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KLEINE SCHULE DER GROSSEN HOFFNUNG


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Herzstück - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 07.04.2022

NAOMI FONTAINE

Artikelbild für den Artikel "KLEINE SCHULE DER GROSSEN HOFFNUNG" aus der Ausgabe 3/2022 von Herzstück. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Herzstück, Ausgabe 3/2022

"MEIN HAUS ZU VERLASSEN BEDEUTETE, ALLES ZU VERLASSEN."

Gute Bücher entfalten wahre Zauberkräfte. Wie der vielfach gepriesene Roman von Naomi Fontaine. Das Buch „Die kleine Schule der großen Hoffnung“ entführt in ein Leben, das uns völlig fremd ist: das der Innu, einer von elf indigenen Nationen Québecs. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die in der Welt der Weißen aufwuchs und als Lehrerin – wie die indigene Autorin Fontaine selbst – ins Reservat zurückkehrt. Rassismus, Diskriminierung und die Auslöschung von Sprache und Kultur haben auch in ihrer Klasse Spuren hinterlassen. Die Kinder begegnen ihrer Lehrerin mit Vorbehalten. Bis ein gemeinsamer Aufenthalt in der Natur und ein Theaterprojekt sie zusammenschweißen …

Nach langem Nachdenken und nachdem ich, eine Indianerin, endgültig die Entscheidung getroffen hatte, mit dem Schreiben zu beginnen, begriff ich eins: Jeder ...

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... Mensch, der etwas vollbringen will, stößt auf Hindernisse, aber man darf nie aufgeben. Man muss seine Idee weiterverfolgen. Nichts kann einen davon abbringen, bis zu dem Tag, an dem man allein dasteht. Aber selbst wenn man keine Freunde mehr hat, darf man nicht aufgeben. Dann ist es wichtiger denn je, das Ziel, das man sich gesetzt hat, zu erreichen. An-Antane Kapesh, 1975

Rückkehr ist Schicksal. Eine Rückkehr in das kleine Dorf und die sandige, stachelige Natur, zusammengeträumt anhand von unveränderlichen Kindheitserinnerungen. In meiner Straße am Saum der Bucht ging ich in der Menge unter. Ich, das stille kleine Mädchen. Als Baby weinte ich so selten, dass meine Mutter mich anstieß, um sich zu vergewissern, dass ich noch atme. Als Kind weinte ich so selten, dass meine Mutter mich einmal draußen auf den Stufen vergaß. Später ließ mich die sonderbare Gerechtigkeit des Lebens jede einzelne Träne nachholen. Mein beiges Haus zu verlassen bedeutete, alles zu verlassen. Auch wenn „alles“ nicht viel ist, weil man fast nichts hat. Ein weißes Metallbett, eine gemusterte Wolldecke. Ein Puppenhaus, ein Spielzimmer mit blauem Betonboden im Keller. Den ganzen Winter über rote Wangen von der Kälte, im Sommer braun gebrannt wie die Kinder im Süden. Vielleicht werde ich irgendwann ans Ufer dieser Bucht zurückkehren, meine Tante umarmen, in meinem alten Zimmer spielen.

Das Exil ist acht Autostunden entfernt, und es hat weiße Haut. Meine Mutter brauchte zwei Tage für die Strecke, für die unfassbare Entfernung, die ich mir nur vorstellen konnte, indem ich die Dörfer zählte, die wir durchquerten. Heute kenne ich sie in-und auswendig. Jeden Kilometer, jeden Ort. Dem Rhythmus der Kurven und Steigungen am Nordufer des Sankt-Lorenz-Stroms folgend. Immer knapp über dem Tempolimit. Ich war sieben Jahre alt. Ein kleines braunes Mädchen zwischen all den weißen Gesichtern, den blauen oder grünen Augen, dem blonden oder gelockten Haar. Eine Fremde. Die Neue. Anders. Meine dunkle Haut bemerken. Mich nicht dazugehörig fühlen. Ob sich die Welt woanders verändert hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß um die gefährliche Kurve bei Saint-Siméon, die viel zu spät begradigt wurde. Ich weiß, dass es zwischen Baie-Sainte-Catherine und Tadoussac nie eine Brücke geben wird, weil das Flussbett des Saguenay an dieser Stelle so tief ist wie das Meer. Und ich weiß, dass das kleine Dorf, dessen Namen mir entfallen ist, bald ein Geisterdorf sein wird, weil die Route 138 seit dem Bau der Umgehungsstraße nicht mehr hindurchführt. Man sagt, die Rückkehr sei der Weg der Exilanten. Wegzugehen war nicht meine Entscheidung gewesen. Fünfzehn Jahre später komme ich zurück und stelle fest, dass sich die Dinge verändert haben.

DIE SCHÜLER

Ich hatte sie mir oft vorgestellt. Unzählige Male. Noch bevor ich ihre Namen, ihre Familien, ihre Geschichte kannte. Noch bevor ich ihre Sehnsüchte kannte. Gut zwanzig Jugendliche, alle unterschiedlich, Jungen und Mädchen, schüchtern, witzig. Werdende Erwachsene. Eine Generation Kinder, verbunden durch ruhige Straßen ohne Ampeln. Nächtliches Händchenhalten am Strand. Nostalgie. Ich sah die Wände meines Klassenzimmers vor mir, dunkelgelb gestrichen, und den wuchtigen alten Holzschreibtisch, an den ich mich lehnen würde. Die billigen weißen Regale, auf denen sich französische Wörterbücher, Konjugationstabellen und nutzlose Synonymlexika stapeln würden, die die Schulbehörde lange Zeit für unentbehrlich hielt. Ich stellte mir vor, wie ich die nackten Wände schmücken würde. Mit Fragmenten der Literaturgeschichte, mit Zitaten aus Romanen, Fotos von Schriftstellern, Postern von berühmten Gemälden. Mit Werken, die in fremden Köpfen entstanden waren und dabei helfen, seinen eigenen Weg zu finden. Ich würde mich auf keinen Fall darauf beschränken, französische Grammatik zu unterrichten, die vielen absurden Rechtschreibregeln und das Cedille, das das C weicher macht. Ich würde meinen Schülern von der Welt erzählen. Davon, wie man die Welt sehen kann. Wie man sie lieben kann. Und davon, wie man die unsichtbare, längst überholte Grenze überwinden kann, die um das Reservat verläuft, das wir selbst lieber als „Gemeinschaft“ bezeichnen, um unsere Herzen zu besänftigen. Nachdem ich den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, probte ich wochenlang meinen ersten Auftritt vor der Klasse. Ich würde den Schülern mit fester Stimme von meinem Studium erzählen und davon, warum ich Lehrerin geworden war. Von meiner Rückkehr hierher, nach Uashat. Ich würde ihnen nicht erzählen, was ich alles aufgegeben hatte. Und auch nicht, dass ich fürchtete, hier bei mir zu Hause nicht anerkannt zu werden. Ich würde ihnen meine Zweifel verheimlichen, meine Unsicherheit als Berufsanfängerin, mein mangelndes Selbstvertrauen. Und ich würde nicht auf Innu zu ihnen sprechen. Weil ich Schwierigkeiten mit der Grammatik hatte und den Akzent einer Weißen. „Ich wollte einen guten ersten Eindruck hinterlassen, und obwohl ich den Schülern anfangs trotz meiner Hautfarbe und meiner dunklen Augen wie eine Fremde vorkommen musste, war ich fest entschlossen, ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Ich würde ihnen nicht nur Französisch beibringen. Sondern auch, wie man sich selbst findet. Das war vorher. Bevor Marc nicht mehr zum Unterricht erschien. Bevor Myriam den Kopf hängen ließ. Bevor ich Mélinas verstecktes Talent entdeckte. Vor Rodrigos Rebellion. Vor Mikuans schüchternem Lächeln. Bevor mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Bevor es kein Zurück mehr gab. Bevor ich mich selbst fand. (…)

UNNTERRICHT

„Madame, was machen wir heute?“ –

„Französisch.“

„Bäh! Ich hasse Französisch.“ (…)

Sie nannten mich von Anfang an „Madame“. Noch bevor sie meinen Namen kannten. Aber auch später, als sie mich längst duzten und mit mir herumalberten, sagten sie weiter „Madame“ zu mir. Die Regel war ein paar Jahre zuvor an der Schule eingeführt worden und wurde konsequent durchgesetzt. Anfangs tat mir das „Madame“ in den Ohren weh, ich kam selbst frisch von der Uni und fühlte mich noch nicht richtig erwachsen, noch nicht bereit für eine so förmliche Anrede. Aber ich sah schnell ein, dass es nötig war. Wenn ältere Schüler mich mit tiefer Stimme fragten, ob sie heute eher gehen durften. Wenn ich abends unter der Woche ein paar Schüler im Billardsalon traf, wo ich vergeblich versuchte, mich hinter meinem Glas Wein zu verstecken. Wenn in der Klasse wieder einmal lautes Gelächter ausbrach und ich kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren. Die Schüler nannten mich „Madame“ und dadurch schaffte ich es, meine Stimme gerade so weit zu erheben, dass ich für Ruhe sorgen konnte. Ich war kaum älter als meine Schüler und manchmal war ich die ganze Unterrichtsstunde lang damit beschäftigt, mich selbst zu beobachten. Ich war unzufrieden mit meinen Bewegungen. Mit meinen Händen, die ununterbrochen und viel zu schnell redeten. Nervöse, unsichere Hände. Hände, die ich irgendwann immer in die Hüften stemmte wie ein bockiges Kind. Wie ein kleines Mädchen, das mit seinen Puppen schimpft. Hände, die es leid waren, um Aufmerksamkeit zu betteln. Um die sporadische Aufmerksamkeit von Schülern, deren Hände lässig auf den Tischen lagen. Mit hohen Absätzen und fast immer in Jeans spielte ich die Rolle der jungen, idealistischen Lehrerin. Die immer ein wenig zu sehr die Augenbrauen hebt, wenn sie mit den Schülern redet, und sich jedes Mal entschuldigt, wenn sie sich verspricht. Es klang aufgesetzt. Ich versuchte vergeblich, mich daran zu erinnern, was ich an der Uni über Motivation, Disziplin und schulischen Erfolg gelernt hatte. Ich improvisierte. Pausenlos.

DIE BILDER

Im Flur zwischen dem Sekretariat und dem Lehrerzimmer hängen Schwarz-Weiß-Fotos. Eine alte Frau mit runzeligem Gesicht, die eine traditionelle schwarz-rot karierte Mütze trägt. Sie macht sich nicht die Mühe, in die Kamera zu blicken. Später erfuhr ich, dass die katholischen Missionare die Innu-Frauen gezwungen hatten, diese Mützen und die traditionelle Frisur, die über den Ohren eingerollten Zöpfe, zu tragen. Weil die Innu zu schön waren, wenn ihnen das Haar offen über den Rücken fiel. Anziehend und wild. Viel zu schön für die Priester, die Enthaltsamkeit gelobt hatten. Also machten sie sie absichtlich hässlich. Das nächste Bild zeigt einen Mann mit einer Axt in der Hand und einer Pfeife im Mund. Er verzieht keine Miene. Im Hintergrund steht ein kleines Zelt. Er sieht den Fotografen mit diesem Blick an, den Männer aufsetzen, wenn sie ein Werkzeug in der Hand halten und gleich mit der Arbeit beginnen. Er hat es nicht eilig, Bäume zu fällen. Er raucht. Er ahnt nicht, dass künftige Generationen in ihm den typischen Indianer sehen werden. Und dann ist da noch dieses kleine Mädchen. In Nahaufnahme. Höchstens zwei Jahre alt, vielleicht sogar noch jünger. Dunkle Haut, Pausbacken, schwarze Augen. Sie trägt eine Zipfelmütze, die ihr rundes Gesicht einrahmt. Eine Art Mützenschal, der vor den blutrünstigen Junimücken schützt. Die Mütze ist aus buntem Stoff und mit Schleifen verziert. Dieses Porträt ist mein Lieblingsbild. Das Mädchen zeigt mit seinem dünnen Finger auf etwas, was man sich nur vorstellen kann. Sie blickt ernst. Ihr Mund formt ein Herz. Sie spricht. (…)

WOCHENENDE

Am Freitagnachmittag um vier sind meine Sachen gepackt. Chips und Softdrinks, warme, bequeme Kleidung, keine Schminke, kein Parfum, ein paar Haargummis, meine Zahnbürste. Mein Onkel belädt den Pick-up. Ich gehe ins Haus, um mit meiner Tante zu reden. Ich habe Probleme mit einem Schüler, der mich zur Weißglut bringt. Bei ihm habe ich den Eindruck, völlig die Kontrolle zu verlieren. Meine Tante erzählt mir, er sei der Sohn von Bekannten. Die Mutter hatte sich mit ihrem Liebhaber nach Schefferville abgesetzt. Die Wut des betrogenen Vaters. Die Familie zerstört wegen einer kopflosen Liebelei. Ich spüre, wie sehr meine Tante das Verhalten der Mutter missbilligt. Zwei Stunden Autofahrt. Alte Countrysongs von einer Innu-Band. Viele Zigaretten, meine Tante und ich rauchen Kette. Ein Kaffee in Port-Cartier. Eine Schotterstraße, die man nicht aus den Augen lassen darf, weil jederzeit ein Stachelschwein auf die Fahrbahn laufen kann. Bäume, deren Äste miteinander verwachsen sind, die Stämme getrennt durch einen Bach. Hier ist der Herbst nicht wie im Süden rot oder orange. Er ist dunkelgrün mit gelben Flecken. Ich denke über meine Wut auf diesen Jungen nach. Verstehe seine eigene Wut besser. Zwei tote Rebhühner am Wegesrand. Eins mit einer Kopfwunde, das andere mit einer Wunde am Bauch. Rings um die Hütte wachsen Tannen und Fichten. Ein paar Birken mit kurzen Stämmen und gelben Blättern. Der See, an dessen Ufer mein Großvater einst seine Hütte gebaut hat, erstreckt sich von einem Ende des Horizonts zum anderen. Wenn man mit dem Kanu rausfährt, kann man andere Familien besuchen, andere Jäger. Meine Tanten haben sich in der Nähe meines Großvaters eigene Hütten gebaut. Insgesamt sind es fünf. Ein richtiges kleines Dorf. Am Ufer gibt es eine Halbinsel, auf der graue Baumstämme ins Wasser ragen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie ein badender Elch. Man muss schon genauer hinsehen, damit einem der Impuls vergeht, den Jäger auf die Anwesenheit des mächtigen Tiers hinzuweisen. Unwahrscheinlich ist das nicht, man muss nur wachsam sein. Durch das große Fenster sieht man auf den See. Der Kaffee schmeckt besser, wenn er in einer Blechkanne gekocht worden ist. Mein Onkel hat seine Hütte vor fünf Jahren gebaut. Sie besteht aus einem einzigen großen Raum. Drei Betten mit warmen Decken, die meine Tante genäht hat. Ein Holzofen neben der Küchenzeile, der auch als Herd und Toaster dient. Dieser schlichte schmucklose Ort trägt zu dem Frieden bei, den der See und der Fichtenwald ausstrahlen. Die Nacht war kalt, ich ziehe mir einen Wollpulli über, während mein Onkel ein Holzscheit in den Ofen schiebt. Er fragt mich, ob ich gefroren habe. Ich sage, ein bisschen. Er zieht mich das ganze Wochenende damit auf. Als er abends vorm Schlafengehen mehrere Scheite in den Ofen schichtet, macht er einen weiteren Witz auf meine Kosten. Ich lache mit ihm. Das einfache Leben lässt die Unzufriedenheit verschwinden. Man sieht nicht in den Spiegel. Man sieht hinaus auf den kristallklaren See und hält Ausschau nach den schwarzen Kreisen, die die Forellen unter der Oberfläche ziehen. Man trinkt frisches Bachwasser und wirft keine Essensreste in der Nähe der Hütte weg, um die Bären nicht anzulocken. Morgens der Geruch von Eiern und Speck, meine Tante am Herd. Ein Onkel kommt auf einen Kaffee vorbei. Er erzählt uns von Elchspuren auf dem Waldweg hinter unserer Hütte. Fragt, was wir heute vorhaben. Dann geht er wieder. Er hat alles gesagt, was er zu sagen hatte. Bevor wir am Sonntag gegen elf Uhr aufbrechen, schauen wir nach den Hasenschlingen. Mein Onkel und meine Tante sagen, ein in der Schlinge gefangener Hase schreie wie ein Neugeborenes. Aber das höre man nur selten. Der Hase stirbt nachts, sein letzter Kampf findet zwei, drei Meilen entfernt von dem Ort statt, an dem wir schlafen. Es ist besser, nicht dabei zusehen zu müssen. Mein Onkel und meine Tante sagen, dass einem sonst die Lust auf die Jagd vergeht. Zwei Tage in der Wildnis sind nicht genug. Zu kurz, um mir all das, was ich als Kind verloren habe, wieder anzueignen. Ich wusste nicht, wie sehr ich die Natur vermisst hatte. In all den Jahren. Also fahre ich am nächsten Wochenende wieder mit raus. Und am übernächsten auch. Ich lerne, wie man Schlingen legt, ich lerne, im Dunkeln keine Angst zu haben. Jedes Wochenende. Bis der erste Schnee die Schotterpiste unpassierbar macht. (…)

UNTERRICHT

„Madame, was machen wir heute?“ – „Französisch.“

„Ja, aber was in Französisch?“ – „Ein Diktat.“

„Bääh, ich hasse Diktate!“

Der Schüler schlenderte zu den Bücherregalen und zog seinen Rucksack aus einem Haufen bunter Schultaschen. Dann ging er zu seinem Platz und holte sein Heft heraus. Schrieb das Datum oben rechts in die Ecke. Warf seufzend den Stift auf den Tisch. Meine Schüler waren schweigsam. Nicht schüchtern. Eher zurückhaltend. Wachsam. Wenn ich zu ihnen ging und mich für das Heft interessierte, über dem sie brüteten, erstarrten sie. Warteten, dass ich etwas sagte. Ich wartete auch. Auf eine Frage. Einen Kommentar. Nichts. Ich schlenderte weiter, irrte durch die Klasse, ein starres Lächeln auf den Lippen. Nach einer Weile ging mir auf, dass ich an meinem Pult besser aufgehoben war. Dass ich dort aufhören konnte zu warten. Dass mein Auf-und-Abgehen sinnlos war. Also setzte ich mich wieder. Kläglich. Eines Vormittags schnappte ich ein Gespräch zwischen zwei Mädchen auf. Sie erzählten sich kichernd von ihrem Wochenende. Die Abenteuer der letzten Nacht waren noch frisch. Ihre Augen leuchteten. Zwei sorglose Jugendliche. Am liebsten wäre ich zu ihnen gegangen und hätte mitgelacht, ihnen indiskrete Fragen gestellt. Aber ich hielt mich zurück. Ich rief sie zur Ordnung und forderte sie auf, sich wieder ihren Heften zuzuwenden. Sie warfen mir böse Blicke zu. War ich so durchschaubar? (…)

"ICH BEGRIFF, DASS WIR EINE ANDERE WELT BETRETEN HATTEN."

DER ZUG

Morgens um Viertel nach sieben war ich am Bahnhof. Ein paar Schüler standen schon mit ihrem Gepäck vor dem Eingang. Sie trugen dicke Winterjacken und handgestrickte bunte Mützen, abgewetzte Schneehosen und Mokassinstiefel. Bei ihrem Anblick wurde mir klar, dass sie genau wussten, wohin es ging: an einen Ort, an dem es Anfang März noch eiskalt war, einen Ort, an dem man sich warm anziehen musste. „Madame, wir warten schon seit einer halben Stunde auf dich. Wir müssen früh auf dem Bahnsteig sein, damit wir gute Plätze kriegen.“ „Ich komme ja schon.“ Jetzt bereute ich, dass ich so viel Zeit damit verschwendet hatte, mich zu schminken und ein sportliches T-Shirt und einen Wollpulli auszusuchen, die lässig wirken sollten. (…) Wir würden sechs Tage lang in der Wildnis bleiben. Meine einzige Befürchtung war, dass die Jugendlichen sich langweilen würden. Sie waren es gewohnt, ständig mit ihren Smartphones und Laptops im Internet zu sein und ihre Lieblingsserien zu gucken, und es würde ihnen bestimmt schwerfallen, darauf zu verzichten. Dort draußen gab es keinen Strom und kein Handynetz. Ich hatte schon viel von Nutshimit gehört, und ich hatte es mir oft vorgestellt. Unberührte Natur, so weit das Auge reicht. In allen vier Himmelsrichtungen. Wind, Kälte, Weite, Stille. Zum ersten Mal im Leben würde ich das Land meiner Vorfahren betreten. Wir reisten von Sept-Îles aus 250 Kilometer gen Norden. Die kurvenreiche Bahnstrecke führte durch Gebirge und über Flüsse. Der Zug fuhr nicht schneller als fünfzig Stundenkilometer. Ich saß am Fenster und bewunderte den Schnee auf den hohen Fichten, die riesigen zugefrorenen Seen, die Berge am Horizont. Zwischen Abfahrt und Ankunft hielt der Zug mehrmals auf freier Strecke. Ich erfuhr, dass es dort immer irgendwo ein Jagdgebiet oder eine Hütte gab, weil viele Familien regelmäßig für ein, zwei Wochen in die Wildnis zogen. Die Orte waren auf keiner Landkarte eingezeichnet. Trotzdem hatten sie einen Namen und eine Geschichte. Gegen drei Uhr erreichten wir Kilometer 262. Die Sonne glitzerte auf dem Schnee. Eine gleißend weiße Fläche. Ein hagerer alter Mann ohne Zähne holte uns ab, er saß auf einem Schneemobil mit Anhänger. In der Ferne zeichnete sich eine Hütte ab. Er erklärte, dass es insgesamt drei Hütten gebe und er mehrmals hin-und herfahren werde. Diejenigen, die es am eiligsten hatten, fuhren beim ersten Mal mit. Ich rauchte erst mal eine Zigarette. Als ich sah, wie meine Schüler die kleinen und großen Gepäckstücke auf den Anhänger luden, ihre Sonnenbrillen aufsetzen, fröhlich in der Kälte hin und her liefen und unbekümmert lachten, begriff ich, dass wir eine andere Welt betreten hatten.

BUTSHIMIT

Unsere Gastgeber hießen Anne-Marie und Jean-Guy. Ein ruhiges, freundliches Paar, einfache, ehrliche Leute. Sie waren perfekt aufeinander eingespielt, sie verstanden sich ohne viele Worte. Jean-Guy faszinierte mich. Vom Frühjahr bis zum Herbst arbeitete er als Hausmeister in einer Eisenmine in Fermont, im Winter, wenn die Mine geschlossen war, verbrachte er die Monate der Arbeitslosigkeit hier draußen in Dolliver. Ein Innu, der das Leben eines Innu lebte. Wenn er seinen schweren handgenähten, mit Perlen bestickten Parka anzog. Wenn er sich das Gewehr umhängte und mit dem Schneemobil über Wege raste, die unter meterhohem Schnee begraben waren. Wenn er mehrere Kilometer von seiner Hütte entfernt Schlingen auslegte, im Vertrauen auf die Natur. Ich konnte nicht sagen, was an diesem Mann mich so sehr berührte. War es seine körperliche Kraft, obwohl er auf den ersten Blick alles andere als muskulös wirkte? War es die Ruhe, die er ausstrahlte, wenn wir über zugefrorene Seen fuhren und die Kufen des Schneemobils beunruhigend tief in die tauende Eisfläche einsanken? War es der Tonfall seiner Stimme, wenn er seine Frau um einen heißen Tee bat? Oder die Art, wie sie Zucker hineinrührte und ihm die Tasse reichte? Oder war es die Sprache der Wildnis, Innu-Aimun, unsere Sprache, in der er von der Lebensweise unserer Vorfahren erzählte? Eine alte Sprache, die noch fremder war als dieser Ort. Wir saßen da und hörten gebannt zu, wie er uns mit seinen Worten eine ganze Welt eröffnete. Einige Schüler kannten das Leben in der Natur. Sie hatten das Land unserer Ahnen schon früher mit ihren Familien besucht. Sie brachten mir bei, wie man ein Gewehr hält und auf den Kopf eines Schneehuhns zielt, wie man sich anzieht, um keine kalten Füße zu bekommen, und wie schön es sein kann, sich abends in der Mädchenhütte bei Kerzenschein aus seinem Leben zu erzählen, jede in ihr Bett gekuschelt. Die Schüler hörten irgendwann auf, mich „Madame“ zu nennen, ohne dass es mir auffiel. Sie sagten: „Yammie, weißt du, was vorhin passiert ist?“ oder: „Yammie, komm mal mit, das musst du dir ansehen, das ist so lustig“ oder: „Yammie, warum hast du keinen Freund?“ Wir befanden uns in einer anderen Welt, weit weg von Schulbüchern und Klausuren. Weit weg von den sozialen Medien und dem Klatsch im Reservat. Weit weg von allen Familiendramen und von dem Unglück, das sie mit sich brachten. Weiter weg als an allen anderen Orten, an denen ich je gewesen war. Und trotzdem waren wir ganz nah dran. Ganz nah dran an uns selbst. (…)

Textauszüge aus: Naomi Fontaine: „Die kleine Schule der großen Hoffnung“. Roman. Aus dem Französischen von Sonja Finck. C. Bertelsmann, 16 Euro

Indigene Star-Autorin

Autoren schreiben häufig am besten von Dingen, die sie selbst erlebt haben. Das ist bei Naomi Fontaine, geboren 1987 in Uashat, nicht anders. Wie die Protagonistin ihres Romans hat auch sie als Kind das Reservat verlassen und später in Québec Pädagogik studiert. Heute ist sie ein aufgehender Stern am Himmel der indigenen kanadischen Literatur. Ihr Roman erzählt von dem sorgenreichen Leben der kanadischen Ureinwohner. Inzwischen hat auch die Politik das begangene Unrecht erkannt und Entschädigungen versprochen.

Zum Weiterlesen: „Die kleine Schule der großen Hoffnung” von Naomi Fontaine (C. Bertelsmann, 16 €)