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Können Sie kein Deutsch, oder was?: SCHWER


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 20.03.2019

Doch! Der Schriftsteller Abbas Khider spricht und schreibt perfekt Deutsch. Aber das war ein langer Leidensweg. Darum hätte er ein paar Verbesserungsvorschläge für diese Sprache. Interview: Esra Ayari


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So formuliert der Schriftsteller Abbas Khider den rot gedruckten Satz aus dem Interview in Neudeutsch, wie er seine Variante der deutschen Grammatik nennt.


Foto:


„DIES BUCH I HABE GESCHREIBT, WEIL I BRAUCHTE E SEELISCH PAUSE VON DIE ERNST THEMEN IN MEIN ROMANE. DE DEUTSCH SPRACHE IST E UNGEHEUER.“


Ihr neues Buch heißt Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch. Wollen Sie das mit der Schriftstellerei lassen und sich als Lehrer bewerben?

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Ich möchte ungern als ein Oberlehrer gesehen werden. Ich mache mich lustig, über die deutsche Sprache, über die Deutschen, die Araber – und über mich.

Dieses Buch habe ich geschrieben, weil ich eine seelische Pause brauchte von den ernsten Themen in meinen Romanen. Die deutsche Sprache ist ein Ungeheuer.

Naja, die deutsche Sprache kennt vier Fälle, Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ. Im Serbokroatischen gibt es sieben, im Finnischen sogar 15.

Das kann sein, aber haben Sie sich schon mal den deutschen Nebensatz angeschaut? Seine Struktur ist dramatisch. Im Hauptsatz ist alles noch ziemlich klar, ein Beispiel: „Ali liebt den deutschen Hauptsatz.“ Das Verb und das Subjekt sind eng verbunden. Das sind sie auch dann noch, wenn man den Satz umformuliert: „Den deutschen Hauptsatz liebt Ali.“ Aber dann kommt der Nebensatz, und alles wird anders: „Ali bildet nur Hauptsätze, weil er den Nebensatz nicht leiden kann.“ Plötzlich wird das Verb vom Subjekt getrennt und muss am Ende stehen.

Was schlagen Sie vor?

Nach meinen Regeln müsste es so lauten: „Ali bildet nur Hauptsätze, weil er leidet nicht de deutsche Nebensatz.“ Das ist die einzig sinnvolle Lösung. Auch wenn es für die, die Deutsch schon als Kind gelernt haben, komisch klingt. Aber die finden auch Pronomen normal.

Was stört Sie denn an den Wörtchen ich, du, er, sie, es?

Können Sie mir mal verraten, warum sich die dritte Person feminin im Singular und die im Plural dasselbe Wort teilen müssen? Gibt es keine anderen Buchstaben im Deutschen? Das ist doch keine Gleichberechtigung. Jeder hat das Recht auf ein eigenes Pronomen.


„Warum müssen sich die dritte Person feminin im Singular und die im Plural dasselbe Wort teilen?“


Und warum vergleichen Sie Adjektive mit langen Unterhosen?

Das ist ein anderes Thema. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Lektoren Adjektive nicht mögen. Sie finden Texte mit vielen Adjektiven zu blumig und streichen sie rücksichtslos. Aber wir brauchen Adjektive, darum gibt es ja auch so viele. Mit langen Unterhosen ist es genauso: Sie werden versteckt, gelten als Liebestöter. Und das, obwohl keiner ohne sie sein kann bei Minustemperaturen.

Mit den Adjektiven sind Sie aber auch nicht zufrieden und fordern große Veränderungen.

Ich habe nichts gegen die Adjektive an sich, nur dieser Flexionswahnsinn muss aufhören. Das ganze Beugen und Biegen führt doch nur zu Verwirrung. Adjektive, die nachsein ,bleiben undwerden stehen, werden beispielsweise nicht verändert. Wie das Wortlustig in folgendem Satz: „Der Lehrling ist lustig.“ Verwendet man dasselbe Adjektiv aber attributiv, also vor dem Substantiv, muss es plötzlich heißen: „der lustige Lehrling“. Meine Forderung: alle Adjektive für unveränderbar erklären.

Wann haben Sie eigentlich angefangen, Deutsch zu lernen?

Als ich in Deutschland ankam, habe ich viele Jahre in Bayern gelebt und sehr wenig Deutsch gelernt, weil alle Bairisch gesprochen haben. Zu der Zeit kannte ich nur drei Wörter:Hitler ,Lufthansa undscheiße .

Woher hatten Sie die?

HitlersMein Kampf war ein Verkaufshit in Bagdad, wo ich aufgewachsen bin. Der BegriffLufthansa ist für viele Vertriebene ein Synonym für Unerreichbares. Und dann, kurz vor der deutschen Grenze, fragte ich einen Deutschen, wie das Leben für Asylbewerber in Deutschland ist. Er antwortete: „Scheiße.“

Wie ging es weiter mit Ihnen und der deutschen Sprache?

In Deutschland angekommen, habe ich die nächsten Wörter mithilfe der Fernsehshow „Barbara Salesch“ aufgeschnappt. Zuerst einzelne Wörter wieStrafe ,Betrug oderTäter , dann zusammengesetzte Wörter wiefremdgehen . Schließlich kamen Redewendungen dazu, wieDu hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich wiederholte diesen Satz in mündlichen Prüfungen in der Sprachschule und habe immer die beste Note bekommen. Vier Jahre später durfte ich dann die Universität besuchen.

Arbeiten Sie mit Ihren neuen Regeln für die deutsche Sprache ein Trauma ab?

Ich beschreibe eigentlich das Leiden bestimmter Menschen, zu denen ich eben auch gehöre: Migranten. Vor allem derer, die im Erwachsenenalter nach Deutschland kommen. Ich glaube, dass unser Blick auf die Sprache eine Bereicherung sein kann. Weil er zeigt, wie schwierig sie ist und dass man auch darüber lachen kann.

Als er nach Deutschland kam, konnte er kein Deutsch – heute schreibt Abbas Khider Romane auf Deutsch.


Foto: Peter-Andreas Hassiepen/Hanser

Meine Großmutter, die als Gastarbeiterin nach Deutschland kam, hat immer einen Vokal zwischen Doppelkonsonanten gesetzt. Statt Kölnsagte sie dann beispielsweise Kölün …

Solche Anekdoten bieten uns wertvolle Einblicke. Inzwischen gibt es auch die Neudeutschen. Die sind hier geboren, aber sie stammen von Eltern oder Großeltern ab, die nach Deutschland emigrierten. Diese Leute können in zwei Sprachen denken und fühlen. Ihre Perspektiven und Geschichten bleiben aber oft unbekannt, obwohl sie sehr spannend sein können. Mich überrascht immer wieder, wie viele zwar in Deutschland, nicht aber in der deutschen Literatur angekommen sind. Darum rücke ich diese Stimmen in meinem literarischen Arbeiten in den Vordergrund.

Warum hört man sie so selten?

Die deutsche Einwanderungsgeschichte ist im internationalen Vergleich sehr jung. Vor 40 Jahren gab es überhaupt keine Schriftsteller oder Journalisten mit einem sogenannten Migrationshintergrund. Deswegen ist alles, was wir machen, neu. So wie dieses Buch, das die deutsche Sprache aus der Sicht eines Migranten heiter bewertet und nach Belieben ändert.

Sie wollen die Sprache ja nicht nur ändern, sondern komplett reformieren.

Ja, genau!(lacht) Das Ergebnis ist dann Neudeutsch.

Ihre Muttersprache ist Arabisch. Ist Neudeutsch eine Mischung aus Arabisch und Deutsch?

An manchen Stellen habe ich etwas aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen. Nehmen wir beispielsweise die Präpositionen. In der deutschen Sprache gibt es mehr als 200. Da plädiere ich für weniger als 50, und die Übernahme von arabischen Präpositionen bietet sich dabei an.Min zum Beispiel ist eine der meistbenutzten Präpositionen der Araber und könnte sowohl das deutscheaus als auchvon ersetzen. Es hieße dann so: „Mohammed stammtmin Mekka, und er ist damin überzeugt, dass Jesusmin Nazareth kommt, nichtmin Bethlehem.“

Sie meinen, dass die deutsche Sprache vom Arabischen profitieren würde?

Warum nicht? Austausch in diese Richtung ist immer gleich so negativ konnotiert. Auch wenn es aktuell nicht mehr vorstellbar ist: Bagdad war im Mittelalter der Treffpunkt aller Intellektuellen. Wissenschaftler aus allen Ländern reisten dorthin, um sich weiterzubilden. Heute ist es genau das Gegenteil, und viele kommen nach Europa. Es ist aber naiv zu denken, dass der Austausch nur in eine Richtung gut ist.Algebra ist beispielsweise ein Begriff aus dem Arabischen, der nun der gesamten Menschheit gehört. Und Menschen aus allen Sprachen haben da geholfen.

Dazu fällt mir das Wort Kioskein. Das klingt sehr deutsch, es wurde aber von den Franzosen übernommen. Und die haben es von den Osmanen, die es aus dem Persischen haben. Ursprünglich bedeutete es Gartenhaus.


„In der deutschen Sprache fühle ich mich inzwischen zu Hause. Und weil ich zu Hause bin, versuche ich hier eben etwas aufzuräumen.“


Oft wird gefragt: Was geben wir den Neuen? Was wollen sie von uns? Was nehmen sie? Selten werden die Fragen gestellt: Was bringen sie mit? Was können wir von ihnen lernen? Und damit meine ich eben nicht nur auf kultureller und humaner Ebene, sondern auch auf der sprachlichen.

Ist Ihr „endgültiges Lehrbuch“ eigentlich schon in den Schulen angekommen?

Das nicht, aber ich hoffe, dass viele Lehrer es lesen und vielleicht mal lachen können über das, was sie da lehren. Das Thema Sprache betrifft alle. Jeder kennt und gebraucht sie, aber wenige ahnen das Leid des Erlernens. Ich habe bei keinem Schreibprozess so viel gelacht wie bei diesem Buch. Als ich es dann aber fertig hatte, merkte ich, wie ernst und zum Teil traurig die eigentliche Botschaft ist.

Wie lautet die Botschaft?

Dass wir aufeinander zukommen, einander zuhören und uns vor allem nicht von sprachlichen – und anderen – Barrieren abschrecken lassen sollten. Kunst und Literatur sind dafür genau das Richtige: Sie können erschüttern, bereichern, kritisieren und ein Lächeln schenken. Auch alles gleichzeitig, wenn es sein muss.

Rechnen Sie damit, dass Leute sagen: Abbas Khider, der Migrant, möchte die deutsche Sprache kaputt machen!

Ist doch klar, dass solche Reaktionen folgen werden. Aber es ist auch okay. Alles, was neu und unbekannt ist, stößt auf Kritik. Bei meinen vorherigen Publikationen bekam ich auch Drohungen und Beschimpfungen, das war nicht schön. Aber es ist ein Teil meiner Arbeit.

Nach 20 Jahren in Deutschland, fünf veröffentlichten Büchern und der ganzen Qual mit dem Erlernen der deutschen Sprache: Welche Beziehung haben Sie zu ihr?

Ich liebe die reiche deutsche Sprache, in der ich mich inzwischen zu Hause fühle. Und weil ich zu Hause bin, versuche ich hier eben etwas aufzuräumen.

Abbas Khider

Der oft ausgezeichnete deutsch-irakische Schriftsteller wurde 1973 in Bagdad geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin. Wegen politischer Aktivitäten musste er aus dem Irak fliehen. Vor rund 20 Jahren fand er Asyl in Deutschland. Sein neues Buch heißtDeutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch.