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KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 12/2022

Britten Les Illuminations, Serenade, Nocturne Andrew Staples, Swedish Radio Symphony Orchestra, Daniel Harding; Harmonia Mundi

Als Benjamin Britten 1939, mit gerade mal 25 Jahren, Teile von Arthur Rimbauds Prosagedicht-Sammlung „Les Illuminations“ vertonte, hielt er die neuen Werke für das Beste, was er bis dahin komponiert hatte: Orchesterlieder, die Bilder des Städtischen mit mystischen, surrealen Zutaten anreichern und in eine neue Art von Schönheit hinüberführen.

„Ich alleine besitze den Schlüssel zu dieser wilden Parade“, heißt es bei Rimbaud – bei Britten wird der Satz zum gleich dreifach wiederholten Motto, und die Eindringlichkeit dieser Aufnahme verdankt sich einer kongenialen Zusammenarbeit. Was für ein Tenor! Andrew Staples ist Instrument, Stimme, Sprache, ist neutrale Projektionsfläche ebenso wie schillerndes Individuum. Er kann fast tonlos agieren, füllt Rezitiertes mit ...

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... zahlreichen Farbnuancen. Und er ergänzt das klangfarbliche Vexierspiel, das Britten mit den Streichinstrumenten inszeniert – die klingen schon in der „Fanfare“ der Rimbaud-Vertonung wie Blechbläser, später hört man vom Swedish Radio Symphony Orchester Gitarrentöne und flirrende Flageoletts. Zauberhaft! Das setzt sich fort über die Serenade bis zum Nocturne. Beide Werke legt Harding mit Sinn für lebendige Dramaturgie als durchgehende Erzählungen an, und den in der Serenade zwischen Tonalität und Atonalität aufgespannten, im Nocturne romantisch-melancholischen Ton erlebt man als spannenden Kontrast zu den oft in zeitgenössische Klangwelten vorstoßenden „Illuminations“.

Susanne Benda

Berg, Gershwin Klaviersonate Nr. 1, Preludes u. a. Evgeny Kissin; Deutsche Grammophon

Man könnte glauben, Evgeny Kissin werde gern unterschätzt. Oder hatte man ihn bislang als Verfechter der Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Schirm? Nun liegt der Mitschnitt seines Salzburger Recitals vom Sommer 2021 vor, und wir erleben den Pianisten als einen erstaunlich wandlungsfähigen Künstler, der verschiedene Ästhetiken abzubilden und Klänge unterschiedlicher Provinienz zu modellieren versteht.

Zu Beginn: Bergs Klaviersonate op. 1. Wenn in den Noten ein „espressivo“ gefordert wird, und das ist nicht selten der Fall, findet Kissin entsprechende Ausdrucksmittel, immer gepaart mit der Fähigkeit, ariose Linien zu bilden, selbst wenn die harmonische Grundlage dazu gar nicht einlädt. Nächste Überraschung: Klavierstücke des 2007 gestorbenen Tichon N. Chrennikow, Werke sehr gegensätzlichen Charakters, denen Kissin mit Präzision und auch mit einer gewissen Lässigkeit beikommt, etwa am Beginn des „Allegro vivace“. Der gleiche Ansatz findet sich, angemessen übertragen, auch in den drei „Preludes“ von George Gershwin, die von Verve und Groove gleichermaßen leben.

Hernach begibt sich Kissin wieder in vertrautere Zonen, zu Chopin und einer Auswahl an Stücken aus verschiedenen Sammlungen. Kissin betont im Beiheft, dass er vor Publikum „einfach inspirierter“ sei. Das hört man. Er präsentiert eine Form von innerer Freiheit, die vielleicht nur in der Live-Situation möglich ist. Mag auch Chopins As-Dur-Polonaise ein wenig perfekt geglättet wirken. Auch der Komponist Kissin gibt sich im Zugaben-Teil zu erkennen, mit „Dodecaphonic Tango“.

Christoph Vratz

Bach Doppelkonzerte für Cembalo BWV 1060–1062 Francesco Corti, Andrea Buccarella, Emmanuel Laporte; Pentatone

Der dritte Teil der Einspielung von Bachs Cembalokonzerten mit Francesco Corti und il pomo d’oro ist einer jener Glücksfälle, bei denen man jedes Stück, das gerade erklingt, zum Favoriten auf dem Album erklären möchte. Die beiden c-Moll-Konzerte BWV 1060 und 1062, bekannter in den Versionen als Doppelkonzerte für zwei Violinen/Violine und Oboe, glücken den Musikern in herrlicher harmonischer Rundung: mit natürlich schwingenden Tempi, warmer Farbigkeit und Bassfülle der einfach besetzten Streicher, mit einer Ausgestaltung der Solopartien durch Corti und Andrea Buccarella am zweiten Cembalo, die Musizierlust ebenso vermittelt wie Feingefühl und Geschmack.

Die warme, zurückhaltend brillante Aufnahme trennt die beiden Cembalopartien deutlich, aber nicht übertrieben – ein großes Hörvergnügen auch im C-Dur-Konzert BWV 1061, bei dem die Streicher beim Dialog der Tastenspieler dabei sein dürfen, ihnen aber weitgehend das Feld überlassen. Unwiderstehlich: das Fugen-Finale mit seinem Sprungthema, von Corti in hohem Tempo gestartet und von Buccarella ganz entspannt singend aufgegriffen.

Das Manuskript, in dem Bach die Cembalokonzerte notierte, enthält neun Takte eines Allegros für Cembalo, Oboe und Streicher (BWV 1059), das auf die Kantate BWV 35 „Geist und Seele sind verwirret“ zurückgeht. Corti hat das Fragment zum kompletten Concerto ergänzt – in einem brillanten Stil, der in vielem mehr an Wilhelm Friedemann als an Vater Bach denken lässt. Auch hier: köstliche Farbigkeit, bittersüße Expressivität. Ein Gewinn!

Friedrich Sprondel

Dvořák, Ginastera, Sarasate Violinkonzerte Hilary Hahn, hr-Sinfonieorchester, Andrés Orozco-Estrada; Deutsche Grammophon

Lassen wir mal die Plattenfirmen-PR-Poesie von der „Kraft des Authentischen“ und der „gleichermaßen emotionalen wie tiefen“ Erfahrung der Künstlerin bei der Rückkehr zum Live-Konzert nach Sabbatical plus Pandemie. So sentimental ist gerade Hilary Hahn nicht gestrickt, die gern eher überkontrolliert wirkt. Tut sie hier aber nicht.

Bleiben wir sachlich: Die US-Stargeigerin, inzwischen 42-jährige Mutter mit stetig erfolgreicher Weltkarriere, hat unter dem Titel „Eclipse“ („die Wiederentdeckung meiner musikalischen Stimme fühlte sich an wie der Moment nach einer Sonnenfinsternis“, jaja) drei wichtige Violinwerke mit Orchester eingespielt – die Spätromantik-Bonbons des slawisch verbrämten Dvořák-Violinkonzerts sowie die virtuos-rassige Carmen-Fantasie Pablo de Sarasates; plus das ruppig-gläserne, zu selten gegebene Violinkonzert Alberto Ginasteras von 1963, ein eigenwillig querständiges Klangjuwel des 20. Jahrhunderts.

Musikalische Partner waren ihr das ein wenig bräsige, aber schmiegsam klangassistierende hr-Sinfonieorchester Frankfurt unter seinem neutral agierenden Chef Andrés Orozco-Estrada. Hahn freilich nutzt die Gelegenheit, in Technicolor-Farben zu glänzen. Beim Dvořák verliert sie nie den Drive, definiert das Werk folgerichtig über den rhythmischen Impuls, erlaubt sich trotzdem einen schlanken, warmen Ton. Der Sarasate ist wilder, mutwilliger Kürlauf zum Finale. Vorher lässt sie bei Ginastera schon den Tiger aus dem Geigenkasten. Ihr gelingt in dessen ausschweifenden Kadenzen eine bockige Kratzbürstigkeit von eleganter, zum Hinhören treibender Art.

Manuel Brug

Raison Second livre d‘orgue Jean-Christophe Revel; Paraty

„Letztes Aufleuchten des Grand Siècle“: Der Titel, den Jean-Christophe Revel seinem Album gibt, verweist auf Ludwig XIV. Dem Sonnenkönig ist das zweite Orgelbuch von André Raison gewidmet. Raison (vor 1650–1719) schrieb es 1714 im Gedenken ans Ende des Spanischen Erbfolgekrieges. So beginnt die Sammlung mit einem Plein-Jeu-Satz über das „Da pacem Domine“. Ist der Monarch aber erst einmal geehrt, so wird Raisons Orgelbuch zur Sammlung herzhafter Weihnachts-Volkslieder.

Zum ersten Mal kann man Raisons „Second livre“ hier in solcher Geschlossenheit in einer Aufnahme erleben. Beim Hören wird man vom Erhabenen zum Volkstümlichen geführt. Und es ist verblüffend, wie meisterhaft Raison beide Tonfälle beherrschte und wie gekonnt und lebendig Jean-Christophe Revel sie musiziert. Vincent Lièvre-Picard, Lisandro Nessis und Jean-Manuel Candenot tragen die Melodien professionell, aber auch angenehm nahe am Volksliedhaft-Schlichten vor. Die Orgel der Kathedrale im südfranzösischen Auch erstrahlt im authentischen Klang des 17. Jahrhunderts: in glänzendem Plein-Jeu, mit feurigen Zungenensembles und wuchtigen Obertonmischungen.

Der lesenswerte Booklet-Text (französisch/englisch) macht das Nebeneinander von Pathos und Volkstümlichem verständlich als spirituelle Geborgenheit im Gottesgnadentum des Königs. So exotisch der Gedanke heute anmutet: Das Nebeneinander von Erdigem und blendender Transzendenz, das Revel in der Orgel von Auch offenlegt, macht den barocken Kontrast sinnlich greifbar. Ein besonderes Weihnachtsalbum also.

Friedrich Sprondel

Gershwin, Copland Variations on »I Got Rhythm« u. a. Lina Nyberg, Västerås Sinfonietta, Simon Crawford-Phillips; db Productions

Endlich einmal ein Titel, der Sinn ergibt: Jedes der drei Stücke hat ein musikalisches Thema einfachen Charakters zur Grundlage, das bearbeitet oder von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. „Reflections“ passt also. Die schwedische Västerås Sinfonietta punktet in ihrem Programm zusätzlich mit einem ungewöhnlichen Kompositionsauftrag: Sechs Komponisten aus Schweden – nicht nur „klassische“ – wurden gebeten, ihre musikalischen Gedanken zum Volkslied „Visa från Utanmyra“ zu Papier zu bringen, und daraus entstand eine Suite mit Thema und sechs „Reflexionen“. Aus einer bunten Zusammenstellung kreativer Köpfe entstand folgerichtig eine vielfältige Musik – nicht in jedem Stück gleichermaßen überzeugend, doch das Hören allemal lohnend.

Ebenfalls ein Volkslied verarbeitete Aaron Copland in seiner Ballettmusik „Appalachian Spring“. Die Västerås Sinfonietta liefert nicht nur eine wunderbar durchhörbare, durchdachte und auch tänzerische Interpretation, sondern, zusätzlich zur allgemein bekannten Suite, auch den Schluss der originalen Partitur, sodass sich der Hörer per Programmierknopf aussuchen kann, welche Version er hören will. Gute Idee!

George Gershwin schließlich legt seinen Variationen für Klavier und Orchester eine eigene Melodie zugrunde: „I Got Rhythm“. Dirigent Simon Crawford-Phillips übernimmt hier selbst den Klavierpart; gespielt wird eine Version für Kammerorchester von Iain Farrington. Auch hier holen die Interpreten alles an Übermut und Musizierlaune aus dem Werk heraus. Gute Laune auf hohem Niveau!

Thomas Schulz

Bloch, Arutiunian, Hétu, Estacio Proclamation Marc Geujon, Orchestre Symphonique de Mulhouse, Jacques Lacombe; Indésens

Diese schwungvollen Einspielungen machen mit einem bislang eher unbekannten französischen Orchester aus Mulhouse bekannt, das sich mit diesen Aufnahmen sehr niveauvoll behaupten kann. Auch in Frankreich scheint die sogenannte musikalische Provinz aufzubegehren, und wieder zeigt sich, dass die Dominanz der Metropole Paris einen allzu einseitigen Eindruck vom französischen Musikleben vermittelt. Freilich wird hier das Orchesterspiel vom hervorragenden Solisten Marc Geujon, erster Trompeter im Orchester der Pariser Opéra National, geradezu befeuert: durch eine eminent musikalisch-virtuose, sehr differenzierte Artikulation und Ausdruckskraft, welche den Werken zu spektakulären Wirkungen verhilft.

Natürlich bleiben die solistischen Spielweisen der Trompete im Vergleich etwa zu den Streichern oder zum Klavier beschränkt, aber dafür besitzen sie eine typische Idiomatik (signalhafte Akkordbrechungen, Tonrepetitionen, Legatospiel), durch welche sich Trompetenkonzerte auszeichnen. Sie sind für den Hörer zumeist leichter aufzufassen und entsprechend unmittelbar wirksam, wenn sie, wie hier in Arutiunians unverwüstlichem armenisch kolorierten Konzert, ein modernes Standardwerk des Repertoires schlechthin, mit frischem Impetus dargeboten werden.

Während der kanadische Komponist Jacques Hétu (1938–2010) in seinem Konzert nach dodekaphonen Anfängen zum modalen Komponieren findet, hat John Estacio (* 1966), gleichfalls aus Kanada, keine Hemmungen, auf das traditionelle Repertoire von Spielweisen zurückzugreifen.

Giselher Schubert

Vivaldi, de Saint-Georges Die vier Jahreszeiten Renaud Capuçon, Orchestre de Chambre de Lausanne; Erato/Warner

Als 33. CD bei seinem Hauslabel Erato seit 2001 hat Frankreichs führender Geiger Renaud Capuçon Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ eingespielt. Er hat sich damit viel Zeit gelassen, schließlich sind diese heute weitgehend Domäne der Darmsaiten-Geiger. Der 46-jährige vielseitige, dabei stets der Kammermusik Präferenz einräumende Musiker hat sich bisher auf dem Barock-Terrain höchstens mit Bach hervorgetan. Auch italienische Musik dieser Epoche liegt ihm hörbar, zudem kann er sich so als Solist wie Leiter des Orchestre de Chambre de Lausanne profilieren, dem er seit 2021 vorsteht.

Solostimme wie Streichkollektiv gehen eine fein akzentuierte Partnerschaft ein. Auf Stahlsaiten gibt man sich historisch beschlagen. Capuçon genießt die schier totgespielten Concerti mit farbenreicher Attacke, auch mit zärtlichem Ton (bei ihm durchaus individualisiert ein wenig harsch). Klug ausbalanciert wirken die Sätze wie die Binnentempi. Das hat neugierige, nie mutwillige Gelassenheit, die sich nicht durch scheinbare Ausgelatschtheit der Musik verschrecken, sie durch subtiles Ausharren in eigenen Facetten schillern lässt: eine Bereicherung der Diskografie durch einen wichtigen modernen Interpreten.

Ergänzt durch zwei der 14 Violinkonzerte des als schwarzer Komponist gerade schwer Diversity-angesagten Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges. Der wurde vier Jahre nach dem Tod Vivaldis auf Guadeloupe geboren, war eine brillante Erscheinung im vorrevolutionären Frankreich. Trotzdem bleibt seine Musik gegenüber der melodischen Innovationskraft Vivaldis Galanterieware.

Manuel Brug

Adams Slonimsky‘s Earbox, My Father Knew Charles Ives, Tromba Lontana, Lollapalooza Tonhalle Orchester Zürich, Paavo Järvi; Alpha

John Adams (* 1947) hat sich mit seiner Musik mittlerweile auch in Europa weithin durchgesetzt. Das liegt nicht nur an ihrer überragenden handwerklichen Qualität, an der originellen Fantasie seiner Werkkonzeptionen und an ihrer Ausdruckskraft, die auch ohne ausufernde Kommentare zugänglich bleibt. Vielmehr ist es ihm gelungen, einen Ausweg aus der Sackgasse minimalistischer Musik mit ihren endlosen Repetitionen zu finden und ihr eine historische Tiefe zu geben, ohne den Minimalismus zu verleugnen. In der bestechenden Komposition „My Father Knew Charles Ives“ macht Adams zum Beispiel die „Aura“ Ives’scher Musik präsent, ohne sie direkt zu zitieren und ohne dass seine eigene Musik ihre charakteristische Klanglichkeit verliert.

„Tromba Lontana“ und „Lollapalooza“ (das Wort soll nach dem Booklet-Text den K.o.-Schlag in einem Boxkampf bezeichnen) haben sich mit ihrem noch minimalistischen Habitus zu beliebten Zugabestücken gemausert, während „Slonimsky’s Earbox“ jedweder luxurierenden spätromantischen Klangfülle standhält (Nicolas Slonimsky war ein von Adams geschätzter Musikforscher).

Das Tonhalle-Orchester spielt die Stücke elastisch-schwingend in den minimalistischen Partien, energisch-schwungvoll in den vom Orchesterklang her gestalteten Abschnitten, einfühlsam-konturiert in den historischen Allusionen. Paavo Järvi gestaltet die Werke wie ein vertrautes Repertoire, doch ohne Routine. Er verlebendigt sie und stellt die hochvirtuose klangliche Brillanz des Orchesters heraus.

Giselher Schubert

Brahms Klavierstücke Vikingur Ólafsson; Deutsche Grammophon

An programmatischem Einfallsreichtum mangelt es Ólafsson nicht. Unter dem Titel „From Afar“ versammelt der Isländer auf seinem neuen Album Werke, die thematisch um Felder wie Heimat, Rückblick und Kindheit kreisen. Zu den hier präsentierten 44 Einzelstücken zählen auch eigene Bearbeitungen, etwa das Adagio aus Bachs dritter Sonate für Solo-Violine. Im Fall von Kurtágs Arrangement der ersten Bach-Triosonate für drei Hände bietet Ehefrau Halla die nötige Unterstützung.

Ansonsten: Kleinodien von Brahms, Schumann, Bartók, Mozart, Sigvaldi Kaldalóns und mehrfach Kurtág. Der erzählerische Bogen dieses Albums liefert viel assoziativen Freiraum bei allen, die zu Neugierde bereit sind. Vikingur Ólafsson ist nicht nur ein Maître kleiner Programmperlen, sondern auch ein Liebhaber leiser Töne. Sein Changieren im stufenlosen Bereich von Piano und Pianissimo beweist er hier eindrucksvoll. Auch wenn der Notentext Ornamentierungen erlaubt, allen voran Triller, zeigt sich, wie genau Ólafsson Herr seiner Ausdrucksmöglichkeiten ist.

Kein Zuviel, kein Zuwenig und in der Mitte immer hinreichend Klangsubstanz. Es mag verwundern, wenn seine eigene Bearbeitung von Mozarts „Laudate dominum“ etwas wattig wirkt, so liefert das Beiheft Aufklärung: Olafsson hat alle Werke zweimal aufgenommen, einmal am Flügel, einmal an einem Klavier, „dessen Klang durch eine Filzdecke auf den Saiten gedämpft wird“. Die sehr gute nahe Mikrofonierung lässt den Eindruck eines „unmittelbaren Dabeisitzens“ zu. Ein originelles, sehr feinsinniges Album.

Christoph Vratz

Rachmaninow Klavierkonzerte Nr. 2 u. 4 Anna Fedorova, Sinfonieorchester St. Gallen, Modestas Pitrenas; Channel

Dass Anna Fedorova eine Meisterin der musikalischen Feinzeichnung ist, konnte sie unlängst mit einem schönen Chopin-Recital zeigen. Für die beiden Rachmaninow-Konzerte hat sie sich gemeinsam mit Orchester und Dirigenten auf eine ähnlich luzide Gestaltungsweise geeinigt. Die vielfach geschundenen Werke erklingen quasi entschlackt, ohne orchestrale und pianistische Kraftmeierei beginnen die Partituren fast kammermusikalisch zu leuchten, der schlanke Streicherklang verbindet sich ideal mit Fedorovas flexibel-diskretem Spiel – eine Wohltat.

Frank Siebert

Pärt Lamentate, Nekrolog, Sinfonie Nr. 3 Filharmonie Brno, Dennis Russell Davies; Filharmonie Brno

Der Erfolg der Musik von Arvo Pärt – nach seinem dodekaphonen Frühwerk, zu dem der „Nekrolog” noch zählt – beruht auf ihrer an Alter Musik geschulten Schlichtheit. Zudem klingt sie (zumeist) harmonisch, ohne ins Seichte oder Schnöd-Unterhaltende abzugleiten. Dennis Russell Davies versteht es, weite Spannungsbögen aufzuspannen und noch das bloße Tönen ausdrucksvoll zu artikulieren. Die Filhamonie Brno erweist sich dem mit klanglicher Substanz in allen Instrumentengruppen makellos gewachsen.

Giselher Schubert

Rachmaninow, Chopin Cellosonaten Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov; Harmonia Mundi

Zwei der populärsten romantischen Cellosonaten, interpretiert in Annäherung an Klang und Geist ihrer Entstehungszeit. Chopin spielt Melnikov feinsinnig auf einem Érard-Flügel, Rachmaninow auf Steinway, das spezifische Spektrum an Obertönen macht den Unterschied. Queyras lässt sein Cappa-Cello von 1696 erblühen, gefühlvoll mit Passion und sehr bedacht im Einsatz von Vibrato. Aber nie sentimental, auch nicht im Largo der Chopin-Sonate. Ein durchdachtes und schlüssiges Konzept.

Norbert Hornig

Mosolow, Gliére Harfenkonzerte u. a. Xavier De Maistre, WDR Sinfonieorchester, Nathalie Stutzmann; Sony

Xavier de Maistre, ein „Maestro“ seines Instrumentes, nimmt den Hörer mit auf die Reise in die Welt der romantischen Harfe. Glières Harfenkonzert ist ein Standardwerk, das seines Schülers Alexander Mosolow wohl immer noch eine Rarität und Entdeckung. All das klingt edel, vornehm und einfach wunderschön. Wer sich neu für Harfe interessiert, findet hier einen leichten Zugang und macht gleichzeitig eine überraschende Bekanntschaft: mit der Sängerin Nathalie Stutzmann als Dirigentin.

Norbert Hornig