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Kleiner Schnitt, GROSSES GLÜCK


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 25.05.2022
Artikelbild für den Artikel "Kleiner Schnitt, GROSSES GLÜCK" aus der Ausgabe 7/2022 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 7/2022

Unsere Expertin

Franziska Luck

… ist unsere Gastautorin und seit 2009 ausgebildete Hebamme. Sie arbeitet in der Metropolregion Hamburg und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern südlich der Elbe.

Du hattest einen Kaiserschnitt, du Arme!“ „Das tut mir aber leid für dich, dass es nicht ‚normal‘ geklappt hat.“ „Fühlst du dich überhaupt mit dem Kind verbunden, ohne natürliche Geburt?“ Solche Aussagen hören sicherlich einige Mütter, die per Kaiserschnitt entbunden haben. Und nicht wenige sind enttäuscht, wenn es nicht auf natürlichem Weg geklappt hat und die Geburt in einem (Not-)Kaiserschnitt endete.Schwangere, die sich bewusst für einen Kaiserschnitt entscheiden, ernten Unverständnis, da diese Entscheidung in den Augen anderer nicht richtig ist. Aber was ist „richtig“? Wer hat das Recht, dies festzulegen?

Gründe für einen Wunschkaiserschnitt

Mal zu den Fakten: In Deutschland kommen etwa 30 Prozent der ...

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... Kinder per Kaiserschnitt zur Welt, davon sind nur etwa zwei Prozent geplante Kaiserschnitte. Die Gründe für die Entscheidung, sein Baby per Kaiserschnitt bekommen zu wollen, sind vielfältig – doch der häufigste ist Angst. Gerade während der ersten Schwangerschaft schüren Horrorgeschichten über Geburten diffuse Ängste. Manchmal ist es auch die konkrete Angst vor den Schmerzen oder die Sorge, dass dem Kind während der Geburt etwas passieren könnte. Und, nicht zu vergessen: Bei einem Kaiserschnitt weiß man, was einen bei der Geburt erwartet. (Fast) alles ist planbar, selbst der Geburtstermin.

Was aber auch immer die Beweggründe sind, es ist wichtig, sich bei der Hebamme oder beim Arzt gut beraten zu lassen. „Gut“ bedeutet nicht, belehrt oder bekehrt zu werden, sondern ein Gespräch darüber zu führen, woher der Wunsch kommt. Wer sich nach ausführlicher Beratung in seinem Wunsch nach einem Kaiserschnitt bestärkt fühlt, der sollte ihn auch durchsetzen.

Für die Mama mehr Risiken, fürs Baby weniger

Bei manchen Schwangeren stellt sich aber im Laufe des Beratungsgesprächs heraus, dass die „natürliche“ Geburt schließlich doch der richtige Weg ist. Viele Frauen wissen im Vorfeld gar nicht, worauf sie sich einlassen. Der Kaiserschnitt ist und bleibt eine Operation – und wie bei allen operativen Eingriffen besteht ein Risiko für Komplikationen. Deshalb muss man vor dem Eingriff einen langen, gefühlt zehnseitigen Auf klärungsbogen unterschreiben, nachdem der Arzt über die Operation und mögliche Komplikationen wie Infektionen, Verletzung anderer Organe oder Wundheilungsstörungen aufgeklärt hat.

Für das Baby ist die Kaiserschnittgeburt tatsächlich sicherer als eine vaginale Geburt, das Risiko von Komplikationen geringer. Kaiserschnittkinder haben aber manchmal sogenannte Anpassungsstörungen. Das bedeutet, dass die Kinder in den ersten Minuten nicht hundertprozentig fit sind und leichte Probleme mit der Atmung haben. Das kommt aber auch bei „natürlichen“ Geburten vor.

Studien haben gezeigt, dass Kaiserschnittkinder später ein erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Asthma oder Allergien haben können. Als Ursache sehen die Forscher hier den fehlenden Kontakt mit den Keimen aus der mütterlichen Scheide während der Geburt.

Dass der Kaiserschnitt an sich komplett schmerzlos verläuft, ganz im Gegensatz zu einer spontanen Geburt, stimmt. Aber man darf nicht vergessen, dass die Schmerzen nach der Geburt kommen. Jede Mutter, die per Kaiserschnitt entbunden hat, wird sich noch an die extremen Schmerzen beim ersten Aufstehen, wenige Stunden nach der Operation, erinnern. Aber es wird mit jedem Aufstehen besser, denn die Bewegung hilft der schnelleren Heilung und Genesung. Wer also denkt, er könnte sich die Schmerzen durch die Art der Geburt sparen, irrt leider – der Zeitpunkt der Schmerzen verschiebt sich lediglich nach hinten.

Anerkennung statt Momshaming

Der Druck von außen und insbesondere von anderen Müttern ist groß: Du MUSST spontan entbinden, du MUSST stillen. Kein Raum für eigene Entscheidungen und persönliche Wünsche – aber warum? Jede Schwangere hat das Recht, sich die Art der Geburt zu wünschen, die sie für sich persönlich als die beste empfindet – und dann auch zu bekommen.

Ich finde, jeder sollte für sich selbst entscheiden dürfen, wenn es um das ganz persönliche Thema Geburt geht. Keiner hat das Recht, diesen Wunsch zu bewerten und die Schwangere deshalb als minderwertige Mutter darzustellen. Selbstbestimmung wird oft thematisiert, wenn es um das Thema Geburt geht. Nur hört diese häufig auf, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt möchte. Denn es ist leider so, dass viele eine Geburt per Kaiserschnitt als eine Geburt zweiter Wahl sehen. Jede Frau sollte sich nach der Geburt wie eine Heldin fühlen dürfen, egal auf welchem Wege das Kind das Licht der Welt erblickt hat. In unserer Gesellschaft wird Müttern aber das Gefühl gegeben: Wenn du nicht auf natürlichem, „normalem“ Wege geboren hast, bist du keine gute Mutter. Ich habe als Hebamme sogar schon mal den Satz „Jede Kuh kann ein Kind zur Welt bringen, und ich hab es nicht hinbekommen!“ von einer Mutter gehört.

Aber sollte man nicht allen Müttern das Gefühl geben, etwas erreicht zu haben? Jede Mutter war rund 40 Wochen schwanger, jede von ihnen hat ihren Körper völlig selbstlos zur Verfügung gestellt, um darin ein Baby wachsen zu lassen. Sollte man nicht das anerkennen, anstatt sich auf die Art der Geburt zu versteifen? Sollte ein Kaiserschnitt nicht auch für jeden als richtige Geburt zählen?

Ich möchte auf keinen Fall Werbung für einen Wunschkaiserschnitt machen. Ich würde mir aber wünschen, dass jede Frau offen und frei sagen kann, was für eine Geburt sie sich vorstellt. Ganz ohne Angst vor der Meinung anderer, insbesondere der Meinung von anderen Müttern, Freunden, Familie, Ärzten oder auch Hebammen. Denn egal ob ihr eine spontane Geburt, Hausgeburt oder einen Wunschkaiserschnitt möchtet – es ist eure Geburt!

FRANZISKA LUCK

„An einen Kaiser schnitt hatte ich nie gedacht“

Unsere Kollegin Katharina Looks hatte sich mit Hypnobirthing auf eine vaginale Geburt vorbereitet. Alles sollte ganz natürlich sein, eine geplante PDA war für sie tabu. Schließlich endete die Geburt mit einem Kaiserschnitt. Warum das der beste Schnitt ihres Lebens war, erzählt sie in ihrem ganz persönlichen Geburtsbericht:

Ich war bestimmt nicht die Einzige, die so ein ganz bestimmtes, angstmachendes Bild von einer Geburt im Kopf hatte. Geprägt durch Hollywoodfilme und Geburts(horror)storys aus dem Bekanntenkreis, verband ich eine Geburt vor allem mit zwei Dingen: Schmerz und Schreien. Ich hatte nicht nur vage Angst vor den Geburtsschmerzen, sondern ebenso Sorge, ich würde unkontrolliert und sehr laut schreien. Keine Ahnung, warum ich glaubte, ich müsste eine Geburt komplett kontrolliert und still absolvieren. Ich denke, es war vor allem der Wunsch nach Kontrolle von einem so lebensverändernden, umwälzenden Ereignis, das komplett ungewiss vor mir lag.

Die angstfreie Geburt

Weil ich nicht monatelang neben meinem ungeborenen Kind auch eine diffuse Angst mit mir herumtragen wollte, wollte ich mich dieser aktiv stellen. So suchte ich nach positiven Geburtsbildern, Geschichten von schönen Geburten, die mir Mut machten, und stieß auf das Thema „Hypnobirthing“. Hypnobirthing beschreibt eine Art Selbsthypnose, die es ermöglicht, sich eigenmächtig in einen Zustand von Entspannung und Konzentration zu bringen. Diese Methode versprach eine friedliche, selbstbestimmte und angstfreie Geburt. Für mich fühlte sich diese Art der Geburtsvorbereitung genau richtig an, und ich spürte endlich eine Sicherheit, wenn ich an meine bevorstehende Geburt dachte.

In den folgenden Monaten trainierte ich fast täglich mit einem Onlinekurs eine mentale Reise, die ich dann während der Geburtswehen ausführen sollte. Ich erschuf eine Art Safe-Place in meinem Kopf, an dem ich mich sicher fühlte und Schmerz mich nicht (oder nur minimal) erreichten sollte. Dazu arbeite ich mit positiven Affirmationen, schrieb akribisch meinen Geburtsplan auf und schaute mir auf Instagram echte, schöne Geburten an, um das Bild der „schrecklichen“ Geburt zu ersetzen.

Nur war mit all diesen Ideen in meinem Kopf keine Lücke mehr frei, mich mit Alternativen zu beschäftigen. Ich bereitete mich mit Hypnobirthing ja auf eine natürliche Geburt vor. Was nicht nur hieß, dass ich auf den geplanten Einsatz einer PDA verzichten wollte, auch einen Kaiserschnitt zog ich mit keiner Sekunde in Erwägung. Gedanken an einen Notkaiserschnitt gab es nicht. Die entsprechenden Abschnitte in meinen Büchern überblätterte ich, und selbst im Geburtsvorbereitungskurs war der (ungeplante) Kaiserschnitt mit keiner Silbe ein Thema.

Ein guter Start

Einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin setzten nachts um 3 Uhr die Wehen ein, kurz darauf platzte die Fruchtblase. Schon nach der dritten Wehe war mir klar: Das mit der Hypnose klappt für mich nicht. Zu heftig, zu schnell kamen die Wehen hintereinander. Für mich war es unmöglich, in einen entspannten Zustand zu gleiten. Im Krankenhaus verging die Zeit unglaublich schnell, um 7 Uhr hatte sich mein Muttermund bereits um acht Zentimeter geöffnet, selbst die Ärztin war überrascht.

Obwohl Hypnobirthing nicht wie geplant funktionierte, war ich bis obenhin gefüllt mit stärkenden Gedanken. Ich atmete kontrolliert und voller Power jede Wehe weg. Ich war zuversichtlich und glaubte, dass ich gegen Mittag meine Tochter das erste Mal in den Armen halten würde.

Leider ging es nicht so weiter. Die Stunden verstrichen, und gegen 14 Uhr kippte die Stimmung. Bis dahin war ich guter Dinge, wiederholte für mich immer wieder den Satz: „Jede Wehe bringt mich meinem Kind näher.“ Doch dem war leider nicht so. Die Hebamme wurde energischer: „Das geht zu langsam voran. Sie müssen stärker pressen!“ Ich mobilisierte alle Kräfte, die mir noch zu Verfügung standen. Probierte verschiedene Geburtspositionen, setzte mich auf einen Geburtshocker, presste mit all meiner Kraft. Nichts geschah. Für eine PDA war es zu spät, Lachgas brachte keinerlei Erleichterung. Meine Energie war nach inzwischen fast 14 Stunden Wehen ohne Schmerzmittel aufgebraucht. Körperlich und mental. Der Oberarzt drängte nach einer Entscheidung. Eine vaginale Geburt kam nicht mehr infrage. Ich sollte zwischen einer Zangengeburt und einem Kaiserschnitt wählen. Ich entschied mich für den Kaiserschnitt.

Dann ging alles ganz schnell. Die lokale Betäubung zeigte ihre Wirkung, und ich spürte einfach gar nichts mehr. Nach 14 Stunden nonstop Schmerzen ehrlicherweise ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Es ruckelte ein bisschen, und Punkt 17 Uhr war sie da, meine Tochter.

Hypnobirthing hat mir vielleicht nicht zu einer schmerzfreien Geburt verholfen. Doch in mir trug ich das positive, stärkende Bild einer Geburt, das dafür sorgte, dass ich keine Angst spürte. Und ich bin überzeugt, dass es mir auch geholfen hat, den Kaiserschnitt mit all seinen Konsequenzen annehmen zu können. Es war keine Geburt zweiter Klasse (als ob es so was geben würde!), ich hatte alles gegeben, was ich geben konnte. So wie jede andere Frau, bei jeder Art von Geburt. Und bis heute ist die Narbe für mich ein Symbol für Milas Existenz. Ich trage sie mit Stolz, Demut und Dankbarkeit.