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Könige der Arktis


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 21.01.2022

NATUR

Artikelbild für den Artikel "Könige der Arktis" aus der Ausgabe 4/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 4/2022

Noch etwa 22.000 bis 31.000 Eisbären gibt es weltweit rund um den Nordpol

Sie kommen. Jeder ihrer Schritte fällt den hungrigen Eisbären schwer. Der eisige Wind macht ihnen nichts aus, aber die Kräfte schwinden. Durchs Fernglas beobachtet Tatyana Minenko, Leiterin der Eisbärenpatrouille, wie sich die Tiere dem Dorf Ryrkaipij im Nordosten Russlands nähern. Sie ist mit ihrem Team an der Küste unterwegs, dokumentiert alle Sichtungen, warnt die Bevölkerung und setzt notfalls Leuchtspurmunition ein, um die majestätischen Bären zu vertreiben. Die suchen sogar auf Müllkippen nach Essbarem. Der König der Arktis ist zum Bettler geworden.

„Solche Patrouillen werden immer wichtiger, um Konflikte zwischen Mensch und Tier zu vermeiden“, erklärt dazu Dr. Sybille Klenzendorf, Arktisexpertin des WWF. „Früher kamen die Eisbären nur drei oder vier ...

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... Wochen lang an Land, mittlerweile sind es sogar drei, vier Monate.“ Im Dezember 2019 streiften 56 Bären auf der Suche nach Nahrung durch die unmittelbare Umgebung von Ryrkaipij. Schulen mussten bewacht, Veranstaltungen abgesagt werden. „Deshalb hat der WWF schon vor über zehn Jahren Patrouillen initiiert und die Mitarbeiter vor Ort ausgebildet“, sagt Sybille Klenzendorf. Tatyana Minenkos Team ist nur eine der vom WWF unterstützten Patrouillen in Russland, Alaska und Kanada. Sie alle setzen sich für den Schutz der arktischen Wildtiere ein.

Mehr Packeis, bitte!

Warum suchen die sonst so einzelgängerisch lebenden Bären überhaupt die Nähe von Menschen? „Die Tiere sind optimal an die Robbenjagd auf dem Eis angepasst“, erklärt Expertin Klenzendorf. „Doch der Klimawandel verändert das Ökosystem der Arktis rasant, das Eis geht immer schneller und immer weiter zurück und braucht länger, um im Winter wieder zu gefrieren.“

Für ihre Jagdtaktik benötigen die Bären das Packeis. Normalerweise lauern sie an Spalten und Löchern, an denen die Robben zum Luftholen auftauchen. Oft verharren sie stundenlang und schlagen dann zu. Ein Prankenhieb, ein gezielter Biss – der Hunger ist gestillt. Schmilzt das Eis im Sommer zu schnell weg, fehlt den Bären diese Plattform zum Jagen. Sie sind zwar exzellente Schwimmer, aber gegen die flinken Robben haben sie im offenen Meer keine Chance.

„Die Bären wandern an der Küste entlang und suchen nach Eisschollen, von denen aus sie jagen können“, berichtet Dr. Klenzendorf. „In den Orten, an denen sie vorbeikommen, riecht es natürlich verlockend. Nicht nur nach Futter, sondern auch nach Petroleum. Das finden die neugierigen Tiere ungemein interessant.“ Eisbären haben feine Nasen, vermutlich ist ihr Geruchssinn noch empfindlicher als jener der Hunde. Damit schaffen sie es, ihre Beutetiere sogar unter dem Eis aufzuspüren. An Land hilft ihnen diese Nase, allerlei Essbares zu finden, mal Walkadaver, mal Abfall.

Damit kommen die erwachsenen Bären über die Runden. „Es ist nicht so, dass sie kläglich verhungern“, stellt Sybille Klenzendorf klar. „Das Problem ist der Nachwuchs, dessen Überlebenschance rapide abgenommen hat.“ Weibliche Eisbären müssen sich ein Fettpolster anfuttern, bevor sie sich ins Winterlager zurückziehen und ihre Jungen zur Welt bringen. In dieser Schneehöhle schaltet ihr Körper komplett auf Fettverbrennung um. Auch die Milch für den Nachwuchs produziert die Eisbärmutter aus diesen Reserven. Hat sie im Sommer nicht genug Beute gemacht, nuckeln die Kleinen vergeblich an den Zitzen.

Außerdem droht eine neue Gefahr: „Durch den Klimawandel regnet es mittlerweile im russischen Winter“, warnt die Expertin. „Wenn das Wasser in die Höhlen eindringt und die Kleinen nass werden, erfrieren sie.“ In den ersten Wochen wärmt nur ein dünnes, fluffiges Fell, die dicken Schutzhaare wachsen erst später.

Da die Geburtenrate sinkt und immer weniger Eisbärbabys überleben, schrumpft die Gesamtpopulation. Schätzungen gehen von 22.000 bis 31.000 Tieren aus, die noch weltweit rund um den Nordpol leben. „Die Spanne ist so groß, weil nicht für alle Regionen wissenschaftliche Daten vorliegen“, erklärt WWF-Expertin Klenzendorf. „Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft wird es sein, die Datenlücken zu schließen.“ Dabei müssen die Eisbärstaaten Kanada, Dänemark, Norwegen, Russland und die USA enger zusammenarbeiten. Wie kann man den Lebensraum der Eisbären sichern? Wo kommt es zu Konflikten? Und wie lassen sich die Folgen des Klimawandels bekämpfen?

Her mit dem Knopf im Ohr!

Flugzeuge mit Infrarotkameras sichern die Spuren der Bären auf dem Packeis und an Land, ein neuartiger GPS-Sender soll es ermöglichen, die Wanderungen noch effektiver zu verfolgen. Bisherige GPS-Halsbänder sind schwer und zu unbequem für die Tiere. „Deshalb haben wir zusammen mit Technikexperten, die sonst im Silicon Valley etwa an Smartphones arbeiten, den Prototyp eines Ohrensenders entwickelt“, sagt Sybille Klenzendorf. Die Sender sind extrem klein, mit starker Batterie und passend fürs Ohr. Damit die Zukunft der Eisbären gesichert werden kann, tragen sie vielleicht bald ein altes Teddy-Markenzeichen: einen Knopf im Ohr. KAI RIEDEMANN