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KOLUMNE: EMISSIONSRECHNUNGEN


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essen & trinken - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 16.10.2019

Bei dem Versuch, den Planeten durch ihre Existenz nicht mehr als nötig zu belasten, stößt Doris Dörrie immer wieder an Grenzen. Salami im Kühlschrank etwa. Oder koreanischer Schweinebraten. Über gute Vorsätze undkulinarische Kompromisse


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Bildquelle: essen & trinken, Ausgabe 11/2019

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde gerade ganz irre bei meinen Versuchen, den Planeten mit meiner Existenz nicht mehr als unbedingt nötig zu belasten. Zum Beispiel esse ich kein Fleisch mehr. Ehrlich. Jetzt lese ich, dass man mit einer neuen Kohlenstoffisotopen-Analyse noch Jahrhunderte später in unseren Skeletten feststellen ...

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... kann, was wir unser Leben lang gegessen hat. Die Daten verraten nicht nur, ob eher Fisch oder Fleisch oder Gemüse, sondern auch WANN wir was gegessen haben. Ich bekomme Angst, aufzufliegen, denn in meinen Knochen wird man sehr viel Gurkensalat und schwarze Schokolade in der Kindheit nachweisen können, Nasi Goreng aus der Dose (ja, das gab es!!!) und Schlemmerfilets in meinen Zwanzigern, bayerischen Leberkäs und Schweinsbraten in meinen Dreißigern, dann zunehmend Avocado, Lachs und Reis, ab der Jahrtausendwende immer mehr Linsen und Bohnen, Tofu, Grünkohl. Ich habe dazugelernt, würde ich gern den Knochenarchäologen erzählen – aber hoppla! 2019 entdecken sie doch tatsächlich Schweinebraten, Salami, Steak, Joghurt, Käse und sogar ein Mal Tatar!!!!

Meine Knochen lügen nicht, dabei behaupte ich unter vegan/vegetarischen Freunden doch glatt, eine von ihnen zu sein, aber ab und zu werde ich schwach. Für meinen koreanischen Schweinebraten werde ich so gelobt wie für nichts anderes, Filme und Bücher eingeschlossen. Und ab und zu springt mich eine Salami aus dem Kühlschrank einfach an, ich kann kaum etwas dafür.

Warum fällt es mir so schwer, radikal umzusetzen, was ich doch eigentlich begriffen habe? Ich allein verursache elf Tonnen Treibhausgas im Jahr. Wäre ich Veganerin wären es zwei Tonnen weniger, und 20 Prozent sind eine ganze Menge. Ganz abgesehen vom Tierwohl, das uns allen sehr am Herzen liegt, so lange wir von den realen Bedingungen der Fleischerzeugung nichts mitbekommen. Fleisch ist zudem ein Wasserräuber: Ein Kilo Rindfleisch benötigt 16 000 Liter Wasser. Schweinefleisch ist da ein wenig besser. Kann ich so meinen koreanischen Schweinebraten entschuldigen? Oder damit, dass wir, wenn wir alle nur noch Bohnen äßen, vielleicht am Ende genauso viel Methangas in die Atmosphäre pupsen wie Kühe? Und überhaupt: Ein Kilo Kaffee benötigt 19 000 Liter Wasser. Hilfe! Seit ich das weiß, schütte ich keinen Kaffee mehr weg, sondern trinke den Rest am nächsten Tag kalt. Kapseln kommen mir trotz George Clooney sowieso nie ins Haus. Und ich verbrauche auch weniger Strom, seit ich mir die Haare während des Staubsaugens über dem Staubsaugerlüftungsschlitz trockne. Darf ich nicht wenigstens ein bisschen Fleisch essen? Wenn ich selbst koche, verursache ich zumindest deutlich weniger Emissionen, denn je höher der Verarbeitungsgrad eines Lebensmittels, desto schlimmer die Bilanz. Kompromissvorschlag: Ich darf meinen sensationellen koreanischen Schweinebraten servieren, wenn es a) einen runden Geburtstag zu feiern gibt; und b) wenn ich auf einem Fahrrad in der Küche als Kompensation für die schlechte Ökobilanz den Strom für den Backofen gleich selbst produziere, am besten für alle anderen elektronischen Geräte im Haushalt gleich mit, denn ja, auch das Streamen von Filmen und Serien verbraucht sehr viel Energie. Außer es spielen Schweine mit, denen nichts Böses angetan wurde. Dann rechnet es sich wieder.

Doris Dörrie führt Regie, schreibt Bücher, ist Hochschulprofessorin und Japan-Liebhaberin. Gerade ist ihr neues Buch „Leben, schreiben, atmen“ erschienen, in dem es auch ums Essen geht (Diogenes, 18 Euro). Für »e&t« beschreibt sie kleine Momente von großem Genuss.


Illustration: Tim Möller-Kaya; Foto: Dieter Mayr