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Komm her, mein kleiner Wüterich


Baby & Co. - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 16.09.2021

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Die Unterlippe ist vorgeschoben, das kleine Gesicht hochrot und aus den Augen kullern dicke Tränen, während die Hände sich zu Fäustchen ballen: Wenn Kleinkinder wütend sind, dann sind sie es mit Körper und Seele – und ohne jedes Wenn und Aber. Ob der Lolli in den Sand gefallen, das Kleine selbst unsanft auf den Po geplumpst ist oder Mama zum falschen Zeitpunkt mit der Zahnbürste ankommt: Die Katastrophe ist stets riesengroß und allumfassend – und wird mit entsprechendem Geheul kommentiert.

Auch wenn alle Väter und Mütter diese Mini-Erdbeben gewohnt sind – leicht zu verkraften sind sie deswegen nicht. Nicht nur, weil ein Kind, das sich zwischen Supermarktregalen wütend auf dem Boden wälzt, automatisch einen gewissen Stress bedeutet, sondern auch, weil jeder verzweifelte Schluchzer dem Elternherz einen kleinen Stich versetzt. Gelassen, geduldig und beruhigend sollten wir reagieren – was nicht immer ...

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... einfach ist.

MIT ZORN ZUM ICH

Was dabei hilft, ist, sich vor Augen zu führen, dass der große Zorn der kleinen Menschen zu ihrer gesunden Entwicklung schlicht dazugehört. „Kleinkinder erfahren bei Wutanfällen die Grenzen ihres eigenen Ichs und entwickeln dadurch ein Bewusstsein ihrer Individualität“, erklärt die Diplom-Psychologin Dr. Angelika Faas. Anders gesagt: Ein Kind, das eigene Wünsche und Bedürfnisse erkennt und versucht, sie auch gegen die Widerstände seiner Umwelt durchzusetzen, findet so zu einer eigenen Persönlichkeit. Ein wichtiges Entwicklungsstadium, das in den sogenannten „Trotzphasen“ seine natürlichen Höhepunkte erreicht (siehe dazu auch Kasten, S. 34).

Dass diese „Grenzerfahrungen“ von den Kleinen selbst als so dramatisch erlebt werden, liegt vor allem daran, dass ihnen noch ein System zur Einordnung ihrer Erlebnisse fehlt: „Für ein Anderthalb- oder Zweijähriges ist jeder Tag voller Premieren. So vieles geschieht zum ersten Mal – kein Wunder, wenn noch die Maßstäbe fehlen, um Geschehnisse richtig einzuschätzen“, sagt Angelika Faas.

Dazu kommt, dass Kleinkindern viele Fähigkeiten, die bei der Stressbewältigung hilfreich sind, noch weitgehend fehlen: Sie können sich gegen Eindrücke von außen noch nicht gut abschotten und fühlen sich deshalb schnell überreizt. Außerdem können sie kaum Geduld aufbringen, weil es ihnen an Zeitgefühl mangelt: Ein Vorhaben um eine Stunde zu verschieben, bedeutet für ein Zweijähriges, es in unerreichbare – weil unvorstellbare – Ferne zu verbannen. Gleichzeitig hat das Kind noch nicht gelernt, dass es langfristig sinnvoll sein kann, die Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben. Es will ein interessantes Spielzeug sofort untersuchen, nicht erst, wenn ein anderes Kind es freiwillig hergibt. Es will eine Nascherei sofort in den Mund stecken und nicht erst, wenn das Mittagessen zu Ende ist. Ein frustrierendes Nein zu akzeptieren und die eigenen Wünsche aus Vernunftgründen zurückzustellen, ist einem unter Dreijährigen noch kaum möglich. Tatsächlich dauert die Entwicklung dieser wichtigen Kompetenzen meist bis in die Erwachsenenzeit an.

Und schließlich müssen Kleinkinder immerzu damit klarkommen, dass es ihnen noch an Geschicklichkeit oder den körperlichen Voraussetzungen fehlt, um selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Ob es darum geht, die Treppe zu erklimmen, eine Brezel aus der Tüte zu holen oder die Jacke zuzuknöpfen – sie wollen es unbedingt „selba machen“ und fühlen sich grundlos in ihrem Tatenund Entdeckerdrang ausgebremst, wenn die Großen sich in ihre Vorhaben einmischen. Einzusehen, dass Papa oder Mama sie nur vor Gefahren beschützen oder einfach nur rechtzeitig einen Bus erreichen wollen, ist ihnen noch gar nicht möglich.

DEM ALTER ANGEMESSEN

Führt man sich diese Punkte vor Augen, wird schnell klar, dass entschiedenes „Durchgreifen“ gegen den kindlichen Zorn ebenso wenig auszurichten vermag wie weitschweifige Ermahnungen oder Erklärungen. „Wichtig ist, altersangemessen zu reagieren, bei einem Kleinkind können Gesten manchmal sinnvoller sein, als viele Worte“, sagt Angelika Faas.

Wichtig sei außerdem, den kindlichen Ausbrüchen mit Ruhe und Behutsamkeit zu begegnen: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine fremde Stadt, haben keine Sprach- und Ortskenntnisse – und dann beginnt auch noch jemand, aufgeregt oder vorwurfsvoll und ohne Unterlass auf Sie einzureden. Das macht das Gefühl der Überforderung komplett“, so die Expertin. Schwierige Situationen durch Ablenkungsmanöver zu entschärfen, hält sie nicht für sinnvoll: „Wer wütend und traurig ist, will nicht einfach nur auf andere Gedanken gebracht werden. Wenn Eltern immer nur beschwichtigen, fühlt sich das Kind einsam. Mütter und Väter müssen lernen, Konflikte auszuhalten und ihren kleinen Liebling auch mal wütend und unzufrieden zu sehen.“ Hier sollte auch die Angst vor vermeintlich peinlichen Auftritten keine Rolle spielen: Wohl jeder, der schon einmal mit Kindern zu tun hatte, wird Verständnis für dramatische Unmutsbezeugungen haben, auch wenn es nur darum geht, eine Mütze anzuziehen.

Hilfreich ist, in der Sache konsequent zu bleiben, aber gleichzeitig Verständnis zu signalisieren: „Zeigen Sie dem Kind, dass Sie seine Bedürfnisse durchaus verstehen und Mitgefühl haben. Helfen Sie ihm, die tröstlichen Perspektiven zu sehen, die es aufgrund seines Entwicklungsstandes selbst noch nicht erkennen kann“, so der Rat der Psychologin.

ORIENTIERUNG BIETEN

Was aber, wenn Eltern den Eindruck haben, dass die Wut ihres Kindes das natürliche Maß überschreitet und es bei jedem noch so kleinen Anlass zu schreien und zu toben beginnt? Müssen sie fürchten, dass ihr Kleines sich damit indirekt über einen Mangel an Aufmerksamkeit beschwert? Oder schlicht gelernt hat, so seinen Willen durchzusetzen?

„In der Regel fehlt solchen Kindern Orientierung“, sagt Angelika Faas. Tatsächlich seien ständige Wutanfälle fast immer darin begründet, dass sich das Kind verunsichert fühlt. Etwa dadurch, dass die Eltern besorgt sind, irgendetwas falsch zu machen: „Meist gehen sie dann besonders intensiv auf das Kind ein und sind immerzu sehr dicht bei ihm. Das Kleine spürt, dass hinter diesem Verhalten Angst und Nervosität stecken. Ihm fehlt die sichere Basis und es reagiert darauf mit Überforderung und Wut.“ Auch doppelte Botschaften können schuld an der Verunsicherung sein. Ein Kind, das nicht begreift, was man von ihm erwartet, erlebt ebenfalls eine innere Überlastung, die Wutanfälle auslösen kann. „Zum Teil kommt es zu solchen Situationen, weil Eltern übertrieben ehrgeizig sind und ihrem Kind zu viel gleichzeitig vermitteln wollen. Es soll sich beispielweise anderen Kindern gegenüber sozial verhalten, aber auch Durchsetzungsvermögen zeigen. Ein Dreijähriger, der soziale Situationen noch gar nicht überblicken kann, wird dadurch schnell überfordert“, sagt Angelika Faas. Ihr Rat an alle Eltern ist, die ständige Sorge abzustreifen, es könnte irgendetwas nicht perfekt genug laufen. „Finden Sie eine Perspektive auf die Dinge, die Sie in Ihrer Rolle ausgeglichener macht. Oft hilft es schon, sich zu sagen: ,Ich habe eben ein besonders lebhaftes und neugieriges Kind, das sehr viel will und deswegen häufiger mal Frustration und Zorn erlebt.‘ Auf ein so temperamentvolles Kind kann man stolz sein!“

DER HOLPRIGE WEG ZUM ICH

Die Trotzphasen sind für Eltern und Kind anstrengend, aber sie haben ihren Sinn: Sie fördern die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes

ICH WILL – ALSO BIN ICH

Zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr erleben Kinder eine sogenannte Trotz- oder Autonomiephase, in der sie sich zum ersten Mal ihres Ichs und ihrer individuellen Wünsche bewusst werden. Sie entdecken ihren eigenen Willen – und dass dieser mit dem anderer Menschen oft nicht identisch ist. Sich dennoch durchzusetzen und so viel wie möglich selbst zu bestimmen, wird nun als existenziell empfunden. Entsprechend groß ist die Verzweiflung über jedes Nein.

KLEINE NACHZÜGLER

Fällt die klassische Trotzphase bei einem Kind scheinbar aus, hat sie sich meist nur nach hinten verschoben: Oft wird sie mit dem Schulbeginn, der ja auch einen wichtigen Schritt in die Selbstständigkeit markiert, nachgeholt.

RINGEN UM SELBSTSTÄNDIGKEIT

Die Pubertät wird auch als „zweite Trotzphase“ bezeichnet. Auch in diesem Entwicklungsabschnitt ringt das Kind um Autonomie. Im Zentrum steht das Erreichen der Unabhängigkeit vom bisher alles dominierenden Urteil der Eltern – indem diese erst mal komplett in Frage gestellt werden. Auch diese Rüttelphase, die mit neun, aber auch erst mit zwölf Jahren einsetzen kann, bedeutet einen wichtigen Entwicklungsschub.