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Königs Bruder


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 16.05.2020

Der Watzmann zieht Bergsteiger magisch an. Entsprechend viel ist los am »König« des Berchtesgadener Landes. Wer mehr Ruhe wünscht, sollte sich den Hochkalter vornehmen. Das Schutzhaus hat eine interessante Geschichte – und der namensgebende kleine Gletscher ist sogar der nördlichste der Alpen.


Artikelbild für den Artikel "Königs Bruder" aus der Ausgabe 6/2020 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 6/2020

Geschafft! Der Gipfel des Hochkalter ist erreicht.


1 Die Wimbachklamm spendet an heißen Sommertagen wohltuenden Schatten.


D Pier Wunsch an den Ramsauer Bergführer Hansi Stöckl ist klar formuliert: Such uns eine Tour, die spannend ist, die aber um den Watzmann, die größte Berühmtheit, den VIM, den »Very Important ...

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... Mountain« der Region, einen Bogen macht. »Groß und mächtig, schicksalsträchtig«, dichtete Wolfgang Ambros einst. Sogleich möchte man hinzufügen: »…und überlaufen!« ist das Wahrzeichen Berchtesgadens.

Ich treffe Hansi an der berühmten Wimbachbrücke. Das ist erst einmal das Gegenteil von einsam. Der Parkplatz quillt über. Selfie-Touristen und echte Wanderer treten sich gegenseitig auf die Füße. Die nahe Wimbachklamm und der einst als Jagdschloss genutzte Gasthof Wimbachschloss mit seinem prächtigen Biergarten locken Massen an. Doch kaum biegen wir auf Höhe des Schlosses auf einen schmalen Steig ab, umgibt uns augenblicklich Stille. Okay, wir hören das Summen der Pferdebremsen, die uns quälen. Sonst aber sind wir allein unterwegs. Hansi hat eine ziemlich geniale Idee: Er will hinauf zur Hochalm, weiter zur Eisbodenscharte und von dort auf die Schärtenspitze – den Hausberg der Blaueishütte also von der Rückseite her besteigen. Backside- statt Backstreet-Boys.

Klimaanlage Blaueis

Der Plan geht perfekt auf: Wir sehen an diesem andernorts alpinen Großkampftag keine Handvoll anderer Wanderer, dafür aber Gämsen, Murmeltiere und sogar über uns kreisende Adler. Dazu ist die Tour ausgesprochen abwechslungsreich: von Alpenrosen flankierte Latschengassen, Schrofen, Schneefelder, luftigere Pas- sagen am Grat zur Schärtenspitze – alles dabei. Am Gipfel bleiben wir lange sitzen und genießen den prächtigen Rundumblick: Watzmann im Osten, Reiteralpe im Westen, darunter der Türkis leuchtende Hintersee, gegenüber der Hochkalter, unser morgiges Ziel, nur gut hundert Meter niedriger als König Watzmann. Vor allem aber sehen wir unser Zuhause für die Nacht: die tief unter uns liegende Blaueishütte im Herzen von Deutschlands ältestem Nationalpark.

Nur eine gute Stunde später sitzen wir auf deren Terrasse. Die Luft ist frischer als erwartet. Das nahe Blaueis, der nördlichste Gletscher der Alpen, wirkt wie eine natürliche Klimaanlage. Wenn es gut geht, wird man den Mini-Eisstrom noch einige Jahrzehnte bewundern können. Im Sommer 2019 hat er sogar noch eine Firn-Auflage. Hätten wir’s gewusst, wir hätten vermutlich Steigeisen und Pi ckel eingepackt, um morgen den Hochkalter auf klassischer Route über das Blaueis zu besteigen. Sei’s drum, es wird in jedem Fall eine schöne Tour werden, denn auch der Normalweg weist einige Stellen im zweiten Grat auf.

Hansi gefällt’s auf der urgemütlichen Hütte ausgesprochen gut. Während im Watzmannhaus viele einchecken, die nur den berühmten Gipfel abhaken wollen, lockt die Blaueishütte vor allem Kletterer an und solche, die ihr Können im Fels verbessern wollen. Die vielen plattigen Sportkletterrouten rund um das Schutzhaus bieten dafür beste Voraussetzungen. Bergschulen und AV-Kurse sind hier deshalb regelmäßig zu Gast. Nach dem ersten Weißbier, das an einem 35-Grad-im-Schatten-Tag natürlich besonders gut schmeckt, begrüßt Hansi die Wirtsleute. Familie Hang managt die Hütte bereits in dritter Generation, ununterbrochen seit 1928. Raphael Hang III. ist wie Hansi Bergführer und auch aktives Mitglied der Bergwacht Ramsau. Seine Frau Regina stammt ebenfalls aus einer bergsportbegeisterten Familie, und die drei Kinder helfen im Sommer auf der Hütte mit. Die Geschichte der Hütte könnte jedem Heimatfilm Konkurrenz machen: Raphael I. war Chef auf der ersten, ständig von Lawinen bedrohten Urhütte. Die wurde aber zu klein, als nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebombte Städter das Hochkalter-Gebiet auf der Suche nach einer heilen Welt, vor allem aber nach Lebensmitteln ohne Bezugsschein in Beschlag nahmen. Die DAV-Sektion Hochland schlug deshalb den Umzug in die etwas niedriger gelegene und größere ehemalige Hütte der Wehrmacht vor. Noch ehe es dazu kam, brannte diese 1946 jedoch bis auf die Grundmauern nieder. Das roch nach einem Feuerteufel. Tatsächlich hatte der damalige Förster Georg Küsswetter den Brand legen lassen. Dem dünkelhaften »Ramsauer Nero «, wie schon bald sein Spitzname lauten sollte, passte es nämlich nicht, dass sich im ehemaligen bayerischen Hofjagdgebiet plötzlich »touristischer Bergpöbel« breit machen wollte. Er sah die exklusive Tradition der Ramsau in Gefahr und ermutigte seine Unterstützer, die Hütte anzuzünden. Sogar das Magazin Der Spiegel widmete dem Prozess und Küsswetter 1953 eine mehrseitige Reportage.

2 Die Blaueishütte bietet Tourenoptionen in Hülle und Fülle.


Am Gipfel der Schärtenspitze. Im Hintergrund: die Reiteralpe


2 Das Wimbachschloss, ehemaliges Jagdschloss von Prinzregent Luitpold, lädt zu einer Rast ein.


3 Hochwillkommen: eine Natur-Tränke in den Latschengassen


4 Zwischen der Eisbodenscharte und dem Gipfel der Schärtenspitze ist der Steig vorbildlich gesichert.


Von Raphe I bis Raphe III

Der Sektion Hochland und Familie Wang blieb folglich nur der Ausbau der alten Blaueishütte. Dabei wurde der Giebel um 90 Grad gedreht, um sie lawinensicher zu machen. Die Schneemassen sollten wie bei einer Schanze über die Hütte hinwegschießen. Leider hielten sich die Lawinen nicht daran. Kurz nach Weihnachten 1955 meldete der Wahl-Ramsauer Hermann Buhl, Erstbesteiger von Nanga Parbat und Broad Peak, die Blaueishütte sei verschwunden, weggefegt von einer Staublawine. Aufgeben kam für die Wangs natürlich auch jetzt nicht in Frage. Raphael I. baute ein Zelt aus Balken und Planen, auf dem offenen Feuer kochte er für Helfer und Bergsteiger, aus dem Hüttenwrack entstand rasch ein Notbiwak. Später übernahm die AV-Sektion Berchtesgaden das Gebiet und ließ die Blaueishütte an ihrem heutigen Standort neu auf bauen, 300 Meter vom alten entfernt, und jetzt wirklich lawinensicher.

1976 reichte Raphael I. die Hütte an seinen Sohn gleichen Vornamens weiter, der auch nach der Übergabe des Stabs an »Raphe III.« im Jahr 2010 noch immer aushilft, wenn Not am Mann ist. »Raphe II.« nimmt sich jetzt kurz Zeit, um mit Bergführerkollege Hansi fachzusimpeln. Viel Muße hat er aber nicht, denn das Haus ist fast bis auf das letzte Lager voll. Dabei hätte auch »Raphe II.« viel zu erzählen. Er war zum Beispiel 1964 Mitglied der Nanga-Parbat-Expedition zur Rupalwand unter dem legendär-be- rüchtigten Karl Maria Herrligkoffer. Am nächsten Morgen sind wir früh unterwegs, genießen die noch kühle Luft. Bereits nach einer guten Stunde haben wir die leichte Kraxelei zum »Schönen Fleck« hinter uns. Ohne die Eisausrüstung, die wir für den Gletscheranstieg gebraucht hätten, sind wir zügig unterwegs.


Die Schneemassen sollten wie bei einer Schanze über die Hütte hinwegschießen. Leider hielten sich die Lawinen nicht daran.


Der Weiterweg über Rotpalfen und Kleinkalter zum Gipfel des Hochkalter ist purer Genuss. Vom Kreuz blicken wir hinab zum Blaueis. Noch wirkt die Randkluft klein und zahm. Später im Jahr kann sie zur tödlichen Falle werden. Zudem steilt das dann blanke Eis bis zu 50 Grad auf. 2009 waren hier Ende August zwei Bergsteiger tödlich verunglückt. Wir genießen indes völlig unbeschwert den Blick auf das Watzmann-Massiv, durch das wir nur vom Wimbachgries getrennt sind. Keine Frage:

Der König des Berchtesgadener Landes ist ein imposanter Berg. Aber seinen Gipfel muss man sich mit vielen teilen. Wir hingegen sitzen mit nur drei Bergsteigern auf dem Hochkalter. Viel mehr Exklusivität geht nicht. Hansi und ich sind uns einig: Wenn der Watzmann der König ist, dann ist der Hochkalter mindestens des Königs Bruder.


Fotos: Günter Kast

Fotos: Günter Kast