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Kommissar Smartwatch: Tracker, High-Tech-Uhr & Co. klären Verbrechen auf


Lea - epaper ⋅ Ausgabe 13/2020 vom 18.03.2020

Eigentlich zeichnen sie Daten rund um unsere Fitness auf. Doch immer häufiger liefern sie Indizien bei Ermittlungsverfahren und helfen dabei, Mörder weltweit zu überführen


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Bildquelle: Lea, Ausgabe 13/2020

E s ist ein Tag im September 2016. In der australischen Stadt Adelaide bricht gerade der Frühling an. Die Sonne scheint und zieht die Menschen nach draußen. Viele Aussies nutzen die ersten warmen Tage, um ihre Vorgärten auf Vordermann zu bringen. Abends treffen sich die Nachbarn noch auf ein Getränk im Garten, sitzen mal wieder etwas länger zusammen draußen. So machen es zumindest die Bewohner des kleinen und beschaulichen Valley View ...

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... im Nord-Osten der Stadt. An einem dieser Abende, um 22.10 Uhr - die meisten von ihnen waren bereits in ihren Häusern verschwunden - tauchte plötzlich eine Nachbarin auf. In Panik, völlig außer sich, geknebelt und an den Händen gefesselt. Ihre Schwiegermutter wurde von drei Männern brutal überfallen und ermordet. Sie selbst konnte fliehen. Was für eine spektakuläre Geschichte - wenn da nicht ein Zeuge wäre, der eine ganz andere Version erzählt … Zunächst einmal schien auch für die Polizisten alles klar: die verzweifelte und gefesselte junge Frau Caroline, die scheinbar nur durch großes Glück mit dem Leben davon kam, und ihre durchaus plausible Geschichte.

Ein Überfall, der keiner war: Der Tracker weiß alles

Eine Gruppe von drei Männern hätte ihre Schwiegermutter Myrna Nilsson mit einem Auto nach Hause verfolgt. Vor Ort stritten sie über 20 Minuten, bis sie in das Haus der 57-Jährigen einbrachen - und sie in ihrer eigenen Waschküche brutal ermordeten. In dieser Zeit habe Caroline im Haus bei geschlossener Tür in der Küche gestanden - und deshalb nichts gehört. So ihre Geschichte. Anschließend haben die Verbrecher sie gefunden, geknebelt, gefesselt und sie so zurückgelassen. Die damals 26-Jährige floh, sobald die Täter das Haus verlassen hatten, zu den Nachbarn, die die Polizei alarmierten. Mit ihrer Story wäre die dreifache Mutter vermutlich niemals aufgeflogen, wäre da nicht die Smartwatch der Toten - die bewies, dass der Vorfall so, wie Caroline ihn erzählt hatte, niemals passiert sein konnte. Fitness-Tracker, wie auch in der Uhr von Myrna Nilsson integriert, zeichnen jede kleine Bewegung ihres Trägers auf. Durch Sensoren und GPS-Signale wird so ein genaues Bild gezeichnet: Herzfrequenz, Schritte, Standort. Die Daten werden aufgezeichnet, mit dem Smartphone synchronisiert und anschließend auf dem Server der Anbieter ausgewertet und archiviert. So auch im Fall der ermordeten Australierin. Hier konnten die Ermittler anhand der übertragenen Werte den Tathergang rekonstruieren. Tatsächlich waren die Experten sogar im Stande, den Todeszeitpunkt der Australierin auf sieben Minuten genau zu bestimmen. Diese Erkenntnis machte klar: Caroline hatte gelogen. Staatsanwältin Carmen Matteo erklärt: „Das Opfer muss gegen 18.38 Uhr angegriffen worden sein und ist mit Sicherheit bis 18.45 Uhr gestorben.“ Somit war der Tod über drei Stunden früher eingetreten, als von der Schwiegertochter angegeben. Ein weiterer Beweis für eine konstruierte Geschichte: Sie selbst verschickte mit ihrem Smartphone eine SMS und surfte im Netz, während sie angeblich gefesselt war. Die Staatsanwälte sind sich nun sicher: Caroline wurde selbst zur Mörderin - und verschaffte sich im Anschluss genügend Zeit, ihre Spuren zu beseitigen, bevor sie vor den Nachbarn das Opfer spielte. Sie dachte, sie hätte das perfekte Verbrechen begangen - doch die Smartwatch war schlauer und verriet sie.

Überführt! Ein Ehemann und Vater tötet seine Frau

Der Fall der Australierin ist nicht der erste, in dem ein Fitness-Tracker einen Mörder überführte: Am 23. Dezember 2015 wurde die schwangere Connie Dabate in ihrem Haus in Ellington (Connecticut, USA, siehe Kasten oben rechts) von einem Einbrecher erschossen. So jedenfalls die Version ihres Mannes, dem Vater ihrer zwei Kinder. Seinen Aussagen zufolge wurde er im Haus von einem maskierten Mann überrascht. Als er hörte, dass seine Frau nach Hause kam, schrie er, dass sie weglaufen solle - doch der Einbrecher erschoss sie. Der Ehemann wurde gefesselt, konnte sich jedoch befreien und die Polizei rufen. Als die Ermittler aber die Daten der Fitbit (siehe Kasten unten rechts) der Toten auswerteten, stellten sie fest, dass die Anzahl der Schritte, die sie im Haus gemacht hatte, so gar nicht zu der Geschichte ihres Mannes passte. So fingen die Ermittler an, zu recherchieren und konnten mit Hilfe von E-Mails, Suchchroniken, Facebook- Postings und Garagentorsensoren ein detailliertes Bild des Mordes zeichnen. Und dieses offenbarte schließlich: Der Ehemann hatte gelogen und seine 39 Jahre alte Frau kaltblütig erschossen. Und auch in diesem Fall war der beste Zeuge wieder ein Fitness-Tracker. Das zeigt: Verbrecher haben es heute immer schwerer, von sich abzulenken, denn Geheimdienste und Polizeiermittler weltweit konzentrieren sich mehr und mehr auf die digitale Forensik.

Auch in Deutschland gibt es Fälle digitaler Spuren

Hier in Deutschland werden immer öfter mobile Daten, SMS, WhatsApp und Co. ausgewertet. Vor allem die neuen Gesundheitsapps, die mittlerweile auf fast jedem Smartphone zur Grundausstattung gehören, liefern den Ermittlern umfassende Daten. Bestimmt erinnern Sie sich noch an den bekanntesten deutschen Fall, in dem solche Erkenntnisse einem Mann, der angab, im Affekt getötet zu haben, einen Mord nachwiesen: Im Oktober 2016 war die 19-jährige Studentin Maria in Freiburg von einem Mann vergewaltigt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden. Anschließend hatte er sie in einen Fluss geworfen, wo sie ertrunken war. Der Täter hatte in seinem Geständnis immer betont, im Affekt gehandelt zu haben. Die forensischen Ermittler aber konnten mit Hilfe von Cyber-Spezialisten sein Handy auslesen. Die aufgezeichneten detaillierten Standort- und Bewegungsdaten lieferten den Beweis, dass der Täter nicht spontan, sondern geplant handelte. Ein großer Durchbruch für die Ermittler. Es ist klar: Diese Art der strafrechtlichen Ermittlung ist unsere Zukunft.

Ein Kühlschrank als Zeuge: Wohin führt uns das noch?

Und es geht immer weiter: Neben smarten Apps, Fitness-Trackern, Smartwatches und Co. sammeln auch Autos, Smarthome-Apps und sogar neue Kühlschränke, funkende Strom-und Wasserzähler Daten über uns, die am Ende ein ziemlich genaues Bild von unserem Tagesablauf zeichnen können. Für Ermittler weltweit bedeutet das ein riesiges Netzwerk aus wichtigen Hinweisen, Indizien und Spuren. Es gibt immer mehr Spezialisten auf diesem Gebiet. Einer von ihnen ist Alistair Ewing. Er ist Experte für digitale Forensik in London. Als solcher führt er verschiedene Ebenen zusammen, um beispielsweise einen detaillierten Tathergang zu kreieren. Anhand von Anrufen, Apps, Standortinformationen, Herzfrequenzdaten, IP-Adressen und noch einigen anderen digitalen Daten gelingt es ihm, eine zeitliche Abfolge zu erstellen. „Man bekommt so eine Zeitleiste und kann sich ein vollständiges Bild davon machen, was die Person zu einer bestimmten Zeit getan hat.“ Trotz allen Fortschritts: Die Auswertung von solchen komplexen digitalen Daten ist aufwändig. Viele Dienststellen hierzulande sind für diese Art von Informationen einfach noch nicht gut genug ausgestattet. Fest steht aber: Es geht Schritt für Schritt in eine Zukunft, in der das perfekte Verbrechen immer unmöglicher wird. Zum Glück: Denn Ihre Smartwatch und andere digitale Helfer sehen alles …

Fall 1: Eine Apple Watch kennt die Wahrheit

In dem beschaulichen Vorort Valley View in Adelaide steht das Haus der 57-jährigen Myrna Nilsson, in dem sie mit ihrer Schwiegertochter Caroline (siehe Foto rechts), ihrem Sohn und ihren drei Enkelkindern bis zu ihrem Tod wohnte. Polizisten sichern Beweise, Kameras dokumentieren. Noch glauben alle an einen brutalen Überfall. Erst die Daten der Apple Watch der Toten überführt den wahren Mörder.

Fall 2: Eine Fitbit sagt aus

Das Haus der Familie Dabate (Fall im Text) in Ellington liegt sehr abgeschieden. Am 23. Dezember 2015 wurde die Polizei über einen Panik- Knopf im Haus verständigt. Zunächst gingen alle noch von einem brutalen Einbrecher aus - doch das Fitness- Armband der Frau offenbarte, dass sie vor ihrem Tod noch längere Zeit im Haus herumlief, sogar noch Bilder auf Facebook postete. Das passte so gar nicht zu der Version, die ihr Mann den Ermittlern präsentierte.

Geräte, die Täter überführt haben

Activity-Tracker Die Armbänder sind so etwas wie unser ständiger Fitness- Begleiter. Alle gesundheitsrelevanten Daten werden ausgewertet, gespeichert. So kann anhand des Herzschlags auch auf Ereignisse geschlossen werden, die in dem Moment passiert sind.

Smartwatch Die schlaue Armbanduhr kann so ziemlich alles - gefühlt zumindest. Sie zeichnet viele Dinge wie die Herzfrequenz, den Schlafrhythmus, GPS-Standorte auf - und wird so zum digitalen Zeugen für Verbrechen.

Herzschrittmacher Auch ein solches medizinisches Gerät merkt sich seine Daten. 2016 konnte ein Kardiologe einen Mann mit Schrittmacher dingfest machen, der Versicherungsbetrug begehen wollte. Der aufgezeichnete Puls passte einfach so gar nicht zu seiner Geschichte. Tja, Pech!