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KOMFORTVERHALTEN: Echte Genießer


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 10.08.2018

Fühlt mein Pferd sich wohl? Die Antwort findet jeder Pferdebesitzer imKomfortverhalten des Vierbeiners. Dazu zählen Verhaltensweisen wie Wälzen, Sich-Scheuern und die gegenseitige Fellpflege, die alle derGesunderhaltung dienen. Doch diese Aktivitäten können auch einenegative Seite haben Text: Inga Dora Meyer


UNSERE EXPERTIN

TINA EISENBACH aus Haunetal (Hessen) ist Tierpsychologin, ihr Spezialgebiet sind die Pferde. Ihre Leistungen umfassen u. a. die Verhaltensberatung und -therapie, pferdepsychologische Gutachten sowie Haltungsberatungen. Ferner ist sie ausgebildete Reitpädagogin und bietet als ...

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 90/2018

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TINA EISENBACH aus Haunetal (Hessen) ist Tierpsychologin, ihr Spezialgebiet sind die Pferde. Ihre Leistungen umfassen u. a. die Verhaltensberatung und -therapie, pferdepsychologische Gutachten sowie Haltungsberatungen. Ferner ist sie ausgebildete Reitpädagogin und bietet als Hippolini-Mini-Coach Kindern ab drei Jahren den spielerischen Kontakt zum Pferd.
www.pferdefairstand.de

Jeder Pferdebesitzer möchte, dass sein Pferd sich wohlfühlt. Beim Reiten ist dafür vor allem die Losgelassenheit ein Anzeichen dafür. Von Losgelassenheit spricht man, wenn sich das Pferd innerlich loslässt, zwanglos bewegt und dabei die gesamte Muskulatur unverkrampft mitarbeitet. Dadurch kann es sich in allen drei Grundgangarten taktrein und raumgreifend vorwärtsbewegen. Ein zufriedener Gesichtsausdruck, eine ruhige Maultätigkeit, entspanntes Abschnauben und Fallenlassen des Halses aus dem Widerrist heraus sowie ein gleichmäßig schwingender Rücken sind Merkmale, anhand derer man sie erkennt. Aber wie sieht es im Stall, auf dem Paddock oder auf der Wiese aus? Welche Merkmale zählen hier? Woran erkenne ich, dass sich mein Pferd in der Haltung wohlfühlt?

„Im Allgemeinen zeigt ein Pferd über seine Körpersprache – Gestik und Mimik –, seine Körperspannung, sein Ausdrucksverhalten und die Kommunikation mit anderen Artgenossen oder dem Menschen, dass es sich wohlfühlt. Es ist ruhig, entspannt, zeigt natürliche Reaktionen und Verhaltensweisen, ruht und schläft regelmäßig im Liegen und hat ein normales Fressverhalten. Auch das Spielverhalten ist bei vielen Vierbeinern, vor allem Wallachen und jungen Hengsten, ein guter Wohlfühlindikator“, weiß Tina Eisenbach, Tierpsychologin mit dem Spezialgebiet Pferde aus Haunetal (Hessen). Wer es genau wissen, will, sollte sich einmal näher mit dem Komfortverhalten der Vierbeiner ansehen.

Wohlbefinden und Gesunderhaltung

„Dazu zählen alle Verhaltensweisen, die der Gesunderhaltung dienen und das Wohlbefinden der Pferde steigern“, erklärt die Expertin. Das sind Aktivitäten der Körper- und Fellpflege, die mit körpereigenen Mitteln unter Einbeziehung der Umwelt und unter Einbeziehung von Sozialpartnern erfolgen, wie zu Beispiel Wälzen, Scheuern, Sich-Beknabbern, Kratzen, Belecken sowie die gegenseitige Fellpflege. „Aber auch das Aufsuchen von Schattenplätzen im Sommer oder Witterungsschutz im Winter und Behaglichkeitsbewegungen, etwa Gähnen, gehören dazu“, so Eisenbach.

Nur Pferde, die sich mögen, betreiben miteinander häufig und intensiv Fellpflege


Das Selbstbeknabbern mit den Zähnen gehört zum Komfortverhalten


Viele Pferde lieben es, geputzt zu warden


Das Komfortverhalten ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Wann und wie oft aber welche Verhaltensweise gezeigt wird, lässt sich nicht pauschal beantworten. Zu verschiedenen sind die Faktoren, von denen die Aktivitäten abhängen (vom Pferd selbst, der Haltungsform, der Jahreszeit …). „Wenn Pferde beispielsweise nur in Boxen gehalten werden, dann können sie ihrem Komfortverhalten nicht so intensiv nachgehen wie Pferde, die im Offenstall stehen“, weiß die Expertin.

Fellpflege ist aber nicht gleich Fellpflege. Experten unterscheiden zwischen der solitären und der sozialen Fellpflege. Zur ersteren zählen Belecken und Beknabbern des eigenen Körpers mit den Schneidezähnen, kratzen mit den Hinterhufen im Hals- und Kopfbereich, Wälzen, Schütteln, Scheuern an Gegenständen, Schweifschlagen, Hautzucken zur Abwehr von Insekten, Kopfschlagen, Aufstampfen und Unter-den-Körper-Schlagen mit Vorder- oder Hinterbeinen. Dazu suchen Pferde auch geeignete Gegenstände in der Umwelt auf. So verwenden sie zum Beispiel Äste, um sich an der Stirn zu kratzen, niedrige Büsche, über die sie hinwegtreten können, um sich den Bauch zu kratzen, und die raue Rinde von Bäumen zum Scheuern an der Schweifrübe oder zwischen den Hinterbeinen. Viele Vierbeiner gehen zudem gerne in flache Seen, Teiche und Flüsse, um sich dort durch Schlagen mit den Vorderbeinen auf die Wasseroberfläche mit Wasser zu bespritzen. Einige legen sich sogar in flache Wasserstellen oder schwimmen eine Runde.

Wälzen ist „ansteckend“

Arttypisch und besonders häufig zu beobachten ist das Wälzen, welches in der Regeltäglich unabhängig von Witterung und Pflegezustand ausgeführt wird. Ein vom Reiten verschwitztes oder nass geregnetes Pferd kann manchmal kaum daran gehindert werden, sich bei der erstbesten Gelegenheit hinzulegen. Welcher Reiter kennt das nicht? Dabei bevorzugen die Tiere einen vegetationslosen, sandig-staubigen, weichen und eher trockenen Untergrund, der frei von Kot ist. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: „Einige Vertreter lieben es geradezu, sich im Matsch zu suhlen – zum Graus der Reiter. Auch frischgefallener Schnee ist bei vielen sehr beliebt“, sagt Eisenbach.

Vor dem Wälzen beriechen die Vierbeiner den Boden, einige erkunden ihn zusätzlich mit den Tasthaaren des Maulbereichs. Häufig wird mit den Vorderhufen gescharrt. Durch das Vorderhandscharren wird der Boden aufgelockert und störende Vegetation entfernt. Dann wird der Körper zur Seite abgelegt und durch Kopf-, Hals- und Beinbewegungen auf dem Untergrund hin- und herbewegt. Einige wälzen sich dann mit mächtig viel Schwung über den Rücken und vollziehen, auf der anderen Körperseite liegend, die gleichen Bewegungen. Andere stehen nach dem Scheuern einer Körperseite auf, legen sich auf der anderen wieder ab und scheuern dann diese auf dem Boden. So entfernen sie Hautschuppen und lose Haare, kratzen sich den Rücken und halten sich Bremsen sowie andere lästige Insekten vom Hals, denn diese plagen ein Pferd mit staubigem oder sandigem Fell weniger. Nach dem Wälzen folgt das Körperschütteln von Kopf bis Schweif. Haben sich Pferde auf einem feuchten oder morastigen Untergrund gewälzt, ist das anschließende Körperschütteln aber nicht immer zu sehen.

Im Zusammenhang mit dem Wälzen kann man ein so genanntes allomimetisches Verhalten beobachten, das sicherlich jeder Pferdebesitzer schon einmal mit eigenen Augen gesehen hat. Wälzt sich ein Pferd der Herde, bewegen sich die anderen Tiere zu exakt der gleichen Stelle und legen sich dort ebenfalls nieder. Das hat verschiedene Gründe: Die gesamte Verhaltenskette, die im Zusammenhang mit dem Wälzvorgang zu sehen ist, beinhaltet auffällige Körperbewegungen, die die Aufmerksamkeit der Artgenossen erregen und damit einen kommunikativen Charakter haben. „Die Tiere lassen sich durch die Stimmungsübertragung anstecken“, weiß Eisenbach. Experten nehmen zudem an, dass durch das Wälzen auf einem gemeinsamen Platz der Körpergeruch jedes einzelnen Pferdes auf jedes andere Pferd der Gruppe übertragen wird und dadurch quasi ein „Gruppengeruch“ entsteht, der dem Zusammenhalt förderlich ist. Das bestätigt die Expertin: „Ein Pferd, dass sich gewälzt hat, hinterlässt Haare, Schweiß und Hautschuppen, die einen gewissen Geruchmit sich bringen und vom Nachfolger gelesen werden. Es entsteht so eine Kommunikation zweiten Grades.“ In freier Natur würde sich zum Beispiel der Leithengst zuletztwälzen, um den Geruch aller anderen Tiere zu überdecken.

Zu viel gescheuert? Dann kann eine Erkrankung vorliegen


Vorsicht, Verhaltensprobleme!

Grund für das Ausüben von Komforthandlungen wie Wälzen, Scheuern oder Selbstbeknabbern können aber auch Erkrankungen oder Verhaltensprobleme sein. „Scheuert sich ein Pferd blutig, leidet es vielleicht an einem juckenden Sommerekzem. Beknabbert es sich extrem viel selbst und beißt es sich, kann ein Verhaltensproblem bzw. eine Verhaltensstörung vorliegen. Wenn es sich selbst Schaden zufügt oder sich verletzt, wird es bedenklich. Das Komfortverhalten, das eigentlich dem Wohlbefinden und der Gesunderhaltung dienen soll, wird so ins Gegenteil verkehrt“, sagt die Expertin.

Kraulen des Pferdes stärkt die Bindung


Beim Wälzen sollte der Halter auf einen vollständigen Wälzvorgang achten. Nur dann kann es als Komforthandlung eingestuft werden. Wird die Handlungskette plötzlich unterbrochen (etwa andauerndes Hinwerfen und Aufstehen) oder werden nicht alle Elemente gezeigt (vor allem Ausbleiben von Bodenerkundung und/oder Schütteln), kann dies ein Hinweis auf Unwohlsein oder Schmerzen sein (beispielsweise Bauchweh oder Kolik).

Ein Fall für den Tierarzt

„Der erste Ansprechpartner ist hier der Tierarzt. Wenn eine medizinische Ursache auszuschließen ist, sollte ein Pferdepsychologe oder Verhaltenstherapeut hinzugezogen werden. Im besten Fall arbeiten beide Hand in Hand“, empfiehlt die Tierpsychologin. Wälzen sich Pferde gar nicht, fühlen sie sich in ihrer Umgebung nicht sicher (keine oder verängstigte Artgenossen in der Nähe, kein Rundumblick), die Bodenverhältnisse sagen den Tieren nicht zu (zu steiniger Untergrund), oder es liegen möglicherweise gesundheitliche Probleme vor.

Im Gegensatz zur solitären Fellpflege steht die soziale Fellpflege, zu der das gegenseitige Beknabbern sowie das Zupfen der Haut und des Fells gehört. Zu den bevorzugten Körperpartien zählen der gesamte Mähnenbereich, die seitliche Halsregion und die Rückenlinie bis hin zur Schweifrübe. „Das sind vor allem Stellen, an die die Tiere selbst nicht gut herankommen, dafür aber der Partner.“ Die Aufforderung zum Kraulen ist eindeutig: „Ein Pferd geht zu dem anderen und stellt sich antiparallel (Kopf zu Schweif) hin. Beide nehmen ganz kurz Kontakt zueinander auf, und schon beginnt die Fellpflege, die meist wenige Sekunden bis Minuten in Anspruch nimmt. Bei Pferden, die längeres Fell haben und im Fellwechsel stecken, wird die Fellpflege häufiger und intensiver betrieben. Wenn die Tiere oft geputzt werden, dann kraulen sie sich (generell) eher weniger. Bei Tieren, die krank sind, rückt dieses Verhalten in den Hintergrund“, so Eisenbach.

Krault nur ein Pferd das andere oder der Mensch das Pferd, lässt sich dessen Wohlbefinden am genüsslichen Putzgesicht ablesen, das in verschiedenen Ausprägungen gezeigt wird. „Die meisten Vierbeiner machen einen langen Hals, strecken die Nase nach vorne, flehmen leicht, stellen die Ohren entspannt zur Seite ab und schließen ihre Augenlider zur Hälfte. Viele Pferde rücken näher an den Fellpflegepartner heran und zeigen ganz genau, wo sie gerne gekrault werden möchten“, erklärt die Expertin. Jedes Pferd hat dabei seine Lieblingskraul- und -knabberstellen. Der Mensch braucht eigentlich nur herauszufinden, wo sie sich befinden.

Freundschaftliche Fellpflege

Neben dem Putzvorgang steht bei dieser Kurzzeitaktivität die Kommunikation im Vordergrund. Soziale Fellpflege wird nämlich mit befreundeten Artgenossen ausgeführt. Die Anzahl bevorzugter Fellpflegepartner variiert zwischen einem und drei Partnern. Die Pflege fördert den Zusammenhalt, stärkt soziale Bindungen, reduziert Spannungen und dient so dem Stressabbau. „Wenn sich Pferde gegenseitig sehr häufig kraulen, zeigt es ihre enge Bindung und Sympathie füreinander. Meistens sind es dieselben Partner, die soziale Fellpflege miteinander betreiben. Wenn sich zwei Pferde nicht kraulen, ist die Bindung und die Sympathie nicht so stark. Mutterstuten und Fohlen sowie Jährlinge beknabbern sich generell häufiger als erwachsene Tiere. Hengste sind nur selten bei diesem sogenannten Grooming zu beobachten“, weiß die Expertin. Mit der Rangfolge hat die soziale Fellpflege aber nichts zu tun. „Man kann nicht sagen, dass das dominante Pferd immer zum rangniedrigen Pferd geht, um es aufzufordern, oder andersherum.“

Das Kratzen mit den Hinterhufen gehört zur solitären Fellpflege


Gähnen zählt zu den Behaglichkeitsbewegungen und dient dem Wohlbefinden


In einer Studie stellten Forscher fest, dass es während des gegenseitigen Beknabberns zu einer Absenkung der Herzfrequenz kommt. Das heißt: Die Körperpflege mit einem Sozialpartner wirkt beruhigend. Das gilt übrigens auch für das Kraulen durch den Menschen. Soll heißen: Wer seinen vierbeinigen Partner regelmäßig krault, stärkt die Mensch-Pferd-Beziehung. „Der Reiter kann diese entspannende Wirkung nutzen, um die Lieblingsstelle als positiven Verstärker zu konditionieren.“

Gähnen, Strecken und Co.

Zum Wohlbefinden zählen ferner Dehnen, Rekeln und Streckbewegungen. „Sie dienen zur Entspannung der Muskeln, dem Lösenvon Verspannungen und dem Dehnen von Sehnen und Bändern. Und das tut den Pferden genauso gut wie uns Menschen. Allerdings können die genannten Aktivitäten auch Stress, Schmerzen oder Angst ausdrücken. Gähnen beispielsweise ist sowohl ein Zeichen für Entspannung als auch für Anspannung. Da muss man ganz genau hingucken und den Vierbeiner ganzheitlich betrachten. Die Situation, in der ein Pferd gähnt, ist hierbei entscheidend“, erklärt Eisenbach.

Nicht zu vergessen ist, dass das Komfortverhalten abhängig von den Wetterbedingungen ist. So suchen die Vierbeiner in der sommerlichen Mittagshitze und zur Abwehr von Insekten gerne luftige, kühlere und schattige Stellen auf, sind aber einem Schauer im Sommer nicht abgeneigt. Sie stellen sich bewusstin den Regenund genießen die Abkühlung. Denn wenn das Regenwasser verdunstet, entsteht eine angenehme Verdunstungskälte. Bei einem sehr kalten Regenguss oder trübem Winterwetter stehen sie wiederum dicht gedrängt nebeneinander und suchen Schutz in einem Unterstand. Nicht selten aber entscheiden sich einige Vierbeiner auch dann dafür, sich nass regnen oder einschneien zu lassen. „Sie stellen sich mit dem Hintern in Richtung des Regens, lassen den Kopf hängen und kippen die Ohren zur Seite. Das ist ganz normales Pferdeverhalten. Das Pferd ist nicht traurig, nur weil es im Regen ausharrt. Es schützt lediglich seine Ohren und Augen vor Nässe“, erklärt die Tierpsychologin. Beobachten Pferdebesitzer dieses Verhalten, folgt oft ein verständnisloses Kopfschütteln, denn sie selbst würden in einer trockenen Hütte Schutz suchen.

„Doch Pferde können sich bestens an die verschiedensten Temperaturschwankungen anpassen, wenn ihnen dazu regelmäßig die Möglichkeit gegeben wird. Nur wenn sie der Witterung tagtäglich ausgesetzt sind, kann ihr Thermoregulationsvermögen trainiert werden und optimal funktionieren“, so Eisenbach. Schon vor dem nächsten Winter entwickeln sie dann ein starkes Unterhautfettgewebe und ein dichtes Fell. Sie können ihre Haare aufstellen und ihre Gefäße verengen. „Durch arteriovenöse Anastomosen – Kurzschlussverbindungen zwischen kleinen Arterien und Venen – senken sie die Temperatur ab, wodurch die Wärmeabgabe verringert wird, ohne dass die Haut einfriert. Das ist besonders gut zu sehen, wenn die Pferde im Winter komplett eingeschneit sind. Die Haut wird nach außen kühl gehalten, ohne dass sie selber einfriert. So bleibt der Schnee auf dem Fell und schmilzt nicht“, erläutert die Expertin.

Ein Regenguss schadet Pferden nicht. Ihre Thermoregulation funktioniert prima


Diese Anpassungsmöglichkeiten haben wir Menschen nicht, daher neigen wir nicht selten dazu, unsere vierbeinigen Partner zu vermenschlichen. Tipp der Expertin: „Gehen Sie nach einem Regenschauer zu Ihrem Pferd, schieben Sie die Haare auseinander und untersuchen Sie das Fell und die Haut. Dann werden Sie in den meisten Fällen feststellen, dass der Regen am Fell abgeperlt und die Haut überhaupt nicht nass geworden ist.“

Fazit: Wer wissen will, ob und wie wohl sich sein Pferd fühlt, sollte das Komfortverhalten seines Vierbeiners einmal genauer unterdie Lupe nehmen. Dort wird er schnell die richtige Antwort finden.

Eine bessere Rückenmassage als beim Wälzen kann es kaum geben

BEDENKLICHES KOMFORTVERHALTEN

Aktivitäten des Komfortverhaltens werden dann bedenklich, wenn sich das Pferd damit schadet, anstatt sein Wohlbefinden zu steigern. Wird die Gesunderhaltung ins Gegenteil verkehrt, sollte der Pferdehalter hellhörig werden. Meist liegt eine medizinische Ursache zugrunde (z. B. Blutigscheuern, ausgelöst durch ein Jucken der Haut, extremes Wälzen aufgrund einer Kolik), manchmal aber auch eine nicht artgerechte Haltung (z. B. lange Verweildauer in Boxen, kein Sozialkontakt). In der Regel sind solche Verhaltensweisen Ausdruck von Unzufriedenheit, Unwohlsein oder Schmerzen. Wenn ein Pferd, das ansonsten artgerecht gehalten wird, wegen einer plötzlichen Erkrankung Boxenruhe halten muss bzw. sich nicht viel bewegen darf, lässt sich sein Wohlbefinden z. B. mit Ästen zum Beknabbern oder Spielmöglichkeiten steigern. Auch Denksportaufgaben sind in diesem Fall sinnvoll.

KRAULEN ALS BELOHNUNG

Forscher beobachteten bei wild lebenden Pferden, dass etwa die Hälfte der Kraulvorgänge in der Halsansatzregion stattfand und stellten dabei fest, dass die Herzfrequenz beider Pferde sank. Dieser beruhigende Effekt wurde auch gemessen, wenn der Mensch das Pferd kraulte. Das heißt: Der Reiter kann das Kraulen sehr gut nutzen, um die Lieblingsstelle als positiven Verstärker zu konditionieren oder sie für Entspannung zu nutzen. Kontraproduktiv ist dagegen das Klopfen des Pferdes an der Schulter als Belohnung. „Kein Pferd klopft das andere, um seine Zuneigung damit auszudrücken. Das ist aber leider noch nicht zu allen Reitern durchgedrungen“, kritisiert Tina Eisenbach.

GENÜSSLICHES PUTZGESICHT

Das Putzgesicht beschreibt die entspannte Mimik eines Pferdes, das seinem menschlichen oder tierischen Fellpflegepartner vermittelt, dass es das Kraulen genießt. Artgenossen stehen sich dabei in antiparalleler Haltung gegenüber und beknabbern sich gegenseitig mit den Schneidezähnen, bevorzugt am Widerrist und in der Halsregion. Aber auch das Kraulen an Brust, Kruppe oder Bauch kann besonders gefallen. Die Aktivität kann von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten andauern.

UNGESUNDER SCHLAFMANGEL

Es ist wichtig zu wissen, dass auch das regelmäßige Ruhen und Schlafen für das Wohlbefinden eine entscheidende Rolle spielt, obwohl es nicht direkt zum Komfortverhalten der Pferde zählt. „Wenn die Tiere aufgrund von internen oder externen Einflüssen nicht zum Tiefschlaf im Liegen kommen, hat das langfristig Auswirkungen auf ihr Verhalten und ihre Gesundheit. Schlafmangel macht den Körper auf Dauer psychisch und physisch krank. Das wird leider viel zu häufig unterschätzt“, so Tina Eisenbach. Tipps der Expertin: Legen Sie immer mehrere Liegeflächen in einem Offenstall an, sodass alle Pferde in Ruhe schlafen können und nicht die rangniedrigen von den ranghöheren vertrieben werden. Und: Bringen Sie nachts eine Videokamera am Stallgebäude an. „Dabei ist es spannend zu schauen, wann, wo und wie oft ein Pferd eigentlich ruht und tief schläft“, so die Tierpsychologin.

TIPPS FÜR MEHR WOHLBEFINDEN

Sie können Ihrem Pferd etwas Gutes tun, indem Sie die Haltungsbedingungen optimieren. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die für mehr Wohlbefinden sorgen

• Ausreichend Bewegung: Pferdegerecht und naturnah ist eine Haltung dann, wenn viel Platz für selbstbestimmte, freie Bewegung vorhanden ist. Longieren und Reiten sind nicht ausreichend für das Lauftier Pferd.
• Viele Sozialkontakte: Nur in der Herde fühlt sich das Pferd wohl und sicher aufgehoben. Pferde sollten mit mindestens einem weiteren Artgenossen in Kontakt treten können, ohne dass sie durch einen Zaun voneinander getrennt sind.
• Angepasste Fütterung: Futtersuche und Fressen sind instinktive Bedürfnisse. Für eine intakte Verdauung sollte stets ausreichend Raufutter und nur wenig Kraftfutter gegeben werden. Fresspausen sollten nie länger als ca. vier Stunden sein.
• Schutzhütten: Schutz vor der Witterung (Kälte, Nässe, Hitze etc.) und vor lästigen Insekten steigert das Wohlbefinden der Tiere (z. B. durch Unterstände oder Bäume).
• Rückzugsorte: Bei Ausläufen und Weiden ist es wichtig, dass ausreichend viele und große Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sind, wo jeder Vierbeiner zum Ruhen und Schlafen kommt, sowie Schutz vor der Witterung oder lästigen Insekten finden kann.
• Scheuermöglichkeiten: Bäume, Pfähleoder Scheuereinrichtungen (etwa Besen) geben den Pferden die Möglichkeit, sich zu kratzen, wann sie wollen.
• Äste und Zweige: Das Knabbern an ungiftigen Ästen und Zweigen liegt in der Natur der Pferde. Dadurch haben sie die Möglichkeit, sich zu beschäftigen und gleichzeitig Rohfaser aufzunehmen, was für die Verdauung essenziell ist.
• Wälzplätze: Wenn Pferde oft auf befestigten Flächen stehen, kann man ihnen mit einem angelegten Sandkasten oder einer Erdfläche, wo sie scharren und sich jederzeit ausgiebig wälzen können, etwas Gutes tun.
• Wasserflächen: Viele Pferde gehen gerne in flache Seen, Teiche oder Flüsse, um sich dort mit Wasser zu bespritzen. Einige Pferde legen sich auch in flache Wasserstellen oder schwimmen gerne.

Bewegung in der Herde macht Pferde glücklich


In einem Offenstall fühlen sich die meisten Vierbeiner am wohlsten


Fotos: Getty Images (2), slawik.com (10), Privat (1)