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Körper & Seele: Tierische Therapeuten


Gesundheits-Nachrichten - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 20.11.2020

Federvieh, Katzen, Hunde und Pferde sind zunehmend im Gesundheitsbereich im Einsatz. Denn die tiergestützte Therapie zeigt nachweislich Wirkung – in emotionaler wie in physischer Hinsicht.


Musik, Malen, Tanzen, Handwerken, Tiere… was spricht den Patienten am meisten an? Danach wählen Logopäden, Ergo-, Physio- und Psychotherapeuten den richtigen Ansatz für ihre Arbeit aus.
Immer häufiger setzen Institutionen im Gesundheitsbereich, aber auch pädagogische wie pflegerische Einrichtungen dabei auf die «animal assisted therapy» (AAT), die tiergestützte Therapie. Denn bisherige Studien zeigen: Tiere wirken auf ...

Artikelbild für den Artikel "Körper & Seele: Tierische Therapeuten" aus der Ausgabe 12/2020 von Gesundheits-Nachrichten. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gesundheits-Nachrichten, Ausgabe 12/2020

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... verschiedenen Ebenen positiv auf die Patienten, ob mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung. Beispielsweise werden Blutdruck und Stresshormone gesenkt, Lernprozesse gefördert, depressive Symptome, Angst oder Schmerzen reduziert. Auffälliges Verhalten verändert sich zum Positiven, Beziehungsstörungen werden gelöst, Lernschwächen gemildert. Tiere sind grosse Motivatoren – auch wenn sie dem Patienten vielleicht gerade nur ein Lächeln entlocken. Tiere stärken das Selbstvertrauen, sind unvoreingenommen und nehmen den Menschen so an, wie er ist, ohne ihn zu beurteilen.

Reha-Vorbild mit guten Studienergebnissen

Ein Vorreiter in Sachen tiergestützter Therapie ist das REHAB in Basel, eine Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie. 2013 wurde neben der Klinik der Therapie-Tiergarten neu gebaut, von Anfang an mit dem Ziel, die AAT in den Alltag des REHAB Basel integrieren zu können. Was möchte man wie therapeutisch umsetzen? Welche Bedürfnisse haben die Tiere? Diese beiden zentralen Fragen wurden bestmöglich realisiert. Beispielsweise gibt es dort Räume mit zwei Eingängen: Der Patient kommt von der einen, das Tier von der anderen Seite hinein. Der Therapie-Tiergarten gilt als Musteranlage, die im In- und Ausland auf grosses Interesse stösst.
Dort hat sich auch das wissenschaftliche Projekt zur tiergestützten Therapie des REHAB Basel in Kooperation mit der Universität Basel etabliert, das sehr aktuelle und gute Ergebnisse aufweist. In einer Studie wurden 19 Patienten mit Hirnverletzungen untersucht, und zwar bei Sitzungen mit Therapeut und Tier im Vergleich zu Sitzungen ohne Tier. Die Rahmenbedingungen wie Therapeut und Raum waren dabei stets gleich. «Waren Tiere anwesend, haben die Patienten mehr kommuniziert, mehr positive Emotionen und mehr Sozialverhalten gezeigt», erläutert Studienleiterin Dr. Karin Hediger, Psychotherapeutin und Fachkraft für tiergestützte Therapie.
In einer zweiten Studie wurden zehn Patienten in minimalem Bewusstseinszustand untersucht. Auch hier trugen die Tiere dazu bei, dass die Patienten stärker reagierten. «Zehn Patienten klingt sehr wenig von der Zahl her. Aber es ist eine schwierige Gruppe, weil nur wenige davon betroffen sind. Wir sehen fast alle dieser Fälle, da wir die einzige Klinik in der Schweiz sind, die auf solche Patienten spezialisiert ist», erklärt Hediger.
Im Therapie-Tiergarten sind Kaninchen, Meerschweinchen, Hühner, Katzen, Schafe, Ziegen, Minischweine und Pferde zu Hause. Auch der ausgebildete Hund einer Tierpflegerin kommt zum Einsatz. Das Wohl des Tieres ist für Dr. Karin Hediger sehr wichtig: «Das Tier darf wählen, wann es zum Patient kommen möchte und wann es wieder gehen will. Ob im Tisch-Gehege oder im Freien, wir halten ein Tier nie fest, wenn es den Kontakt nicht mehr möchte.» Welches Tier für welchen Patienten geeignet ist, ergibt sich oft aus dem Gespräch mit den Angehörigen. Wenn sie erzählen, dass der Patient früher Kaninchen hielt, kann das ein erster Versuch sein. Sind die Patienten schon fitter, können sie selbst ein Tier auswählen.

Therapieziel bestimmt auch die Tierwahl

Daneben spielt auch das Therapieziel eine Rolle: «Wenn man zum Beispiel Spastiken in der Hand lockern oder das Gehen üben möchte, was mehr die Grobmotorik betrifft, sind Pferde, Schafe oder die Minischweine ideal. Sie erreichen also andere Dinge als Kleintiere, die in diesem Fall nicht geeignet sind», erklärt Hediger. Die Hippotherapie (Physiotherapie auf dem Pferd) etwa wirkt sich positiv auf Spastiken und Gleichgewichtsprobleme aus, wie verschiedene Studien zeigen.
Anderes Beispiel: Ein Hund, der sehr domestiziert ist, kann einen Menschen besser lesen als ein Kaninchen. Das gibt der Beziehung mehr Tiefe und Gegenseitigkeit. Kaninchen wiederum sind sehr handlich. Dennoch sollten die Tiere selbst entscheiden, ob sie sich vom Menschen füttern und streicheln lassen oder sich zurückziehen möchten. Meerschweinchen suchen von Natur aus keinen direkten körperlichen Kontakt, sind aber sehr kommunikativ. Hühner dagegen unterschätzt man. Sie sind meist sehr neugierig, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, und haben schnell einen Bezug zu Menschen. Sie erkennen diese und können auch Tricks erlernen. Wenn sie Lust haben, fliegen sie auf den Schoss des Patienten und lassen sich streicheln.
«Das geht nicht mit jedem Huhn, das Tier muss eine Affinität haben. Die therapeutische Arbeit geht vielleicht mit zwei Hühnern aus unserer Schar. Wir haben unterschiedliche Rassen, z.B. Chabo- oder Seidenhühner, die sich dafür gut eignen», sagt Hediger. Diese dürfen, dank eines speziellen Hygienekonzepts, mittlerweile in einen gesonderten Raum in der Reha-Klinik. Dr. Karin Hediger erzählt aus dem Praxisalltag: «Dort bewegen sich die Hühner in einem Gehege auf dem Tisch, manchmal sitzen sie auch auf der Stange. Für Patienten, deren Kopf sonst eher nach unten gesenkt ist, ist das Ziel, ihren Kopf zu heben und das Huhn anzuschauen. Eine andere Übung: Der Patient öffnet zum Beispiel gemeinsam mit dem Ergotherapeuten eine Büchse Mais und legt sich ein paar Maiskörner auf die Hand, die das Huhn dort aufpickt. Da ist zum einen die Freude, sich um ein Tier zu kümmern und für das Tier etwas zu tun. Zum anderen trainiert man nebenbei die Feinmotorik, also eine Dose zu öffnen. Ähnlich ist eine andere geführte Aktivität, nämlich gemeinsam einen Hund zu bürsten. Für die Sprachförderung kann die Logopädin z.B. dabei mithilfe des Tieres den Patienten motivieren, das Tier zu rufen, seine typischen Geräusche nachzuahmen oder den Namen des Tieres auszusprechen. » Egal, ob Pferd oder Huhn, eine Sache wird stets erreicht: Im Umgang mit den Tieren sind die Patienten viel achtsamer als in ihrem sonstigen Verhalten.

Patienten am REHAB Basel im intensiven Kontakt mit Therapie-Hühnern, -Minischwein und -Schafen.

Patienten und Tiere im Blick

Jeder Therapeut setzt sich ein anderes Ziel. Eine Sitzung kann zwischen 15 und 50 Minuten dauern, je nachdem, wie fit der Patient ist. Denn das gemeinsame Arbeiten kann anstrengend sein, für Mensch wie Tier. Idealerweise befindet sich neben dem Therapeuten, der sich auf den Patienten konzentriert, in der Sitzung auch eine Fachkraft für tiergestützte Therapie, die verstärkt auf das Tier achtet. Spricht diese Form der Therapie den Patienten an, kann sie während des Reha-Aufenthaltes ständig stattfinden. Manche setzen sie im Anschluss auch zu Hause mit Therapie-Tieren fort.
Die Angebote sind vielfältig, dabei gilt es verschiedene Formen zu unterscheiden: von der tiergestützten Therapie unter professioneller Anleitung wie im REHAB Basel bis hin zu niederschwelligen Formen tiergestützter Aktivitäten, wie sie oft von Ehrenamtlichen betrieben wird. «Keine Form ist besser oder schlechter, nur ist die Zielsetzung und der Anspruch ein anderer. Als Beispiel nenne ich das Reiten. Übungen, Anleitungen und Setting unterscheiden sich, ob die Sitzung eine Heilpädagogin gestaltet oder eine Physiotherapeutin », erklärt Dr. Hediger.

Wenn der Hund beim Lesen hilft

Bei den tiergestützten Aktivitäten werden oft und gerne Hunde eingesetzt. Dazu zählt zum Beispiel das Projekt «Lesehunde» (www.lesehund.ch). Schüler mit Lese- und Schreibschwäche lesen den Hunden in ruhiger Umgebung vor. Da der Hund die Leistung nicht beurteilt, entspannen sich die Kinder, gewinnen Selbstvertrauen und verbessern somit ihre Fähigkeiten. Zugleich fordert der Hund aber eine achtsame und respektvolle Behandlung. Auch bei chronischen Schmerzpatienten, die jegliche Aktion aus Angst ablehnen, dass die Schmerzen dadurch wieder stärker werden, können Hunde nur Gutes bewirken. Ein Hund muss jeden Tag mehrmals hinaus, egal bei welchem Wetter, und braucht regelmässig Bewegung. Darüber entsteht eine feste Tagesstruktur, der Schmerzpatient kommt aus seiner Passivität und seinem sozialen Rückzug heraus.
Entscheidend ist stets die richtige Anleitung von Mensch und Tier, ob tiergestützte Therapie oder tiergestützte Aktivitäten. So kümmert sich zum Beispiel Peggy Hug seit 24 Jahren darum, Teams im Verein «Therapiehunde Schweiz» in Theorie und Praxis auszubilden. «Ein Hund hat Fähigkeiten, die ein Mensch nicht besitzt. Wärme, Geruch, Atmung, der Hund an sich – er spricht einen Patienten quasi auf allen Sinnesebenen an. Dank der Interaktion mit einem Therapiehund lösen sich zum Beispiel Spastiken, auch die Atmung wird ruhiger. Man bekommt Gänsehaut, was man mit den Hunden alles erreichen kann. Das kann man mit keinem Geld bezahlen», schwärmt sie, bestärkt durch die vielen positiven Erfahrungen in ihrem Leben. Deshalb besucht Peggy Hug seit 1996 jede Woche die Reha des Kinderspitals in Affoltern am Albis, zurzeit mit ihren Labradorhündinnen Nera und Stella. Peggy Hug ist immer wieder tief berührt, wenn sie erlebt, was ein Hund bei den Kindern bewirken kann.

Prinzipiell kann jeder diese Ausbildung absolvieren (siehe Kasten oben). Der spätere Einsatzort richtet sich nach dem Wesen des Hundes, ob er gerne Kinder mag oder lieber Senioren besucht. Derzeit sind rund 700 Hunde-Teams ehrenamtlich im Einsatz. Die Philosophie des Vereins: Jeder soll sich einen Therapiehund leisten können. Denn Tiere sind einfach tolle Co-Therapeuten.

Aufs Gütesiegel achten

Tiergestützte Therapien erfahren derzeit einen Aufwärtstrend, der Markt ist sehr unübersichtlich. Ohne die richtige Ausbildung kann es für Mensch wie Tier gefährlich werden. Qualifizierte Anbieter findet man über die Berufsverbände, so der Tipp von Dr. Karin Hediger. Dort werden Gütesiegel vergeben: Es ist genau fixiert, wie viele Stunden die Ausbildung umfasst, welche Themen behandelt wurden, ob auch praktisch ausgebildet wurde. Grundsätzlich wird zugelassen, wer einen sozialen Beruf wie Logopäde, Psycho-, Ergo- oder Physiotherapeut erlernt und die einjährige Zusatzausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Interaktionen absolviert hat. Infos: 4; www.tiergestuetzte.org; www.esaat.org; www.aat-isaat.org

Therapiehunde ausbilden

Der Verein «Therapiehunde Schweiz» bildet jedes Jahr 100 Teams aus. 40 Prozent davon sind Fachkräfte, die ihre ausgebildeten Therapiehunde mit zur Arbeit nehmen. Die Ausbildung dauert ein halbes Jahr und kostet 550 Franken. Jeder, der Interesse hat, kann anfragen. Doch es müssen klare Voraussetzungen erfüllt sein, die streng überprüft werden: Der Hund ist mindestens zwei und höchstens sieben Jahre alt, er muss gesund und geimpft sein. Er hat einen guten Grundgehorsam, den er sich in Kursen angeeignet hat. Der Hund sollte sich gerne überall streicheln lassen, spontan und sehr offen für andere Menschen sein. Die Rasse spielt keine Rolle, auch Mischlinge sind geeignet. Hund und Hundeführer müssen seit mindestens einem Jahr zusammen sein. Der Hundeführer muss volljährig sein, sollte Geduld haben und vor allem gewillt sein, später unentgeltliche Einsätze zu leisten. Zum Beispiel einmal pro Woche eine soziale Einrichtung zu besuchen, wie Kindergarten, Sonderschule, Hospiz, Senioren- oder Behindertenheim. Infos: www.therapiehunde.ch