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KOLUMNE: VORMITTAG SÜSS-SAUER


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 12.09.2019

Schokolade zum Frühstück? Seit Erzieherinnen und Erzieher sich in Zahngesundheit fortbilden, geht das gar nicht mehr. Unsere stellvertretende Chefredakteurin Kerstin Scheidecker hält viel vom zuckerfreien Vormittag. Auch wenn nicht immer alle durchhalten.


Artikelbild für den Artikel "KOLUMNE: VORMITTAG SÜSS-SAUER" aus der Ausgabe 9/2019 von ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
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Kerstin Scheidecker, stellvertretende Chefredakteurin


Für Eltern ist das Thema kein Zuckerschlecken. Es gibt dazu jede Menge Meinungen, und er kommt praktisch mehrmals täglich auf den Tisch: Zucker. Weil Philipp zwei Kugeln Eis haben durfte, obwohl er erst vier Jahre alt ist. Weil Samira drei Riegel Schokolade beim Ausflugstag dabeihatte, was viel mehr ist als eine kleine Handvoll Gummibärchen. Schließlich: Weil das, was an Papas Frühstücksmesser klebt, definitiv Spuren von Nuss-Nougat-Creme eines bekannten Herstellers enthält. Das war ja dann wohl kein zuckerfreier Vormittag. Ganz im Gegensatz zum vorbildlichen Frühstück in Hannahs Kinderladen.

Der zuckerfreie Vormittag hielt in Hannahs Kinderladen vor gut zwei Jahren Einzug. Eine ihrer Lieblingserzieherinnen hatte eine Fortbildung belegt. Die Theorie zu „morgens ohne“ ist überzeugend: Häufiger Zuckerkonsum sorgt dafür, dass Zahnbelag entsteht. Bakterien im Zahnbelag bilden Säuren, die die Zähne angreifen. Auf Dauer kann das Löcher in die Zähne fressen. Es droht Karies. Speichel hingegen schützt die Zähne. Es gilt also, die Zeit ohne Zuckerangriffe zu verlängern und den Speichelfluss durch Kauen von rohem Gemüse und Vollkornbrot anzuregen. Die Faustformel: 16 Stunden Abwehr können acht Stunden Angriff ausgleichen. Oder anders: Abends Zähne sauber putzen, acht Stunden schlafen, plus acht Stunden zuckerfreier Vormittag macht 16 Stunden mit gutem Speichel und ohne Zuckerimpulse.

Statt Zuckerimpulsen gibt es in der Kita Süßwasserpiraten seither Vollkornbrötchen, Karotten und Gurkensticks, lecker Käse und Bio-Wurst. An anderen Tagen kommt Müsli mit frischem Obst auf den Tisch. Das ist erlaubt. Erlaubt ist auch ein süßer Nachtisch nach dem Mittagessen oder ein wenig Naschen am Nachmittag – was Hannah in den Anfängen oft eine erhöhte Gesamtzuckerbilanz bescherte, da das Kind manchmal auch zu Hause frühstückte und dort Omas selbstgemachte Marmelade auf dem Tisch stand. Zuckeralarm zum Frühstück daheim und Süßes am Nachmittag im Kinderladen. Inzwischen gibt es im Kinderladen auch einen zuckerfreien Nachmittagssnack. Profis eben.

In meiner Kindergartenzeit war das anders. Es gab Marmeladenbrot, Kakao und Kuchen zum Frühstück, zum Mittag- und Abendessen Limonade – im Jargon „süßer Sprudel“. Lecker war das vielleicht, aber für die Zähne war es Gift. Meine süßer-Sprudel-umspülten Milchzähne liegen in einer kleinen Streichholzschachtel. Manchmal dürfen meine Kinder sie sich anschauen – schwarze Pädagogik im wörtlichen Sinne. In allen Backenzähnchen stecken Amalgamfüllungen, auch die meisten Schneidezähne haben Löcher. Nein, früher war nicht alles besser, und meine Kinder sind fassungslos und gruseln sich, wenn sie das Schächtelchen aufschieben. Bei ihnen hat der Zahnarzt noch kein einziges Mal gebohrt.

Obwohl wir das mit dem zuckerfreien Vormittag zu Hause nicht immer schaffen: Hannah weiß, wie man den Hochstuhl vor den Hochschrank schiebt und ans Nutellaglas kommt. Obwohl es manchmal zwei Kugeln Eis gibt oder drei Riegel Schokolade. Zucker komplett zu verbieten, das ist schlicht nicht möglich. Der regelmäßige zuckerfreie Vormittag ist aber immerhin ein gesünderer Anfang, wobei auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. Vor einigen Wochen hat Hannah im Kinderladen übernachtet. Die Süßwasserpiraten hatten ihre Schlafanzüge und Kuscheltiere von daheim mitgebracht und ließen sich von ihren Lieblingserziehern Geschichten vorlesen. Am nächsten Morgen gab es Frühstück. Beim Abholen, ich bin sicher, klebten an Messer und Mund Spuren von Nuss-Nougat-Creme. Hannah hat sich fast wie zu Hause gefühlt.


Foto: Anja Waegele Illu: bioraven/shutterstock

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