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KOLUMNE – ALIAS KOSMOS: „Bist du gerade im Stress?“


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 24.10.2018

Stress macht Menschen ungeduldig, weiß unsere Lieblingsrussin. Trotzdem ist er für Deutsche typisch – auch auf Wanderwegen. Denn Fehler toleriert sogar dort niemand.


Artikelbild für den Artikel "KOLUMNE – ALIAS KOSMOS: „Bist du gerade im Stress?“" aus der Ausgabe 11/2018 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 11/2018

Alia Begisheva wurde in Moskau geboren. Heute lebt die 43-Jährige mit ihrem kanadischen Mann und ihren zwei Kindern in Frankfurt am Main und weiß viel besser als viele ihrer deutschen Nachbarn, dass man Papier und Glas nicht in dieselbe Mülltonne wirft. Jeden Monat schreibt sie diese Kolumne.


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Vor Kurzem hat eine britische Studie den Stress in Städten ...

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... untersucht. Das Ergebnis: Deutschland ist ganz locker! Unter den zehn stressfreiesten Städten der Welt sind nämlich gleich vier deutsche. Ganz oben auf der Liste: Stuttgart. Die Studie ist oft zitiert worden. In Deutschland hat man sich besonders gefreut, keiner hatte etwas dagegen einzuwenden. Ich schon! Denn in dieser Studie wurde alles Mögliche berücksichtigt – vom öffentlichen Verkehr bis zu den Einkommensverhältnissen. Aber nicht die Tatsache, dass in deutschen Städten Deutsche leben. Denn dann wären die Ergebnisse ganz anders.

Deutsche scheinen immer gestresst zu sein. Um sich nach dem gegenseitigen Wohlbefinden zu erkundigen, fragen sie nicht „Wie geht’s?“, sondern: „Bist du gerade im Stress?“ Im Arbeitsleben gehört es sogar zum guten Ton, gestresst zu sein. Ich höre das sehr oft von Kollegen: „Ich bin total im Stress.“ Nach dem Motto: Wer nicht gestresst ist, hat nichts zu tun oder ist sogar faul.

Stress macht ungeduldig. Deutsche sind das ungeduldigste Volk, das ich kenne. Zögert man im Auto nur eine halbe Sekunde, nachdem die Ampel von rot auf grün geschaltet hat, hupen sie sofort hinter einem. Und wenn man dann vor lauter Schreck den Motor abwürgt, dann hupen sie noch mehr. Deshalb tue ich alles, um an der Ampel nicht als Erste anzukommen.

Wie gut, dass nur Autos mit Hupen ausgestattet sind. Sonst wären die deutschen Städte ziemlich laut. Wenn Deutsche nicht hupen können, schnalzen sie mit ihren Zungen, um ihre Ungeduld zu zeigen. Dieses Schnalzen hört man überall dort, wo es nicht schnell genug vorangeht – in den Supermärkten, beim Arzt und manchmal sogar auf Wanderwegen im Wald. Wenn man nicht schnell aus dem Weg geht, kommt es sofort, dieses Schnalzen. Fahrradfahrer schnalzen die Fußgänger an, die Fußgänger die Fahrradfahrer. Schnalz, schnalz, schnalz! Wenn ich irgendwo im Ausland bin und es höre, weiß ich sofort: Deutsche sind in der Nähe. Und sie sind mit irgendwas unzufrieden. Nach dem Schnalzen rollen sie mit den Augen. Was für ein Stress!

Das kommt alles daher, dass die Deutschen keine Fehler tolerieren. Das sieht man unter anderem am Beispiel des Fußballers Mesut Özil. Der hat nach einem Foto mit dem türkischen Präsidenten die Nationalmannschaft verlassen. Wer Fehler macht, hat es hier schwer. Die amerikanische Devise „fail fast, fail often“ ist für Deutsche ein Albtraum. Unvorstellbar, dass das Wort „scheitern“ hierzulande jemals positiv besetzt sein könnte. Deutsche überlegen sehr gründlich, bevor sie etwas machen. Sie sichern sich ab, stellen sich auf – und dann stimmt auch alles hundertprozentig. Fehlerquote gleich Null.

Zurzeit wird viel darüber diskutiert, ob Deutschland schlecht auf die Digitalisierung vorbereitet ist. Ich bin überzeugt, dass es mit der Angst vor Fehlern zusammenhängt. In dieser neuen Welt ist Ausprobieren, Scheitern, Weitergehen gefragt. Dafür sind Deutsche nicht gemacht – und stehen sich selbst im Weg.

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 45.


Foto: Stephan Sperl