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Kleines Organ mit großer Verantwortung


Bio - natürlich gesund leben - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 07.07.2021

Schilddrüse

Artikelbild für den Artikel "Kleines Organ mit großer Verantwortung" aus der Ausgabe 4/2021 von Bio - natürlich gesund leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bio - natürlich gesund leben, Ausgabe 4/2021

Ich verschreibe ihr Johanniskraut“, sagte der Mann im weißen Kittel. Es war 1993, ich war 15, mit meinen Eltern mal wieder beim Arzt, einem Allgemeinmediziner mit gutem Ruf. Trotzdem wusste ich sofort, dass das nicht die Lösung sein konnte, nach der ich suchte. Ich hatte nur zwei Wünsche: Endlich durchatmen, ohne dass die Luft im Brustkorb steckenblieb, und 800 Meter rennen können, ohne dass mein Herz zu explodieren drohte. Keiner wusste, woher die Probleme kamen, und auch nicht, wie ich sie loswerden würde. Frustriert verließen wir mit der Probepackung Johanniskraut die Praxis und setzten die Odyssee auf der Suche nach einer Diagnose fort.

Seit ich denken konnte, hatte ich Atembeschwerden, die mich abends nicht einschlafen ließen und mir Schwierigkeiten machten, beim Sport mitzuhalten. Dazu kamen ein hartnäckiger „Babyspeck, ein starkes Rückzugsbedürfnis und eine melancholische ...

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... Grundstimmung. Ich war häufig müde und antriebslos. Kein Wunder, dass der Herr in Weiß Johanniskraut als Mittel der Wahl sah, um mich ein bisschen aufzumuntern. Die einheimische Pflanze wirkt stimmungsauellend und wird auch in der Schulmedizin als natürliche Arznei bei leichten depressiven Verstimmungen empfohlen.

Was der Mediziner damals allerdings nicht in Betracht gezogen hatte, war eine simple Überprüfung meiner Blutwerte. Denn meine Symptome deuteten ziemlich eindeutig auf eine mögliche Schilddrüsenproblematik hin. Laut dem Deutschen Schilddrüsenzentrum tritt im Laufe des Lebens bei etwa jeder dritten Person zwischen 18 und 5 eine krankhafte Schilddrüsenveränderung auf, also bei rund 30 Prozent der Bevölkerung. Ich war allerdings erst 15, wahrscheinlich der Grund, warum ich durch das Raster fiel. Erst ein Jahr später wurde mir endlich vom Hausarzt meiner Mutter Blut abgenommen. Er stellte die für mich erleichternde Diagnose: Hypothyreose, eine Schilddrüsenunterfunktion. Er sagte: „Nicht selten, nicht allzu dramatisch und vor allem: behandelbar.“

HIER WIRKT IHRE SCHILDDRÜSE

Herrin über die Energiebilanz

Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ unterhalb des Kehlkopfes mit einer besonders hohen Verantwortung. Ihre Funktion ist den meisten Menschen aber nicht geläufig. Das mag an der Vielfalt und Komplexität ihrer Aufgaben liegen. Sie produziert Hormone, die im gesamten menschlichen Körper eingesetzt werden und eine Vielzahl von Körperfunktionen mitbestimmen. Ein und dieselben Hormone haben dabei an unterschiedlichen Orten ganz verschiedene Wirkungen.

Um zu verstehen, wie groß der Einfluss der Schilddrüse ist, hilft ein Blick auf ihre zahlreichen Wirkungsstätten (vgl. Kasten links). Schilddrüsenhormone bestimmen unter anderem die Funktion des Herz-Kreislauf-Systems mit, sie fördern die Fettverbrennung und beteiligen sich an der Verdauung und der Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Sie beeinflussen die Libido und sind für die Entwicklung des Embryos während der Schwangerschaft essenziell. Und es gibt einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen der Schilddrüse und der Psyche. Vereinfacht gesagt, hat die Schilddrüse überall da die Finger im Spiel, wo es um die Energieverteilung im Körper geht. Sie ist für den Antrieb zuständig. Die kleinsten Dysbalancen haben deswegen große Auswirkungen auf das gesamte körperliche und psychische Befinden. Schläft sie, herrscht Flaute. Ist sie hyperaktiv, herrscht Sturm (vgl. Kasten auf Seite 20).

Die schiddrüse hat üerall da die Finger im Spiel wo es um die Energieerteiung im Korper geht."

Alles bedingt sich gegenseitig

Gesteuert werden die Schilddrüse und ihre Hormonproduktion vom Gehirn. Genauer gesagt vom winzigen Hypothalamus, der wie eine Art Controller fungiert und berechnet, wie viele Hormone die Schilddrüse ausschütten sollte, damit der gesamte Laden läuft. Die Hirnanhangsdrüse ist als Chefin vom Dienst diejenige, die der Schilddrüse Bescheid gibt, dass sie aktiv werden soll. Per ausgefeilter Feedbackschleife wird dem Hypothalamus mitgeteilt, ob die Produktion wieder gedrosselt werden soll. Die wichtigsten Schilddrüsenhormone heißen Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Diese können wiederum nur gebildet werden, wenn der Körper genügend Jod zur Verfügung hat. Wenn in diesem fein aufeinander abgestimmten Kreislauf irgendwo ein Problem auftritt, dann gerät das ganze System ins Wanken.

Die Gründe ür die nergieflaute

Die Ergebnisse meiner Blutabnahme waren damals aus Sicht des Arztes eindeutig. Blutwerte und Symptome passten zusammen. Die Konzentration von Thyroid stimulierender Hormone (TSH) im Blut war hoch, der Gehalt der Schilddrüsenhormone T3 und T4 eher niedrig. Das hieß: Die Hirnanhangsdrüse versuchte verzweifelt, die Schilddrüse per TSH zum Arbeiten zu motivieren. Meine Schilddrüse reagierte aber nicht darauf. Konseuenz war eine Energieflaute im ganzen Körper. Das also machte mich müde, atemlos, etwas übergewichtig und bisweilen traurig.

Warum meine Schilddrüse scheinbar den Dienst verweigerte, fragte sich zu dieser Zeit niemand. Überprüft wurde per Ultraschall aber, ob sie sich in ihrer Größe und Beschaffenheit verändert hatte. Denn wenn eine Unterfunktion aus Jodmangel entsteht, kann das zum Kropf führen, der sogenannten Struma. Dieser entsteht, wenn das Gehirn die Schilddrüse anregt zu wachsen, um so mehr Hormone produzieren zu können. Aufgrund des Jodmangels schafft sie es aber gar nicht, T3 und T4 herzustellen. Das Wachstumssignal bleibt, die Schilddrüse wächst. Heute ist die Struma seltener geworden, da die meisten unserer Nahrungsmittel mit Jod versetzt sind.

UNTERFUNKTION

Müdigkeit,

schnelle Erschöpfung

Depressive Verstimmungen

Konzentrationsstörungen

Kälteempfindlichkeit

Appetitlosigkeit

Verstopfung

Verlangsamung des Herzschlags

Kühle, trockene Haut

Haarausfall

Gewichtszunahme

TYPISCHE SYMPTOME

Nicht alle der zahlreichen Symptome der Über- und Unterfunktion treten gleichzeitig auf. Häufig schleichen sie sich langsam ein und verstärken sich nach und nach.

ÜBERFUNKTION

Unruhe, Nervosität

Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen

Schlafstörungen

Überempfindlichkeit gegenüber Wärme

Heißhunger Durchfall,

manchmal Erbrechen Herzrasen,

Herzklopfen Vermehrtes Schwitzen

Haarausfall Gewichtsabnahme

Hashimoto oder nicht?

Man könnte meinen, dass die Einnahme von genügend Jod die Lösung für die Schilddrüsenproblematik ist. Allerdings steht eine erhöhte Jodzufuhr wiederum im Verdacht, an einer weiteren Art der Schilddrüsenfunktionsstörung beteiligt zu sein, der Hashimoto-Thyreoiditis, kurz Hashimoto. Das ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich Antikörper gegen die Schilddrüse bilden und diese langsam, aber sicher zerstören. Neben der Hypothese mit der Jodüberdosierung gelten auch bestimmte Viren (zum Beispiel das Epstein-Barr-Virus), verschiedene Umweltfaktoren, Selen- und Vitamin- D-Mangel oder Stress als mögliche Auslöser. Fakt ist: Bewiesen ist auf diesem Feld bisher so gut wie nichts. Fakt ist aber auch, dass Hashimoto auf dem Vormarsch ist und immer häufiger diagnostiziert wird. Um herauszufinden, ob Hashimoto vorliegt, ist neben der Bestimmung der Antikörper wichtig, die Schilddrüse per Ultraschall zu betrachten. Im Falle der Autoimmunkrankheit ist das Gewebe häufig unregelmäßig und zerfurcht. Nicht jede Hashimoto muss sofort medikamentös behandelt werden, denn die Krankheit hat verschiedene Stadien, in denen die Hormonspiegel auch völlig normal beziehungsweise ausreichend sind. Stellt die Drüse die Arbeit allerdings nach und nach ein, kommt man um die Einnahme von Schilddrüsentabletten nicht herum.

Schnelle esserung durch edikatin

Ich hatte keine Struma, das Gewebe war homogen, Antikörper fand man nicht, also auch kein Anzeichen für Hashimoto. Diagnose: eine simple, aber belastende Unterfunktion, Gründe unbekannt. Gegen die Symptome bekam ich ein synthetisch hergestelltes Schilddrüsenhormon namens L-Thyroxin verschrieben. Wir schlichen das Medikament ein und experimentierten rund ein Jahr mit der richtigen Dosierung. Ich war keineswegs begeistert davon, zukünftig täglich eine Tablette einnehmen zu müssen, voraussichtlich mein Leben lang. Aber der Arzt überzeugte mich mit der Aussicht auf signifikante Besserung. Tatsächlich veränderten sich mein Körper und mein mentaler Zustand in rasendem Tempo. Nur wenige Monate später konnte ich die lang ersehnte Bauchatmung praktizieren, ohne dafür absichtlich gähnen zu müssen. Ich nahm endlich ab und fand zu mehr Agilität und einem gesunden Selbstbewusstsein.

Tabletten – die einzige sung ?

Jahrelang war ich glücklich mit der Wirkung der Tabletten. Dann aber fing die Zeit an, in der ich sie infrage stellte. Denn obwohl ich regelmäßig die Blutwerte checken ließ und angeblich gut eingestellt war, kehrten die Verstimmungen, das Übergewicht und der Leistungsabfall im Laufe meines Lebens immer wieder zurück. Bis heute stört mich außerdem die kopfmäßige Abhängigkeit: Ich denke sehr viel an die Tabletten. Meine größte Sorge ist zum Beispiel, dass ich sie vergessen oder verlieren könnte. Vor allem auf Reisen kann ich mich von diesen Gedanken kaum befreien.

Vor Kurzem erst wurde mir außerdem klar, dass die Tabletten meine Schilddrüse keineswegs anstubsten und zu mehr Leistung motivierten, sie also unterstützen. Vielmehr ersetzen sie das T4- Hormon künstlich und das heißt: Die Tabletten lassen meine Schilddrüse kritiklos in einem sanften

Winterschlaf liegen. Ich weiß also gar nicht, ob sie wirklich ein Problem hat, ob sie krank ist oder vielleicht damals in Teenagerzeiten nur überfordert war. Nach Stand meiner Recherchen besteht nämlich durchaus die Möglichkeit einer damaligen Fehldiagnose. Bei pubertierenden Jugendlichen ist der TSH-Wert häufig erhöht, da der gesamte Körper im Wachstum ist und dementsprechend einen hohen Energiebedarf hat.

Ich lasse meine Werte natürlich regelmäßig prüfen. Sie sind immer im Normalbereich. Das hinterlässt aber eine Henneund-Ei-Frage: Wenn ich keine Tabletten nehmen würde, könnte sich die Schilddrüse eventuell regenerieren, sodass ich keine Medikamente mehr brauche, oder ist sie tatsächlich funktionsgestört und ich bin für immer auf die Medikation angewiesen? Die Vorstellung, dass ich ein Organ nicht nutze, das vielleicht gar nicht krank ist, gefällt mir nicht. Es gibt aber aktuell nach meinem Wissensstand keine Möglichkeit, dies zu überprüfen.

Sind Alternativen eine Alternative?

Auf der Suche nach alternativen Heilmethoden habe ich mich im Laufe der Zeit mit Akupunktur und meiner Ernährung beschäftigt sowie mit dem Ausgleich von Nährstoffdefiziten. Viele Heilpraktiker*innen haben mir Hoffnungen gemacht, dass ich die Tabletten eines Tages absetzen könne. Ich betreibe Kundalini-oga zur Schilddrüsenstimulation und meditiere auf mein Halschakra (vgl. Übung auf der linken Seite). All das gibt mir ein gutes Gefühl, aber ich kann nicht zweifelsfrei behaupten, dass es sich positiv auf meine Schilddrüse auswirkt. In meiner Vorstellung ist ihr das Theater auch irgendwie egal, denn sie schläft ja sowieso. Kürzlich habe ich im Rahmen einer Darmsanierung Lugolsche Lösung empfohlen bekommen, hochdosiertes Jod, das in manchen naturheilkundlichen Kreisen zur Reaktivierung der Schilddrüse eingesetzt wird. Die Idee ist, sie stark zu stimulieren und damit wieder auf Trab zu bringen. Die Schulmedizin rät aber eindeutig davon ab, da die Gefahr besteht, eine Überfunktion oder die Entstehung von Hashimoto zu riskieren. Das Wort meines Heilpraktikers steht gegen das eines Arztes. Wie so oft.

Die Bedeutung der UmWelt

Ich habe mich fürs Erste entschieden, die Lugolsche Lösung nicht auszuprobieren. Die Angst ist einfach zu groß, das Trauma der starken Atembeschwerden zu nachhaltig. Von Experimenten mit dem Schmetterling sehe ich vorerst also ab. Aber ich bleibe neugierig und voller Hoffnung, dass die Forschung mehr und mehr Erkenntnisse gewinnt. Vor allem über die eigentlichen Ursachen der Schilddrüsenerkrankungen. Denn im Rahmen der Recherche für diesen Artikel ist mir immer dasselbe aufgefallen: Warum genau dieses wichtige Organ, das so große Verantwortung trägt, so häufig Funktionsstörungen hat, ist im Grunde nicht klar. Meine Vermutung ist, dass es einen Zusammenhang mit unserer Umwelt geben muss, die wir seit Jahrhunderten massiv belasten. Ich hoffe, dass sich ein stärkeres Umweltbewusstsein und daraus entstehende Konseuenzen auch positiv auf die Gesundheit unserer Schilddrüsen auswirken – so dass unsere Schmetterlinge in Zukunft wach und gesund in unseren Körpern fliegen können.◾

BUCHTIPP

DER SCHMETTERLINGSEFFEKT – WIE DIE SCHILDDRÜSE UNSER LEBEN BESTIMMT

Falk Stirkat, Gräfe und Unzer 2019, 224 Seiten, 16,99 Euro