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Königsmission


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 90/2022 vom 12.08.2022

Rotwildbrunft in Schleswig-Holstein

Wir Menschen wollen zurück zur Natur. Wir wollen uns wieder als Teil der Natur fühlen und diese so nah wie möglich erfahren.

Dabei gibt uns die Natur viele Möglichkeiten im Jahresverlauf. Der Frühling mit seinen ersten wärmenden Sonnenstrahlen lockt uns vor die Tür, das kühle Nass der Seen in den immer wärmer werdenden Sommer, die Pilze im Herbst und das Röhren der Hirsche.

Leittierart Rotwild

Viele Leute sind in der vergangenen Zeit auf unsere heimische Tierwelt und ihre Lebensräume aufmerksam geworden. Das Problem der Lebensraumzerschneidung durch unseren Anspruch an uneingeschränkte Mobilität, welche als Auswirkung mit Teil der genetischen Verarmung unserer größten einheimischen Landsäugetierart im Norden ist, rückt in das Bewusstsein der Bevölkerung. Das Rotwild stellt seit jeher eine Leittierart dar. Es wird und wurde als Anzeiger möglicher Wildwechsel und ...

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Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 90/2022

Der Sieger der letzten Kämpfe darf den Alttieren nachstellen.
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... Bewegungslinien für Fernwechsel herangezogen.

„Kahlwild ist standorttreu und Hirsche gelten als Wanderer.“

Die Damen bestimmen die Richtung Genauso geht es in die andere Richtung.

Hat sich ein kleiner Familienverband dazu entschlossen in einem Gebiet seinen Nachwuchs zu setzen und es als Kernzone seines jahreszeitlichen Bedarfs ausgewählt, kann sich innerhalb eines Jahrzehntes ein Rudel etablieren. Aus den Studien des Instituts für Zoo- und Wildtierkunde der Universität Göttingen, ließ sich herleiten, dass Kahlwild einen geringeren Anspruch an die Größe der Kernzone in Hektar stellt als das männliche Rotwild. Die Ansprüche beginnen beim Kahlwildrudel bei circa 75 Hektar und gehen bei den Hirschen in mehrere tausend Hektar große Streifgebiete. Daraus ergibt sich, dass das weibliche Wild eher als standorttreu zu benennen ist und Hirsche als Wanderer.

Tipps zum Verweilen

Der Brunftplatz wird demnach vom Kahlwildrudel bestimmt. Um den Ansprüchen eines Brunftplatzes gerecht zu werden, haben wir unter anderem folgende Faktoren bei der Reviergestaltung herangezogen:

Das Einstandsgebiet des Hauptrudels muss in der Nähe oder über sehr gute Bewegungskorridore erreichbar sein. Diese Wechsel müssen so weit als möglich störungsfrei gehalten werden. Als Störfaktoren gelten die unvorsichtige Bejagung (Wild bringt die Gefahr mit Menschen in Verbindung), das längere Verweilen sowie die nächtliche Anwesenheit von Erholungssuchenden auf den Wechseln. Einen erheblichen Einfluss haben unsere vierbeinigen Gefährten, welche ihren Kot und Urin auf den Korridoren hinterlassen.

Innen Äsung, nach Außen Deckung.

Der Platz muss dem Wild das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Entweder ist die Entfernung zu Wegen, Straßen und Zivilisation jenseits der Einsatzschussweite von Jagdgewehren, oder der Platz ist eingefasst als Insel im Wald.

Das Austreten auf die Fläche muss so erfolgen können, dass zurückbleibendes Wild im Kontakt stehen kann. Weniger Hecken am Waldrand, dafür einen lichteren Bewuchs mit Bäumen dritter Ordnung. Wenn der Waldrand dazu noch so gestaltet werden kann, dass die Hauptbaumarten als Mastbäume ihre Früchte als natürliche Äsung im Frühherbst fallen lassen, wertet dies den Brunftplatz ungemein auf.

Präparation des Brunftplatzes

Die Äsungsfläche wird bei uns in der letzten Juniwoche, spätestens jedoch in der ersten Juliwoche gemulcht oder gemäht, sodass während der Hauptbrunft Mitte September genügend natürliche Äsung für die intermediäre Ernährungsweise des Rotwildes zur Verfügung steht. Es wird unter keinen Umständen mit Äpfeln oder stärkehaltigen Kartoffeln, bzw. Getreide als Kirrung zugefüttert. Diese konzentrierten Fütterungsstellen sind kontraproduktiv bei der natürlichen sozialen Interaktion innerhalb der Kahlwildrudel. Das verzögerte Austreten des Kahlwildes und längere Verweilen in der Foto: Sven-Erik Arndt angrenzenden Deckung wird durch unverhältnismäßiges Zufüttern, pardon – „Kirren“ gefördert. Bei den Beihirschen sorgt es für einen erhöhten Druck auf das Brunftgeschehen und die unnötige zusätzliche Belastung des Platzhirsches. Die Hirsche müssen genügend Ausweichmöglichkeit haben, das bedeutet, dass der Platz idealerweise zaunfrei zu halten ist. In den angrenzenden Gebieten müssen Möglichkeiten für Ruhe und Suhlen zur Körperpflege vorhanden sein.

Insgesamt wird in der sogenannten jagdlichen Kernzone, welche in unserem Revier circa. 25 Hektar zusammenhängendes Gebiet umfasst, absolute Jagdruhe und striktes Betretungsverbot gehalten. Zwei- bis dreimal im Jahr fährt eine landwirtschaftliche Maschine in das Areal, um die nötigsten Arbeiten durchzuführen. Die Standorte der jagdlichen Einrichtungen um den Brunftplatz, sind so gewählt und positioniert, dass zu jeder Windrichtung passend angegangen werden kann.

Bejagungsstrategie des Rotwildes im Standrevier

Im Hochwildrevier mit Rotwild als Standwild, Damwild als Wechselwild und Schwarzwild, welches sporadisch Auftritt, haben wir uns für die primäre Jagd auf Rotwild entschieden. Dies hat zur Folge, dass ein absolutes Nachtjagdverbot im Kern und auf den Korridoren für Schwarzwild gilt. Dieses wird ausschließlich an den Randzonen zu den angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen und auf den Freiflächen, welche nicht vom Rotwild genutzt werden, bejagt. Die Bejagung des Rotwildes muss sehr früh im August mit der Absicht auf Kalb – Alttier Strecke beginnen. Ziel sollte es sein, mit zwei bis drei gemeinschaftlichen Intervallansitzen einen Teil des geforderten Abschussplanes zu erfüllen.

jeweils eine revierübergreifende Drückjagd durchgeführt. Spätestens zur Wintersonnwende soll die Bejagung eingestellt werden und dem Wild ausreichend Ruhe gewährleistet werden. In Zeiten der Reduzierung Im Spätherbst und Anfang Winter wird kann und muss in milden Wintern die Jagdzeit bis in den Januar verlängert werden.

Die Brunftzeit

Die Hirsche beginnen ihre Wanderung zu den Brunftplätzen in der zweiten Augusthälfte. Anfang September haben die Platzhirsche ihren Ort bezogen und der größte Teil der Alttiere zeigt sich bereit zum Beschlagen. Die Temperaturen fallen in den kühlen Nächten so weit ab, dass sich Boden- ›

nebel ausbreitet und die Pheromone der brünstigen Stücke an den Wasserpartikel haften und weithin übertragen werden. Diese werden bei den Hirschen über das Jacobsonsche Organ aufgenommen und der Testosteronspiegel steigt weiter.

Während der Hauptbrunft, welche meist von Anfang September bis Anfang Oktober dauert, verzichten die Platzhirsche sowie ihre Rivalen auf Schlaf und Äsung. Der angesetzte Feist wird aufgezehrt und am Ende der Brunft kann es vorkommen, dass Hirsche so stark geschwächt sind, dass sie verludern.

Durch den hohen Bestand an gleichaltrigen Beihirschen, welche während der Brunft im Randbereich den Platzhirsch durch ihre bloße Anwesenheit herausfordern, kommt es häufig zu Platzhirschwechseln. Je mehr Hirsche, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Kämpfe und dadurch auch die Möglichkeit der tödlichen Verletzungen der Platzhirsche bei der Brunft. Diese Fälle der sogenannten geforkelten Hirsche hat in den vergangenen Jahren in der Streckenstatistik zugenommen. Unter anderem durch den hohen Anteil an Beihirschen, der mittleren Altersstufe, kommt es inzwischen dazu, dass sich die Nachbrunft bis in den Spätherbst zieht. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Kälber im Folgejahr erst wesentlich später gesetzt werden. Wildbiologen forschen daran, dass unter nicht optimalen Bedingungen vorrangig Wildkälber gesetzt werden, da Hirschkälber mehr Energie bei der Aufzucht benötigen. Dies wiederum ist ein Teil der Spirale der inzwischen an Anzahl überhöhten Rotwildbestände in Deutschland.

Natürlich sind unzählige weitere Faktoren heranzuziehen, um eine tierschutzgerechte Bejagung der überhöhten Bestände zu erfüllen.

Jagdlich aktiv in der Brunft

Die Jagd während der Brunft stellt sich als überaus schwierig heraus, da während dieser Zeit Naturbeobachter zu jeder Tages- und Nachtzeit in allen Ecken des Reviers auftauchen. Jedem ist inzwischen der Zugang zur Wärmebild- und Nachtsichttechnik durch preiswerte Angebote ermöglicht. Wodurch selbst bei stockdunkler Nacht, strömenden Regen und im Hochmoor Menschen unterwegs sind, welche sich für dieses Naturschauspiel begeistern. Solange Brunfttouristen auf den Wegen bleiben und nicht mit einem Saufgelage den Wanderkorridor bela- gern, ist die Sympathie zwischen Jägern und Beobachter groß, da sie eine gemeinsame Leidenschaft und den Respekt gegenüber der Natur teilen. Touristen und revierfremde Jäger, welche unerlaubterweise Hochsitze betreten, auf dem Brunftplatz gehen, um ein besseres Bild mit der Kamera machen zu können, in den Heideflächen am Abend ihre Grills anmachen, um einen geselligen Feierabend zu veranstalten und die glühende Asche sowie leere Bierflaschen hinterlassen, werden natürlich in keinem Revier gerne gesehen.

In der Regel ist während der Brunftzeit in der Kernzone auf das Kahlwild Hahn in Ruh. Die Hirsche der Jugendklasse werden fernab des Brunftgeschehens bejagt. Der alte Hirsch, welcher am oder beim Brunftplatz anzutreffen, zumindest zu hören ist, dem wird dort nachgestellt. Sollte dem Lebenshirsch nachgestellt werden, dann sind meist der Schütze, der Ansteller und ein Beobachter mit Videokamera auf der Kanzel, bzw. am Brunftplatz auf der Jagd. Wir Menschen werden durch das Röhren in den Septembertagen und Nächten rausgelockt und wollen natürlich dem imposanten Schauspiel lauschen und beobachten. Um die Erhaltung dieses Spektakels unserer Könige der Wälder weiter ungestört zu gewährleisten und trotzdem auf seine Kosten zu kommen, gibt es seit Jahrzehnten im September im Wildpark Eekholt bei Großenaspe das Angebot der abendlichen Führung zur Rotwildbrunft.

Das Brunftgeschehen der Rotwildrudel, welche in großzügigen Gehegen von knapp fünfzehn Hektarn leben, ist Eins zu Eins auf die Tiere in freier Wildbahn übertragbar.

Walter Mahnert Er ist Jahrgang 1980, passionierter Jäger und Vorsitzender des Hochwildring Segeberger Heide. Der gebürtige Österreicher hat das jagdliche Handwerk in Schleswig-Holstein unter anderem im Jagdkurs Segeberg und in der Eigenjagd Eekholt gelernt. Seine große Leidenschaft gilt dem Spurenlesen. Seine weiteren Interessen sind die Jagd- und Wildnispädagogik. Zudem ist Walter Wildnislehrer und begleitet Menschen auf ihrem Weg zurück zur Natur hin zur Jagd.