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Knorrige Zeitzeugen: alte und uralte Olivenbäume


TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 05.10.2018

Sie wachsen auf Sardinien, auf Kreta, im Westjordanland und anderswo: Knorrige Olivenbäume, die mehrere 1.000 Jahre alt sein sollen. Eine exakte Altersbestimmung ist oft schwierig, mitunter unmöglich. Die Menschen sind dennoch von den Zeit - zeugen fasziniert.


Artikelbild für den Artikel "Knorrige Zeitzeugen: alte und uralte Olivenbäume" aus der Ausgabe 5/2018 von TASPO BAUMZEITUNG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 5/2018

// Der „Patriarch“ im Norden Sardiniens soll 4.000 Jahre alt sein. //


// Natürliches Monument: der „Patriarch“, etwa 20.000 Menschen besuchen ihn pro Saison von April bis Oktober.//


Der „Patriarch“ ist ein echter Hingucker. Vier Meter Durchmesser misst der Stamm des Olivenbaumes, der zu den Sehenswürdigkeiten im Norden Sardiniens zählt. Bis zu ...

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... 4.000 Jahre alt soll er sein. So steht es in manchem Fremdenführer, auf vielen Internetseiten und in einer Broschüre, die die für den Baum zuständige Kooperative aus dem nahen Luras vertreibt. Darin wird der 14 Meter hohe „Patriarch“ auch als der älteste Baum Europas bezeichnet. Touristen, die ihn besichtigen, zeigen sich beeindruckt. 4.000 Jahre – das sei die Zeit von Abraham und Mose, sagt der 77-jährige Udo Tielking bei einer Visite in der abgelegenen Gegend, in der sonst nur die Zikaden den Ton angeben. Und die Fremdenführerin Ingrid Schwarzenberger ordnet die zeitliche Dimension für ihr Gefolge mit dem Satz ein: „Der Baum war schon 2.000 Jahre alt, als Jesus geboren worden ist.“

Etwa 20.000 Menschen besuchen pro Saison den „Patriarchen“, der laut Kooperative seit 1991 zu den „zwanzig grünen Reichtümern Italiens“ und zu den „natürlichen Monumenten“ zählt. Mit anderen betagten Vertretern seiner Art wurzelt er in der Nähe eines Stausees an einem leicht abfallenden Hang, vor Berührungen geschützt durch einen hölzernen Zaun.

Faszination alter Baum

Was fasziniert die Menschen an alten Bäumen? „Ein alter Baum ist in allen Kulturen ein Symbol für Kraft, Langlebigkeit, Fruchtbarkeit“, sagt Wissenschaftlerin Sylvie Herrmann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ in Halle. Das gilt vermutlich auch für einen anderen Olivenbaum von Luras, der in der Nähe des „Patriarchen“ steht und dessen Äste stellenweise den Boden berühren, als wolle er sich abstützen (siehe Abbildung Seite 34). Er ist nach Angaben der Kooperative bis zu 2.500 Jahre alt und weist eine Einbuchtung auf, die an ein weibliches Geschlechtsteil erinnert.

Fremdenführerin Schwarzenberger erzählt ihren Schützlingen gerne, dass in früheren Zeiten Frauen an diese Stelle kamen und um Fruchtbarkeit baten. Auch stieß sie nach eigenen Angaben dort schon auf eine Gruppe Frauen, die sich rund um den Baum auf den Boden gelegt hatte und meditierte. Auch auf Männer wirkt der knorrige Riese. „Den muss man berühren“, sagt Tourist Tielking angesichts des mutmaßlichen Alters von 2.500 Jahren. Man müsse sich einmal vorstellen, was damals gewesen sei – und er erinnert daran, dass im achten Jahrhundert vor Christus Rom gegründet worden sein soll. „Die haben Zeitgeschichte erlebt“, sagt der 56-jährige Tourist Thomas Nal. Und er flachst: „Vor so einem Baum wird man ja jung.“

Früchte, Öl und Holz – der Olivenbaum zählt zu den ältesten Kulturpflanzen. Er wird seit dem frühen Altertum im Mittelmeerraum kultiviert und prägt vielerorts das Landschaftsbild. Schon in der Bibel wird der Baum erwähnt, dessen Zweig manchem als Friedens- und Lebenszeichen gilt und der heute das Wappen der Uno schmückt. Alte Olivenbäume sehen auch alt aus, mitunter vielleicht sogar älter als sie sind. „Die knorrigen Gestalten der Ölbäume regen sicherlich zu Spekulationen an“, so Prof. Dietmar Brandes vom Institut für Pflanzenbiologie an der TU Braunschweig. Ihr Alter werde in Deutschland wie im Mittelmeergebiet aber vermutlich oft zu hoch eingeschätzt.

// Der Baum besteht nach Angaben eines Wissenschaftlers aus verschiedenen Stämmen.//


Andere Wissenschaftler sehen das ähnlich. Zwar gebe es zu alten Bäumen wie denen auf Sardinien, aber auch zu Exemplaren in Portugal, Montenegro und auf Kreta Angaben zu Höhen, Umfängen und Durchmessern, schreiben Wissenschaftler des Instituts für Forstbotanik und Forstsoziologie der TU Dresden. „Diese Daten sind relativ schnell und unkompliziert durch Messungen zu ermitteln, geben allein aber keine Auskunft über das Alter, sondern eben nur über die enormen Ausmaße der Bäume.“ Altersangaben bis 2.000 Jahre seien für diese Bäume keine Seltenheit, teilweise fänden sich Angaben bis zu 5.000 Jahren.

Diese Informationen würden – „bis auf wenige Ausnahmen“ – aber ausschließlich ohne Quellen und Dokumentation verbreitet. „Es sind jedoch erhebliche Zweifel an der Korrektheit solcher Angaben angebracht“, so die Wissenschaftler Sten Gillner und Prof. Dr. Andreas Roloff in ihrer 2016 veröffentlichten Untersuchung, in der sie das Alter von Olivenbäumen auf Korfu mittels jahrringanalytischer Methoden schätzten.

Der „Patriarch“ ist möglicherweise deutlich jünger als von der Kommune Luras angegeben. Das legt eine Nachfrage bei Sandro Dettori nahe, einem Professor der Abteilung Landwirtschaft an der Universität im sardischen Sassari. Eine dendrochronologische Analyse habe zu der Annahme geführt, dass er etwa 900 Jahre alt sei, sagt er. Denn: „Der Baum besteht aus verschiedenen Stämmen, die zu unterschiedlichen Zeiten zusammengewachsen sind.“ Auf ein Alter von 4.000 Jahren komme man dagegen, wenn man zugrunde lege, dass der Baum nur einen Stamm habe – und nicht einen Hauptstamm und verschiedene andere. Auch der angeblich 2.500 Jahre alte Baum besteht nach Dettoris Darstellung aus mehreren Stämmen, wäre also ebenfalls jünger.

Die Dendrochronologie ist eine Datierungsmethode, die sich an den Jahresringen von Bäumen orientiert. Weil deren Ausprägung bei Bäumen einer Art in einer bestimmten Klimaregion ähnlich ist, lassen sich mit aufeinander folgenden und sich überlappenden Ringserien ganze Chronologien erstellen, die die Datierung alter Hölzer ermöglichen. Es wird aber auch – ausgehend von der Ringserie eines gefällten Baumes – das Alter eines noch lebenden Exemplars geschätzt. Vor der Altersbestimmung beim „Patriarchen“ wurde nach Angaben der Kooperative ein kranker Baum in der Nähe gefällt, dann seien die Ringe des 200 Jahre alten Exemplars gezählt worden, sagt eine Mitarbeiterin. Die Erkenntnisse über sein Wachstum wurden ins Verhältnis zum Durchmesser des „Patriarchen“ gesetzt. So kam die Zahl 4.000 zustande.

// Knorriger Riese in der Nähe von Luras, sein Alter wird mit etwa 2.500 Jahren angegeben.//


Konfrontiert mit Dettoris Altersangabe, die auf Untersuchungen in der Zeit von 2000 bis 2005 beruht, entgegnet die Kooperative, man zweifele nicht an den eigenen Angaben. Sicher liege ein Missverständnis vor. Man könne ja bei der Kommune Luras nachfragen, die die Ergebnisse der damaligen Studien zur Verfügung gestellt habe. Die Gemeinde schweigt vorerst aber.

Die Radiokarbonmethode, die eine Datierung von kohlenstoffhaltigen Materialien wie Holz oder Knochen ermöglicht, kam bei der Untersuchung des „Patriarchen“ nicht zum Einsatz. Schäfer hätten den inneren und ältesten Teil des Gewächses lange als Unterschlupf und Feuerstelle genutzt, erklärt Professor Dettori. Das erschwere es, brauchbares Material für die Radiokarbonmethode zu bekommen.

Ältester Olivenbaum auf Kreta

Als vermutlich ältester Ölbaum gilt Professor Brandes zufolge ein Exemplar aus Vouves auf Kreta. Dafür würden je nach Quelle 3.000 bis 4.000 Jahre als wahrscheinliches Alter vermutet, „womit es wohl der älteste Olivenbaum sein dürfte“. Griechische Wissenschaftler, die den Baum in den 1990er Jahren unter die Lupe nahmen, hätten sogar gesagt, dass er bis zu 5.000 Jahre alt sein könne, berichtet Katerina Karapataki vom Olivenbaum-Museum in Vouves. „Sie sagten, es ist der älteste Olivenbaum der Welt.“ Das exakte Alter konnten sie allerdings nicht feststellen. Denn der gedrungene und gewundene Stamm des noch lebenden Baumes ist innen hohl, es stehen nur noch Außenwände, die auch keine geschlossene Hülle mehr bilden. Als ihr Vater ein Kind gewesen sei, habe er einen Tisch und Stühle in das Innere des Baumes gestellt und gespielt, er betreibe ein Café, erzählt Karapataki.

Dass ein Baum innen hohl ist, komme bei alten Bäumen und speziell bei Olivenbäumen öfter vor, berichtet Wissenschaftlerin Sylvie Herrmann. Eine Jahrring-Analyse ist bei dem Baum nach Brandes‘ Angaben nicht mehr möglich. Und weil er kein hartes Holz mehr habe, sei auch die Radiokarbonmethode keine Möglichkeit, sagt Karapataki. Nach ihren Angaben orientierten sich die Wissenschaftler bei der Altersbestimmung in den 90er Jahren daran, dass es im Dorf schon um 700 vor Christus Leben gegeben habe. Ausgehend davon schätzten sie das Alter des Baumes, der nach Karapatakis Angaben früher ihrer Familie gehörte. Nach ihren Angaben bewahrte ihr Großvater den Baum einst vor drohendem Ungemach. „Glück ist auch ein Grund dafür, dass der Baum noch da ist“, sagt sie. Ihr Vater schenkte den Baum der Gemeinde.

Auch wenn das genaue Alter nicht feststeht: Mehr als 30.000 Menschen kommen nach Karapatakis Angaben jedes Jahr in den Ort im Westen Kretas, um den Baum zu sehen. „Sie bewundern, wie gesund er ist und dass er noch Oliven trägt.“ Die Menschen wollten den Baum berühren, sie fragten, wie alt er sei und wieso er noch lebe. Manche blinden Menschen hätten ihn umarmt. „Das war ein sehr bewegender Moment.“

Baum mit politischer Bedeutung

Zeuge bewegter Zeiten wird derzeit ein Olivenbaum, der in der palästinensischen Ortschaft al Walajeh nahe Bethlehem im Westjordanland wächst – in der Nähe der von Israel errichteten Sperranlage. Der Baum sei nach Angaben eines Wächters 5.500 Jahre alt, berichtet die Mitarbeiterin einer vor Ort vertretenen deutschen Organisation. Er sei in einem sehr guten Zustand, habe eine etwa 25 Meter große Krone und zahlreiche Ableger. „Er hängt voller Oliven, die im Herbst hoffentlich geerntet werden können.“ Der Baum, der unweit der Sperr anlage steht, hat der Frau zufolge eine große politische und historische Bedeutung für die Palästinenser, für die er die Bindung an ihr Land symbolisiere. Irgendwann werde die aus einem hohen Sta-cheldrahtzaun bestehende Sperranlage höchstwahrscheinlich durch eine Betonmauer ersetzt, sagt die Frau, die ihren Namen nicht gedruckt sehen will. „Das wäre für den Baum natürlich dramatisch.“ Auf eine Anfrage bei der Palästinensischen Mission in Berlin zum Alter des Baumes gibt es zunächst keine Antwort.

Weshalb können Bäume so alt werden?

Wissenschaftlerin Sylvie Herrmann, die an einer kürzlich in „Nature Plants“ veröffentlichten Untersuchung zum Genom der Stieleiche beteiligt war, sagt: „Am Beispiel der Eiche hat man festgestellt, dass sie über die Zeit eine große Anzahl und Vielfalt an Genen entwickelt hat, die bei den Abwehrmechanismen eingesetzt werden.“ Diese Resistenzgene geben den Bäumen nach Darstellung der Wissenschaftler die Möglichkeit, sich gegen zahlreiche Feinde zu wehren – gegen Pilze, Insekten, Bakterien oder Viren. Dazu, so Herrmann, zeige die Eiche eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an somatischen Mutationen, die dem Baum helfen, sich an die Umwelt anzupassen. „Man geht stark davon aus, dass auf Grund solcher Mechanismen die Bäume ihre große Langlebigkeit erreichen.“ Ob diese Mechanismen alle oder weitere Bäume beträfen, sei noch nicht untersucht worden. „Aber in der Natur werden Mechanismen, die sich bewährt haben, grundsätzlich auch öfters nachgewiesen.“

Herrmann rät allerdings auch dazu, nicht nur die lebenden Bäume zu betrachten, sondern auch nach den toten Bäumen zu suchen, „die mit ihrem Gerippe als Mahnmal in der Landschaft stehen“. „Der Baum wird mit seinem progressiven Absterben den Mensch darauf hinweisen, wie schnell eine veränderte Umwelt eine Bedrohung für das Überleben der Bäume und letztendlich des Menschen darstellt“, warnt sie. „Es gilt also, diese Zeichen zu erkennen und wahrzunehmen.“ Auch auf Sardinien sieht man diese Zeichen. Alle schauten immer „mit ängstlichen Augen Richtung Sommer“, sagt Fremdenführerin Schwarzenberger, die seit 13 Jahren auf der Insel lebt. „Wir leiden alle unter der Hitze.“ Es habe lange nicht geregnet. „Man sieht es an den Bäumen.“//

DER AUTOR

Jasper Rothfels ist freier Journalist aus Schriesheim bei Heidelberg, seine bevorzugten Themengebiete sind Natur, Umwelt, Wissenschaft und Reisen.


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