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KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022

CD DES MONATS

Klavier solo

Artikelbild für den Artikel "KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT" aus der Ausgabe 10/2022 von Stereo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Stereo, Ausgabe 10/2022

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Liszt, Henze Liebestraum, Harmonies du soir, Tristan Igor Levit; Sony

Nach „Life“ und „Encounter“ nun „Tristan“: Igor Levit stellt in einem neuen, wieder eigenwillig originellen Konzeptalbum Wagners „nächtliches Drama“ in den Mittelpunkt, nimmt sich aber thematisch sehr viel mehr zum Vorwurf, spannt den Bogen weit über das „Tristan“-Vorspiel und Henzes Dreiviertelstundenwerk der sechs „Tristan“-Préludes hinaus von Liszt bis Mahler.

Ein gefälliges Album ist es nicht geworden. Zwar beginnt es populär mit Liszts drittem „Liebestraum“. Aber gleich danach stellen die groß besetzten, sehr esoterischen Henze-Préludes den Normalhörer vor lauter „Rätsel-Konstellationen“ (Zitat Henze). Sie bilden einen steten Strom von Motivsplittern, die zwischen feinsten Tongespinsten und eruptiven Entladungen changieren – akustische Spiegelungen einer zerrissenen Seele. ...

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... Und auch das Adagio der unvollendeten zehnten Sinfonie von Mahler ist hochemotionale Bekenntnismusik. Erst die „Harmonies du soir“ von Liszt lassen das Programm versöhnlich ausklingen.

Interpretatorisch ist nur Positives zu berichten. Die beiden Liszt-Titel entwickelt Levit in „sprechend“ dynamischer Manier. Henzes Préludes zeigen ihn mit dem Gewandhausorchester in sensiblem, perfekt koordiniertem Miteinander, und in den Arrangements versucht er das Manko, auf dem Klavier nicht nach Streicherart „singen“ zu können, durch klangvolle Nachdrücklichkeit und Strenge zu kompensieren. Tontechnisch ist der vielstimmige Henze gegenüber der einzigen Vorgängeraufnahme (von 1975, mit dem Komponisten am Pult) weniger studiohaft, runder und tiefenschärfer geraten; er klingt jetzt streckenweise fast wie eine andere Komposition ...

Ingo Harden

Eigenwillig

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Selaocoe Where Is Home Abel Selaocoe; Warner

Auf seinem Debüt-Album spielt der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe die Sarabande aus der dritten Cello-Suite von Bach nicht nur. Er ‚besingt‘ sie auch – indem er eine eigene, afrikanisch inspirierte Melodie darüberlegt und zum Improvisieren übergeht. Bei der siebten Cello-Sonate des spätbarocken Giovanni Benedetto Platti fungieren als Continuo-Instrumente einerseits Theorbe und Kontrabass (!), daneben aber die in der westafrikanischen Musik verbreitete Kora (eine beidhändig gezupfte Stegharfe).

Zehn vokale Eigenkompositionen verwenden Sesotho, eine in Südafrika gesprochene Bantusprache. Programmatisch geht es darum, „eine Zuflucht zu suchen“, einen „Ort, der uns erdet und uns eine Stütze bietet“. Seine „Heimaten“, so Selaocoe im Booklet, habe er „gelernt (...) durch das Cello zu finden“.

Beim Eröffnungstitel „Ibuyile l’Africa“ („Africa is back“) spielt Yo-Yo Ma das „guest cello“. Er gehört zu den großen Vorbildern Selaocoes, tritt auch gelegentlich mit ihm auf. In den anderen Titeln wird die Grenze zum Folk, zur Weltmusik (oder Musik der Kontinente) noch waghalsiger, rhythmisch lustvoller übersprungen. Afrikanische Instrumente wie die Kalebasse, Kongas und Djembé (eine Bechertrommel) kommen zum Einsatz. Obwohl der Improvisation eine große Bedeutung beigemessen wird – der Sänger muss dabei zunächst „in sich hinein singen“ –, wirken die Titel durchaus ausgereift und verstetigt. Bei den finalen „Ancestral Affirmations“ singt „The Selaocoe Family“ insgesamt mit. Sympathisch ist das alles und macht Laune. Orthodoxeren Ohren mag es als recht verwegene Mixtur erscheinen. Macht das die Sache nicht nur besser?

Kai Luehrs-Kaiser

Alte Musik

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Div. Komponisten Div. Werke Accademia del Piacere, Fahmi Alqhai; dhm/Sony

Der bekannte Cancionero de la Colombina gehört zu den bedeutendsten polyfonen Sammlungen des 15. Jahrhunderts und zeichnet sich vor allem auch dadurch aus, dass in ihm vorwiegend weltliche Musik überliefert ist. Hier nun wird die durchaus plausible These vertreten, die Sammlung hätte unmittelbar mit den Herzögen von Medina-Sidonia zu tun. Sicher jedenfalls ist, dass wir dem Sohn des Christopher Columbus zu verdanken haben, dass dieses Repertoire die Jahrhunderte überlebt hat, wenngleich heute einige Seiten des Codex fehlen.

1991 hatte Jordi Savall bereits 22 der insgesamt 95 Kompositionen, die teils unvollständig überliefert sind, eingespielt. Einige der Titel finden sich nun auch in der neuen Kompilation. Fahmi Alqhai ist wie Savall Gambist, sodass gewisse Prioritäten bei der Auswahl wohl nicht zufällig sind. Erwähnt sei wenigstens, dass der unermüdliche Pedro Estevan in beiden Einspielungen für das diverse Schlagwerk verantwortlich zeichnet.

Dass sich die Accademia del Piacere zu Recht diesen Namen gegeben hat, wird bereits bei den ersten Tönen deutlich. Mit großer Intensität verleihen die Musiker den Stücken stets auch ein Flair des Spontanen und Improvisierten, wobei sie insgesamt wärmer tönen als seinerzeit die des Katalanen, der dafür mit der unvergesslichen Montserrat Figueras einen besonderen Trumpf ausspielen konnte. Alqhai wiederum lässt besonders die Sänger weniger akademisch und eher ein wenig hemdsärmlig musizieren, was freilich zu dem weltlichen Liedgut durchaus passt. Auch dank dieser unterschiedlichen Akzentuierung bereichert er die Aufführungsgeschichte des Cancionero de la Colombina nicht unwesentlich.

Reinmar Emans

Trompete

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Bernstein, Ives, Copland u. a. Div. Werke Alison Balsom, Britten Sinfonia, Scott Stroman; Warner

Der lässig-melancholische Ton, den Alison Balsom im titelgebenden „Quiet City“ von Aaron Copland anschlägt, prägt das Ganze. Hiergegen war selbst die berühmte Vergleichsaufnahme unter Leonard Bernstein viel debussyhafter, ätherisch tonmalerischer. Balsom knipst Barbeleuchtung an. Und setzt damit den Ton und die Atmosphäre für alle Stücke dieses Albums mit – überwiegend – amerikanischen Werken.

Der gepflegte Trübsinn, den sie in „Lonely Town“ aus den „Three Dance Episodes From On The Town“ des frühen Bernstein entdeckt, bringt das Stück etwas um den doppelten Boden jener Broadway-Bühne, auf dem es ursprünglich vertanzt wurde. Dafür wird aus Gershwins „Rhapsody In Blue“ (arrangiert von Simon Wright) ein Trompetenkonzert im Jazzclub. „The Unanswered Question“ von Charles Ives dampft und dunstet impressionistisch vor sich hin, bevor die Trompete – wie ein Nebelhorn vor der Küste von Aldeburgh – durch die dicken, schön schwebenden Schwaden dringt. Das mag nicht zuletzt an der atmosphärisch dichten, hörbar an „Peter Grimes“ geschulten Britten Sinfonia liegen; geleitet hier von dem (auch als Jazzposaunist bekannten) Scott Stroman.

Auf dem ein wenig zentrumslosen, auch darin dem Jazz folgenden Album riskiert das Adagio aus Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ (Arrangement: Gil Evans) die Nähe zum Wunschkonzert. Zugabe: „My Ship“ von Kurt Weill. Balsom, alles in allem, bleibt stets weich, tonschön, ‚warmstimmig‘ und – trotz aller heiligen Schwermut – leicht dekorativ. Den narkotischen Stickstoff eines Miles Davis, um mal hoch zu greifen, ist sie noch schuldig.

Kai Luehrs-Kaiser

Barock vokal

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Vivaldi Venezianische Messe Les Arts Florissants, Paul Agnew; Harmonia Mundi

Auch wenn die Entscheidung nachvollziehbar ist, bleibt bei einem derartigen Titel doch immer ein schaler Nachgeschmack. Der Hörer (Käufer) erwartet nämlich möglicherweise eine ihm bislang unbekannte Komposition. Zwar könnte es eine vollständige Lang-Messe aus der Feder Vivaldis vielleicht einmal gegeben haben, doch ist eine solche nicht überliefert. Lediglich Bestandteile wie Kyrie, Gloria und Credo haben überlebt und sind entsprechend eigentlich hinreichend bekannt.

Nun werden sie in einen Kontext eingebunden, der ein vollständiges Messordinarium abbildet. Um das zu erreichen, wurden einige Sätze durch Parodie, also durch neue Texte auf alte Musik, gewonnen, ein Verfahren, das Vivaldi selber mit einer gewissen Meisterschaft beherrschte. Auch wenn das etwas abrupte Ende fast ein wenig enttäuscht, funktioniert die getroffene Auswahl in der Tat ziemlich gut, doch werden dem Hörer damit keine neuen musikalischen Welten erschlossen. Daraus macht Paul Agnew freilich auch keinen Hehl, wodurch sich sein Verfahren weitgehend legitimiert. Dass Les Arts Florissants Vivaldi kennen und können, haben sie bereits hinreichend bewiesen. Ihnen gelingt wieder einmal eine sonore und prächtige Einspielung, die nicht auf die Ausdeutung von Details verzichtet und doch einen großen musikalischen Bogen schafft. Sehr schön abgestimmt sind auch die Solo-Sätze, die von Sophie Karthäuser mit ihrem klaren und eleganten Vortrag geradezu veredelt werden. Das gilt freilich auch für Lucile Richardot, die mit ihrer betörend zwischen Mann und Frau changierenden Stimme ganz eigene Gestaltungsmittel einbringt.

Reinmar Emans

Barock

Musik ★★★★★

Klang ★★★★★

HD

Purcell Sonaten und Genrestücke Ensemble I Zefirelli; Arcantus

Mit einem Medley aus anonym überlieferten Traditionals geht es also gleich in den Pub. Laute, Barockgitarre, Cembalo, gestrichen oder gezupftes Violoncello, dazu Schlagwerk begleiten Violine oder Blockflöte bei der duftigen „No-Body’s Jigg“ bis hin zur ausgelassen perkussiven Tanzmelodie „Mrs Lane’s Magot“, der larmoyanten „Fantomenland“ oder zum Schluss der Jigg „For A Kiss“.

Volksmusik hat schon in der englischen Barockzeit die Kunstmusik beeinflusst. Händel und Purcell haben sich selbstverständlich englische Folktunes einverleibt oder sie bearbeitet, um populär zu sein. Auch weniger bekannte frühbarocke Komponisten wie Nicola Mattheis und andere auf die Insel eingewanderte Festlandmusiker wie Francesco Barsanti.

Blockflötistin Luise Catenhusen, die spanische Geigerin Maria Carrasco Gil und ihr aufregend und inspiriert sich einbringender Continuo-Trupp haben hier ein Programm entwickelt, das anspruchsvoll auskomponierte „Kunst“-Sonaten mit kunstvoll bearbeitetem Folk zusammenbringt. Das macht Hörlaune. Und die Folktunes dürfen gern Popqualitäten wie ganztönige Harmonierückungen oder Wiederholungssucht haben. Das bringt die „Follia“ von Corelli ins Spiel. Die Variationsfolge war ein Hit und wurde von englischen Verlegern für alle Sorten von Instrumenten bearbeitet veröffentlicht. Ein verkaufstüchtiger Geiger namens Farinel bringt sie sogar als Faronells „Division Upon A Ground“ auf den englischen Markt, freilich mit eigenen Variationen! Alles hier im perfekten Gesamtklang nachzuhören. Rund und klangschön abgemischt, sodass besondere technische Überarbeitungen vermutet werden.

Sabine Weber

Orchester

Musik ★★★

Klang ★★★★

Schubert Sinfonien Nr. 8 u. 9 Gewandhausorchester, Herbert Blomstedt; Deutsche Grammophon

Nun ist also auch Herbert Blomstedt ‚heim‘ zur Deutschen Grammophon gekehrt – mit 95 Jahren. Sein Debüt mit Schuberts letzten Sinfonien folgt einem integralen Zyklus 1980 mit der Staatskapelle Dresden. Zwischenzeitlich entstand ein herrlicher Bruckner-Zyklus beim Leipziger Label „Querstand“.

Das sagend, kann man leichte Enttäuschung nicht ganz verhehlen. Allzu gedämpft, aufgeweicht, ja beinahe lasch und wie bestäubt erscheinen die Konturen in Schuberts „Unvollendeter“. Die Tempi sind fast so getragen wie bei weiland Josef Krips. Der erste Satz dauert fast eine Viertelstunde – und damit mehr als vier Minuten länger als in Blomstedts früherer Deutung. Wobei das Hauptproblem in einer nie aufgegebenen Grundreserve besteht: einem scheinbaren Vorbehalt gegenüber dem Werk, von dem man sich nie ganz befreien kann.

Blomstedts Markenzeichen war stets die ekstatische Geste: das Hineinfahren in eine Stelle, ohne dem Werk das Mindeste an Architektur und Ausgleich schuldig zu bleiben. Bei der „Großen“ C-Dur-Sinfonie begegnet man ihm wieder, diesem ‚Jupiter-Furor‘; allerdings beschwert er hier eher und führt zu einer klanglich leicht abgematteten Pathetik. Schuberts Entwicklung scheint außer Blick geraten. Er wird zu sehr von seinen spätromantischen Nachfolgern her gesehen.

Der dunkle Klang des Gewandhausorchesters passt zum Ansatz. Allerdings vermisst man die Delikatesse jener punktgenau luziden Artikulation, wie sie für Blomstedts Bruckner-Aufnahmen in Leipzig typisch war. Das Ganze behält einen Sepia-Gelbschleier.

Kai Luehrs-Kaiser

Mix-Repertoire

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Bernstein, Brahms, Bach u. a. Div. Werke Janoska Ensemble; Deutsche Grammophon

Auf seinem dritten Album für das Gelblabel präsentiert das slowakische Janoska Ensemble die „Big B’s“ der Musikgeschichte – von Bach über Beethoven und Brahms bis Bartók, Bernstein und Dave Brubeck. Dazwischen haben die drei Brüder Ondrej, Frantisek und Roman eigene musikalische Stücke gepflanzt. Die klassischen Vorlagen wurden munter bearbeitet, wie eingangs bereits die drei Sätze von Bachs Doppelkonzert BWV 1043 auf unterschiedliche Weise zeigen. Der dritte Satz etwa klingt, als hätte sich Roby Lakatos nun dazu entschlossen, die Klassik aufzupeppen.

Das Brüder-Trio Janoska und Schwager Julius Darvas harmonieren sehr gut. Rhythmisch peppig und stets verzierungslustig werfen sie ganz eigene Blicke auf die ausgewählten Werke, darunter den langsamen Satz aus Beethovens „Pathétique“-Sonate und den ersten „Ungarischen Tanz“ von Brahms. Mit reichlich Energie statten sie die „Rumänischen Volkstänze“ von Béla Bartók aus. Die vier präsentieren Musik, die (Epochen-)Grenzen mit einer großen Gelöstheit und Selbstverständlichkeit sprengt und so zu einer eigenen Stil-Marke avanciert. Die Botschaft der beiden bisherigen Alben wird nun nochmals zementiert: Jede Musik ist im Grunde aktuelle Musik.

Das Besondere hier: Die Bearbeitungen leben von einem gesunden Gespür, sie folgen nicht billigen Tricks, sondern einem eigenen ästhetischen Anspruch. All das geht einher mit einem fundierten instrumentalen Handwerk, bei zwei Geigen, einem Kontrabassisten und mit Frantisek Janoska am Klavier. Gewagt das Finale: Beethovens neun Sinfonien als Querschnitt in neun Minuten.

Christoph Vratz

Orchester

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Weill, Schostakowitsch Sinfonien Lahav Shani, Rotterdam Philharmonic Orchestra; Warner

Eine Programmzusammenstellung, die Sinn ergibt: Sowohl Kurt Weills Sinfonie Nr. 2 als auch Dmitri Schostakowitschs Fünfte reflektieren das Leben unter einer Diktatur. Weill vollendete seine Sinfonie 1934 – als letztes großes Werk, bevor er aus Europa vor den Nazis in Richtung USA flüchtete, und obendrein als seine letzte reine Orchesterpartitur. Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 hat bekanntermaßen den erzwungenen und nur scheinbar eingegangenen Kompromiss mit dem Stalin-Regime zum Thema.

Beiden Werken bleiben das Rotterdam Philharmonic Orchestra und sein Chefdirigent Lahav Shani nichts schuldig. In Weills Komposition bleibt der für den Komponisten typische Song-Tonfall stets erkennbar, und trotzdem interpretiert Shani die Partitur konsequent als sinfonische Musik, wobei die unterschwellige Aggressivität der Musik stets spürbar ist. Man fragt sich, warum dieses Stück so selten gespielt wird.

Beim Schostakowitsch handelt es sich um eine Live-Einspielung, aufgenommen wohl beim Eröffnungskonzert von Shanis erster Saison als Chef der Rotterdamer. Mir sind nur wenige neuere Aufnahmen der Sinfonie bekannt, in denen so konsequent auf der Stuhlkante musiziert wird. Die unerhörte Spannung, die hier herrscht, ist vom ersten bis zum letzten Takt präsent, und ihre stärksten Momente hat die Interpretation, wenn sich die Musik am Rande der Stille bewegt und man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören könnte – in der Schlusspassage des dritten Satzes etwa. Dass es sich bei Schostakowitschs Fünfter um einen regelrechten Existenzkampf handelt – selten wird es so deutlich wie in dieser Einspielung.

Thomas Schulz

★★★★★ herausragend | ★★★★sehr gut | ★★★ solide | ★★ zwiespältig | ★schlecht

Klavier solo

Musik ★★★★

Klang ★★★★★

HD

Franck, Thalberg Prélude, Fugue et Variation op. 18 Mariam Batsashvili; Warner

Auch das Programm von Mariam Batsashvilis drittem Album ist geprägt von ihrer Begeisterung für die virtuos überhöhenden Arrangements und Paraphrasen, wie sie vor allem von den „Romantic Piano Masters“, an ihrer Spitze Liszt, gern und häufig praktiziert wurden. Die Endzwanzigerin aus Tiflis, 2014 erste Preisträgerin des Utrechter Liszt-Wettbewerbs, kombiniert neben Originalem Arrangements und Paraphrasen von Werken Schuberts, Wagners und anderer – auch zwei der glanzvollsten Stücke des Genres sind dabei, Liszts „Faust“-Walzer nach Gounod und die „Grand Caprice“ über Bellinis „Nachtwandlerin“ von Sigismond Thalberg, dem großen Konkurrenten des jungen Liszt um die Gunst der Pariser.

Den erheblichen manuellen Herausforderungen ihres Programms wird Batsashvili buchstäblich spielend, mit gewinnender Lockerheit und ohne Anzeichen grenzwertiger Beanspruchung gerecht. Dies allein ist schon bemerkenswert genug. Doch ist es ihr darüber hinaus gelungen, allen virtuosen Aufputz in einen klangschönen und zwingenden musikalischen Fluss einzubinden. Obwohl ihr Spiel erhebliche Dynamik entfalten kann und auch an rhythmischer Pointierung nichts zu wünschen übrig lässt, wirkt es niemals vordergründig „auf Effekt“ getrimmt.

Mag sein, dass Batsashvilis selbstvergessene, uneitle und unsentimentale Klavierlyrik kein Optimum an purer Kraft- und Glanzentfaltung bietet. Aber die gestalterischen Qualitäten ihrer herausragend harmonischen und perfekt abgerundeten Interpretationen verdienen auf jeden Fall eine Fünf-Sterne-Bewertung. Virtuoses für Leute, die Virtuoses nicht mögen.

Ingo Harden

Recomposed

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Vivaldi/Richter Vier Jahreszeiten Max Richter, Elena Urioste, Chineke! Orchestra; Deutsche Grammophon

Es gibt wohl in der westlichen Hemisphäre kaum jemanden, der die „Vier Jahreszeiten“ nicht kennt: Überall begegnen sie einem. Als Nigel Kennedy 1989 „The Four Seasons“ veröffentlichte, wurde diese Einspielung zum bestverkauften Klassik-Album aller Zeiten. Nach über einem Jahr auf Platz eins der britischen Klassik-Charts bekam sie sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

2012 beschloss dann Max Richter, Vivaldis Meisterwerk mit seinem „Recomposed“-Album ins 21. Jahrhundert zu holen. Seine Neubearbeitungen, die er mit dem Geiger Daniel Hope und dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin aufnahm, begeisterten vor allem die breite Masse. In der Konsequenz wurde sein weltweiter Bestseller über 450 Millionen Mal gestreamt.

Zehn Jahre später entschied der britische Komponist, seine Versionen noch einmal zu überarbeiten. Das Ergebnis: eine Neufassung für historische Instrumente. Die Geigerin Elena Urioste und das Chineke! Orchestra aus London verwendeten bei der Aufnahme Darmsaiten. Außerdem setzte Max Richter einen Vintage-Synthesizer ein. So wollte der Brite nach eigenem Bekunden einen „raueren, punkigeren Sound“ kreieren.

Gelungen ist ihm das allerdings nicht. „The New Four Seasons“, das sich wieder eng an Vivaldis ursprüngliche Komposition anlehnt, klingt nicht so, als sei das Werk gegen den Strich gebürstet worden. „Spring 0“ beschwört Melodramatik herauf. Durch „Summer 3“ galoppieren die Musiker in einem atemberaubenden Tempo viel zu schnell. So kommt die Qualität der Musik nicht hinreichend zur Geltung.

Dagmar Leischow

Satirische Lieder

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD

Georg Kreisler Lieder Franui, Nikolaus Habjan; col legno

Georg Kreislers Lieder – er hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag zu feiern – liegen hier in einer Auswahl in Bearbeitungen für Ensemble vor, die schlechterdings kongenial ausgefallen sind, darunter „Tauben vergiften“, „Das Triangel“ oder „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ (leider fehlt „Der Musikkritiker“). Nikolaus Habjan singt wunderbar blasiert, aber ohne Übertreibung mit bester Textverständlichkeit. Und die lustvoll aufspielende Musicbanda Franui aus Österreich verlängert bestechend den brillant-zündenden, immer noch anstößig wirkenden Witz der Verse ins Musikalische.

Giselher Schubert

Klavier solo

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD

Skrjabin, Mozart Sonaten Nr. 3 u. 10, Préludes op. 16 u. 25 Zlata Chochieva; Naïve

Unter dem Titel „Chiaroscuro“ gelingt es Zlata Chochieva, zwei Welten in Beziehung zu setzen, die scheinbar kaum Berührungspunkte haben. Und doch fügen sich die apollinischen Variations-Petitessen Mozarts ideal in den dionysischen Kosmos von Préludes und zwei Sonaten Alexander Skrjabins ein und verschmelzen zu einer subtilen Hell-Dunkel-Welt. Dieser aparte Eindruck entsteht vor allem durch Chochievas sinnlich-leuchtendes Spiel, das Gefahr läuft, die realen stilistischen Unterschiede beider Komponisten durch balsamischen Schönklang zu nivellieren.

Frank Siebert

Alle Alben sind als CD und Download erhältlich. Weitere Medien kennzeichnen wir wie folgt: LP Vinyl HD HD-Download SACD SACD