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„Köln ist für mich mehr als ein Job“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 05.01.2022

STEFFEN BAUMGART

BUNDESLIGA

Artikelbild für den Artikel "„Köln ist für mich mehr als ein Job“" aus der Ausgabe 1/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 1/2022

ERFOLG Baumgart hat den FC nach der Rettung in der Relegation übernommen und mit Power-Fußball auf Platz acht geführt

SPORT BILD: Herr Baumgart, Sie haben neben 25 Punkten in der Hinrunde vor allem die Herzen der Fans in Köln erobert. Wie fühlt sich die Liebe der Menschen an?

STEFFEN BAUMGART (50): Für mich ist das hier mehr als einfach nur ein Job, es ist Freude, Leidenschaft und Emotion. Ich habe jeden Tag richtig Spaß daran, mit der Mannschaft zu arbeiten. Wenn das der Fall ist, entwickelt man schnell ein Gefühl der Verbundenheit.

Sie sind auf Anhieb zum Gesicht des Klubs geworden. Geht Ihnen das zu schnell?

Ich denke, dass es mehrere Gesichter gibt. Wir haben Tony Modeste, Jonas Hector, Timo Horn. Außerdem: Wir hatten selbst in der guten Hinrunde schon ein oder zwei Situationen, in denen von Krise gesprochen wurde. Da habe ich gedacht: Wenn das eine Krise sein soll, bin ich mal gespannt, wie reagiert wird, wenn wir wirklich mal eine Krise haben – und ich das dann tatsächlich als ...

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... schwere Zeit empfinde.

Ist der FC so extrem?

Wir spielen Unentschieden gegen Bielefeld, und es ist sofort das Gefühl einer Krise da. Wir verlieren gegen Augsburg, und sofort geht das Gerede los, ob wir in Wolfsburg bestehen können. Dann gewinnen wir gegen Wolfsburg und Stuttgart, haben 25 Punkte, stehen auf Platz acht, und alles ist rosarot. Ich will mich nicht beschweren. Ich halte meinen Arbeitsplatz auch nicht für besonders schwierig, aber er ist aufwühlender als die, die ich bisher hatte.

„Viele Leute sagten mir: ,Du weißt ja, auf was du dich beim FC einlässt.‘ Woher sollte ich das wissen?“

Haben Sie die Wucht des FC unterschätzt?

Was heißt unterschätzt? Viele Leute haben mir vorher gesagt: „Du weißt ja, auf was du dich in Köln einlässt.“ Woher sollte ich das wissen? Du musst die Wucht erleben, die in einem Traditionsverein steckt. Wer wie ich vorher nie in einem so großen Klub gearbeitet oder gespielt hat, kann nicht wissen, welche Bedeutung der Verein wirklich hat. Mein Glück ist, dass ich dafür komplett offen bin. Ich bin einfach gerne hier.

Wie haben Sie sich zum Karnevals- Start am 11.11. im Schweinhorn-Kostüm gefühlt?

Wenn ich etwas mache, dann richtig. Ich hatte einen schönen Tag, war in der Stadt und habe pünktlich den Absprung geschafft. So pünktlich, dass ich abends sogar noch mit meiner Frau kochen konnte.

Sie kochen?

Ich bin mehr der Gehilfe. Zum Kartoffelschälen zum Beispiel bin ich zu gebrauchen. Das Kochen selbst überlasse ich meiner Frau. Sie kann das viel besser als ich.

Welche Aufgaben erledigen Sie noch im Haushalt?

Wir unterscheiden uns nicht von anderen Familien. Ich bringe den Müll raus, fahre Leergut weg, hole Getränke. Jeder hat seine Aufgaben. Das ist wie in einem Trainerstab. Da gibt es auch Leute, die ihren Bereich besser beherrschen als ich – also lasse ich sie es machen.

Was zum Beispiel?

Unsere Athletik-Trainer wissen am besten, wie wir das Training dosieren müssen. Im Spiel schauen meine Co-Trainer permanent, was wir besser machen könnten. Ich werde dann für drei tolle Einwechslungen gefeiert, dabei waren es ihre Ideen.

Was ist Ihre größte Stärke?

Ich kann gut mit Menschen umgehen und schaffe es, dass mir die Leute zuhören. Ich erzähle nichts vom Pferd, sondern nur das, wovon ich überzeugt bin.

So haben Sie mit dem FC sechs Hinrundenspiele gewonnen, sieben Unentschieden geholt, viermal verloren. Zufrieden?

Gefühlt kommt unsere Bilanz überraschend, weil die Mannschaft in der vergangenen Saison gerade so die Klasse gehalten hat. Manchmal denke ich, dass es nur für mich keine Überraschung ist. Wir hätten aber noch mehr Spiele in der Schlussphase gewinnen können als zuletzt beim 3:2 in Wolfsburg und dem 1:0 gegen Stuttgart.

Was bedeutet Ihnen Platz acht?

Wichtiger als der Tabellenplatz ist mir das, was die Mannschaft zeigt. In Wolfsburg machen wir in der 73. Minute den Ausgleich zum 2:2. Aber die Jungs sind damit nicht zufrieden, sie geben weiter Gas, spielen auf Sieg und schaffen kurz vor Schluss das 3:2. Das ist eine Entwicklung, die die Mannschaft in der Hinrunde gemacht hat.

Was ist der nächste Schritt?

Es gibt nicht den einen nächsten Schritt, es gibt täglich ganz viele kleine: Wie bewegst du dich in die Tiefe? Wie ist die Besetzung im Strafraum? Wie viele deiner Chancen nutzt du? Wir haben mittlerweile in jedem Spiel fünf, sechs Großchancen. Davon wollen wir mehr nutzen. Wir hatten in der Hinrunde im Schnitt über 50 Prozent Ballbesitz. Das hatte der Mannschaft vor einem halben Jahr kaum jemand zugetraut. Die nächste Entwicklungsstufe ist, dass wir den Ballbesitz weiter vorne haben und uns mehr Chancen erspielen.

Vorn lauert Tony Modeste, für den es kein Limit zu geben scheint – er hat bereits elfmal getroffen.

Wir müssen vorsichtig sein. Auch Tony hatte eine Durststrecke von vier Spielen ohne Tor. In den letzten beiden Spielen der Hinrunde hat er wieder getroffen und wird dafür gefeiert. Das hat er sich verdient. Aber ganz ehrlich: Mir geht das zu schnell hoch und runter. Ich sehe, dass er gut für die Mannschaft arbeitet. Und unser Spiel funktioniert nur über die Arbeit gegen den Ball.

Kann man Ihr Verhältnis zu Modeste als Vater-Sohn-Beziehung beschreiben?

(lacht laut) Nein. Das ist ein gutes Spieler-Trainer-Verhältnis. Wir haben großen Respekt voreinander. Ich bin der Trainer und habe einen Spieler mit sehr hoher Qualität. Die kann er aber nur ausspielen, wenn er für die Mannschaft arbeitet.

Zuletzt war zu sehen, wie Sie ihn nach seinem 1:0 gegen Stuttgart getröstet haben, weil es der dritte Todestag seines Vaters war. Klopft er auch schon mal an Ihre Bürotür?

Tony kommt nicht von alleine zu dir. Dafür ist er nicht der Typ. Er hat so viel Selbstvertrauen, dass er nicht nachfragt, wie ich ihn einschätze. Mit Tony triffst du dich auf Augenhöhe und sprichst mit ihm auf dem Platz. Es ist meine Aufgabe, ihn besser zu machen.

Wie haben Sie ihn besser gemacht?

Es geht darum, ihn entsprechend seiner Qualitäten einzusetzen. Tony und auch Sebastian Andersson sind keine Sprintertypen. Die musst du nicht an der Mittellinie losschicken. Du musst sie mit Flanken und Pässen im Strafraum in Abschluss-Situationen bringen. Das schaffen wir. Wir haben zwar nicht die schnellsten Spieler der Liga, aber wir haben die Mannschaft, die mit die meisten Sprints und intensiven Läufe macht.

Spüren Sie, dass Sie durch die gesteigerte Wahrnehmung des FC auch eine größere Vorbildrolle einnehmen?

Ich stehe zwar in der Öffentlichkeit, und ich verhalte mich auch dementsprechend. Dennoch sehe ich mich nicht als Vorbild für andere, das will ich auch gar nicht sein,

Sind auch Nationalspieler wie Joshua Kimmich keine Vorbilder?

Klar ist Joshua Kimmich ein Vorbild, wieso nicht?

Es gab viel Kritik, weil er sich nicht frühzeitig hatte impfen lassen.

Joshua Kimmich ist für mich allein ein Vorbild, weil er eine klare Meinung hat. Oder hinterfragen wir ihn, weil er nicht die Meinung hatte, die von ihm erwartet wurde? Ich bitte Sie! Er hat keinem Menschen etwas getan, unterstützt mit seiner Stiftung viele Menschen, er ist geradeaus. Wissen Sie, wie viele Spieler zu dem Zeitpunkt nicht geimpft waren? 86 der rund 1000 Profis der ersten und zweiten Liga waren Mitte November nicht geimpft ...

Und Joshua Kimmich, der das Thema für sich persönlich hinterfragt hat – und das darf man in unserem Land –, wird dann als jemand hingestellt, der kein Vorbild sei? Wo sind wir denn? Er hat nichts Falsches gemacht. Das zählt dann oft aber gar nicht. Wichtig scheint zu sein, dass man einen gefunden hat, auf den man draufhauen kann. Da mache ich nicht mit.

Kimmichs Klub, der FC Bayern, ist schon wieder souveräner Tabellenführer und steht vor dem zehnten Titelgewinn in Folge. Macht Ihnen die Liga noch Spaß?

„Tony hat so viel Selbstvertrauen, dass e nicht nachfragt, wie ich ihn einschätze“

Wenn ich die Spiele von uns sehe, ja. Die Bundesliga hat ein sehr gutes Niveau. Es gibt viele gute Spiele. Was den Meisterkampf angeht: Ich glaube, dass es genügend gute Mannschaften in der Liga gibt. Vorne ist es langweilig, weil Vereine wie Dortmund und Leverkusen, auch Leipzig, Gladbach und Wolfsburg nicht in der Lage sind, ihr Potenzial abzurufen und den Bayern Paroli zu bieten – stattdessen setzen sie sich das Ziel, in der Champions League dabei zu sein. Man könnte aber auch sagen: Champions League spiele ich auch, wenn ich Meister werde.

Warum wird es immer nur Bayern?

Weil sie die mentale Stärke haben und den klarsten Blick. Sie wollen nicht Zweiter werden. Sie sagen: Wir wollen Ti- zu Borussia Dortmund“ tel holen, das ist das Einzige, was uns interessiert. Sie verlieren mal in Augsburg, aber dann folgt prompt der Sieg in Dortmund. Oder sie führen in Leverkusen nach der ersten Hälfte 5:0.

Leidet der Stellenwert der Bundesliga noch mehr, wenn Superstars wie Dortmunds Erling Haaland sie verlassen?

Wenn Erling Haaland nicht mehr da ist, gehen trotzdem 80 000 Zuschauer zu Borussia Dortmund – sofern wieder welche zugelassen sind. Es geht nicht um einen Spieler. Ich glaube, der Fußball verliert insgesamt an Attraktivität.

„Wenn Erling Haaland nicht mehr da ist, gehen trotzdem 80 000 Fans“

Aus wel- chem Grund? 

Überzüchtung. Wir – und damit meine ich den gesamten Fußball – müssen uns mal genau fragen, was wir nicht wollen. Ich habe noch kein Spiel der Conference League gesehen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass Klubs aus der Champions League fliegen und jetzt die Chance bekommen, die Europa League zu gewinnen. Oder dass die WM in Katar stattfindet und die Ligen Ende Oktober unterbrochen werden, damit sie da stattfinden kann. Oder die Idee, die WM künftig alle zwei Jahre zu spielen – das alles tut dem Fußball nicht gut.

HERTHA – KÖLN

Sonntag, 9. Januar, 15.30 Uhr live bei DAZN, Highlights direkt nach Abpfiff auf BILD.de, Sportbild.de und in der Sport BILD-App.