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KOLUMNE: Thilo Mischke: BEGEGNUNGEN ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN


The Red Bulletin-Österreich Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019
Artikelbild für den Artikel "KOLUMNE: Thilo Mischke: BEGEGNUNGEN ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN" aus der Ausgabe 9/2019 von The Red Bulletin-Österreich Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Österreich Ausgabe, Ausgabe 9/2019

Er ist 200 Tage im Jahr unterwegs, Jetlag ist bei Korrespondent und Reisereporter Thilo Mischke (TV-Dokureihe „Uncovered“) ein Dauerzustand. Auf seinen Expeditionen trifft der 38-jährige Berliner immer wieder Menschen, die ihn faszinieren. Dieses Mal: Whang-od, eine hundertjährige Tattoo-Stecherin im Urwald der Philippinen.


„Ich sollte keine Mambabatok werden – aber ich wollte diese Tattoos auf meiner Haut spüren.“
Whang-od, heute 100 Jahre alt, lernte als 15-jähriges Mädchen zu tätowieren


Nun bin ich dort, im Hochland der Philippinen, und vergehe vor Schmerz. Die Nachmittagssonne scheint durch den ...

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... Urwald, ich liege auf dem Lehmboden einer wackeligen Hütte und lasse mich tätowieren. Ein schmaler Strich, gestochen mit einem Dorn des Grapefruitbaumes. Einem Dorn, der erst in ein Näpfchen, gefüllt mit Ruß und Wasser als Tintenersatz, getunkt wird. Tinte, die unter meine Haut gestochen werden soll. So tief, so fest, dass es blutet.

Der dünne, faltige Arm einer Frau klemmt meine Hand wie in einem Schraubstock fest. Ich kann mich nicht bewegen und stelle vor Schmerz das Atmen ein. Die Lippen zusammengepresst. Bis die Welt hinter meinen Augen kitzelt und ich langsam in Ohnmacht falle. Weil ich es nicht aushalte.

Als ich wieder aufwache, sehe ich in Whang-ods lachendes Gesicht, zahnlos. Sie zeigt mit dem Finger auf mich. „Das passiert öfter“, sagt sie.

Whang-od ist einhundert Jahre alt, gilt als die älteste Tätowiererin der Welt. Bevor sie mich in die Ohnmacht gestochen hat, habe ich eine Woche mit ihr verbracht. Sie wollte erst wissen, ob ich eines Tattoos würdig bin.

Sie hat mich gelehrt, was es heißt, ein schwieriges Leben zu leben, sie hat mir gezeigt, dass der Glaube an eine Sache sich auszahlt, man muss nur ausdauernd und zäh sein. Sie war ausdauernd und zäh und wollte nun von mir wissen, wie zäh ich sein kann. Ich musste ihr ein Schwein kaufen (nicht anstrengend), im Reisfeld arbeiten (sehr anstrengend), mit ihr auf einem Dorffest (auf dem das Schwein verspeist wurde) tanzen. In dieser einen Woche, in der ich all die Frondienste für sie, für das Tattoo, erledigen musste, erzählte sie mir irgendwann auch von ihrem Leben. Einem Leben mit sehr wenig Besitz und Komfort, aber dafür einem Gefühl von großer Erfüllung.

Sie ist die Letzte der Mambabatok, der traditionellen Tattookünstler der Kalinga, eines Stamms im Norden der Philippinen. „Ich sollte das nicht werden, ich sollte keine Mambabatok werden“, erzählt sie mir. Sie sollte ein normales Leben führen, eines als Frau und Mutter, zu Hause. Aber sie wollte das nicht, sie wollte die Körper fremder Männer verschönern. Mit stilisierten Tausendfüßlern, mit Karos und Strichen, kleinen Punkten. „Und vor allem: Ich wollte diese Tattoos auf meiner Haut haben.“ Sie öffnet sich mir erst, als wir zusammen tanzen. Ein Tanz, den ich völlig ernst meinte, ich habe die Schritte dieses traditionellen Tanzes einstudiert und vor dem gesamten Dorf diese kleine, dünne Frau umtanzt.

Ich war verlegen, sie ebenso. Es spielte keine Rolle, dass uns gut 60 Lebensjahre trennen, ganze Welten zwischen uns liegen. Ich wollte diesen Tanz, weil ich zeigen wollte, was ich bereit war zu tun für ein Tattoo. Von ihr. „Die Männer haben irgendwann nur noch nach Tattoos von mir gefragt“, erzählt sie. Geübt habe sie erst an Orangen, dann an ihren Händen. Sie war die erste Mambabatok. Mit 15 begann sie zu tätowieren, eine Zeit, in der noch Kopfgeldjäger durch die Urwälder der Philippinen streiften.

„Ich bin die Letzte“, sagt sie, „die diese Kunst noch macht.“ Hunderte Touristen klettern den Weg in das Bergdorf hinauf. Whang-od ist ein Wirtschaftsfaktor der Region geworden. Ob es ihr gefällt, ist nicht sicher. Jedes Tattoo, das sie sticht, bringt Geld in die Gemeinschaftskasse. Aber Whang-od hat keine Kraft mehr. Sie will es nicht zugeben, aber man spürt es. Zumindest wenn man mit ihr spricht. Man spürt es nicht, wenn sie tätowiert. „Wollen wir noch mal?“, fragt sie mich, als ich wieder zu Kräften gekommen bin. Und ich schüttle den Kopf. „Es ist zu schmerzhaft“, sage ich. Und sie nickt mir anerkennend zu. Ich dachte, sie würde mich weiter verspotten. „Dann kann ich heute früher ins Bett“, sagt sie mir. Streicht mit ihren zarten Fingern über den blutigen Strich auf meinem Arm. „Es ist ein ungewöhnliches Tattoo, so was habe ich noch nie gestochen. Ein unvollendetes Whang-od-Tattoo“, sagt sie.

Nach dem Treffen mit dieser Frau weiß ich, dieser Strich mag unvollendet sein, für mich ist das Tattoo aber perfekt. Es erzählt die Geschichte meines ersten Tattoos und gleichzeitig das Leben einer hundertjährigen Frau, die nicht den ihr vorbestimmten Weg gegangen ist.


MICHAEL KOMAGATA BLAGOVESTA BAKARDJIEVA THILO MISCHKE