reinhard Goebel findet für alle diese Varietäten einen je eigenen Tonfall; bei den letzten drei Sinfonien bringen zusätzliche Instrumente auch eine größere Klangpalette ins Spiel. Man ist fast geneigt zu sagen, dass Goebel inzwischen mehr an musikalischer Charakterisierung und einer geradezu sprechenden Interpretation interessiert zu sein scheint, als an Übertreibungen jeglicher Art.

Reinmar Emans