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KLEINE WUNDER


National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 27.08.2021

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 9/2021

2015 näherte sich der Komet C/2014 Q2 Lovejoy erstmals wieder seit Jahrtausenden der Sonne (hier in einem Mosaikbild aus zwei Fotos). Lovejoy stammt wahrscheinlich aus der Oortschen Wolke, einer fernen Ansammlung von Eiskörpern, die Theorien zufolge das Sonnensystem umgibt. Lovejoy ist einer von etwa 4000 be kann ten Kometen unter den Milliarden, die noch in unserem kosmischen Hinterhof vermutet werden.

Gelassen bereitet sich DANTE LAURETTA auf die 17 Sekunden vor, auf die er seit 16 Jah - ren hingearbeitet hat.

Der Monitor des Planetologen zeigt drei Simulationen eines von Schutt bedeckten kreiselförmigen Objekts, das durch ein Sternenmeer schwebt: der Asteroid 101955 Bennu. Der Forscher von der University of Arizona sitzt auf einem gepolsterten Metallhocker in einem unscheinbaren Gebäude in Littleton, Colorado. Mit seinen Betonsteinfluren, losen Deckenplatten und dem gelegentlichen Wespenproblem könnte es ein Nullachtfünfzehn-Bürogebäude sein. Die Raumschiffbilder an den Wänden und die Schilder über den Arbeitsplätzen – Elektrischer Antrieb, Telekommunikation, Leitsysteme, Navigation, Kontrolle – verraten seine wahre Funktion: Dies ist die Kontrollstation von Lockheed Martin Space.

20. Oktober 2020, 13.49 Uhr Ortszeit. Auf dem Bildschirm: Bennu, umgeben von einem grünen Ring. Es ist der Orbit ...

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... einer Nasa-Raumsonde mit dem unaussprechlichen Namen Origins Spectral Interpretation Resource Identification Security – Regolith Explorer, kurz OSIRIS-REx. In weniger als drei Stunden wird der Roboter den ersten Versuch unternehmen, an Bennu heranzusteuern und hoffentlich ein wenig außerirdischen Staub und Geröll einzusammeln.

Nach seinem Start im September 2016 musste OSIRIS-REx zweimal die Sonne umkreisen, um Bennu einzuholen, der an diesem schicksalhaften Oktobertag über 300 Millionen Kilometer weit weg ist. Mit weniger als 500 Meter Durchmesser ist Bennu der kleinste Himmelskörper, den je eine Sonde umkreiste. Seine Oberfläche ist so zerklüftet, dass Laurettas Team sie ein Jahr lang kartierte, um eine sichere Stelle zum Landen zu finden. Nach all diesen Vorbereitungen müsste Lauretta heute eigentlich nervös sein, doch im letzten Stadium der Milliarden-Dollar- Mission wirkt er ganz ruhig. „Die Sonde ist heute wirklich gut drauf “, sagt er.

Warum so viel Stress und Mühe für ein paar Kilo Staub und Geröll? Die Bestandteile des Asteroiden stammen aus den Anfängen des Sonnensystems vor über 4,5 Milliarden Jahren. Das vermutlich kohlenstoffhaltige Gestein ist wie ein unberührtes Archiv, das während der Entstehungszeit der Planeten angelegt wurde. Es könnte uns verraten, woher die Erde ihre Ausgangsstoffe für das Leben hatte. „Für die Wissenschaft ist das eine Goldgrube“, sagt Lauretta.

Doch Bennu trägt nicht nur die Schöpfung in sich, sondern auch die Macht zur Zerstörung: Mit einer geringen, aber realen Chance von 1:2700 kommt er der Erde nahe genug , dass er zwischen 2175 und 2199 mit ihr kollidieren könnte. Die OSIRIS-REx-Proben sind der Schlüssel zur Abwehr eines Einschlags, der über zwei Millionen Mal mehr Energie freisetzen würde als die Explosion, die Beirut vor einem Jahr erschütterte. Genug, um ein ganzes Land zu verwüsten, vielleicht sogar einen Kontinent.

Bennu und OSIRIS-REx stehen für gleich zwei Revolutionen in der Astronomie, die alte Vorstellungen vom Sonnensystem über den Haufen werfen. Die hochmodernen Teleskope machen kleinere, lichtschwächere Objekte sichtbar, sodass Astronomen den Raum zwischen den acht Planeten füllen können. Vor 20 Jahren kannten wir rund 100 000 Himmelskörper in unserem Sonnensystem, Anfang 2021 waren es knapp über einer Million. Parallel dazu entwickelten Raumfahrtbehörden Technologien, um diese neuen Welten zu erkunden und Teile davon für genauere Analysen zur Erde zu bringen.

Worum es bei all dem geht, ist nicht abstrakt. Was wir in der Schule über das Sonnensystem gelernt haben, scheint auf den ersten Blick logisch. Doch Astronomen und Planetenforscher vermuten seit Jahrzehnten, dass da irgendetwas nicht ganz stimmt. So lässt sich kaum erklären, wie Uranus und Neptun dort entstanden sind, wo sie heute ihre Bahnen ziehen. Zudem fehlen unserer kosmischen Heimat die häufigsten Planetentypen, die um andere, fremde Sterne kreisen. Und Stand 2021 ist die Erde immer noch der einzige belebte Planet.

Wie genau also kam unser Sonnensystem hierher – und wie entstanden seine Bewohner?

Kleine Objekte wie Bennu galten lange als bloße Überreste der Planetenentstehung. Inzwischen wissen wir, wie wichtig sie für die Suche nach den Antworten auf die großen Fragen sind. Viele von ihnen sind Zeitkapseln, praktisch unverändert seit der Entstehung unserer Sonne. Andere könnten das Leben auf der Erde bedrohen. Indem wir diese himmlischen Urzeitwelten untersuchen, können wir erfahren, woher wir kommen – und verhindern, dass diese Objekte genau das zerstören, was aus uns geworden ist.

DAS MENSCHLIC HE INTERESSE an Kleinkörpern – Astronomiejargon für jedes natürliche Objekt, das die Sonne umkreist und kein Planet, Zwergplanet oder Mond ist – besteht ebenso lange, wie Menschen in den Himmel blicken. Über Jahrtausende entdeckten Menschen überall auf der Erde Kometen und Meteore am Nachthimmel und betrachteten sie als wichtige Omen. Viel mehr konnte man lange nicht tun, weil Kleinkörper kaum Sonnenlicht reflektieren und daher im dunklen All schwer aufzuspüren sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren etwa 500 Asteroiden in der Sonnenumlaufbahn bekannt, angefangen mit der 1801 entdeckten Ceres. Mit besseren Teleskopen gab es in den Achtziger- und Neunzigerjahren immer mehr Entdeckungen. 1992 fanden Forscher das erste Objekt (abgesehen von Pluto und einem seiner Monde) hinter der Bahn des Neptun. Dies bestätigte Theorien über die Außenzone des Sonnensystems, die nun Kuipergürtel heißt. Heute wissen wir, dass diese weit entfernte Region mit Tausenden, vielleicht Hunderttausenden von Eiskörpern gefüllt ist.

Wollte man jedoch festlegen, wann das Kleinkörperfieber begann, wäre es wohl der 11. März 1998. An diesem Tag gab das Minor Planet Center in den USA, das offizielle Archiv aller Asteroiden- und Kometenbahnen, eine