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KLOSTERMEDIZIN: VON MONTE CASSINO NACH BINGEN


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 22.06.2019

Benedikt von Nursia legte den Grundstein der klösterlichen Heilkunde, die in Hildegard von Bingen ihre wohl eigenwilligste Vertreterin fand. Jahrhundertelang oblag es Geistlichen, das medizinische Wissen der Antike zu bewahren und zum Wohl der Patienten zu erweitern.


Artikelbild für den Artikel "KLOSTERMEDIZIN: VON MONTE CASSINO NACH BINGEN" aus der Ausgabe 7/2019 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 7/2019

PETRA ROTHÜTL

PETER RAIDER

Dieser Artikel war als gemeinsamer Beitrag des MedizinhistorikersTobias Niedenthal (links) von der Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg und des Medizin- und PharmaziehistorikersJohannes Gottfried Mayer , dem Leiter der Gruppe, geplant. Mayer verstarb unerwartet im März 2019. Der Artikel ist seinem Gedenken ...

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Dieser Artikel war als gemeinsamer Beitrag des MedizinhistorikersTobias Niedenthal (links) von der Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg und des Medizin- und PharmaziehistorikersJohannes Gottfried Mayer , dem Leiter der Gruppe, geplant. Mayer verstarb unerwartet im März 2019. Der Artikel ist seinem Gedenken gewidmet.

spektrum.de/artikel/1647248

► Dass das Mittelalter in gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Hinsicht eine Epoche der Finsternis war, ist ein weit verbreitetes Klischee. Im 17. Jahrhundert ersonnen, um die Leistungen der eigenen Gegenwart durch den Kontrast zur düsteren Vergangenheit noch strahlender erscheinen zu lassen, prägte es unser Bild jener Zeit – auch in der Forschung. Beispielsweise sprach der Medizinhistoriker Julius Pagel, ein Pionier seines Fachs, um 1900 abwertend von einem Jahrtausend der Stagnation. Nur zögerlich gewannen Historiker ein differenzierteres Bild und trennten Fakten von Vorurteilen. 1964 bezeichnete der Heidelberger Arzt und Historiker Heinrich Schipperges das frühe und hohe Mittelalter als eigenartigste Epoche in der Geschichte der abendländischen Medizin und charakterisierte sie als Zeit ohne Universitäten, in der sich in Europa nur Benediktiner auf die Heilkunde verstanden, als »Zeitraum, den man deshalb auch als Epoche der Klostermedizin oder als Zeitalter der Mönchsärzte bezeichnet hat«.

Zum Klischee der allgemeinen Düsternis gesellte sich ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert im Hinblick auf die gesellschaftlichen Aspekte noch ein romantisch verklärtes Bild, geprägt von Burgen und edlen Rittern, Minneliedern und Heldensagen. Und auch zum Negativbild der stagnierenden Klostermedizin existierte ein solcher Gegenentwurf: Hildegard von Bingen (1098–1179). Dank der polnisch-französischen Ärztin Mélanie Lipinska (1865–1933) avancierte die Äbtissin zunächst zur Ikone der Frauenbewegung, da sie es verstanden hatte, sich in einer Welt der Männer bis in höchste Kreise Respekt zu verschaffen. Schließlich schrieb Lipinska ihr sogar die Kenntnis des Blutkreislaufs wie auch der Gravitation zu. Zur Erinnerung: Als nachweislich Erster beschrieb der Londoner Arzt William Harvey den Blutkreislauf 1616 in seinen Vorlesungen, und gut 70 Jahre später formulierte der britische Naturforscher Isaac Newton das Gravitationsgesetz. Wie konnte ihnen eine Nonne des 12. Jahrhunderts zuvorgekommen sein? Lipinskas Schlussfolgerung lautete: Ein solches Wissen musste Gott geschenkt haben – Hildegard war schon zu Lebzeiten für ihre Visionen berühmt.

Ihre heutige Popularität verdankt sie aber vor allem dem österreichischen Arzt Gottfried Hertzka, der seine angeblich auf den Werken der Äbtissin basierte »Hildegard-Medizin« ab 1970 Gewinn bringend vermarktete (siehe Bild S. 76). Auch er postulierte einen visionären Ursprung ihrer Naturund Heilkunde; sie sei die »Sekretärin des Heiligen Geistes« gewesen. Von Anweisungen zur richtigen Ernährung und Rezepten für die Behandlung diverser Krankheiten ganz abgesehen habe die Nonne bereits von Viren, Blutgruppen, Hormonen und Tumorerkrankungen gewusst. »Nach Millionen intensiver Forschungsstunden der gelehrtesten Männer, der raffiniertesten biologischen Apparate und Messmethoden « erahnten Ärzte allmählich, »was Hildegards himmlisches Medizinprogramm an tiefgründigster Kenntnis über Gesundheit und Krankheit enthält«. Freilich entsprach eine solche Wertschätzung hildegardscher Erkenntnisse durch die moderne Medizin nur Hertzkas Wunschdenken.

Hildegard von Bingen empfängt eine Inspiration Gottes. Diese einzige zeitgenössische Darstellung der Äbtissin entstammt ihrer ersten visionären Schrift, der »Scivias«. Das Original ist durch Fotografien erhalten.

AKG IMAGES / ERICH LESSING

In den Visionen Hildegards erschien die Welt als Kunstwerk Gottes. Das »Liber Divinorum Operum« illustrierte die komplexen Zusammenhänge zwischen den Sphären.


AKG IMAGES / FINE ART IMAGES / HERITAGE IMAGES

Gleichwohl ist die Nonne in der Alternativmedizin und in esoterisch interessierten Kreisen sehr populär. Im Buchhandel tummeln sich Ratgeber in Sachen Naturapotheke, Gärtnern, Kochen, Fasten, Kindererziehung und Psychotherapie. Der von ihr angeblich propagierte Dinkel bereichert die Produktpalette der Bäckereien.

Im Rückblick erwies sich die Äbtissin somit einerseits als Segen für die Erforschung der Klostermedizin, warf ihre Person doch ein strahlendes Licht auf das angeblich finstere Mittelalter. Andererseits hat die Hildegard-Medizin wenig mit Hildegards Werken zu tun. Lipinksa unterließ es, ihre Zuschreibungen durch Verweise auf Textstellen zu belegen, Herztka ignorierte die in den 1950er Jahren von Schipperges und Peter Riethe, Emeritus der Universität Tübingen, erstmals vorgelegte Gesamtausgabe der überlieferten Schriften – vermutlich, da beide deren göttlichen Ursprung nicht zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht hatten.

Wichtiger war ihnen die Überlieferungsgeschichte. Denn anders als ihre theologischen Werke sind Hildgards heilkundliche Texte wie auch die naturkundliche »Physica« nicht in Originalen, sondern nur in lange nach ihrem Tod entstandenen Kopien, Auszügen und Zitaten erhalten. Die verschiedenen Fassungen unterscheiden sich, zudem ist die Übersetzung keineswegs trivial, da Hildegard zwar lateinisch schrieb, für Pflanzen und Erkrankungen aber sehr oft mittelhochdeutsche Bezeichnungen verwendete.

Hertzka, durch ein mystisches Erweckungserlebnis motiviert, unterließ die kritische Analyse und übersetzte bedenkenlos die ihm zur Verfügung stehenden lateinischen Texte. Dabei nahm er sich verblüffende Freiheiten. War von »pediculi«, also Läusen die Rede, meinte die Äbtissin seines Erachtens nach meist »virusartige Kleinstlebewesen, welche beim Aktivwerden das Krebs-Agens ausmachen«. Inzwischen liegen wissenschaftliche Rekonstruktionen der natur- und heilkundlichen Schriften sowie deutsche Übersetzungen zur weiteren Analyse vor. Nach wie vor sind viele Fragen offen. Doch schon jetzt erweisen sich etliche Vorstellungen der Hildegard-Szene als Missverständnisse, wenn nicht sogar als regelrechte Erfindungen, die von einem Autor zum nächsten tradiert wurden.

So sprach die Nonne den in der Hildegard-Medizin so gelobten Dinkel nur in der »Physica« kurz an: »Dinkel ist das beste Getreide, und er ist warm, fetthaltig, reichhaltig und wohlschmeckender als anderes Getreide.« Das einzige authentische Rezept dazu lautet: »Wenn jemand so schwach ist, dass er vor Schwäche nicht essen kann, dann nimm ganze Dinkelkörner, koch sie in Wasser und füge Schmalz oder Eidotter hinzu, so dass sie wegen des besseren Geschmacks gern gegessen werden können; gib das dem Kranken auf diese Weise zu essen, und es heilt ihn innerlich wie eine gute und gesunde Salbe.«

Fasten »nach Hildegard-Art« ist eine Erfindung

Wie dieses dienten auch andere Rezepte aus ihren Werken stets der Gesundung. Weder verfasste die Nonne Koch- rezepte noch empfahl sie bestimmte Tees, Suppen oder Dinkelgerichte. Anleitungen zum richtigen Fasten widersprechen sogar ihrer Mahnung, beim Essen nicht »übermä ßig enthaltsam zu sein«. Tatsächlich bedeutete Fasten in jener Zeit, sich nur einmal am Tag satt zu essen, und zwar laut einer in den meisten Klöstern gültigen Regel am späten Nachmittag vor Sonnenuntergang.

AUF EINEN BLICK: DER MÖNCH ALS ARZT

1 Mit der Teilung des Römischen Reichs drohte im Westen das Wissen griechischer Ärzte verloren zu gehen. Übersetzungen ins Lateinische haben im 5. und 6. Jahrhundert zumindest einiges davon bewahrt.

2 Dieses Wissen wurde jahrhundertelang ausschließlich in Klöstern tradiert und zum Wohl von Patienten eingesetzt. Erst ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich eine medizinische Ausbildung an Hochschulen.

3 Einen Schwerpunkt der Klostermedizin bildete die Heilpflanzenlehre. Autoren entsprechender Schriften stützten sich auf antikes Wissen oder – wie beispielsweise Hildegard von Bingen – auf eigene Erkenntnisse.

Im Blick heutiger Forscher erweist sich die Bingener Äbtissin fraglos als faszinierende Persönlichkeit, dabei aber als ein Kind ihrer Zeit und allenfalls als Endpunkt einer Entwicklung, die sieben Jahrhunderte zuvor ihren Anfang genommen hatte. 493 übernahm der Ostgotenkönig Theoderich die Überreste des Weströmischen Reichs. Ganz in der antiken Herrschertradition lud er Gelehrte wie Boethius (480/85–524/26) und Cassiodor (um 485– um 580) an seinen Hof in Ravenna ein. Beide machten dem frühmittelalterlichen Europa Wissen der Antike zugänglich: Boethius übersetzte Werke griechischer »Forscher« ins Lateinische, Cassiodor verfasste auf der Grundlage antiker Wissenschaften eigene Schriften. Er gründete zudem um 554 das Kloster Vivarium als Stätte der Gelehrsamkeit. Dessen Mönche mussten nicht nur die Werke der Kirchenväter studieren, sondern auch solche von Philosophen, außerdem Abhandlungen über Gartenbau und Medizin.

Vor allem Benedikt von Nursia (um 480–547) aber ist es zu verdanken, dass antike Bücher Eingang in die Klosterbibliotheken fanden. Um 529 gründete er mit einigen Anhängern eine Abtei auf dem Monte Cassino, etwa 140 Kilometer südlich von Rom, und verfasste dafür die nach ihm benannten Benediktinerregeln (»Regula Benedicti«). Eine von ihnen lautete: »Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen. Man soll ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus.« Zudem legte er fest: »Die kranken Brüder sollen einen eigenen Raum haben und einen Pfleger, der Gott fürchtet und ihnen sorgfältig und eifrig dient.« Um diesem Auftrag nachzukommen, bedurfte es heilkundlicher Schriften.

Zu den Epigonen Cassiodors und Benedikts zählt der Bischof Isidor von Sevilla (um 560–636), einer der meistgelesenen Autoren des Mittelalters. Für seine 20 Bücher umfassende Enzyklopädie »Etymologiae« trug er das noch verfügbare Schrifttum der Antike zusammen. Das waren in medizinischen Dingen Texte lateinischer Autoren des 1. Jahrhunderts n. Chr. wie Aulus Cornelius Celsus und Plinius der Ältere ebenso wie Schriften der spätantiken Ärzte Caelius Aurelianus und Theodorus Priscianus. Zudem zitierte Isidor – vermittelt durch frühere Autoren – aus dem »Corpus Hippocraticum«. Dabei handelt es sich um eine maßgeblich in Alexandria kompilierte Sammlung von mehreren Dutzend medizinischen Texten, die vermutlich zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. geschrieben wurden. Trotz des Namens stammten wohl die wenigsten von dem berühmten griechischen Arzt Hippokrates selbst. Einige beschrieben Krankheitsver läufe, warnten vor kritischen Tagen und gaben Hinweise für die Therapie. Andere befassten sich mit der Entstehung von Krankheiten und erklärten beispielsweise die Epilepsie mit einem Ungleichgewicht von Körperflüssigkeiten (siehe »Auf den Schultern von Hippokrates und Galen«,Spektrum Juni 2019, S. 78).

Der für das Kloster St. Gallen entwickelte Grundriss setzte Standards. Zu den funktionalen Einheiten gehörte auch ein Garten für Gemüse und Kräuter (Pfeil).


AKG IMAGES; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

Weil er für ein Krebsmittel der von ihm erfundenen Hildegard-Medizin »Rohstoffe vom Geier« brauchte, erwirkte Gottfried Hertzka eine Abschusserlaubnis.


MIT FRDL. GEN. VON YVETTE E. SALOMON

Bei Isidor wird überdies deutlich, dass die Heilkunst im Frühmittelalter unter Geistlichen umstritten war. Manche kritisierten, Krankheit sei eine Strafe oder Prüfung Gottes und der Mensch dürfe daher nicht eingreifen. Isidor hielt solchen Argumenten die Bibel entgegen: »Die Heilkraft der Medizin darf nicht gering geschätzt werden. Wir erinnern uns nämlich, dass Jesaia dem erkrankten Hiskia ein Heilmittel empfohlen hat, und der Apostel Paulus sagte zu Timotheus, dass eine kleine Menge Wein nützlich sei.« 200 Jahre später waren solche Ansichten ohnehin Geschichte. Die Organisation der Heilkunst wurde Chefsache: Karl der Große (747/748–814), König der Franken und erster westliche Kaiser des Mittelalters seit dem Ende des Weströmischen Reichs, verpflichtete die Krongüter und Klöster zum Anbau von Heilpflanzen, Mönchen erlegte er zudem die medizinische Versorgung der Bevölkerung auf. Für viele Medizinhistoriker markiert dies den eigentlichen Beginn der Epoche der Klostermedizin.

Eine Vorreiterrolle kam wohl den Mönchen der Bodenseeinsel Reichenau zu. Sie entwickelten zwischen 819 und 826 einen Grundriss für das Kloster St. Gallen, das einen umfangreichen Neubau plante. Der St. Galler Klosterplan (siehe S. 75) sollte in Europa zum Standard werden. Neben funktionalen Komponenten wie Kirche, Kreuzgang, Schreibstube, Speise- und Schlafsäle, Küche, Badehaus, Latrine und Spital umfasste er auch einen Kräutergarten. Entsprechend der von Karl dem Großen erlassenen Verordnung waren darin 16 Heilpflanzen vorgesehen, darunter Salbei, Kerbel, Minze, Fenchel, Schlafmohn und die seit der Antike gegen unterschiedlichste Leiden wie Atemnot und Magenbeschwerden eingesetzte Eberraute. In seinem etwa 20 Jahre später verfassten Lehrgedicht über den Gartenbau, »Liber de cultura hortorum«, kurz »Hortulus«, listete der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo schon 24 Heilpflanzen auf, zehn aus dem Kräutergarten und vier, die laut Klosterplan im Gemüsegarten kultiviert werden sollten, sowie zehn, die neu hinzukamen. Zu letzteren gehörte auch der heutzutage wenig bekannte Andorn(Marrubium vulgare) – ein guter Schleimlöser bei Husten – und der in der Medizin außer Gebrauch gekommene Heil- Ziest(Betonica officinalis) , der wie die Eberraute als Allheilmittel galt.

Zur Klostermedizin gehörten durchaus Aderlässe und Bäder, im St. Galler Klosterplan gibt es dazu ein eigenes Gebäude. Über chirurgische Eingriffe ist kaum etwas überliefert. Den Kern dieser Heilkunde bildete offenbar der Einsatz von Heilpflanzen, der deshalb auch im Fokus der Medizinhistoriker steht. Ein wahres Denkmal der »karolingischen Renaissance« – der von Karl dem Großen geförderten neuen Gelehrsamkeit – ist ebenso das nach seinem mutmaßlichen Entstehungsort benannte »Lorscher Arzneibuch « (siehe »Schatzkammer der Klostermedizin«, rechts). Es wurde in den 1980er Jahren am Würzburger Institut für Medizingeschichte von Ulrich Stoll ediert, übersetzt und kommentiert. Das Herzstück bilden mehr als 50 Pergamentblätter mit knapp 500 Rezepturen, die zum großen Teil aus antiken Quellen übernommen wurden. Ohne solche Vorläufer scheint hingegen eine Wundsalbe aus Schafdung, Honig und Käse zu sein, aufzutragen bei »Unterschenkelgeschwüren an den Schienbeinen«, und zwar »selbst wenn schon die Knochen herausschauen«. Tatsächlich könnte diese Salbe antibakteriell gewirkt haben. Der Hinweis »es heilt innert 20 Tagen« entspricht ungefähr der Behandlungsdauer der ersten modernen Antibiotika.

Mittelalterliche Salbe gegen moderne Keime

Das »Lorscher Arzneibuch« ist nicht das einzige erhaltene Werk, das solche überraschenden Rezepturen bietet. Ein weiteres verdankt sich wohl dem englischen König Alfred dem Großen (848/49–899), der ebenfalls die Gelehrsamkeit förderte. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts entstand dann das »Bald’s Leechbook«. Darin findet sich ein Rezept für eine Augensalbe auf Basis von Lauch oder Zwiebeln – beide könnten mit dem aufgeführten altenglischen »cropleac « gemeint sein – und Knoblauch, vermischt mit Wein und Ochsengalle. Das Gemenge sollte neun Tage in einem Messinggefäß reifen, bevor man es mit einem Tuch auswrang. 2015 haben Forscher der University of Nottingham die Salbe hergestellt und an Zellkulturen vonStaphylococcus aureus antibakterielle Wirkungen nachgewiesen. In Tierexperimenten an der Texas Tech University in Lubbock wirkte die Salbe auch bei Varianten des Bakteriums, die insbesondere gegen das Antibiotikum Methicillin Resistenz entwickelt hatten. Selbst Hautgeschwüre, verursacht von den als Leishmanien bezeichneten Parasiten, vermag das Heilmittel zu bekämpfen, wie Alvaro Acosta-Serrano und Lee Haines von der Liverpool School of Tropical Medicine zeigten. Leishmanien, die auch innere Organe mit dann tödlichen Folgen befallen können, werden unter anderem von Sandflöhen übertragen. Die leben zwar ursprünglich in den Tropen, kommen jedoch im Zuge des Klimawandels inzwischen beispielsweise sogar in Deutschland vor.

Schatzkammer der Klostermedizin

Das »Lorscher Arzneibuch« ist das älteste erhaltene Werk der mittelalterlichen Klostermedizin.

482 Rezepturen enthält die als »Lorscher Arzneibuch« weltberühmte Handschrift, die seit 2013 als Weltkulturerbe gilt.


STAATSBIBLIOTHEK BAMBERG / GERALD RAAB (BIBLIOTHECA-LAURESHAMENSIS-DIGITAL.DE/VIEW/ SBBAM_MSCMED1/0066/IMAGE) / CC BY-SA 4.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/4.0/LEGALCODE)

Nicht weniger als 75 beidseitig beschriebene Blätter aus Pergament – es war eine Sensation, als der Pionier der Medizingeschichte Karl Sudhoff 1913 ein bis dahin kaum bekanntes Buch in die heutige Schrift übertrug und veröffentlichte. Es erwies sich als die älteste erhaltene medizinische Publikation aus dem heutigen Deutschland. Sie diente Mönchen als Lehrkompendium zur medizinischen Schulung und als Nachschlagewerk mit praktischen Ratschlägen.

Der Würzburger Medizinhistoriker Ulrich Stoll legte 1989 eine kommentierte Gesamtausgabe mit deutscher Übersetzung im Rahmen seiner Promotion vor. Gemeinsam mit seinem Doktorvater Gundolf Keil taufte er das Dokument »Lorscher Arzneibuch«. Es bietet faszinierende Einblicke in die Klostermedizin zur Zeit Karls des Großen (747/48–814). Der namentlich nicht genannte Autor des Arzneibuchs hatte dafür reichlich und mit spürbarer Begeisterung aus den Quellen vorchristlicher Medizin geschöpft. Doch dabei musste er sich einer grundlegenden theologischen Frage stellen: Wie vertragen sich eigentlich die ärztlichen Praktiken mit dem Christentum?

Gemäß der Bibel besitzen Krankheiten prinzipiell zwei Funktionen: Gott kann mit ihnen die Glaubensstärke eines Christen prüfen, aber auch Sünder bestrafen. Demgemäß müsste ein Patient seine Krankheit akzeptieren und so Gottes Willen respektieren. Dann aber wäre jede therapeutische Maßnahme ein Eingriff in den göttlichen Plan. Das Vorwort des Arzneibuchs rechtfertigte die ärztliche Tätigkeit jedoch mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe.

Herzstück des Arzneibuchs waren 482 Rezepte für Tränke, Salben und Öle. Auch die Lagerung von Heilmitteln wurde thematisiert. Einige Verfahren waren besonders innovativ. Der Therapie eines Unterschenkelgeschwürs beispielsweise diente ein frühes Antibiotikum: Schimmeliger Käse wurde so lange auf Schafdung gelegt, bis Pinselschimmel(Penicillium) gedieh. Den vermengte man mit Honig und trug ihn auf die Wunde auf. Bei »offenen Füßen« – gemeint waren wohl Ödeme – sollte ein Gemisch aus der im Mittelmeerraum verbreiteten Meerzwiebel sowie Minze, Honig und Essig helfen, gegen leichte psychische Befindlichkeitsstörungen Johanniskraut.

Die heute in der Staatsbibliothek Bamberg lagernde Handschrift enthält eine Seite, die vermutlich nachträglich eingefügt wurde. Der Text stammte von Bischof Leo von Vercelli († 1026), dem engsten Vertrauten Kaiser Ottos III. Die dort enthaltenen Angaben helfen, die Überlieferungsgeschichte des Arzneibuchs zu verstehen. Demnach besaß zeitweise Kaiser Otto das Werk, dann sein Nachfolger Heinrich II., der es der Dombibliothek Bamberg schenkte. 1803 gelangte es dort in die Kurfürstliche Bibliothek.

Da Otto in Italien residierte, plädierte Karl Sudhoff 1913 für einen italienischen Ursprung des Arzneibuchs. 1974 nahm sich Bernhard Bischoff, Emeritus für Lateinische Philologie des Mittelalters in München, des Problems an. Er wies anhand eines Schriftvergleichs nach, dass das Werk im Kloster Lorsch entstand, einer 764 gegründeten Benediktinerabtei im heutigen Südhessen. Laut Gundolf Keil könnte es sich bei dem Autor um Richbod gehandelt haben. Jener war zwischen 784 und 804 Abt in Lorsch und pflegte gute Kontakte zu Gelehrten am Hof Karls des Großen. Strittig ist bis heute die genaue Entstehungszeit, da die Handschrift kein Datum trägt. Während Keil von »um 788« ausging, sprach sich Bischoff für Anfang des 9. Jahrhunderts aus. Von Daniel Carlo Pangerl

QUELLEN

Bischoff, B.: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. Laurissa, 1989

Fischer, K.-D.: Das Lorscher Arzneibuch im Widerstreit der Meinungen. Medizinhistorisches Journal 45, 2010

Stoll, U.: Das »Lorscher Arzneibuch«. Ein medizinisches Kompendium des 8. Jahrhunderts (Codex Bambergensis medicinalis 1). Text, Übersetzung und Fachglossar. Steiner, 1992

Wie beim »Lorscher Arzneibuch« lassen sich im »Bald’s Leechbook« ebenfalls antike römische und griechische Quellen aufspüren. Das Werk dokumentiert zudem eine magische Volksmedizin: Es enthält christianisierte Zauberformeln, die auf heidnischen Vorläufern beruhen.

Das meistgelesene Kräuterbuch dieser Epoche war das Lehrgedicht »Macer floridus«, das in fast 1000 Handschriften überliefert wurde. Es zu übersetzen, gehörte zu den ersten Aufgaben der 1999 an der Universität Würzburg gegründeten Forschergruppe Klostermedizin, durchgeführt von Johannes Mayer und dem Altphilologen Konrad Goehl. Lange galt der antike römische Dichter Aemilius Macer als Urheber, daher die Bezeichnung des Werks. Verfasst hatte es jedoch im 11. Jahrhundert der Mönch Odo Magdunensis aus Meung an der Loire, wie in einigen Handschriften vermerkt ist. Er bezog sich unter anderem auf den »Hortulus«, den er aber auch kritisierte, weil dieser Liebstöckel als schädlich für die Augen bewertete. Vor allem griff Odo auf antike Schriften zurück, insbesondere von Dioskurides, Galen und Plinius dem Älteren, den er wegen der Verwendung von Eisenkraut allerdings der Zauberei bezichtigte.

Ab dem 11. Jahrhundert profitierte die Klostermedizin auch von ersten Übersetzungen arabischsprachiger Medizinbücher. Beispielsweise erweiterte Odo von Meung sein Werk in einer zweiten Fassung von 60 auf 77 Pflanzen, wobei die neu hinzugekommenen Kapitel fast ausschließlich die Heilwirkungen von Gewürzpflanzen aus Asien beschrieben. Dafür nutzte er den »Liber graduum« des Constantinus Africanus, eines aus Nordafrika stammenden Gelehrten, der in der als Schule von Salerno bekannten ersten medizinischen Bildungseinrichtung lehrte und dort arabische Texte ins Lateinische übertrug.

Ysop – gut für den Magen, hilfreich bei Totgeburten

Schriften dieser Bildungseinrichtung waren in ganz Westeuropa verbreitet und machten weiteres griechisches, aber auch arabisches Medizinwissen verfügbar. Das lässt sich beispielsweise im »Innsbrucker (Prüller) Kräuterbuch« nachweisen. Wahrscheinlich stellte im frühen 12. Jahrhundert ein bayerischer Klerikerarzt es als erstes von vornherein deutschsprachiges Werk zum Thema zusammen. Beispielsweise verriet er über den Ysop, eine im Mittelmeerraum in der Heilkunde gern genutzte Pflanze: »Wenn die Geburt im Weibe stirbt, trinke Ysop mit warmem Wasser, so löst sich das tote Kind von ihr. Es hilft auch denjenigen, welchen der Magen schwärt.«

Auch Hildegard von Bingen dürfte Lehren aus Salerno gekannt haben. Zu ähnlich sind einige Stellen ihrer »Physica « zu thematisch entsprechenden Texten, wie Irmgard Müller und die französische Hildegard-Forscherin Laurence Moulinier von der Université de Lyon 2 sowie unsere Würzburger Gruppe nachgewiesen haben. Ob ihre natur- und heilkundlichen Schriften von Visionen inspiriert waren, ist unter Forschern umstritten, da entsprechende Hinweise der Äbtissin weitgehend fehlen. Vermutlich betrachtete sie die heilsamen Wirkungen zahlreicher Pflanzen im Kontext der göttlichen Schöpfung als Geschenk an den Menschen. Gleichzeitig aber bewegte sich die Nonne im Rahmen der damaligen Medizintheorie. Das zeigt sich unter anderem daran, wie einfach es Autoren des Mittelalters fiel, Passagen ihres Werks zu übernehmen. So zitierte der »Gart der Gesundheit« (1485) einzelne Textstellen nicht nur aus dem »Macer«, sondern auch aus der »Physica«. Im »Kochbuch Meister Eberharts«, das in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert erhalten ist, wird man ebenfalls fündig. Der Küchenchef des Herzogs Heinrich von Landshut entnahm der »Physica« Ratschläge zu 33 Lebensmitteln: ob diese für Kranke geeignet seien, ob man sie roh, gekocht oder gebraten verzehren solle und gegebenenfalls nur bestimmte Teile davon.

Indem Forscher die Leistungen Hildegards von Bingen in das richtige Licht rücken, machen sie auch Geistesgrößen wie Odo von Meung wieder sichtbar. Dessen »Macer« überlebte den Niedergang der Klostermedizin, den die Gründung von Universitäten im 11. Jahrhundert mit sich brachte. Es gab kaum eine bedeutende Bibliothek, die keine Kopie davon führte. Der »Macer« wurde aus dem Lateinischen in viele Sprachen übersetzt, 1477 in Neapel erstmals gedruckt. Der an einer Hochschule ausgebildete Mediziner Johann Wonnecke von Kaub übernahm bald darauf Textpassagen für seinen »Gart der Gesundheit«, der dem 1557 erstmals, 1783 letztmals aufgelegten »Kräuterbuch« des Frankfurter Stadtarztes Adam Lonitzer zu Grunde lag. Auf diesen verschlungenen Wegen gelangten Passagen des »Macer« im 18. Jahrhundert in das »Grosse vollständige Universal- Lexicon aller Wissenschaften und Künste« des Verlegers Johann Heinrich Zedler. Sogar in Nachschlagewerken des 20. Jahrhunderts lassen sich seine Spuren finden – ein überraschend langer Nachklang für ein Jahrtausend der Stagnation.

QUELLEN

Brück, A. (Hg.): Hildegard von Bingen 1179–1979. Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen. Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, 1979

Mayer, J. G., Goehl, K.: Höhepunkte der Klostermedizin: Der »Macer floridus« und das Herbarium des Vitus Auslasser. Reprint-Verlag, 2001

Mayer, J. G., Niedenthal, T.: Hildegard – ein Mythos? Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift 13, 2018

Mayer, J. G.: Klostermedizin als Teil der TEM. In: Steinmetz et al.: TEM – Traditionelle Europäische Medizin. 28. Band der Schriftenreihe der GAMED – Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin (noch nicht erschienen)

Niedenthal, T. et al.: Eine 1000 Jahre alte Rezeptur gegen multiresistente Keime. Zeitschrift für Phytotherapie 37, 2016