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Königin der Wellen


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 12.04.2022

Artikelbild für den Artikel "Königin der Wellen" aus der Ausgabe 5/2022 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 5/2022

BACK TO THE ROOTS Surf-Superstar Carissa Moore beim The Red Bulletin-Fotoshooting an der Ostküste der Insel O?ahu, Hawaii. Hier trägt sie einen ?Haku Lei?, den traditionellen Kopfschmuck ihrer Heimat.

Ganz privat: Carissa Moore

Weltmeisterin im Surfen

Surfte ihre erste Welle mit vier Jahren.

Steht auch auf Boxen.

Heiratete ihre Highschool-Liebe Luke.

Litt an Essstörungen.

Liebt ihre Hunde Maya und Tuffy.

„Ich fragte mich ständig: Wer bin ich, wenn ich nicht gewinne?“

2021 gelang Carissa Moore das perfekte Jahr in ihrem Sport. Ihr größter Sieg hatte aber nichts mit Surfen zu tun: „Ich musste daran arbeiten, glücklich zu sein.“

Voriges Jahr im September wurde der Weltcup der Surferinnen erstmals in einem neuen Modus ausgetragen: Der Titel sollte in einem einzigen, entscheidenden Finale vergeben werden – statt wie früher an jene Sportlerin, die im Verlauf einer Saison die meisten Punkte gesammelt hatte. Für die Zuschauer versprach das deutlich mehr Spannung: Die besten fünf Surferinnen der Saison trafen beim Finale der Rip Curl World Surf League (WSL) im kalifornischen San Clemente an einem einzigen ...

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... Tag in einer Art Showdown im K.-o.-System aufeinander – zuerst Fünfte gegen Vierte, die Siegerin gegen die Dritte und so weiter – bis zum großen Finale, in dem es dann in einem „Best of three“-Match um den Weltcupsieg ging.

Für Carissa Moore, die Surf-Ikone aus Hawaii und Führende im Weltcup, war das theoretisch eine beneidenswerte Ausgangslage: Sie hatte das Ticket für das Finale bereits in der Tasche, musste nur gegen eine einzige Konkurrentin gewinnen. In der Praxis hieß das allerdings auch: Es blieb ihr den ganzen Tag nichts anderes als – Warten. Zermürbendes Warten auf den alles entscheidenden Moment. Und wenn sie in diesem Augenblick nicht ihre beste Leistung würde abrufen können, dann könnte sie sich ihren fünften Weltcup-Titel aufzeichnen – ein Risiko, das in einem Showdown wohl nicht zu vermeiden ist.

Tapfer überstand sie die Wartezeit: mit Aufwärmen, Chillen und Musik über ihre roten Beats-Kopf hörer. Am Nachmittag erfuhr sie dann endlich, mit wem sie es im Finale zu tun bekommen würde: mit der in Brasilien geborenen, in Hawaii aufgewachsenen Tatiana Weston-Webb.

In der ersten Runde schien es zu laufen wie immer. Gleich nach dem Startschuss erwischte Carissa Moore eine Welle und kassierte von der Jury Punkt um Punkt. Typisch. Es sah ganz nach einem glatten K. o. nach Runde zwei aus.

Doch dann passierte das Unerwartete: Die Königin der Wellen kam, für sie völlig ungewohnt, aus dem Tritt. Davon wieder profitierte ihre Gegnerin: Tatiana Weston-Webb wurde mit jedem Ritt besser und selbstbewusster. Nicht einmal 30 Sekunden vor dem Ende lagen die beiden Finalistinnen schließlich Kopf an Kopf, wetteiferten um eine Welle.

Weston-Webb war um einen Hauch schneller und fuhr einen weiteren Punkt ein. Ein Rückstand, den Moore in den letzten neun Sekunden hektisch wettzumachen versuchte, jedoch: keine Welle weit und breit. Schlusspfiff. Und die bittere Erkenntnis, dass ihr, der Titelverteidigerin, die Nerven durchgegangen waren. „Ich wollte so schnell wie möglich gewinnen“, erinnert sich Carissa Moore im Facetime-Interview mit The Red Bulletin. „Ich wollte, dass es so schnell wie möglich vorbei ist.“

Beim WM-Finale passiert das Unerwartete: Die Königin der Wellen verliert die Nerven.

Blieben 35 Minuten bis zu Runde zwei. 35 Minuten für Schadensbegrenzung. Wichtigste Aufgabe: ihre Emotionen unter Kontrolle zu zwingen. Aber die Gedanken rasten: Jetzt musste sie die nächsten zwei Runden unbedingt gewinnen. Konnte sie das? Was, wenn sie scheiterte? „Das ist alles, wofür ich gearbeitet habe“, sagte sie sich, „und jetzt bin ich hinten.“

Und plötzlich war da wieder die lästige Stimme in ihrem Kopf. Eine Stimme, die Carissa Moore nur zu gut von früher kannte. So gut, dass sie ihr sogar einen Namen gegeben hat: „Old Riss“ (also die „alte CaRISSa“, nach den mittleren Buchstaben ihres Vornamens).

Wie bringst du die negative Stimme im Kopf zum Schweigen?

In den letzten Jahren hatte sie hart daran gearbeitet, Old Riss zum Schweigen zu bringen. Mühsam lernte sie, deren Gegenwart anzuerkennen und sich dennoch mit grundsätzlichem Wohlwollen zu begegnen.

Jetzt aber war Old Riss wieder da, forsch wie eh und je. „Es war klar“, sagt Moore, „entweder ich gebe mich weiter der Abwärtsspirale des Selbstzweifels hin – dann kann ich es gleich bleibenlassen. Oder ich beiße mich durch, kämpfe und gebe mein Bestes.“

Sie telefonierte mit ihrem Mentalcoach, dann holte sie sich Kraft von ihrem Vater und Trainer Chris und von ihrem Ehemann Luke Untermann. Der schaute sie mit Tränen in den Augen an und sagte: „Schatz, wenn eine das schafft, dann du!“

Das genügte, um mit freiem Kopf in die nächste Runde zu gehen. Was sie am Surfen so liebt, sind sowieso nicht die Titel oder Trophäen, die es zu gewinnen gibt; sondern dass sie sich damit ausdrücken kann. Sie war ohnehin schon der Champion – egal was jetzt noch passieren würde.

Und dann gewann Carissa Moore die nächsten beiden Runden so souverän, dass Old Riss die Luft wegblieb. Damit war der zweite Weltcupsieg in Folge in trockenen Tüchern, der fünfte insgesamt.

Moore zieht ihre Linien mit der Präzision einer Chirurgin. Ihre Tricks haben das Damen-Surfen revolutioniert.

Überhaupt war das Jahr 2021 der Hammer: Bei keinem Event der Meisterschaft war sie schlechter klassiert als Dritte, das Gelbe Trikot der Führenden musste sie keinen einzigen Tag ausziehen. Darüber hinaus gelang ihr beim Rip Curl Newcastle Cup in Australien mit einer 360-Grad-Drehung in der Luft eine der spektakulärsten Figuren, die je gezeigt wurden. Und dann gewann sie noch in Tokio die Goldmedaille beim allerersten olympischen Surf-Wettbewerb. „Das war vermutlich das erfolgreichste Jahr, das in diesem Sport jemals jemand hatte“, sagt Jessi Miley-Dyer, Wettbewerbsleiterin der WSL und früher selbst Profisurferin.

Ein Teenager im Rampenlicht

Oberflächlich betrachtet war das ja zu erwarten: Carissa Moore, 1992 geboren in Hawaiis Hauptstadt Honolulu, galt schon immer als Wunderkind. Mit fünf stand sie das erste Mal, angeleitet von ihrem Vater, am Waikiki Beach auf einem Surf board. Schon bald sorgten Videos der Kleinen für Aufsehen in der Szene.

Jessi Miley-Dyer, damals noch selbst aktiv, erinnert sich noch gut an das Aha-Erlebnis, als sie das unfassbare Mädchen sah, das Aerials (Tricks in der Luft), Fin Throws (bei denen das Surf brett fast senkrecht aus dem Wasser in die Luft ragt) und rasante Carving-Schwünge über hohe Wellen zeigte, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. „Wer ist das, bitte?, haben wir uns alle gefragt“, erzählt Miley-Dyer.

Mit zwölf begann Moore, an Wettbewerben teilzunehmen. Die Folge waren elf Titel der National Scholastic Surfing Association (NSSA). 2010 stieg sie in die Profi-Liga auf; ein Jahr später wurde sie, noch Teenager, zum ersten Mal Weltcupsiegerin.

Von Anfang an war sie das Maß aller Dinge: Moore reitet die Wellen mit einem makellosen Flow, gewürzt mit rhythmisch-kraftvollen Bewegungen an der Wellenkante, blitzschnellen Manövern in die „Pocket“, das Energiezentrum der Welle; um dann mit der Präzision eines Chirurgen eine saubere Linie über das „Face“, den ungebrochenen Teil der Welle zu ziehen. Und ihre radikalen Tricks haben das Damensurfen revolutioniert: „Davor hat das einfach keine gemacht“, sagt Jessi Miley-Dyer.

Aber es gibt erstaunlicherweise auch eine Kehrseite der Medaille, die zu leicht übersieht, wer nur flüchtig hinschaut. Zum Beispiel, dass Carissa Moore die ganze Pubertät über im grellen Licht der öffentlichen Beobachtung verbrachte. So bekam alle Welt mit, dass sie an Essstörungen litt, und machte sich über ihre Figur lustig. Auf die Art bekam sie das Gefühl, trotz ihrer Erfolge nicht gut genug zu sein. Überhaupt war die Identitätsfindung eine echte Herausforderung.

„Ich habe mir so viel Druck auferlegt, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen“, sagt sie heute. „Ständig habe ich mich gefragt: Wenn ich keine Wettbewerbe gewinne: Wer bin ich dann?“

Nach ihrem dritten Weltcup-Gesamtsieg im Jahr 2015 schlitterte Carissa Moore in ein Burnout. Damals musste sie lernen, dass sich ihr Wert nicht nur über ihren Lebenslauf definiert. „Manchmal“, bilanziert sie heute, „muss man einfach noch einmal von vorn anfangen. In meinem Fall ging es darum, Liebe und Glück wiederzufinden. Und mir Zeit für Ruhe und ein gutes Leben freizuschaufeln.“

Check! 2017 heiratete sie ihre Highschool-Liebe Luke Untermann. Sie fand Zeit für Freunde und Familie, für Wanderungen in den Wäldern rund um ihr Haus in den Hügeln von Honolulu, fürs Basteln und das Skateboardfahren mit ihren beiden Hunden Maya und Tuffy. 2018 gründete Carissa Moore „Aloha“, eine gemeinnützige Organisation, die das Ziel verfolgt, jungen Mädchen dabei zu helfen, sich zu starken, selbstbewussten und empathischen Menschen zu entwickeln. „Aloha“ wie der hawaiianische Gruß, der unter anderem Liebe, Mitgefühl, Sympathie bedeuten kann und generell für die behauptete Gutmütigkeit steht, die Hawaiianern zugeschrieben wird.

„Ich möchte, dass man sich an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“

Wenn man Leute, die sie kennen, bittet, Carissa Moore in einem Satz zu beschreiben, dann fällt auch überdurchschnittlich oft dieser: „Sie ist ein guter Mensch.“ Moore hatte immer schon ein Händchen für überaus menschliche Überraschungen. Nach ihrem ersten Sieg auf der Profi-Tour 2010 in Neuseeland spendete sie das Preisgeld einem lokalen Surf-Verein. Und vor kurzem hielt sie als Dank dafür, dass das US-Surf-Team als Vorbereitung auf die Spiele in Tokio in Japan trainieren durfte, eine komplette Rede in der Landessprache.

Moores neue Mission: Mentorin für junge Frauen in den Wellen sein

Sie ist jetzt 29. Viel mehr als sie kann man im Surfsport wohl nicht erreichen. Sie hat eine neue Generation von jungen Surferinnen inspiriert, die sich schon anschicken, den Sport noch einmal auf ein höheres Niveau zu heben. „Was die machen“, sagt Moore und lacht, „schaffe ich im Leben nicht mehr, und das ist in Ordnung.“ Nachsatz: „Aber es wäre schön, wenn ich noch ein bisschen mit ihnen mithalten könnte.“

Nach den Erfolgen 2021 fühlt sich Carissa erstmals in ihrem Leben frei. „Mir kommt vor“, sagt sie, „dass ich erst jetzt allmählich im Takt mit meinem persönlichen und beruflichen Ich bin.“

Welche Ziele hat eine wie sie noch? Sie will zum Beispiel noch ihre Technik beim Backside Barrel Ride, dem schwierigsten Trick von allen, verbessern. Und auch beim Surfen über die Riesenwellen am Strand von Teahupo‘o gebe es noch Luft nach oben. Ihre Wellenritte dort sollen noch flüssiger und radikaler werden.

Doch am Ende, sagt sie, gehe es nur um eines: „Ich möchte, dass man sich später an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“

Carissa auf Instagram: @rissmoore10