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KOLUMNE: WIR MÜSSEN UNS TRAUEN, DEN MUND AUFZUMACHEN!


Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 05.03.2020

Plaudern vor laufenden Kameras? Kein Problem für unsere Kolumnistin. Aber warum hat sie bloß in dieser ätzenden Situation im Alltag die Klappe gehalten?


Artikelbild für den Artikel "KOLUMNE: WIR MÜSSEN UNS TRAUEN, DEN MUND AUFZUMACHEN!" aus der Ausgabe 11/2020 von Grazia. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Grazia, Ausgabe 11/2020

SUSANNE KALOFF


MEINE WOCHE

WAS MICH GLÜCKLICH MACHT:
• Jeden Tag aufs Neue eine Wahl zu haben: Ja oder Nein zu etwas zu sagen.

WAS MICH NERVT:
• Mich an manchen Tagen nicht daran zu erinnern.

KEINEN BLASSEN SCHIMMER, WO DER FEBRUAR HIN IST. Ich musste eben in meinem Kalender schauen, wo ich eigentlich bin. Meine Hoffnung war, nebenbei auch herauszufinden, wer ich bin. Ich weiß es nicht mehr. Es liegt nahe, dass ...

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KEINEN BLASSEN SCHIMMER, WO DER FEBRUAR HIN IST. Ich musste eben in meinem Kalender schauen, wo ich eigentlich bin. Meine Hoffnung war, nebenbei auch herauszufinden, wer ich bin. Ich weiß es nicht mehr. Es liegt nahe, dass ich mich auf den endlosen Bahnfahrten durch Deutschland aus den Augen verloren habe. Nachdem ich nämlich meine Panchakarma-Kur an der Mosel beendet hatte, tuckerte ich wieder sieben Stunden in den Norden. Dort schlief ich eine Nacht in meinem Bett und machte mich am übernächsten Tag wieder auf in den Süden. Ich saß mit meinem warmen Porridge in einem alten Marmeladenglas im ICE nach Frankfurt, weil ich im Hessischen Rundfunk eingeladen war, mein Buch vorzustellen. Nicht etwa das neue, sondern das von vor zwei Jahren. Es war Fasching in Hessen, die Fastenzeit stand kurz vor der Tür, da passte ich mit meiner Abstinenz-Fibel natürlich super ins Programm. Der Auftritt war live, vier Minuten dreißig lang, und als ich das hinter mir hatte, stand ich mit meinem TV-Make-up und einem perfekten Chignon vor dem Sender, schüttelte mit dem Kopf und dachte: Wow, das war ein Quickie.

Ich saß im Taxi und sagte zu dem Fahrer, als wir am Bürgerhospital vorbeikamen: Hier bin ich geboren. Er sagte: Ich auch. Er fragte: Wann? Ich sagte: 69. Er: 79. Er drehte sich zu mir um, und ich dachte, wann wurde ich eigentlich eine Frau, die selbst den Altersunterschied zu einem wildfremden Mann errechnet? Dann schwiegen wir, bis wir vor einem indischen Restaurant hielten, wo ich meine Schwester traf. Der Inder lag in einer Hood, in der ich früher einen Freund hatte. Jeder Bordstein erinnerte mich an den Sommer 1995. Nichts schien verändert, nur ich war nicht ganz da. Man hatte mich in einem Hotel am Zoo untergebracht, meine Freundin Anna kam noch kurz auf ein halbes Stündchen vorbei, wir saßen quasselnd auf dem Doppelbett. Es wurde halb eins, bis ich schlief. Am nächsten Tag fuhr ich wieder vier Stunden mit einem neuen Porridge nach Hause. Am Bahnhof in Hamburg stieg ich erneut in ein Taxi, weil Birne und Beine so müde waren. Der Taxifahrer trug lange Haare und wirkte nett. Bis er fluchte: Ich will ja nichts sagen, aber genau so sind sie, die Leute mit Migrationshintergrund. Ich daddelte gerade am Handy rum und verstand gar nicht, was er meinte. Ein Auto hatte ihm die Vorfahrt genommen, erklärte er. Die, also die Menschen mit Migrationshintergrund, seien eben auch oft genau so, rücksichtslos, denen sei alles scheißegal. Sein Ton ekelte und erschrak mich, ich hatte den rasanten Wechsel von nett auf rassistisch zwischen Dammtor-Bahnhof und Millerntor nicht mitbekommen.

Ich atmete tief ein: Menschen nehmen einem die Vorfahrt, egal, aus welchem Land sie kommen, auch deutsche, erklärte ich. Er wurde noch wütender: Jajaja, ich weiß, ich weiß, ich bin Hippie, Peace und so, alles gut, alles cool, aber denen ist echt alles scheißegal. Er wiederholte sich. Ich schwieg. Im Radio liefen die Nachrichten über das Unglück in Hanau. Und ich saß gefroren im Fond seiner Scheißkarre und sagte nicht mehr viel. Warum um Himmels Willen habe ich nicht gebrüllt, dass ich sofort aus seinem Dunstkreis will, dass er anhalten und mich auf der Stelle rauslassen soll, warum habe ich ihm noch einen Euro Trinkgeld gegeben? Ich kann es mir nicht erklären, aber ich schäme mich bis heute und habe mir geschworen: Nie wieder wird das passieren. Nie wieder!


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