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KÖNIG DER LACKIERER


Auto Bild klassik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 19.07.2019

Walter Maurer führte sogar Andy Warhol den Pinsel. Er ist der Handwerker hinter BMWs berühmten „Art Cars“


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Bildquelle: Auto Bild klassik, Ausgabe 8/2019

SELBST GEMACHTAus einem 3er- BMW mit Blechscheiben schuf Maurer sein Kunstwerk „Dialog. Mensch und Mobilität“


AUTOBiografie

Als Bub mit sechs Jahren war ich beim Nachbarn in der Garage, wo eine alte BMW drinstand. Da war eine Farbbüchse – das Gelb hat mich so fasziniert, da musste ich immer dran riechen.“ Walter Maurer (77) zwinkert mit seinen blauen Augen. „Ich glaub, da hab ich mir ein Virus eingehandelt.“

Lack ist sein Leben. Er macht auch vieles andere, hat drei Söhne, war Rennfahrer, flog ...

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... Hubschrauber. Aber am Ende läuft bei Maurer doch alles auf Lack hinaus.

Als Kind zeichnet er unentwegt. Nach der Volksschule in Hebertshausen bei Dachau wird er Schriftenmaler, Vergolder, Werbegrafiker, er lernt, mit Stift, Pinsel und Plakafarben umzugehen. Nebenbei holt er die mittlere Reife nach.

Eines Tages fragt ihn ein Brauer aus Augsburg: „Kannst du mir das Brauereilogo auf meinen Kleinlaster malen?“ Maurer: „Logo! Ich war halt ein Autonarr, und Autos anzumalen kannte man damals noch nicht.“ Bald lernt er, mit der Spritzpistole umzugehen, und lackiert Autos nach. Oder spritzt Streifen auf einen 02 der BMW Motorsport GmbH.

Gleichzeitig, irgendwo auf der Welt: Kunstauktionator und Rennfahrer Hervé Poulain (heute 79) heckt die Idee aus, ein Auto von einem Künstler bemalen zu lassen und damit Rennen zu fahren. Jochen Neerpasch (80), Chef von BMW Motorsport, und Rennfahrer Jean Todt (73) besorgen das Auto, einen 3.0 CSL; Poulains Freund, der Maler Alexander Calder, hat eine Idee. Aber wer kann die Farbe so aufs Auto bringen, dass sie hält?

„Da kenne ich einen, einen Besseren gibt’s gar nicht“, sagt 1975 der BMWDesigner Wolfgang Seehaus (81). Er spricht Maurer an – „mein Durchbruch“, sagt der heute.

Calder malt nicht direkt aufs Auto, sondern auf eine Maquette, praktisch ein Modell im Maßstab 1:5, gebaut von Seehaus. Maurer bekommt die Maquette; in seiner Werkstatt in Hebertshausen, eine halbe Autostunde nördlich von München, überträgt er die Malerei – ohne Calder je zu sehen – aufs echte Auto. „Das waren ja Pinselstriche von Farbpasten. So was geht mit Lack nicht. Ich habe also den Untergrund geschliffen, damit alles hält. Mit Glasurit-Beratern das richtige Material ausgesucht. Haftvermittler aufgetragen. Dann das Kunstwerk auflackiert. Und am Ende einen speziellen elastifizierten Klarlack aufgetragen, damit der Lack nicht stumpf wird, aber auch nicht reißt.“

LEOPARD EINSMaurer (Mitte) und seine Leoparden- BMW: „Als Warhol meine Arbeiten sah, hat er das erste Mal gelacht“


PINSELBEGABUNGMaurer hält das Modell mit Warhols Entwurf, der bemalt den M1 – und ist nach 28 Minuten fertig


HEISSER JOB1982: Ernst Fuchs aus Wien (l.) malt Flammen auf den 635 CSi, Maurer (r.) bringt ihn auf die Rauch-Optik


Im Jahr darauf kommt die Maquette von Frank Stella: ein 3.0 CSL in Millimeterpapier- Optik. „Das war das schwierigste Art Car. Hab ich in Tag- und Nachtarbeit gemalt. 300 Stunden. Als es fertig war, ging Frank Stella klatschend ums Auto – da ist mir aber ein Stein vom Herzen gefallen!“

Für sein drittes Art Car, den 320i Turbo (E21) von Roy Lichtenstein, hat Maurer nur sechs Tage und Nächte Zeit. Beim vierten wird alles anders: Denn Andy Warhol kommt 1979 nach Hebertshausen und trägt selbst mit dickem Pinsel die Farbe auf den M1 auf. Maurer hat vorher Farbmaterial gefunden, das nicht abläuft, sondern genau so bleibt, wie Warhol es malt. „Drum sieht man heute jede Pinselspur. Er hat Geschwindigkeit durch das Verfließen von Farben aufgemalt.“ Maurer und Warhol gehen in Hebertshausen in den Landgasthof Herzog, da fragt jemand: „Habt ihr einen Kindergarten dagehabt, der das Auto bestrichen hat?“ Maurer: „Ich hab’s dem erklärt, aber der kannte nicht mal den Warhol.“

1975: Calder 3.0 CSL, das erste BMW Art Car. Maurer bekam von Alexander Calder nur das Modell, „ihn hab ich nie gesehen“


1976: Stella 3.0 CSL, vorn Frank Stella mit Modell und Zigarre. „Als ich fertig war und er es ansah, ging er klatschend ums Auto“


1977: Lichtenstein 320i Turbo (l.). „Das war schwierig, Roy Lichtensteins Entwurf zu übertragen: Am 1:5-Modell war das Dach zu groß“


GLÜHENDER VEREHRERMaurer heute im BMW-Museum: „Fuchs war ein Spitzenmaler“


KÜHL UND SACHLICHAuf Fuchs’ Auto durfte Maurer seine Signatur hinterlassen


Der Warhol, „der war gut. Aber sehr still und ernst. Erst als er meine Arbeiten gesehen hat, hat er mich akzeptiert. Da hat er das erste Mal gelacht“.

Ganz anders ist es 1982 mit Ernst Fuchs aus Wien. „Mit dem Ernst hat man Spaß haben können!“ Fuchs bringt einen Kindheitstraum auf einen 635 CSi: „Feuerfuchs auf Hasenjagd“, einen Hasen, der nachts quer über die Autobahn und über ein brennendes Auto springt. „Er hat meine Bücher gewälzt und sich von mir Techniken ausgesucht, vor allem den Farbverlauf im Rauch.“ Farbverläufe sind inzwischen eine Spezialität von Maurer. Fuchs schreibt tagsüber an seinem Buch, „lackiert haben wir nächtelang. Als das Auto gerade fertig war, hat ein BMW-Mitarbeiter beim Rangieren den Kotflügel kaputt gefahren – kurz vor der Pressevorstellung. Sie haben dann Grünpflanzen davorgestellt, das war geil.“


„Ich war beeindruckt. Walter und sein Team hatten einen großartigen Job gemacht.“Frank Stella (82), Künstler


1979: Warhol Der M1 fuhr ein einziges Rennen, die 24 Stunden von Le Mans 1979. Maurer: „Schäden an der Farbe hab ich ausgebessert“


1990: Manrique „Wäre ich eher zu Walter gekommen, hätte ich die Farben am 730i anders gemacht“, soll César Manrique gesagt haben


1991: Penck „Beim BMW Z1 hat der A. R. Penck die Männchen selbst aufgemalt, ich habe die Farben angerichtet“


HEUTE ZWEI KÖNIGLackierer-König Maurer (l.) mit Journalist Jochen von Osterroth, König Carl Gustaf von Schweden und Neffe Thomas Sommerlath


„Der Walter ist ein ganz aufrichtiger, zuverlässiger und respektvoller Mensch.“Hans-Joachim Stuck (68), Rennfahrer


Als Walter Maurer all das erzählt, stehen wir in seiner Halle in Fürstenfeldbruck, einer Insel der Kunst mitten auf dem Fliegerhorst-Gelände. Rechts von uns zwei BMW E36, die Maurer selbst zu Art Cars machte (siehe Seite 42) – in den klarsten Farben, ausgerechnet er, der Großmeister des Verlaufs. „Roy Lichtenstein war ein Vertreter der Grundfarben erster Ordnung: Rot, Blau, Gelb – das hat mich inspiriert.“ Die Limousine symbolisiert Mobilität; der 3er Compact, so Maurer, „steht für Menschenwürde, Achtung und Respekt, Verständnis und Toleranz, Integration“.

Links von uns arbeitet ein Mann an einem BMW-M6-Rennwagen aus der GTE-Rennserie. Es ist Altin Alushaj (31),

Bild in Dachau Die Motorhaube dieses VW Golf I ziert ein Bergsee im Sonnenaufgang – ein Fest für Fans des Farbverlaufs


8 mΠ Munchen Namen Münchner Wirtshäuser zieren den Le-Mans- M1 von Prinz Poldi, Christian Danner und Peter Oberndorfer


In Dschidda Araber liebten das Dekor auf BMW 5er und 7er. „Anfangs vergilbte der Lack. UV-beständiger Klarlack hat es gerettet“


Saddams 190er Uwe Gemballa lieferte den Mercedes mit Maurers Karawanen- Dekor an Hussein. „Das war kitschig, natürlich“


Maurers 3er Versuch eines eigenen Art Cars am BMW E36: Grundfarben statt Farbverläufe, inspiriert von Roy Lichtenstein


Lagerfelds 7er Dem 750iL (E38), den Karl Lagerfeld 1996 innen auspolsterte, gab Maurer außen einen Farbverlauf


OHNE PISTOLESein eigenes Bild „Zerstörung“ von 1984 (l.) zitiert Maurer im neuen Bild: „Ich greife das Motiv auf, wie die Welt sich verändert“


Ein Lack-Fachmann ist er, ein Lackaffe nicht. Wenn er über andere Menschen spricht, dann klingt das so: „Carl Ludwig Gössl, mein Lehrer – einer der ganz, ganz Großen.“ „Ernst Fuchs war ein Feingeist.“ „César Manrique war ein Gentleman.“ „Ich habe sehr gute Studenten gehabt.“ „Generalleutnant Karl Müllner hat ein wahnsinniges Wissen.“

Ach ja, das Militär. Sein Vater starb im Krieg, deshalb musste der junge Walter nicht zum Wehrdienst. Heute bezeichnet er sich als „Freund der Luftwaffe“. Wie kommt’s? „Nach meinem Motorsport-Ende 1989 hab ich mich gefragt: Was machst?“ 1993 lernt Maurer, Hubschrauber zu fliegen, und macht die Privatpilotenlizenz. 1996 lädt die Luftwaffe ihn zu einer Wehrübung für Führungskräfte ein – ihn, den Ungedienten. Da freundet er sich mit Karl Müllner an. Nach mehreren Übungen mit dem Luft- transportgeschwader 61 wird er Oberleutnant der Reserve und hilft der Luftwaffe, wo er kann.

MIT GEWÄHRGespräch mit dem AUTO BILD KLASSIK-Reporter


Serien-Maurer Von der R 100 S legte BMW 1979 die Sonderserie „Air-line“ auf, 400 Stück mit Streifen in Blau- Schattierungen


Straßen-Bahn Mit der Schiene auf die Straße: Wiese, Wald und Intercity zieren den Mercedes T2 („Düsseldorfer Transporter“)


Haus am Wasser Michael A. Roth, Präsident des 1. FC Nürnberg, ließ sich sein Reisemobil mit dieser Hafen- Grafik verzieren


Seltsam: 2002 fertigt Maurer in 400 Stunden ein zwei Meter breites Bild von Hans-Joachim Marseille an – einem Jagdflieger, der 1942 in Ägypten abstürzte. Beileibe kein Nazi, aber auch kein Widerstandskämpfer; damit ist er nach dem Traditionserlass der Bundeswehr nicht traditionswürdig. Maurer übergibt das Bild dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS.

Hat er zu wenig Distanz zur Wehrmacht? Kaum: Auf seiner Website beschwört er „ein friedliches Miteinander ohne Gewalt, Extremismus und Fremdenhass“ und schreibt über sich: „Aktuelle Entwicklungen bereiten ihm im Anblick der Vergangenheit Sorge.“ Wenn er über Rechtsextreme spricht, hört sich das so an: „Heit hupfa die Idioten ja wieder umanand.“ Der Mann der Nuancen – gegen Braune bekennt er Farbe. Mag er auch Lackierer sein: Oberflächlich ist er nicht.
Frank B. Meyer


„Er ist ein sehr kreativer Geist, hilfsbereit und hat eine unglaubliche Energie.“Petra Maurer-Biehl (56), Ehefrau


VITA

1942 Geboren in Dachau.

1956 Kunstgewerbeschule Hans Baier in München, 1959 Abschluss als Werbegrafiker.

1966 Studium Gebrauchsgrafik und Grafikdesign. Arbeit an Autos. Er entwickelt die Lackaquarelltechnik.

1975 Erstes von sechs BMW Art Cars.

1980 Rennfahrer, etwa in der Deutschen Rennsport- Trophäe, Procar, Gruppe C.

1984 Leiter der Glasurit- Designschule, ab 1994 Akademie für Design, Kunst und Lacktechnik.

1991 Lehrauftrag Farbenlehre an der Akademie der Bildenden Künste München, bis 2000.

2002 Maurer gestaltet das erste Flugzeug, einen Eurofighter, für EADS.

Pferd & Reifen Hier hatte Maurer mal richtig Platz. Fulda warb mit dem Mercedes SK für Reifen, Maurer für seine Lackierer- Seminare


Eurofighter Zum Luftwaffen- Geburtstag 2016 spritzte er den Kampfjet gratis um – „sonst dreht der Bundesrechnungshof durch“


Gemälde „Warum nur?“ heißt Maurers Bild übers KZ Dachau. „Das würde ich gern dem Museum Auschwitz überreichen“


FOTOS: HERSTELLER (2), C. BRRIES, AUTO BILD SYNDICATION

FOTOS: HERSTELLER (7), C. BRRIES (2), AUTO BILD SYNDICATION

FOTOS: C. BRRIES (6), MAURITIUS IMAGESS, HERSTELLER, AUTO BILD SYNDICATION