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KOLUMNE BEGEGNUNGEN ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 08.10.2019

Er ist 200 Tage im Jahr unterwegs, Jetlag ist bei Korrespondent und Reisereporter Thilo Mischke (TV-Dokureihe „Uncovered“) ein Dauerzustand. Auf seinen Expeditionen trifft der 38-jährige Berliner immer wieder Menschen, die ihn faszinieren. Diesmal: Diggi, 48, Personenschützer in Bagdad, der nach einem Leben voller Gefahren über seine Zukunft nachdenkt.


Thilo Mischke

Artikelbild für den Artikel "KOLUMNE BEGEGNUNGEN ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN" aus der Ausgabe 11/2019 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2019

Die Hosen über den Bauchnabel gezogen, die Frisur streng gelegt, militärisches Schuhwerk, ein Gesicht wie aus einem Granitblock geschlagen. Die Lippen schmal, umgeben von Falten, die durch Arbeit, nicht durch Spaß entstanden sind.

Diggi sitzt ...

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... mit angezogenen Beinen, auf eine seltsame Art lässig, aber unentspannt, am Sockel eines Denkmals in Bagdad. Hier, in dieser Stadt, befindet sich sein Arbeitsplatz als Personenschützer für einen Botschafter.

Diggi will von der Zeit vor Bagdad erzählen, von seinem Leben. Er könnte ein Vorbild sein, aber er will das nicht. Er, der Fremdenlegionär, 48 Jahre alt. Zweimal hat er sich verpflichtet, das bedeutet wenigstens zwanzig Jahre. Im Urwald Südamerikas hat er Drogenkuriere gestellt, hat in afrikanischen Bürgerkriegen gekämpft, und in Afghanistan … nun ja, darüber möchte er nicht sprechen.

Er war immer unterwegs, sein Leben kennt keine Gewohnheiten, sondern nur Entbehrung, Abenteuer und manchmal auch den Tod. Von ihm habe ich gelernt, dass ein aufregendes Leben kein glückliches sein muss und dass in der eigenen Unruhe oft die Ursache für Probleme liegt.


„Diggi hat sich entfernt aus einem Leben, das wir als normal bezeichnen würden.“


Thilo Mischke über Personenschützer Diggi (oben), der im Irak Botschafter bewacht

„Ich war nicht immer Soldat“, erzählt er. Und spricht von einer Jugend, in der er nirgends so richtig hineingepasst hat, von einer Ausbildung, die ihm nichts brachte außer der Gewissheit: „Ich kann etwas, das gebraucht wird, nur hat es mir keinen Spaß gemacht.“

Aber dann wollte er los, weg von zu Hause. Als Fremdenlegionär hat er in die dunkelsten Abgründe geblickt und war gleichzeitig an den exotischsten Orten dieses Planeten. In der Ausbildung hat er gelernt durchzuhalten. Ob er bei 40 Grad im Schatten an einer Straße Wache steht, stundenlang, oder sich wochenlang durch unwegsames Gelände kämpft. Diggi kann das. Und trotzdem, während er da sitzt, nicht weiß, wohin mit seinen Händen, dieser Mann, der am Ende seines Berufslebens angekommen ist, wirkt wie ein Kind, das die Orientierung verloren hat. Diggi hat in seinem Leben Normalität verlernt. Und das macht ihm Angst.

„In der Legion habe ich Französisch gelernt“, sagt er stolz. „Ich habe dort Freunde gefunden, fürs Leben“, erzählt er. „Ich bin mit ihnen alt geworden.“

Er hat die Welt gesehen, kann aber niemandem davon erzählen. „Meine Familie ist die Legion“, sagt er. Und erzählt vom Stolz, der ihn ergriff, wenn er in Paris am Nationalfeiertag die Champs-Élysées entlangmarschierte. „Als die Menschen uns mehr als der französischen Armee zugejubelt haben. Da war ich glücklich.“

Sein Zuhause ist Deutschland, aber da ist niemand. Keine Frau, keine Kinder. „Das funktioniert nicht, die Legion und Familie, dieses ständige Unterwegssein.“

Und plötzlich, in der Hitze Bagdads, an diesem Denkmal, zeigt er Gefühle. Aber sowenig er richtig sitzen kann, so wenig kann er auch mit diesem Gefühl umgehen. Diggi hat sich entfernt aus jenem Leben, das wir, jeder andere, als normal bezeichnen würde. Dieses Leben, das auch ich nicht leben kann. Job, Wohnung, Ikea, Urlaub. Und wieder von vorn.

Für ihn bedeutet Komfort, kein choleraverseuchtes Wasser trinken zu müssen. Ein Bett zu haben, keine Schlangen zu töten oder Menschen. Komfort ist, nicht allein zu sein.

In der Legion war er nie allein. Aber er weiß: Wenn der Dienst vorbei ist. Wenn die Kraft nicht mehr reicht, in Krisengebieten zu arbeiten. Dann ist da niemand mehr.Davor hat Diggi Angst. Auch er kennt Kameraden, die sich wegen dieser Angst umgebracht haben. „Mir wird das nicht passieren“, sagt er. „Ich habe einen Plan B – ich werde meinen Lebensabend in Polynesien verbringen.“

Der Verkehr hupt sich an dem Denkmal vorbei, junge Iraker machen Fotos von Diggi, weil er aussieht wie Dolph Lundgren, wie jemand aus einer anderen Zeit.

„Ich werde dort leben, mit meinem besten Freund, und dort werde ich keine Angst vor der Einsamkeit haben“, sagt er. Der beste Freund, er ist auch Legionär. Sie beide hatten dieses unruhige Leben. Und dort, am anderen Ende der Welt, werden sie Normalität leben. So gut es eben geht.


FLORIAN BAUMGARTEN