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"KNAPP DANEBEN IST AUCH VORBEI"


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 12.10.2022

LAUFZEIT: Wie war 2022 aus sportlicher Sicht für dich?

Laura Hottenrott: Das Jahr fing richtig gut an. Beim Berliner Halbmarathon wurde ich zweitschnellste Deutsche mit 71:14 Minuten. Das war auch meine zweitschnellste Zeit jemals. Ich war mit meiner Leistung zufrieden und hatte mich somit für die Halbmarathon-WM im chinesischen Yangzhou qualifiziert. Doch leider wurde die WM abgesagt. Danach ging ich in Paderborn am Ostersamstag über die 10-Kilometer-Distanz an den Start. Das Rennen lief für mich mit einer Zeit von 32:33 Minuten und dem zweiten Platz auch ganz gut. Mitte Juni startete ich beim Halbmarathon in Salzkotten. Allerdings war dieses Rennen für mich ein Trainingslauf in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften. Ich lief in Salzkotten ohne Karbonschuhe und fuhr danach mit dem Fahrrad nach Hause nach Kassel. Alle Wettkämpfe waren Bausteine auf dem Weg zu den Weltmeisterschaften, worauf ...

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... mein Hauptaugenmerk lag.

Wie geht es dir inzwischen?

An Corona erkrankt zu sein, bedeutete für mich, nicht nur mit Fieber und Kopfschmerzen im Bett zu liegen. Ich hatte nach der Erkrankung das Gefühl, dass meine gesamte Fitness weg ist. Ich fühlte mich so unfit wie seit Jahren nicht. Die Nachwirkungen von Corona hielten lange an. Da meine Blutwerte extrem schlecht waren, zögerten wir meinen Wiedereinstieg ins Training auch sehr lange heraus. Die Entzündungsmarker im Blut waren stark erhöht und das Blutbild auf den Kopf gestellt. Viele Werte waren einfach völlig durcheinander. Ich habe noch lange unter Husten und Einschränkungen in der Lungenfunktion gelitten. Erst nach ungefähr vier Wochen trat eine deutliche Besserung ein. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich habe immer gedacht, dass es nicht sein kann, dass Corona einen Menschen so umhaut.

Du hast alles gegeben, um dich auf die Weltmeisterschaften vorzubereiten, und kannst dann doch nicht starten. Wie bist du mental mit der Situation umgegangen?

Das Schwierigste war an dieser Situation für mich, dass es eben nur diesen einen Anlass gab und ich die Weltmeisterschaften in Eugene nicht wiederholen kann, wenn ich wieder gesund bin. Damit ein Läufer oder eine Läuferin an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf, müssen so viele Kriterien erfüllt werden. Da ist es nicht selbstverständlich, dass sich diese Gelegenheit erneut ergibt. Zuerst muss man die Norm innerhalb des Qualifikationszeitraums laufen. Danach muss man vom Verband nominiert werden. Und wenn man an der Startlinie steht, muss man am Tag des Rennens fit sein. Ich schaffte die Norm, wurde nominiert und war bis kurz vor der WM fit. Es war sehr niederschmetternd und ich visualisierte den Marathon in Eugene so lange und träume davon. Ich trainiere entweder mit meinem Vater oder alleine. Wenn ich alleine unterwegs bin, habe ich immer etwas vor Augen und stelle mir etwas vor. Die ganzen Visualisierungen lösen sich plötzlich in Luft auf und es ist bei mir nicht das erste Mal, dass ich knapp vor dem Ziel scheitere.

Spielst du auf die Olympischen Spiele im vergangenen Jahr in Japan an?

Ja, denn da ging es mir ähnlich. Ich habe mein Leben lang davon geträumt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Im April 2022 gelang es mir in Enschede, den Marathon in 2:28:02 Stunden zu laufen. Die Olympianorm liegt für Frauen bei 2:29:30 Stunden. Ich machte mir unendlich große Hoffnung, dass ich nominiert werde, was aber leider nicht erfolgte, da ich nicht zu den drei schnellsten Frauen in Deutschland gehörte. Es ist das erste Mal, dass eine Zeit von 2:28:02 Stunden einer deutschen Athletin nicht für die Nominierung für die Olympischen Spiele reichte. Es war logisch, dass nur die schnellsten drei nominiert werden und ich eben nicht dazu gehörte, aber es ist trotzdem eine richtig große Enttäuschung. Jetzt ist es bereits das zweite Mal, wo ich nach einer Niederlage neue Kraft tanken und neue Ziele suchen muss. Bei den Olympischen Spielen ist der Start kurz vorher gescheitert und jetzt war der Start bei der WM in Eugene zum Greifen nahe und der Start ist noch knapper vorher gescheitert. Es ist für mich eine mentale Herausforderung, meine Ziele und Träume wieder in die Zukunft zu verschieben. Hinzu kommt, dass die Qualifikationszeiten immer anspruchsvoller werden und die nationale Frauenkonkurrenz auch immer stärker wird. Ich weiß aber, dass ich insbesondere auf der Marathondistanz noch viel Luft nach oben habe.

„CORONA BETRIFFT DEN GANZEN KÖRPER UND MAN BRAUCHT LÄNGER, UM WIEDER FIT ZU WERDEN.“

LAURA HOTTENROTT

Wie ging dein Leben weiter, nachdem klar war, dass die WM in Eugene ohne dich stattfinden würde?

Knapp daneben ist auch vorbei. Es war zweimal knapp vorbei. Dafür kann ich mir nichts kaufen. Das ist die Holzmedaille. Nachdem es mir Anfang August wieder etwas besser ging, brauchte ich von allem erst mal Abstand. Zu Hause fiel mir die Decke auf den Kopf. Ich fuhr deshalb ganz alleine in die Schweizer Berge. Dort wollte ich einfach etwas anderes machen. So bin ich spontan mit dem Rucksack alleine wandern gegangen. Ich übernachtete auf verschiedenen Hütten und mein Handy war aus. Nach diesem Trip war ich gemeinsam mit meinem Vater unterwegs. Wir wanderten zusammen und auf den Trails fing ich an, wieder zu laufen. Das Laufen machte mir plötzlich wieder richtig Spaß und ich merkte, wie wunderschön es in den Bergen ist. Beim Wandern und Traillaufen konnte ich die anderen Dinge einfach ausblenden. Das war für mich das Schönste. Ich lief inmitten einer schönen Kulisse und das war eine gute Ablenkung. Beim Traillaufen kann man nicht so viele Gedanken zulassen, weil man sich die ganze Zeit auf Wurzeln, Äste und Steine konzentrieren muss.

Nachdem du dich jetzt mental ein wenig erholen konntest, hast du dir bereits neue Ziele gesteckt?

Ich spielte zunächst mit dem Gedanken, beim Berlin-Marathon Ende September zu starten. Aber dadurch, dass ich so lange so schlechte Blutwerte hatte, ist der Berlin-Marathon leider keine Option mehr. Das wäre gesundheitlich auch ein Risiko. Es ist nicht allein ein Motivationsproblem. Ad hoc eine Marathonvorbereitung durchziehen und dann mit einer nicht zufriedenstellenden Zeit ins Ziel kommen oder gar ein DNF zu machen, ist für mich definitiv keine Option. Das wäre ein weiteres Negativerlebnis. Zudem kann der Berlin-Marathon die WM auch keinesfalls ersetzen. Je nachdem wie ich drauf bin und die nächsten Wochen laufen, werde ich eventuell nach einem späten Herbstmarathon Ausschau halten. Unabhängig davon möchte ich noch an Trail- oder Bergläufen teilnehmen. Allerdings plane ich nicht, auf Trailrunning umzusteigen. Vielmehr soll es mir helfen, auf der Straße besser zu werden. Es macht mir einfach einen Riesenspaß und ich kann in den Bergen Kraft tanken und möchte diese Energie dann auf die Straße bringen. Ich habe Respekt vor jedem, der nach einer Coronainfektion 42 Kilometer läuft. Vielen wird es so gehen, dass sie erst mal ihre alte Fitness zurückbekommen müssen. Es ist etwas anderes, an Covid-19 erkrankt zu sein, als eine Verletzung am Knie oder Fuß zu haben. Corona betrifft den ganzen Körper und man braucht länger, um wieder fit zu werden.

Als du auf deinem Instagram-Kanal mitgeteilt hast, dass dein Nationaltrikot im Schrank hängen bleibt und du nicht in Eugene starten wirst, hast du viele aufmunternde Reaktionen erhalten. Unter anderem haben viele „come back stronger“ geschrieben. Wie stehst du dazu? Glaubst du, dass es möglich ist, stärker als vorher zurückzukommen?

Das ist für mich sehr schwierig, weil ich mich frage, wie das gehen soll. Ich muss erst mal wieder die Fitness erreichen, die ich vor meiner Corona-Erkrankung hatte. Es ist ein langer Weg, um dahin zu kommen. Ich weiß, dass das ein Prozess ist, der nicht linear verläuft. Es wird auch Wochen geben, wo es nicht bergauf geht. Mein Ziel ist es auf jeden Fall, nächstes Jahr schneller zu laufen, als ich je gelaufen bin. Aber ich glaube nicht, dass es dieses Jahr noch möglich sein wird.

Was würdest du Amateurläufern und *läuferinnen in dieser Situation empfehlen?

Mir hat die Zusammenarbeit mit dem DLV-Verbandsarzt Dr. Andrew Lichtenau und dem DOSB-Sportmediziner Prof. Dr. Hans-Herbert Vater sehr geholfen. Denn dort stehe ich unter ständiger Kontrolle. Im Amateursport hat man diese Möglichkeit natürlich nicht. Dennoch sollte man zwei- oder dreimal ein Blutbild nach der Corona-Erkrankung machen lassen. Anhand dessen kann man den Verlauf der Entzündungsmarker beobachten. Das Blutbild kann beim Hausarzt kostenlos eingefordert werden. Außerdem empfiehlt sich ein Belastungs-EKG, bevor man wieder intensiv anfängt zu trainieren. Meiner Meinung nach ist das größte Problem von Athleten, dass man die Situation selbst nicht richtig einschätzen kann. Viele denken, dass sie ein Motivationsproblem haben und sich deshalb kraftlos fühlen. Wenn man vor Augen geführt bekommt, dass man körperlich noch nicht so weit ist, um wieder voll durchzustarten, ist es keine Einbildung. Dann fällt es leichter, noch ein wenig die Füße still zu halten. Nach einer Corona-Erkrankung ist man für eine Herzmuskelentzündung anfälliger. Deshalb sollten sich alle unbedingt die notwendige Zeit geben, bevor sie wieder richtig mit dem Training beginnen. Man muss auf den Körper hören und akzeptieren, dass zu Beginn die Herzfrequenz bei gleicher Geschwindigkeit nach einer Infektion mit Covid-19 höher ist und man sich schlechter fühlt. Jeder kennt seine Zeit auf seiner Hausrunde und sieht, wie viel langsamer er bei gleichem Puls ist. Das macht keinen Spaß und motiviert nicht. Da ist es egal, ob ein Topathlet oder eine Amateurin davon betroffen sind. Beide benötigen extra Energie, damit sie dran bleiben, um wieder besser zu werden. Für niemanden ist es schön, schwarz auf weiß zu sehen, dass man schlecht drauf ist. Aber ich glaube, dass es im Leben immer bergauf und bergab geht. Im Laufsport ist das sehr deutlich zu spüren. Es gibt schillernde Hochs, aber mindestens genauso viele Tiefs. Aber da muss jeder durch. Ich denke, dass man einfach mal eine andere Sportart ausprobieren sollte. Dabei spürt man nicht, dass man noch nicht so leistungsfähig ist wie vor der Coronainfektion. Man hat Spaß an etwas Neuem und kann, wenn der Körper dazu bereit ist, wieder zur alten Stärke zurückkehren.