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KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 03.08.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 9/2022

Zeitgenössisches

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Reich Reich/Richter Ensemble intercontemporain, George Jackson; Warner

Die Affinität zwischen der Musik Steve Reichs und Gerhard Richters abstrakten Bildern ist offenkundig: Reich gestaltet mit melodisch-rhythmisch oftmals wiederholten und verschobenen, sich stets erneuernden „Patterns“, die den „Farbmodulationen“ Richters bei einigen seiner abstrakten Bilder entsprechen, die er mit den Fotografien von deren Entstehungszuständen gleichsam verzeitlicht hat.

Und so wie Richter diesen Bildern die Funktion nimmt, irgendetwas darzustellen oder zu repräsentieren, um die „Autonomie“ von Farbe ins Bild zu rücken, so konzentriert Reich Musik auf das Ertönen schlechthin, das sich verändert und doch sich selbst gleich bleibt. Richter hat solche „Farbmodulationen“ nach besonderen seriellen Manipulationen als Film „Moving Pictures“ festgehalten, den er ...

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... zusammen mit Corinna Belz gestaltete. Und Reich bat er, dazu Musik zu komponieren. Und diese Musik hat das Ensemble intercontemporain hier unter George Jackson außerordentlich kompetent, ja gleichsam seinerseits „farbig“ eingespielt: mit äußerst feinen, unglaublich subtilen klanglichen Abstufungen im Kontext der notorisch Reich’schen Pattern-Technik.

Das lässt sich bestens als „absolute“ Musik, als durchaus mehrschichtig bewegtes Tönen gleichsam ohne Anfang und Ende hören – vielleicht sogar besser, als Richters Film als „absolute“ Farbe ohne Musik sehen. Aber mit dieser „Komposition“ beider Künstler verliert der synästhetische Begriff der „Klang-Farbe“ seine metaphorische Bedeutung und umschreibt eine gelungene Vereinigung bislang kategorial getrennter Künste.

Giselher Schubert

Vokal

Musik ★★★★★

Klang ★★★★★

Reinecke, Grieg, Chadwick, Smyth, Janáček, Čiurlionis u.a. Gesänge Amarcord; Appollon

Mit vielfachen Bemühungen ist es in den beiden letzten Jahrzehnten gelungen, Leben und Werk von Carl Reinecke (1824–1910) wieder einem interessierten Publikum bekannt und zugänglich zu machen. Einst 35 Jahre lang geachteter Leipziger Gewandhauskapellmeister, wirkte er auch als Klavier- und Kompositionslehrer am Konservatorium, das für mehr als zwei Generationen in ganz Europa als konservative, aber auch zentrale Instanz in Fragen der professionellen Musikausbildung galt.

Die Zahl der Studierenden und Absolventen geht in die Tausende.

Und die Namen all jener, die bei Reinecke die Kompositionsklasse absolvierten, liest sich heute wie ein „Who’s Who“ – obwohl viele unabhängige junge Persönlichkeiten schon damals mit den Methoden haderten … Denkt man so an Reinecke und das Leipziger Konservatorium, kommen einem Sonaten und Streichquartette als akademische Gattungen in den Sinn. Das Ensemble amarcord (ein Männerstimmenquintett) hat sich mit diesem Album indes die vokale Seite der Musik vorgenommen.

Auch wenn die im Titel genannte „Meisterklasse“ eher eine virtuelle war und keineswegs alle Gesänge auch in Leipzig entstanden, verlegt oder gar gesungen wurden: Die hier versammelten Sätze wirken wie ein Plädoyer für eine heute vergessene Musizierpraxis, die damals in unterschiedlichen Besetzungsgrößen weit verbreitet war. Sauber intoniert und mit Sinn für den Text dargeboten, erklingen Gesänge von Reinecke, Grieg, Chadwick, Smyth, Janáček, Čiurlionis, Sveinbjörnson, Stanford und Sullivan. Größte Sorgfalt zeichnet auch das Booklet aus mit trefflich formulierten Charakterskizzen.

Michael Kube

Orchester

Musik ★★★

Klang ★★★

HD

Beethoven, Saint-Saëns Leonore-Ouvertüre III, Cellokonzert Nr. 1 Andris Nelsons, Wiener Philharmoniker, Sony

Auch 2022 haben die Wiener Philharmoniker in den Park von Schloss Schönbrunn eingeladen und das „Sommernachtskonzert“ diesmal dem Dirigenten Andris Nelsons anvertraut.

Das Programm war gewohnt bunt gemixt. Mit Bedacht hat man auf die dritte Leonoren-Ouvertüre zu Beethovens „Freiheitsoper“ einen Abschiedswalzer des in der Ukraine geborenen Mykola Lyssenko folgen lassen. Einen weiteren Bezug zum aktuellen Weltgeschehen bietet die „Melodie“ dessen Landsmanns Myroslaw Skoryk.

Als Solokonzert wurde das erste Cellokonzert von Camille Saint-Saëns ausgewählt, mit Gautier Capuçon als Gast. Er setzt gleich zu Beginn auf Verve und bietet auf der anderen Seite hinreichend élégance bei den Kantilenen. Zu den Raritäten des Programms wiederum darf der Tango von Arturs Maskats gezählt werden. Der rote Faden des zweiten Teils, wenn Enescus erste „Rumänische Rhapsodie“ eingerahmt wird von Ouvertüren von Rossini und Smetana, erschließt sich auch beim zweiten Hinschauen nicht wirklich.

Nelsons kann sich auf seine Stärken und die des Orchesters verlassen, ohne dass man behaupten würde, beide Seiten hätten zu Höchstleistungen gefunden. Zwar stechen, schon eingangs bei Beethoven, einige aparte Details hervor, auch die finale Steigerung entbehrt nicht einer inneren Dramatik. Doch das Vorspiel zu „La gazza ladra“ wirkt dagegen etwas hüftsteif und bottig. Als Zugabe gibt’s das „Wiener Blut“, und Nelsons dürfte nach seinen Neujahrskonzert-Erfahrungen wissen, wie heikel diese Musik, gerade bei Übergängen, zu spielen ist ...

Christoph Vratz

Kammermusik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Bach, Beethoven Präludium u. Fuge, Streichquartette Danish String Quartet; ECM

Die vierte Ausgabe der Reihe „Prism“ folgt dem bewährten Konzept: Eine Bach-Fuge erinnert daran, wie fest die letzten Beethoven-Quartette in der Tradition verwurzelt sind – was im Fall des a-Moll-Quartetts op. 132 besonders deutlich zutage tritt. Und ein späteres Werk belegt den Einfluss Beethovens auf die Musik nach seiner Zeit. Hier ist es das a-Moll-Quartett op. 13 von Felix Mendelssohn, das, kurz nach Beethovens Tod entstanden, Gestaltungsprinzipien aus dessen späten Werken aufgreift. Etwa in der zyklischen Verbindung der einzelnen Sätze durch wiederkehrende Motive und Themen.

Ein schlüssiges Programm also.

Was das Album für meine Ohren so besonders macht, ist aber nicht in erster Linie seine Dramaturgie, sondern der emotionale Zugang des Danish String Quartet. Das Ensemble bleibt seiner Handschrift treu und zeichnet, wie schon in den vorangegangenen Folgen, ein ganz eigenes Bild. Der späte Beethoven ist beim Danish String Quartet nicht so sehr der Titan, der Saiten bersten lässt. Die Schärfen und Kanten der Musik sind schon da, aber weniger harsch gemeißelt als bei anderen Ensembles.

Dafür entdecken die vier Streicher eine ungeahnte Zärtlichkeit in der Musik. Im zentralen langsamen Satz, „dem Heiligen Dankgesang“ – anrührend gespielt – mag das einigermaßen nahe liegen. Aber dass auch das Allegro an zweiter Stelle so eine liebevolle Wärme verströmt, das ist neu.

Dieser grundsätzlich zärtliche Zugang zu manchen Passagen ist auch bei Mendelssohn zu erleben und wirkt dort genauso berückend.

Wer würde sich nicht gern einmal von der Geigenstimme streicheln lassen?

Marcus Stäbler

Orchester

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Schostakowitsch Sinfonie Nr. 10 Orchestre National Du Capitole De Toulouse, Tugan Sokhiev; Warner

Die Umstände spielen bei der Veröffentlichung sicher eine Rolle, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Aufnahme, im September 2021, noch kein Thema waren. Als Folge des Krieges in der Ukraine hat Dirigent Tugan Sokhiev im März 2022 sowohl sein Amt beim Moskauer Bolschoi-Theater als auch das beim Orchestre National du Capitole de Toulouse aufgegeben.

Pikant, dass Sokhiev zu diesem Zeitpunkt in Toulouse mit einem offenbar auf mehrere Etappen ausgerichteten Schostakowitsch-Projekt beschäftigt war. Zumindest folgte auf eine Einspielung der achten Sinfonie im Jahr 2020 nun die zehnte, in der Schostakowitsch ein sinfonisches Porträt des 1953 gestorbenen Stalin angelegt hat.

Sokhiev kennt diese Musik sehr genau. Er versteht es, den sinfonischen Apparat so zu staffeln, dass Wucht und Schärfe zur Geltung kommen, aber ohne Übertreibungen. Das Ironisch-Beißende gerät nicht zur leeren Fratze. Die harmonischen Reibungen werden gut hörbar, aber ohne pädagogische Attitüde eines „Hört jetzt mal her“. Auch die großen Bögen versteht Sokhiev so zu organisieren, dass er sein Pulver nicht vorzeitig verschießt, und das französische Orchester folgt ihm dabei mit Aufrichtigkeit und Hingabe.

Immer schwingt eine gewisse Wärme mit und macht die Aufnahme hörenswert, denn es ist kein blitzblanker, gleißender, hochdruckartiger Klang, den man in Toulouse gemeinsam entwickelt hat. Tugan Sokhiev entwickelt die Musik aus ihrem eigenen Geist, er stülpt ihr nichts über, was auch die dramaturgisch klug gewählten Tempi zeigen. Eine in sich stimmige, überzeugende Einspielung.

Christoph Vratz

Romantik

Musik ★★★★★

Klang ★★★★★

HD

Brahms Klavierquintett f-Moll, Streichquintett Nr. 2 Pavel Haas Quartet, Boris Giltburg, Pavel Nikl; Supraphon

Brahms’ frühes Klavierquintett seinem späten zweiten Streichquintett gegenüberzustellen ist eine spannende Angelegenheit.

Hört man doch, was der nicht einmal 30-jährige Komponist schon konnte, wie stark sein Personalstil schon war. Und dann staunt man, wie viel energische Frische aus dem Quintett des 57-jährigen Brahms geradezu herausexplodiert.

Das Pavel Haas Quartet hat sich sein ehemaliges Gründungsmitglied, den Bratschisten Pavel Nikl, als fünftes Mitglied geholt. Die schroffe Wildheit kontrastiert das Quintett mit nostalgisch jugendlichem Schwärmen. Die Wehmut, die die fünf Musiker mit einer zärtlichen Passion umsetzen, geht einfach direkt ins Herz. Nichts wirkt auch nur annähernd pathetisch aufgesetzt, alles hat eine gelassene, aber immer intensive Ruhe, der ausgewogene Gesamtklang strahlt wunderbare Wärme aus.

Mit dem Pianisten Boris Giltburg bildet das Pavel Haas Quartet schon lange ein bewährtes Team.

Giltburg kümmern Brahms’ pianistische Herausforderungen nicht im Geringsten, man spürt keine Anstrengung, nichts ist überzogen.

Da ist die nötige, aber balancierte Kraft, aber sie erschlägt einen nicht. Die klangliche Abstimmung des Klaviers mit dem Quartett gelingt optimal, die dynamischen Steigerungswellen kommen unglaublich zwingend daher. Auch hier nimmt einen die Mischung aus wildem Ernst in den schnelleren Sätzen genauso ein wie das sphärisch-unwirkliche Schweben im zweiten Satz und zu Beginn des Finales. Dazu haben die fünf Musiker auch das Ohr für die grazilen Momente dieses Klavierquintetts.

Elisabeth Richter

Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★★

SACD

Wilms Klavierkonzerte E-Dur op. 3, C-Dur op. 12, D-Dur op. 26

Kölner Akademie, Michael Alexander Willens, Ronald Brautigam; BIS

Johann Wilhelm Wilms (1772– 1847) stammte wie Beethoven aus dem Rheinland, ging aber 1791 nach Amsterdam, wo er eine Karriere als Flötist, Pädagoge und vor allem als Komponist machte. Er schuf sieben Sinfonien und mindestens fünf Klavierkonzerte.

Die Klavierkonzerte E-Dur op. 3, C-Dur op. 12 und D-Dur op. 26 entstandenen etwa 1796, 1807 und 1810. Sie gehören eher dem klassisch-konservativen Stil zu, müssen sich aber etwa neben Johann Nepomuk Hummels Konzerten kaum verstecken.

In allen drei Werken wird ein expressives Poco Adagio von einem Allegro-Eröffnungssatz und einem Schlussrondo umrahmt, im dritten Konzert einem Rondo alla Polacca.

Gleichzeitig verfügen sie über jeweils durchaus eigenen Charakter, der durch Ronald Brautigam und die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens voller Esprit und Empathie herausgearbeitet wird. Der Orchesterpart ist von großer Selbstständigkeit und erfordert einen architektonisch klar strukturierenden Zugriff; in dieser Hinsicht ist an der klanglich vorzüglichen Einspielung nichts auszusetzen.

Brautigam, der alle fünf Klavierkonzerte von Wilms neu ediert hat, spielt auf einem schlanken Hammerflügel mit ausgeglichenem Klang (Klaviertechnik Paul McNulty), doch sowohl im pianistischen Volumen wie im orchestralen Zugriff wünscht man sich bisweilen etwas mehr Attacke und pointierte Zuspitzung – eine Problematik, die auch schon in Willens’ früherer Wilms-Veröffentlichung auffiel.

Jürgen Schaarwächter

Kontraste

Musik ★★★★★

Klang ★★★★★

HD

Feldman, Beethoven Piece For Violin And Piano Patricia Kopatchinskaja, Joonas Ahonen; Alpha

Auf dem Cover hat sie sich hinter Joonas Ahonen in die Kopilotenkanzel eines alten Hochdeckers geschmuggelt: Patricia Kopatchinskaja treibt mit diesem Album ein doppeltes Spiel. Der US-Amerikaner George Antheil fuhr als futuristischer Komet in das deutsche und französische Musikleben der Zwischenkriegszeit. Seine Oper „Transatlantic“ sorgte 1930 in Frankfurt für Sensation – von den heutigen Intendanten leider vergessen. Kopatchinskaja und ihr Pianist Joonas Ahonen erinnern begeistert an seine erste Violinsonate, die er 1923 für seine Geliebte schrieb.

Bald lustvoll hämmernd, rabiat fiedelnd wie der frühe Hindemith, bald orientalische Gelassenheit (Antheils Freund Ezra Pound schlug dazu manchmal die Trommel) – die beiden machen das zu einem Hörabenteuer.

Es ist nicht das Einzige auf diesem klug zusammengestellten Album. Wie sie Beethovens c-Moll-Sonate von 1802 mit den Augen Antheils ins Visier nehmen und rebellisch erzählen, ist so unterhaltend wie staunenswert.

Schließlich war Beethoven in diesem Stück durchaus regelbrechend aufgelegt. Kopatchinskaja und Ahonen treiben es bis an die Grenzen, ohne der Lyrik des Adagio cantabile das Geringste schuldig zu bleiben. Mit Humor stolpern sie durch das Scherzo und schaffen im Finale frische Aufbruchstimmung.

Bei dieser Reise durch die Antheil-Welt werden die Klangekstasen abgefedert durch zwei kühle Feldman-Exerzitien, und die beiden Sonaten werden durch ein Cage-Nocturne klug isoliert. Ja, auch Feldman und Cage wurden von dem vielseitigen „Bad Boy of Music“ geschätzt.

Bernd Feuchtner

Romantik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Schumann Sinfonien Nr. 1-4 Münchner Philharmoniker, Pablo Heras-Casado; Harmonia Mundi

Nachdem Pablo Heras-Casado die Solo-Konzerte von Robert Schumann mit dem Freiburger Barockorchester eingespielt hat, ist die Überraschung nun einigermaßen groß, dass er für das Projekt der vier Sinfonien die Münchner Philharmoniker als Partner gewählt hat. Gern hätte man mehr über die Hintergründe erfahren, doch im Booklet geht es allein um Werkbeschreibungen. In gewisser Weise versucht Heras-Casado, seine in Freiburg gewonnenen Erkenntnisse jetzt auf die Spielweise der Münchner zu übertragen – in Maßen natürlich.

Das Orchester spielt schlank und agil, aber nie strohig. Der wärmere Klang eines Orchesters mit modernen Instrumenten bleibt dabei erhalten. Heras-Casado setzt auf flotte, aber keineswegs riskante Tempi.

Markant an dieser Einspielung ist die Gewichtung von Bläsern und Streichern. Ob am Ende des Kopfsatzes in der Zweiten oder gleich zu Beginn der Ersten – immer wieder ergeben sich spannende Reibungen, die Schumann als mutigen Harmoniker ausweisen. Hier die oft signalhaft auftretenden Bläser, dort die beweglichen Streicher.

Zweites zentrales Merkmal: die kammermusikalischen Bezüge, die sich durch minutiös beleuchtete Solo-Stellen ergeben, beispielsweise beim aparten Dualismus von Oboe und Cello im langsamen Satz der Vierten. Insgesamt erfindet Heras-Casado das Rad des Sinfonikers Schumann nicht neu, es gibt Momente, wo ein Mehr an Ausdruckslust sicher denkbar gewesen wäre. In sich aber ist die Einspielung schlüssig. Sie lebt von einem Ton der Frische, des Unverbrauchten, und sie zeigt Schumann als einen nervösen, suchenden Geist.

Christoph Vratz

Cello und Klavier

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD

Schubert, Schumann Arpeggione-Sonate Adolfo Gutiérrez Arenas, Josu De Solaun; Odradek

Franz Schubert und Robert Schumann flüchteten sich in die Musik, um Erlebtes zu verarbeiten. Das Album „Loss & Love“ vereint Musik beider Komponisten, mit der sich die Interpreten von ihren verstorbenen Eltern verabschieden.

Die Stärke der Aufnahme liegt im vollendeten ganz freien Zusammenspiel von Adolfo Gutiérrez Arenas (Cello) und Josu de Solaun (Klavier). Leider ist besonders in Schumanns „Adagio und Allegro“ op. 70 und den „Fantasiestücken“ op. 73 das Klavier zu dominant.

Schuberts „Arpeggione-Sonate“ dagegen hat eine bessere Balance.

Georg Rudiger

Musik für Laute

Musik ★★★★★

Klang ★★★★★

HD SACD

Dowland div. Werke Jonas Nordberg; BIS

Lautenist Jonas Nordberg wollte auf „Lessons“ einige der besten Werke von John Dowland präsentieren: ein Präludium, eine langsame Pavane, leichte Galliards, Almains, ein Wiegenlied und kontrapunktische Fantasien. Dass Dowland in seiner Musik für dieses Instrument wie kein Zweiter Melancholie und Polyfonie zur Deckung brachte, wird auf diesem süchtig machenden Album intensiv erfahrbar. Nordbergs neunchörige, um einen ganzen Ton tiefer gestimmte Laute erzeugt mit ihren Darmsaiten einen dunklen, resonanten Klang, der besonders gut zu den langsamen und chromatischen Stücken passt.

Burkhard Schäfer

Orchester

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Respighi Pini di Roma, Impressioni brasiliane u. a. London Philharmonic Orchestra, Alessandro Crudele; Linn

Von den „Pini“ kennt man das.

Pastos aufgetragene Gefühle finden sich aber auch in der Suite „Belkis“ und den „Impressioni brasiliane“: im einen Fall gekleidet in filmreifen Orientalismus, im anderen in einen Exotismus mit lateinamerikanischen Ingredienzien. Dass diese Partituren nicht nur Klangorgien darstellen, macht Alessandro Crudele durch seine detailreiche Lesart deutlich.

Im dritten Teil der „Pini“ ist die Nachtigall allerdings so leise zugespielt, dass man sie fast nicht hört.

Andreas Friesenhagen

Klavier solo

Musik ★★★

Klang ★★★★★

Liszt Études d‘exécution transcendante Gabriel Stern; Mirare

Gabriel Stern lässt Liszts Etüden-Zyklus im milden Licht einer romantischen Abendsonne erscheinen. Locker meistert er die technischen Probleme, sein Ton bleibt stets rund und warm, selbst bei Akkordballungen und Läufen wie in der achten „Wilde Jagd“ betitelten Etüde ist Sterns Gestaltung ausgewogen und unforciert. So viel Schönheit birgt allerdings auch die Gefahr der Langeweile. Die fiebernde Ekstase der „Mazeppa“-Etüde etwa ist kaum spürbar. Die expressiven Schärfen des Werks, seine Ecken und Kanten werden der noblen Spielkultur untergeordnet.

Frank Siebert

Film-Sinfonik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Williams Violinkonzert Nr. 2 u. a. Anne-Sophie Mutter, Boston Symphony Orchestra; Deutsche Grammophon

Mit Sicherheit verblüfft John Williams‘ zweites Violinkonzert, das er für Anne-Sophie Mutter komponiert hat, seine Fans. Es ist nämlich nicht so eingängig wie seine Filmmusik. Der zweite Satz „Rounds“ lässt an Debussy denken, der dritte Satz „Dactyls“ präsentiert sich mit jazzigen Elementen recht spannungsgeladen. Jede Varianz meistert Mutter an der Seite des Boston Symphony Orchestra ebenso souverän wie die Themen aus Filmen wie „Star Wars“ oder „Indiana Jones“, die John Williams für die Geige neu arrangiert hat.

Dagmar Leischow

Orchester

Musik ★★★★

Klang ★★★★

SACD

Schostakowitsch Suite für Jazz-Orchester Nr. 1, The Age Of Gold Singapore Symphony Orchestra, Andrew Litton; BIS

Schostakowitsch hat seine Film-, Ballett- oder Bühnenmusiken immer wieder mit Musik aufgelockert, die aus der Sphäre von (gehobener) Unterhaltungsmusik stammt. Und solche Stücke stellte er dann auch zu Suiten für Jazzorchester zusammen. Natürlich ist das kein genuiner Jazz, auch keine Schlagermusik, aber doch eine Musik, die munter, gut gelaunt unterhält, wenn sie so gekonnt, durchaus schmissig-temperamentvoll gespielt wird wie in diesen Einspielungen aus Singapur.

Giselher Schubert