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Koboldspaß in Rot, Gelb, Grün


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

Heimkehr – »Pumuckl« als Uraufführung – nach München


Artikelbild für den Artikel "Koboldspaß in Rot, Gelb, Grün" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Einmal am Leimtopf festgeklebt, wird Pumuckl (Benjamin Oeser) für Meister Eder (Ferdinand Dörfler) sichtbar


Foto: Christian POGO Zach

Es dürfte kaum ein Kind geben, das ihn nicht kennt, den Kobold mit dem roten Haar. Schon fast sechs Jahrzehnte lang ist Pumuckl ein Dauergast in den Kin-derzimmern, wo seine Abenteuer und die Geheimnisse des uralten Koboldgesetzes von Generation zu Genera-tion weitergegeben werden. Aus diesem reichhaltigen Schatz von Geschichten schöpfte nun auch das Auto-renduo Franz Wittenbrink und Anne X. Weber. Sie haben für das ...

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... Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz aus Motiven von Ellis Kaut einen bunten Bilderbogen gebastelt an dessen manchmal auch gern etwas derberen Späßen die jugendliche Zielgruppe sichtlich ihren Spaß hat. Wobei die siebenjährige Junior-Kritikerin an mei-ner Seite mich aber ebenso darauf hinweisen lässt, dass der eine oder andere Handlungsbogen hier doch ganz anders verläuft als in den Hörspielen, die zu Hause rauf- und runterlaufen. Zum Beispiel beim Streit mit Meister Eder oder wenn Pumuckl versucht, in der Werkstatt sei-nen Zwetschgenbaum zu pflanzen. Der Expertin macht man eben nichts vor!

Untermalt wird das Ganze mit einem ähnlich bun-ten Musik-Mix, bei dem nicht nur das umgetextete Ti-tellied der beliebten TV-Serie erklingt (u. a. verfasst von Howard Carpendale! Mal ehrlich, wer hätte das noch gewusst?), sondern neben Jazz- und Tanzrhythmen auch reichlich Lokalkolorit mit Zither und Blaskapel-len-Sound aufgefahren wird. Genau wie im stilisierten Szenenbild von Judith Leikauf und Karl Fehringer, die auf der Drehbühne ein kleines, detailverliebtes Miniatur-München nachgebaut haben, in dessen Silhouette man so manche Sehenswürdigkeit der bayerischen Landes-hauptstadt wiederfinden kann. Denn auch wenn die originale Werkstatt, in der Gustl Bayrhammer und Hans Clarin sich einst ihre Wortgefechte lieferten, heute längst abgerissen ist, bleibt der Pumuckl eben dennoch fest an der Isar verwurzelt.

Selbst wenn die offizielle Altersempfehlung des Gärt-nerplatztheaters bei sechs Jahren aufwärts liegt, hatten Wittenbrink und Weber bei ihrer neuen Musical-Ver-sion ganz offensichtlich nicht nur das jugendliche Musical-Publikum im Auge, sondern zu einem nicht unwesentlichen Teil auch die in wohliger Nostalgie badende Eltern- und Großelterngeneration. Diejeni-gen also, die einst selbst mit den Hörspielen und der Fernsehserie groß wurden und nun hoffen, dass sich der Nachwuchs nach Verlassen des Theaters nicht allzu sehr von Pumuckls Streichen inspirieren lässt. Aber gerade das ist ja schließlich das Geheimnis eines jeden guten Familienstücks, das auch Regisseurin Nicole Claudia Weber bei ihrer mit vielen magischen Tricks aufgepepp-ten Inszenierung stets im Hinterkopf behält. Nämlich, dass man die Erwachsenen im Publikum keineswegs vergessen darf.

Dennoch gibt es hin und wieder auch die eine oder andere Szene, die eher als Füllmaterial gelten darf. So etwa die naiv polternde Bierdimpfel-Runde, die genauso klischeebeladen und überzogen daherkommt, wie man sich als »zuagroaster« Niedersachse oder Niederösterrei-cher wohl einen hiesigen Stammtisch vorstellt. Und dass selbst die Kinderdarsteller die Hälfte ihrer Zeit auf der Bühne damit verbringen, sich (letzten Endes vergeblich) eine Mass Bier erschleichen zu wollen, weil der Hop-fensaft unterhalb des Weißwurstäquators wohl als Mut-termilchersatz gilt … Nun ja … Das kratzt schon etwas am bayerischen Lokalstolz und würde andernorts wahr-scheinlich deutlich besser ankommen. Doch zum Glück gibt es da ja auch noch Marianne Sägebrechts gestresste Lehrerin oder Angelika Sedlmeier als Schnellsprechre-korde aufstellende »Ratschkathl« vom Dienst, die beide mit flinker Zunge für eine authentische Münchner Note sorgen. Wobei die Tatsache, dass man sich auf dem Weg zum Wendelstein irgendwo am Viktualienmarkt ver-läuft, irgendwie nahelegt, dass es wohl eher nicht die Erdkundelehrerin sein dürfte, die hier mit dem quirligen und im Laufe des Abends immer wieder gut be-schäftigten Kinderchor auf Wandertag geht.

Ungehemmt in ihrem eigenen Heimatdialekt daher-plappern darf auch Dagmar Hellberg, die nicht nur als geschwätzige Nachbarin aus Karlsruhe die Lachmuskeln der kleinen und großen Zuschauer strapaziert, sondern auch für ihre zweite Rolle als würdevolle Gräfin die nö-tige Portion an Autorität mitbringt: Beinahe so kulti-viert gestelzt und ähnlich regungslos in der Mimik wie Peter Neustifters österreichischer Butler, dessen stoische Fassade jedoch sehr schnell zu bröckeln beginnt, als Pumuckl das Schloss heimsucht und dem Personal den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Herzstück der Aufführung bleiben aber natürlich vor allem die Szenen in der Schreinerei, in welcher der kleine Kobold am Leimtopf vom Meister Eder hängen-bleibt und fortan nur für ihn sichtbar ist. Denn so ist es altes Koboldgesetz. Kein Wunder, dass es den ah-nungslosen Freunden und Nachbarn da zuweilen schon etwas unheimlich wird, wenn sich auf einmal Gegen-stände wie von Geisterhand bewegen, Hüte davonflie-gen oder merkwürdige Geräusche zu vernehmen sind. Ferdinand Dörfler ist hier gewissermaßen der Fels in der Brandung, der dem Meister Eder jede Menge Herz und Gemütlichkeit verleiht und seinem neuen Mitbewohner bei allem Schabernack natürlich nie wirklich böse sein kann. Wadelzwicker und verstecktes Werkzeug sind da schnell vergessen. Und so lässt nach dem großen Streit und Pumuckls trotzigem Auszug aus der Werkstatt auch die Versöhnung der neu gefundenen Freunde fürs Le-ben nicht lange auf sich warten. Denn gernhaben muss man ihn einfach, diesen Kobold. Wirft sich Benjamin Oeser (der sich die Titelrolle mit Christian Schleinzer teilt) doch mit derartiger Spielfreude und einer selbst in Falsettlage immer sicher geführten Gesangsstimme in seine Rolle. Und turnt dabei so energiegeladen und akrobatisch über die Bühne, dass die gute Laune nach etwas schleppendem Beginn spätestens bei Pumuckls Traum von der großen Seefahrt endgültig in den Zu-schauerraum überschwappt.

Die Lehrerin (Marianne Sägebrecht) hat es nicht leicht, ihre quirlige Truppe (Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz) zu bändigen


Zum jubelnden Schlussapplaus leuchten Bühne und Zuschauerraum schließlich in Rot, Gelb und Grün: den Nationalfarben des kleinen Kobolds, der am Gärtner-platz wahrscheinlich noch länger sein Unwesen treiben wird. Die aktuelle Vorstellungsserie war, wie fast nicht anders erwartet, in Rekordzeit ausverkauft. Weshalb es niemanden groß wundern dürfte, dass die Wiederauf-nahme in der kommenden Spielzeit längst eine ausge-machte Sache ist.

1. Kleine Anonyme Alkoholiker im Klischee-Bayern. Doch von dieser Verkleidung lässt sich der Wirt (Martin Hausberg, 5.v.l.) nicht täuschen


2. Hören der Butler (Peter Neustifter) und die Gräfin (Dagmar Hellberg) einen Geist oder treibt nur Pumuckl seinen Schabernack?


3. Meister Eder (Ferdinand Dörfler) hat seine liebe Not, Pumuckls Streiche vor den Nachbarinnen (Susanne Seimel, l. und Angelika Sedlmeier, 2.v.l.) zu vertuschen


4. Trotz kleinen Streits bleiben Pumuckl (Benjamin Oeser) und Meister Eder (Fer-dinand Dörfler) Freunde fürs Leben


Fotos (5): Christian POGO Zach