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„Klopp ist als Trainer as Maß aller Dinge“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 18.05.2022

MATTHIAS SAMMER

SPORT BILD: Herr Sammer, im Champions-League-Finale kommt es zur Neuauflage des Endspiels von 2018: Damals siegte Real Madrid 3:1 gegen Liverpool. Wer ist am 28. Mai in Paris Ihr Favorit?

MATTHIAS SAMMER (54): Bei analytischer Betrachtung der Parameter wie Verfassung, Spielidee, Spielwitz, Unberechenbarkeit, Rhythmus und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen zurückschlagen zu können, ist Liverpool ganz eindeutig der Favorit.

Artikelbild für den Artikel "„Klopp ist als Trainer as Maß aller Dinge“" aus der Ausgabe 20/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 20/2022

Carlo Ancelotti trainiert seit 2021 zum zweiten Mal Real Madrid. Von 2016 bis 2017 war er beim FC Bayern tätig

Aber?

Real Madrid passt in diesem Jahr analytisch in überhaupt kein Schema! Die Spanier waren schon im Achtelfinale gegen Paris so gut wie ausgeschieden, wurden beim 0:1 im Hinspiel aufgefressen und hatte n auch zu Hause große Probleme und lange keine Lösungen. PSG-Torwart Gianluigi Donnarumma bringt sie durch einen individuellen Fehler zurück ins Spiel, und was dann passiert, findest du in keinem Lehrbuch: diese Dynamik, dieser Geist, dazu vorne Karim Benzema ...

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... (am Ende siegte Real 3:1; d. Red.). Danach kommt Chelsea im Viertelfinale, da ist Real zwischendurch wieder fast raus, sie kommen nochmals zurück und zeigen sportlich gewaltige Qualitäten. Das Gleiche im Halbfinale gegen Manchester City.

Die dänische Torwart-Legende Peter Schmeichel urteilte als TV-Experte bei CBS nach den zwei Last-minute-Toren von Rodrygo, dass Real völlig unberechtigt im Endspiel stehe ...

Ich sehe das nicht so. Diese Ergebnis-Maschine Real Madrid ist eben erst besiegt, wenn das Spiel vorbei ist. Ich habe mich auch deshalb für Real gefreut, weil das, was diese Mannschaft zeigt, früher den Deutschen nachgesagt wurde: Erst wenn sie im Bus sitzen und das Stadion verlassen haben, musst du keine Angst mehr vor ihnen haben!

Wie lautet also Ihre Final-Prognose?

Liverpool ist auf dem Papier zwar Favorit, aber der Geist von Real ist nicht zu unterschätzen. Deshalb: 50:50.

Beide Teams sind im Angriff enorm torgefährlich, Real mit Benzema und Vinicius Junior, Liverpool unter anderem mit Salah und Mané. Entscheidet am Ende die bessere Defensive? Real hat viele Gegentore kassiert ...

Ich möchte nicht über die Abwehr, sondern über die Qualität bei Ballbesitz im Spiel nach vorne reden: Benzema ist in der Form seines Lebens. Erstaunlich ist, dass Vinicius schon in der ganzen Saison eine sehr gute Entwicklung nimmt, weil Real ein Umbruch mit jüngeren Spielern gelungen ist. Das zeigt sich auch an Rodrygo oder an Camavinga und Valverde. Liverpool legt vorne eine brutale Flexibilität und Power an den Tag mit Mané, Jota, Luis Díaz und Salah, der mal über die Halbbahn, mal über die Seite kommt, und am Ende taucht Mané als Mittelstürmer auf.

„Carlo Ancelotti ist ein alter, weiser Trainer-Vater“

Jürgen Klopp steht schon zum vierten Mal im Champions-League-Finale, hat mit Liverpool zuletzt auch den FA Cup gewonnen. Was zeichnet ihn aus?

Erst einmal kann man nicht hoch genug einschätzen, was Jürgen Klopp für Liverpool und als deutscher Trainer auch für das Image des deutschen Fußballs tut. Das kann uns alle stolz machen. Jürgen Klopp kann sich mit Liverpool immer neu erfinden, er sucht ständig nach neuen Bausteinen, auch in seinem Trainer-und Betreuerstab, um die Qualität weiter zu verbessern. Dass eine starke Führungspersönlichkeit wie Jürgen Klopp Top-Spezialisten um sich schart für das perfekte Ergebnis, ist ihm nicht hoch genug anzurechnen.

Carlo Ancelotti bringt es sogar auf den Rekord von fünf Final-Teilnahmen. Außerdem ist er der einzige Trainer, der in allen fünf europäischen Topligen Meister wurde. Was ist sein Er- folgsgeheim nis? Auf seine Führungs spieler wie Kroos zu hö ren, weil er ei gentlich gar keinen er kennbaren Matchplan hat?

Carlo Ancelotti ist in meinen Augen – er möge mir verzeihen – ein alter, weiser Trainer-Vater. Natürlich steht Real auf den ersten Blick nicht grundsätzlich für Innovation, für Außergewöhnliches. Auf den zweiten finde ich das schon: Real ist immer zurückgekommen. Waren es der Geist und die Erfahrung alleine oder hatte es auch mit Ancelottis Taktik zu tun? Sie drehen Spiele nicht nur mit dem Willen, sondern auch mit der Taktik, gehen in einer guten Organisation ein großes Risiko ein und spielen Alles oder Nichts.

Was meinen Sie genau?

Sie attackieren hoch und pressen Mann gegen Mann, was eigentlich der Gegner vorher mit ihnen gemacht hat. Sie schalten schnell um, egal ob in der vordersten Linie oder ein Stück weiter hinten, um den Ball schnell wieder zu gewinnen. Die Gegner sind überrascht, dass ältere Spieler wie Modric oder Kroos dazu noch in der Lage oder wie Benzema willens sind. Deshalb sollte man den alten Fuchs Ancelotti nicht unterschätzen, er weiß, was er taktisch tun muss, damit Real ins Spiel zurückkommt.

Kommen wir vom unterschätzten Ancelotti zum vielleicht überschätzten Pep Guardiola. Er schaffte es wie mit Bayern auch mit Man City nicht, in sechs Jahren die Champions League zu gewinnen. Weil er ein Perfektionist ist und seinen Spielern – anders als Ancelotti oder Klopp – zu wenig Verantwortung überlässt, eigene Entscheidungen zu treffen?

„Pep Guardiola ist ein Dirigent zwischen Genie und Wahnsinn“

Erst einmal gebührt Pep Respekt für das, was er seit mehr als einem Jahrzehnt als Trainer geleistet und dem Fußball gegeben hat, für seine Idee vom Fußball total, geprägt durch seinen Mentor Johan Cruyff. Ich bin der Meinung, dass Pep mit seiner Besessenheit, seiner Liebe zum Fußball und seiner Strategie ein Dirigent zwischen Genie und Wahnsinn ist.

Erklären Sie das bitte ...

Eine Fußball-Mannschaft ist ein Orchester, ihr Verantwortung zu übergeben und sich selbst eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen ist wichtig, um dem Orchester Luft zum Atmen zu lassen. Da ist Pep sehr extrem. Sicherlich gibt es Ansatzpunkte zur Kritik, dass er die Mannschaft mit seiner Präsenz ein Stück weit erdrückt, seine Linien zu stringent zieht. Liverpool und Real sind aktuell in Nuancen eben besser als Manchester City, aber ich bin sicher, dass Pep die Champions League noch einmal gewinnen wird. Er wächst und reift mit jeder Niederlage. Ich bewundere ihn und kann die Kritik an ihm in ein, zwei Punkten teilen – aber nicht in Gänze.

Für Klopp ist Guardiola ohnehin der beste Trainer der Welt. Für Sie auch? Oder ist Klopp oder Ancelotti Ihre Nummer 1?

Das ist vor einem Champions-League-Finale eigentlich schwer einzuschätzen. Aktuell ist Jürgen Klopp das Maß aller Dinge, keine Frage – wie er in Liverpool Fußball spielen lässt, die Flexibilität und Mentalität, die Unberechenbarkeit, auch in schwierigen Phasen immer in der Lage zu sein, Tore zu erzielen und zurückzukommen.

Wie erklären Sie sich, dass kaum ein anderer europäischer Top-Verein so viele Millionen in den Kader investiert wie Paris SG, in zehn Anläufen außer dem Final-Einzug 2020 gegen Bayern trotz Messi, Mbappé und Neymar aber nichts Zählbares herausgesprungen ist?

Die aktuell besten Mannschaften sind organisch gewachsen mit ihren Trainern. Das sehe ich bei Paris nicht. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum zwischen den Torhütern Donnarumma und Navas immer hinund hergewechselt wird. Dass Donnarumma den Fehler gegen Real macht, hat mit Stabilität, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis zu tun. Paris hat individuelle Qualität und wunderbare Spieler, aber ein Team, eine Achse, Stabilität, Wachstum, ein Geist des Gewinnens und Zusammenhalts fehlen auf allerhöchstem Niveau. Weil vielleicht alles der Vermarktungsmaschinerie untergeordnet wird, auch nur zu diesem Zweck der Champions-League-Titel eingekauft werden soll.

Die Bundesliga wird international weiter abgehängt. Sie hatten getippt, dass drei Bundesligisten – Bayern, der BVB und Wolfsburg – das Achtelfinale erreichen. Für Dortmund, Leipzig und Wolfsburg war schon nach der Vorrunde in machbaren Gruppen Schluss. Wie konnten Sie so irren?

Wenn man einen dicken Strich zieht, kommt man zum Ergebnis: Die deutschen Klubs haben an guten Tagen durchgängig ihr Leistungspotenzial nicht annähernd ausgeschöpft. Aber sie waren vor allem an nicht so guten Tagen auf diesem Niveau nicht wettbewerbsfähig. Und damit habe ich nicht gerechnet. Bayern, Dortmund und Leipzig müssen auch an durchschnittlichen Tagen immer in der Lage sein, besser zu sein als die Gegner, gegen die sie ausgeschieden sind!

Lag es schlichtweg an fehlender Einstellung?

Nein, es ist mir zu einfach, immer Mentalität und Einstellung als Gründe anzuführen. Ich verwende lieber Begriffe wie Selbstbewusstsein, Selbstverständlichkeit, Auftreten und Sieger-Gen – dass es gar keine Diskussion gibt, wer als Gewinner vom Platz geht. Dieser Geist, der seit vielen Jahren die Bayern auszeichnet, muss auch in andere Mannschaften implementiert und tagtäglich gelebt werden. Auch bei Borussia Dortmund muss es zur Selbstverständlichkeit werden, dass in jedem Spiel nur der Sieg zählt und alles andere eine Enttäuschung darstellt. Die Identität, die den deutschen Fußball immer ausgemacht hat, ist verloren gegangen. Wir gucken auch zu viel nach Taktik, bewundern zu viel die anderen und vergessen, was uns ausgezeichnet hat und wofür wir immer gefürchtet waren. Die Angst vor uns hat nachgelassen. Aber: Wenn wir das erkennen und daran arbeiten, werden wir auch wieder die internationale Anerkennung bekommen!

Der FC Bayern schied erneut im Viertelfinale aus. Im Vorjahr gegen Paris, jetzt gegen den vermeintlichen Außenseiter Villarreal. Bayern-Boss Oliver Kahn sieht die Münchner trotzdem auch in Zukunft unter den Top 3 in Europa. Sie auch? Obwohl Stars wie Neuer, Müller und Lewandowski langsam in die Jahre kommen?

Der FC Bayern ist stark und bleibt stark. Sie müssen nur kleine Nuancen ändern und wieder das Wesentliche in den Mittelpunkt stellen, und das sind die Stärke und der Geist des Klubs. Bei Bayern wird öffentlich viel zu viel über die falschen Themen diskutiert: ob der eine Spieler zu alt ist oder der andere zu viel verdient und der Vertrag verlängert wird oder nicht. Das hat sie vielleicht zwei, drei Prozentpunkte gekostet, deshalb das Aus gegen Villarreal.

Was trauen Sie dem BVB nächste Saison international zu, der sich mit Süle, Schlotterbeck und Adeyemi verstärkt, vorne aber Superstar Haaland an Manchester City verliert?

Dann ist es halt so, das ist kein Untergangsszenario. Ich sehe Borussia Dortmund mit einer großen Vorfreude, was die Zukunft betrifft. Der nächste Entwicklungsschritt muss aber im nächsten Jahr kommen: eine höhere Stabilität, weniger Schwankungen, weniger Gegentore. Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr gefreut, wenn die Mannschaft an guten Tagen extremst in der Lage war, einen berauschenden Fußball zu spielen. Umso depressiver war am Ende die Berichterstattung, wenn diese Qualität im Alltag gegen einen anderen Gegner nicht gegeben war.

„Bei Bayern wird viel zu viel über die falschen Themen diskutiert“

„In Dortmund muss der nächste Entwicklungsschritt kommen“

„Frankfurt hat bessere Karten gegen Glasgow als der BVB und Leipzig“

Retten kann die miserable deutsche Europacup-Bilanz Frankfurt durch den Gewinn der Europa League. Finalgegner sind die Glasgow Rangers, die Dortmund und Leipzig rausgekegelt haben. Wie kann die Eintracht die Schotten knacken?

Die Chance auf einen Sieg ist für die Eintracht deshalb so groß, weil das, was Glasgow ausmacht – die Kompaktheit, die Mentalität, seine Rolle des Underdogs gegen Leipzig und Dortmund zu nutzen –, gegen Frankfurt nicht funktionieren wird. Die Eintracht ist selbst kompakt, hat selbst eine unglaubliche Mentalität in diesem Wettbewerb. Die Chancen stehen 50:50, trotzdem glaube ich, dass Frankfurt die be sseren Karten hat, Glasgow zu besiegen als Dortmund und Leipzig. Weil diese zwar geglaubt haben, die Schotten besiegen zu können, es aber nicht gezeigt haben. Die Frankfurter wissen, dass sie es können, deshalb werden sie es auch zeigen.

Werden Sie auch in der nächsten Saison für Amazon Prime Video als Champions-League-Experte im Einsatz sein?

Davon gehe ich aus. Die erste Saison für Prime Video war ein großer Erfolg. Beide Seiten signalisieren sich, dass es passt. Jetzt gibt es noch ein, zwei Kleinigkeiten zu klären, etwa was die Anzahl der Spiele betrifft.

Bei Eurosport brillierten Sie als Solist an der Taktik-Tafel. Wie läuft die Fachsimpelei mit Ex-Nationalstürmer Mario Gomez?

Der Austausch ist hervorragend. Wir haben einen ganz engen Draht zueinander bekommen. Ich empfinde es als wohltuend erfrischend, wenn Mario Dinge aus seiner Sicht beurteilt, er hat ja noch vor zwei Jahren selbst gespielt und steigt jetzt als Technischer Direktor in den Red-Bull-Kosmos ein.

Nach dem 0:4-Debakel von Dortmund gegen Ajax gab es Kritik, Sie sollen Ihren Klub zu sehr verteidigt haben. Werden Sie trotzdem in der nächsten Saison BVB-Spiele analysieren?

Das ist auch ein Punkt, den wir noch besprechen. Wir haben uns bisher darauf geeinigt, dass es ein Kann ist, aber kein Muss. Und zum 0:4 gegen Ajax: Die Holländer waren damals in einer überragenden Form, hatten überhaupt keine Verletzten. Dortmund war überhaupt nicht in der Lage, diesen Rhythmus mitzugehen, auch aufgrund der Verletzungsproblematik – auch wenn das niemand hören wollte. Mit dem gleichen Wissen würde ich mich, auch wenn ich nicht mit dem BVB verbandelt wäre, heute genauso äußern wie damals.