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Königin des Bizarren


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 206/2022 vom 25.10.2022
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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 206/2022

Halb Medusa, halb Sonnengott: Lesage-Stickerei auf einem Abend-Cape, 1938/39. Re. Elsa Schiaparelli, Foto von Teddy Piaz, um 1935

Sie ging als Exzentrikerin in die Modegeschichte ein: Elsa Schiaparelli, die den Damen Schuhe und Tintenfässer auf den Kopf setzte, Stiefeletten mit Affenfell behängte und ein Abendkleid kreierte, auf dem Stoffwülste den Rippenbogen suggerieren. Nun wirft die Pariser Schau »Shocking! Die surrealen Welten von Elsa Schiaparelli« einen neuen Blick auf ihr Œuvre, der reich an hinreißenden Exponaten ist und ihre subversiven Qualitäten doch nivelliert. »Der Schiaparelli-Look«, heißt es im Katalog, »umfasste ein Kleidungsstück, Accessoires wie Hüte und Handschuhe und Schmuck, die dem Ensemble einen harmonischen, ornamentalen Touch verliehen – die Arbeit von Kunsthandwerkern, dieparuriersgenannt wurden.« Sicher verschafften die eleganten, oft schwarz gehaltenen Schiaparelli-Entwürfe den surrealistischen Zutaten einen ruhigen Hintergrund, trotzdem ist es gewagt, deshalb schon von Harmonie zu sprechen. ...

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Allerdings, die Schau wird von der 2012 erneut ins Leben gerufenen Modemarke Schiaparelli unterstützt, deren künstlerischer Direktor Daniel Roseberry sich auf den Geist der Gründerin beruft, nur dass bei ihm alles viel größer, skurriler, überdrehter ist, mit einem Wortinstagramy.Lady Gaga trat bei der Inauguration Präsident Bi- Sdens in einer Roseberry-Kreation auf, akzentuiert von einer übergroßen Friedenstauben-Brosche. Die Hälfte der Schaufläche im Musée des Arts Décoratifs ist Roseberrys Arbeit gewidmet. Hier vor allem stauen sich die Besucher. Wer die minuskülen Erläuterungen ignoriert, mag glauben, in Schiaparelli eine Designerin zu entdecken, die den heutigen XXL-Geschmack vorwegnahm. Dabei wirken ihre kühnen Ideen neben dem Marken-Statthalter von heute eher bescheiden.

Trotzdem: Die Transgressionen des guten Geschmacks, mit denen viele Modelabels heute um Aufmerksamkeit buhlen, sind ohne Schiaparelli nicht zu denken. Sie war eine Teamspielerin in der von künstlerischen Talenten aus den Nähten platzenden Metropole Paris, motivierte Künstler und vor allem auch Künstlerinnen, an ihren Kollektionen mitzuwirken. Sie bewegte sich unter Dadaisten und Surrealisten und engagierte Jean-Michel Frank, den sublimen Innenarchitekten des Art déco, für die Einrichtung ihrer Studios und Boutiquen. Sie bestickte ein Tageskostüm mit einem Motiv von Jean Cocteau, ließ ihre Kollektionen von Christian Bérard zeichnen, übersetzte Man Rays Fotoideen in Seidendrucke, gab Broschen bei Alberto Giacometti in Auftrag und gewann Jean Schlumberger als Designer für Modeschmuck, ehe er seine Flora-und-Fauna-Inspirationen bei Tiffany in echten Juwelen ausführte. Leonor Fini gestaltete für Schiaparelli eine Hutschachtel und den legendären Flakon des Parfums »Shocking«. Von Meret Oppenheim kamen Skizzen für einen Fell-Armreif und krallenbesetzte Handschuhe. Die Schriftstellerin und Louis-Aragon-Freundin Elsa Triolet kreierte ein »Aspirin-Collier« aus Porzellanperlen.

Vor allem Salvador Dalí beförderte Schiaparellis Ruhm. Ihm verdankte sie die größten Publicity Stunts: den Hut in Form eines verkehrt aufgesetzten Schuhs, das erwähnte Skelett-Kleid, eine mit Absinth-Gläsern bestickte Frackjacke oder den Hummer, den sie suggestiv über den Unterleib einer Abendrobe druckte.

Der europäische Adel und amerikanische Erbinnen wie Daisy Fellowes und Millicent Rogers, die Filmstars Katharine Hepburn, Marlene Dietrich und Arletty ließen sich von Schiaparelli einkleiden. Auch die Pariser Maskenbälle stattete sie zu skurrilen Themen aus. Ihre Trompe-l’Œil-Effekte brachten Vogue-Depeschen auf den Plan, ihre Hüte sicherten ihr Schlagzeilen, ihre Vorliebe für Popfarben wie das grelle Pink ließ die Telefone am nächsten Morgen heiß laufen.

Die 1890 geborene Italienerin war das unorthodoxe Kind einer wohlhabenden Gelehrtenfamilie. Sie entzog sich einer arrangierten Ehe durch Blitzheirat eines Theosophen, der ihr mit einem Vortrag in London imponiert hatte. Sie empfand Affinität zu seinen hellseherischen Aktivitäten und führte ihre Modeeinfälle später oft auf eigene Visionen zurück. Mit ihrem Gatten tourte sie durch die USA und war sich als Modell für seine Séancen nicht zu schade. In New York machte sie auch mit der Komponistin Gabrielle Buffet-Picabia Bekanntschaft, die sie in die Dada-Kreise einführte. Von ihrem Mann hatte Schiaparelli viel über das Marketing gelernt. Als sie sich trennten, trug sie einen pragmatischen Überlebenswillen und einen sechsten Sinn für die Generierung von Aufmerksamkeit im Gepäck. Ihr erster Design-Coup verdankte sich ihrem Sinn für ungewöhnliche und irritierende Schmuckdetails. An einer Zufallsbekanntschaft bemerkte sie einen interessanten Pullover, verfolgte ihn bis zur Quelle und bestellte bei der armenischen Strickerin gleich einen Satz Pullover mit eingearbeiteten illusionistischen Motiven: Schleifen und Matrosen-Tattoos.

Die Modeschöpferin war auf dem richtigen Weg. Sie perfektionierte den Bruch in herkömmlichen Bekleidungselementen wie dem Jackett, dem Bolero, dem Tagesensemble, dem Ballkleid, indem sie die klassische Garderobe mit den verrückten Ornamenten und Miniaturkunstwerken ihrer Künstlerfreunde komplettierte. Wie Coco Chanel vor ihr trat sie in den Dreißigern zunächst als Sportdesignerin in Erscheinung, konzentrierte sich angesichts des noch nachwirkenden Währungscrashs auf Praktikabilität und Vielseitigkeit. Sie kultivierte den Reißverschluss, kreierte vor Diane von Fürstenberg das Wickelkleid, erfand den Strand-Pyjama, schneiderte Ski- Outfits, stattete weibliche Tennisprofis mit Hosenröcken aus und kleidete die Fliegerin Amelia Earhart ein.

Im Anschluss daran perfektionierte Schiaparelli, was ihre Biografin Meryle Secrest denhardchicder Zwischenkriegsära nennt: smarte schwarze Silhouetten mit hoher Taille zur optischen Verlängerung des Körpers und extrabreiten Schultern, die dem Auftritt architektonische Serenität verleihen. Die Accessoires sorgten dafür, dass die Trägerin schnell ins Gespräch kam und im Mittelpunkt stand. So entwarf Schiaparelli ein Puderquastenetui in Form einer Telefonwählscheibe und, siebzig Jahre vor John Galliano, eine mit Schlagzeilen überzogene Pochette. Ihre Hutnadeln waren winzige Skulpturen in Gestalt von Tanzbären, Narrenkappen und tibetanischen Tempeltänzern. An einem Collier schaukeln Engel auf Zirkusseilen, an den Eingrifftaschen eines Kostüms lächeln rote Lippen. Von Schlumberger stammt eine Käfer- und Libellenparade, die um den Hals der Trägerin schwirrte. Giacometti lieferte eine Brosche in Gestalt eines barocken Verkündigungsengels.

Schiaparelli kümmerte sich nicht um stilistische Konsistenz, solange die Accessoires verblüffende Kleinode waren. Ihr Trompel’Œil-Spiel richtete sich in Zeiten des Reißverschlusses auch auf Knöpfe, die nun unpraktisch und dekorativ sein durften. An einem Kostüm quellen sie gold-orange wie Eingeweide hervor. An anderen prangen Louisdore und Dollarzeichen, ihr ironischer Kommentar zur Inflation. François Hugo, ein Urenkel Victor Hugos, legte Blüten und alte Pergamente in Bernstein ein und liefert grob gehauene Knöpfe, die archaisch wie vom Amboss eines Steinzeitschmieds daherkommen. Schiaparelli animierte Talente, wo immer sie schlummern mochten. Als ihr auf der legendären Pariser Weltausstellung der dekorativen Künste 1925 Stoffe der Modistin Madame Agnès ins Auge fielen, engagierte sie deren Textilmaler Jean Dunand. Den Ehemann ihrer Atelierdirektorin, Jean Clément, einen talentierten Erfinder, animierte sie zu ausdrucksstarken Broschen: ein lungerndes Fuchsgesicht, einen geradezu biblischen Widderkopf, pralle Eistüten, einen von Schnecken angenagten Steinpilz oder ein winziges Klavier.

Coco Chanel hatte den Modeschmuck salonfähig gemacht. Was zählte, war nicht die Exklusivität des Materials, sondern Originalität und Ausführung. Wie André Breton, der auf dem Flohmarkt nach magischen Objekten fahndete, betrieb auch Schiaparelli eine Neuverzauberung der Welt. Das Wertesystem der auf Gewinnzuwachs zielenden Fortschrittsmaschinerie war durch den Ersten Weltkrieg und die Inflation erschüttert worden. In dieser Zeit der Verunsicherung sahen sich die Künstler in Schiaparellis Umkreis nach Quellen des Gültigen für das desillusionierte Individuum um. Sie entdeckten die Kindlichkeit, das Spiel, das Unbewusste und die Ironie.

Taumelnd zwischen Ernüchterung und Euphorie, war den Dreißigern die Integrität der bürgerlichen Persönlichkeit abhandengekommen. Wer den eigenen Status nicht allzu ernst nahm, konnte nur gewinnen. In der Mode führte das Bewusstsein der Flüchtigkeit von Glück und Existenz zu kleinen Explosionen und unheimlichen Phänomenen an der Grenze von Körper und Kleid. Dalís gemalte Schubladen-Frauen kamen für Schiaparellis Strategie des Schocks gerade recht. Sie erbat von ihm die Skizze für ein Schubladen-Kostüm; damit begann ihre Zusammenarbeit. Cecil Beaton fotografierte das Resultat für die Vogue in einer wie von Dalí erdachten Mondlandschaft.

Ein weiterer kluger Schachzug der Italienerin war die Zusammenarbeit mit dem Stickerei-Atelier Albert Lesage, ohne das die Pariser Couture noch heute unvorstellbar ist. Die üppigen Inkrustierungen teurer Wollstoffe waren eine andere Spielart für die Auflösung der Körpergrenze. Barocke Spiegelschalen legen sich um die Brust und erzeugen mit ihren Reflexionen trügerische Einblicke ins Innere der Trägerin. Kupferrote Haarfluten einer Cocteau-Skizze umflammen den Arm eines grauen Kostüms, Zirkuselefanten vollführen um die Taille eines Boleros ihre Kunststücke. Dieser Entwurf gefiel Helena Rubinstein so gut, dass sie gleich mehrere davon bestellte.

Der Modehistoriker Richard Martin nannte Schiaparelli, die 1973 in Paris starb, eine Künstlerin im Reich der Mode. Ihr ging es nicht um einen wiedererkennbaren Stil. Im Dekor ließ sie ihren Mitarbeitern freie Hand, sie wählte nur unter den Mustern aus, die sie ihr präsentierten. Eine Künstlerin ist sie für Martin, weil sie Illusionen mit ihrer Mode erzeugte und Narrative andeutete. Man möchte hinzufügen, dass sie ein Gefühl für die lyrischen Momente des Daseins hatte, die sich immer dann einstellen, wenn Phänomene auf unerklärliche Weise betören. Zu diesem Zweck experimentierte sie auch mit neuen Stoffen wie dem 1935 vorgestellten Rhodophan, einem transparenten und äußerst zerbrechlichen Glasmaterial, mit dem sie ein Schürzenkleid überzog. Egidio Scaioni fotografierte eine androgyne Frau mit rotem Haar und weißem Teint darin, lässig an einem vergoldeten Paravent lehnend. Der Torso schimmert puppenhaft, die Augen schauen uns abgeklärt an, ein Porzellancollier aus erblühten Rosen verstärkt den Kontrast von Künstlichkeit und animiertem Leben. Für Schiaparellis Mission, durch surreale Experimente zu berühren, kindliches Vergnügen und Sehnsucht nach artifiziellen Paradiesen zu wecken, gibt es kein besseres Beispiel.

»Shocking! Les mondes surréalistes d’Elsa Schiaparelli«, Musée des Arts Décoratifs, Paris, bis 22. Januar 2023, Katalog: 55 Euro, auch in Englisch