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Klügster seiner Generation


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 25.04.2019

Sechs Jahre Pause haben VAMPIRE WEEKEND noch begehrter gemacht. Nun spricht Ezra Koenig, der Chef der Afro- und Avant-Pop-Band, über seine jüdische Herkunft, Linkssein, kulturelle Aneignung, Besuche von Paul Simon und die Liebe zu BruceSpringsteen


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 5/2019

Ezra Koenig in New York City, 2019


VAMPIRE WEEKEND

A hundred years or more, it feels like such a dream/ An endless conversation since 1917.“ Manche Geschichten erzählt man am besten von hinten nach vorn: Diese zwei ominösen Zeilen aus „Jerusalem– New York–Berlin“, dem letzten Song auf dem neuen Vampire-Weekend-Album,„Father Of The Bride“ , stehen ganz am Ende ...

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A hundred years or more, it feels like such a dream/ An endless conversation since 1917.“ Manche Geschichten erzählt man am besten von hinten nach vorn: Diese zwei ominösen Zeilen aus „Jerusalem– New York–Berlin“, dem letzten Song auf dem neuen Vampire-Weekend-Album,„Father Of The Bride“ , stehen ganz am Ende einer anderthalbstündigen akustisch-elektronischen Tour de Force täuschend leichtfüßiger Beats und süßlicher Melodien. Wer mit offenen Ohren bis hierher vorgedrungen ist, weiß, dass sich die Jahreszahl auf das Datum der Balfour-Deklaration beziehen muss, in der das britische Kolonialreich sein Protektorat Palästina der jüdischen Diaspora als deren rechtmäßiges Heimatland überrschrieb. Das Lied hätte auch „Jerusalem–New York– Vienna“ heißen können, gibt Ezra Koenig, der 35-jährige Kopf der Band, zu. Oder „Jerusalem– London–Vienna–New York–Berlin“. Aber: „Es ist leichter, auf ‚Berlin‘ als auf ‚Vienna‘ zu reimen.“

„A wicked world/ Just think what could have been/ Jerusalem–New York–Berlin“, das reimt sich allerdings. „Einfach nur diese drei Städte hintereinander zu nennen lässt mich schon innehalten und nachdenken“, sagt Koenig. „Wir alberten im Studio herum, als ich an dieser Song-Idee arbeitete. Es hätten irgendwelche anderen drei Orte sein können, aber dann dachte ich: Warum nenne ich nicht drei Ortsnamen, die eine Geschichte erzählen? Als ich auf New York, Jerusalem und Berlin kam, hat mir das einen Schauer den Rücken runtergejagt. Ich konnte dem fast nichts mehr hinzufügen. Diese drei Namen geben einem viel zu denken. Das wird wohl auch für einen Deutschen so sein. Das sind drei Städte, die einen übergroßen Einfluss darauf haben, wie die ganze Welt über Identität und deren Bedeutung denkt.“ Im Kontext der Platte klingt der Song wie ein dramaturgisch gut gesetzter melancholischer Moment – nüchtern schwarz auf weiß betrachtet liest sich insbesondere die letzte Strophe aber auch reichlich misanthropisch: „So let them win the battle/ But don’t let them restart/ That genocidal feeling/ That beats in every heart.“

„Ja, das ist ein bisschen düster“, gesteht Ezra Koenig, „Aber ich glaube wirklich, dass in allen von uns eine Blutrünstigkeit steckt. Es ist auf düstere Weise witzig zu sehen, wie sehr sich Menschen als Teil eines Stammes empfinden. Sie verstehen die Gewalt ihrer eigenen Gruppe als Selbstverteidigung, während sie in der Gewalt anderer nur primitiven Hass erkennen. Die Vorstellung, dass der eigene Hass fundamental anders ist als der eines anderen, ist eine Art narzisstischer Rechtfertigung für alle möglichen furchtbaren Dinge.“

Ezra Koenig sitzt im Hinterzimmer eines trendigen Londoner Hotels. Während draußen vor der Tür junge Hipster fraglos Wesentliches in ihre MacBooks tippen, philosophiert hier einer der artikuliertesten, schlauesten und zweifellos umstrittensten Popstars seiner Generation. Er trägt Kordhosen, T-Shirt, Kordsakko und einen dunkelblauen Wollmantel, scheckige Designersocken und Sandalen, sein schwarzes Haar wirkt noch feucht von der Morgendusche. Koenigs neuer großer Wurf, der erst unter dem Arbeitstitel „Mitsubishi Macchiato“, dann unter dem von viel Online-Rätselraten begleiteten Kürzel „FOTB“ auf sich warten ließ, soll nun endlich in seiner vollen Länge von 18 Instant-Ohrwürmern das Tageslicht erblicken. Sechs Jahre nach dem Vorgänger,„Modern Vampires Of The City“ , elf Jahre nach dem titellosen Debüt, das damals den schwammig exotistischen, aus den 80er-Jahren stammenden Begriff „Afropop“ ins Vokabular des zeitgenössischen Indie-Pop einführte. In der Zwischenzeit ist in der Welt rund um die Band so viel passiert, dass man leicht den Faden verlieren konnte: Von den Soloalben von Chris Baio und Rostam Batmanglij, der die Band verließ, aber weiter mit ihr zusammenarbeitet, über Ezra Koenigs Kollaborationen mit Chromeo und SBTRKT, seine Beiträge zu Beyoncés„Lemonade“ , seine Anime-artige Serie „Neo Yokio“ und seine mit Jake Longstreth komoderierte Show „Time Crisis“ auf Beats 1, bis hin zu seiner im Albumtitel kokett referenzierten langjährigen Beziehung zur Tochter von Quincy Jones, der multitalentierten Schauspielerin, Autorin, Sängerin, Regisseurin und Produzentin Rashida Jones. Vergangenen August feierte Koenig mit ihr die Geburt eines gemeinsamen Sohnes namens Isaiah.

All das blenden wir einmal aus, um den von Ezra Koenig behaupteten großen Bogen des Werks von Vampire Weekend erfassen zu können: „Ich glaube nicht, dass die Kunstform Musik sich an einem Song oder einem Album festmachen lässt“, erklärt er. „Die Essenz liegt vielmehr in der ganzen Karriere. Darin, wie die Alben in ihrer Reihenfolge zueinander stehen. Wenn ich an einem Album arbeite, gehe ich immer zurück zu den Diskografien der Künstler, die mich geprägt haben. Ich bin ja in New Jersey aufgewachsen, und vielleicht ist das ein Klischee, aber zuerst denke ich da an Bruce Springsteen. Mit der Reise von seinem ersten Album bis zu seinem zehnten bin ich sehr vertraut, und ich denke ständig darüber nach. Manchmal spreche ich mit anderen Musikern, und die sagen so Sachen wie: Was kam zuerst raus,‚The River‘ oder‚Nebraska‘ ? What the fuck? Natürlich folgt auf‚The River‘ ‚Nebraska‘ , und dann‚Born In The U.S.A.‘ , anders würde das doch gar keinen Sinn ergeben! Wie kann einer das nicht wissen? Ich finde so was viel wichtiger, als zu wissen, welche Reihenfolge die Songs auf einem Album haben. Das halte ich für völlig überbewertet.“

Das übergreifende Thema der Laufbahn seiner Band sieht Koenig „im Widerspruch zwischen dem Individuum und der Gruppenidentität“. Er sei in der Kleinstadt Glen Ridge/New Jersey aufgewachsen, „wo ich mich als Jude immer sehr anders als die anderen gefühlt habe. Bloß zehn Meilen von dort entfernt wäre ich von Juden umgeben gewesen.“ In New York dagegen, wo er geboren wurde, aufs College ging und heute wohnt, lebe er „an einem der jüdischsten Orte überhaupt. Ich habe sehr viel über amerikanische jüdische Identität nachgedacht.“ Tatsächlich muss man nicht lange suchen, um auf„FOTB“ auf Formuli erungen dieser Gedanken zu stoßen. „Things have never been stranger/ Things are gonna get strange/ I remember life as a stranger/ Things change“, singt Koenig im Duett mit Danielle Haim im dezent countryesken Song „Stranger“. Und im zweiten Stück, „Harmony Hall“, findet sich die selbstironische Zeile „Beneath these velvet gloves I hide those shameful crooked hands of the moneylender, ’cause I still remember“. Die unter Samthandschuhen versteckten, schändlich betrügerischen Hände des Geldverleihers, das ist unzweifelhaft eine Anspielung auf den nicht bloß im angelsächsischen Raum an beiden Enden des politischen Spektrums wieder auflebenden Antisemitismus, dessen Vorwurf umgekehrt verantwortungslos für politische Zwecke missbraucht wird. Wie zuletzt in der von republikanischer Seite befeuerten Debatte über mutmaßlichen Antisemitismus am jungen, linken Flügel der Demokraten. „Ja, das ist das große Ding, es ist vollkommen verrückt!“, sagt Koenig, selbst ein aktiver Unterstützer des Sozialisten Bernie Sanders und ein Kind der jüdischen Diaspora mit Wurzeln in Ungarn und Rumänien. „Es betrifft aber längst nicht nur jüdische Menschen. Scheinbar liberale Geister verwenden das historische Leid einer anderen Gruppe dazu, auf hintertriebene Art ihre Ziele zu erreichen. In der jüdischen Community Amerikas ist die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Zionismus längst überfällig. Das wird nicht schön, und es wird alle Amerikaner miteinbeziehen.“

Ezra Koenig auf der Bühne


„Paul Simon kam und sagte, wir hätten einen Punk-Einfluss, den er nie hatte. Ein lieber Kerl“


In „Sympathy“, einem anderen Schlüsselsong des Albums, kommt Koenig der Substanz seiner Botschaft noch näher: „Judeo-Christianity, I never heard the word/ Enemies for centuries until there was a third.“ Das meint die von Präsident Trump gern bemühte Idee eines Bündnisses von Judentum und Christentum im Gegensatz zum Islam. „Als Kind habe ich nie was vom Judäo-Christentum gehört“, erklärt Ezra Koenig. „Ich wusste nicht, dass ich das als Argument in der Hinterhand gehabt hätte, wenn jemand mich wie ein Arschloch behandelte, weil ich Jude bin: Come on, man, am Ende sind wir doch alle Judäo-Christen!“ Dieses Konzept habe sich in den vergangenen 20 Jahren durchgesetzt, „weil man damit die Opposition zur dritten abrahamitischen Religion, dem Islam, definieren kann. Das ist so eine feige, dumme Allianz!“ Und dann spinnt Koenig einen langen Faden von der maurischen Architektur westlicher Synagogen bis hin zur spanischen Inquisition: „Wir sollten uns daran erinnern, dass Juden und Muslime beide Opfer weißer Vorherrschaft waren.“

Spätestens hier bleibt es uns nicht erspart, jene Vorwürfe der weißen kulturellen Aneignung anzusprechen, die Vampire Weekend seit ihren Anfängen verfolgen, als sie ihre Musik noch „Upper West Side Soweto“ nannten: „Es gibt wohl Dinge, die ich rückblickend anders machen würde“, räumt Koenig ein. „Und es lohnt, darüber nachzudenken. Manchen gefällt es nicht, wie ‚Identität‘, ‚kulturelle Aneignung‘ und andere Begriffe verwendet werden, aber jeder, der sie grundsätzlich ablehnt, sollte sich mal genau seine eigenen Privilegien ansehen. Am Ende wird immer alles binär erklärt: Entweder bist du rechts oder links, unterstützt Identitätspolitik oder nicht. Wir wissen alle, dass die Wahrheit woanders liegt.“

Koenig jedenfalls kennt seine Privilegien. Im lieblich tänzelnden Song „Rich Man“ singt er: „When I was young, I was told I’d find/ One rich man in ten has a satisfied mind/ And I’m the one.“ Doch der Komfort seines Erfolgs hindert ihn nicht, seine eigene Selbstzufriedenheit infrage zu stellen: „Die Linke bildet Leute wie mich, die vielleicht die Tendenz hätten, liberale Zentristen zu sein. Wenn wir sagen: ‚Wir müssen Trump stoppen, der macht alles kaputt‘, sagen sie: ‚Ihr habt auch reichlich Dinge kaputtgemacht.‘ Das ist ein unangenehmer Vorwurf, aber in diesem Fall sagt die Linke die Wahrheit. Wir sind an diesem Punkt nicht wegen eines Mannes oder auch nur wegen einer Partei angelangt. Die durchschnittlichen, wohlmeinenden, sozial progressiven, liberalen Menschen, die im Stillen alle möglichen psychotischen Dinge unterstützen, haben auch viel Blut an ihren Händen.“

Das Hadern mit der Rechtfertigung seiner Kunst hat offensichtlich tiefe Spuren in Koenigs Selbstverständnis hinterlassen, davon zeugt nicht nur ein Songtitel wie „Unbearably White“: „Wenn Leute zu uns sagen: ‚Ihr Typen seid die weißeste Band, die es je gab‘, antworte ich: ‚Okay, aber die beiden kreativen Köpfe dieser Band sind jüdisch und persisch.“ Koenig legt jedoch Wert darauf, diese Differenzierung nicht als pauschale Abwehr identitätspolitischer Bedenken verstanden zu wissen. Im Gegenteil: „Habt etwas mehr Mut! Kritisiert mich nicht bloß als einen Weißen, sondern als einen weißen jüdischen Menschen, denn diese Dinge hängen zusammen. Aber die Leute haben wahrscheinlich zu viel Angst, für Antisemiten gehalten zu werden. Dabei liegt darin auch ein Element der Wahrheit. Denn so wie es Zeiten gibt, wo ich mich sehr mit meiner jüdischen Identität identifiziere, so gibt es auch Zeiten, wo ich mich davon abgestoßen fühle. Man muss unsere Alben nicht durch die Linse der Identität betrachten, aber wenn man es tut, dann sollte man genau sein.“

Bleibt noch Zeit, Koenig auf sein Verhältnis zu jenem Mann anzusprechen, mit dem er so oft verglichen wird: Hängt er eigentlich hin und wieder mit Paul Simon ab? „Er kam ganz früh zu einem unserer Gigs und sprach mit uns“, verrät Koenig. „Wir fragten ihn: ‚Finden Sie wirklich, dass wir wie Sie klingen?‘ Denn wir hatten die Vergleiche zu diesem Zeitpunkt schon so satt. Er sagte: ‚Ihr habt eindeutig einen Punk-Einfluss, den ich nie hatte.‘ Das war cool. Später sah ich ihn auf seiner Abschiedstournee, und wir gingen nach dem Konzert backstage. So ein lieber Kerl! Über seine Diskografie denke ich auch oft nach.“


FOTO: MIGUEL PEREIRA/REDFERNS VIA GET T Y IMAGE