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Kommt mal runter: WINTERSPORT


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 19.12.2018

Skifahren wird immer stressiger und technisch komplexer. Aber es gibt Mittel und Wege, diesen Sport wieder stilvoll zu genießen. Ein paar Tipps. Von Max Scharnigg, Titus Arnu und Christian Mayer


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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 1/2019

Skifahren war mal herrlich entspannt, so schneeflockenleicht. Einfach irgendeine alte Jacke anziehen, Mütze auf den Kopf. Schnee gab es immer, Bewegungsfreiheit am Berg auch – als dieser Sport noch nicht den Technik-Freaks gehörte, sondern den eleganten Schön- und Schönwetterfahrern. Die Zeiten sind vorbei? Oh nein! Etwas abseits der alpinen Massenpisten kann man noch immer genussvoll Ski fahren – ...

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... wichtiger als die Ausrüstung ist dabei die Frage, wie man darüber denkt.

Der frühe Start

Zwischen 9 und 10 Uhr wollen wirklich alle auf die Piste – warum also nicht lieber noch früher starten? Ganz früh morgens ist der Schnee noch wie neu. Mehrere Skigebiete in den Alpen bieten Early-Bird-Tickets an. Sie tragen originelle Namen wie „Skikeriki“, „Ski’n Brunch“ oder „Erste Spur“.

Wenn man bereit ist, diesen schlechten Humor zu ignorieren und einen größeren Aufschlag zur Tageskarte zu zahlen, kann sich das Frühaufsteher-Ticket lohnen. Eine limitierte Zahl von Skifahrern fährt schon um 7 Uhr mit der Seilbahn in die Höhe, um über leere, frisch präparierte Pisten ins Tal zu wedeln. Zwischen 9 und 10 Uhr, wenn dann die Massen kommen, sitzen die Frühsportler entspannt beim Brunch in der Bergstation.

Besonders zu empfehlen: „Ski vor 9“ mit Franz Klammer in Bad Kleinkirchheim. Wer bereit ist, früh aufzustehen, kann mit dem Abfahrts-Olympiasieger stilvoll über die frisch präparierten Pisten fahren und dann beim gemeinsamen Frühstück über die alten Zeiten reden, als die Rennpisten noch mit Strohballen gesichert waren und keiner wusste, was „Skikeriki“ bedeuten soll.

Wieder schön fahren

Bisher war es nur ein Gefühl, jetzt darf man es laut aussprechen: Carven nervt. Oder besser gesagt das, was die Pistenmehrheit heute darunter versteht – aggressiv, breitbeinig und sehr schnell in großen Kurven den Hang hinunterfahren, in den wenigen Schwüngen irgendwie halbschief herumrutschen und insgesamt so fahren, als wäre die Wirbelsäule aus Gummi. Verletzungsgefahr für sich und andere hoch, ästhetischer Wert niedrig – das hat auch der österreichische Skilehrerverband akzeptiert. Deshalb verabschiedet er sich in seinen Lehrplänen inzwischen vom Carven. Stattdessen lernen alle Skianfänger tatsächlich wieder das „Schönskifahren“.

Wenn das kein guter Grund ist, auch selbst wieder ein wenig am Stil zu arbeiten! Man erinnere sich: Der „gute Skifahrer“ war vor ein paar Jahrzehnten mal ein aufrechter, parallel und eng schwingender Souverän, der alle Probleme am Berg elegant löste und sauber wedelnd eine hübsche Spur in den Schnee zog. Also, wie wäre es? Beine zusammen, Oberkörpergegenschwung und Stockeinsatz üben – und dabei gerne auch mal lächeln!

Das kleine Gepäck

Fast hat man den Eindruck, je weniger Schneesicherheit es in den Bergen gibt, desto komplexer wird die Ausrüstung: Verschiedenste Protektoren, selbstregulierende, gigantische Brillen, Layer und Shells, Racer, Rocker und ganze Heizungs- und Kamerasysteme soll der ambitionierte Skifahrer heute mit auf die Piste tragen. Da geht der Stress schon beim Einkaufen und Einpacken los.

Und das, obwohl man Einheimische in Kitzbühel oder Zermatt immer daran erkannte, dass sie gerade nicht ausgerüstet waren wie für eine Himalaja-Expedition. Sie gingen spontan in Jeans, Norweger-Pullover und Opas alter Mütze zwei Stunden auf die Piste. Und dabei ließen sie die ganzkörperverpackten und auffällig gemusterten Wintergäste doppelt komisch aussehen. Daraus kann man lernen.

Erstens: Der Genuss-Skifahrer steigt nur dann in die Bindung, wenn das Wetter auch wirklich Genuss verspricht. Zweitens: Wer so gut fährt, dass er nicht dauernd hinfällt, braucht keine vier atmungsaktiven Schichten plus Daunen. Er braucht nur Hose und Wollpullover. Und vielleicht einen ganz kleinen Helm. Übrigens: Der Blick in den Kellerschrank lohnt sich auch modisch mal wieder – einfache Hosen oder der gute Elho-Neon-Overall aus den 80er-Jahren sind in letzter Zeit – nicht nur auf der Piste – wieder sehr in Mode. Und die langen Ski kommen auch wieder.

Der Feierabend-Fahrer

Lange bevor es Turbo-Zehner-Sessellifte mit Popoheizung und WLAN gab, mussten Skisportler für ihren Genuss wirklich etwas tun. Sie schnallten Steigfelle unter ihre Holzski und liefen stundenlang bergauf. Dafür war man bei der Abfahrt alleine im Tiefschnee unterwegs. Durch die überfüllten Pisten gibt es inzwischen eine Gegenbewegung zum Alpinski-Rummel. Sie orientiert sich an den Pionieren.

Skitourengeher gehen zurück zu den Anfängen des Sports. Tourengehen kostet mehr Zeit. Dafür ist es aber auch einsamer, meditativer und sportlicher als Pistenskifahren. Bei schlechtem Wetter und hoher Lawinengefahr bieten sich Pistentouren an: Manche Skigebiete erlauben es, die präparierten Pisten für Aufstieg und Abfahrt zu benutzen, wenn man sich an die Regeln hält (nur am Rand oder auf ausgewiesenen Routen aufsteigen). Normalerweise ist eine Skitour beendet, sobald es dunkel wird. Aber wer tagsüber keine Zeit hat, kann in vielen Gebieten eine Feierabend-Runde unternehmen. Vorteil: Die Pisten sind dann leer.

Besser klein als groß

Sankt Anton, Ischgl und Sölden sind zur Hauptsaison immer stressig. Viele Tausend Skifahrer auf den Pisten, Après-Ski-Quatsch im Tal. Für Leute, die auch an Wochenenden und in den Ferien ziemlich freie Strecken suchen, sind kleine Skigebiete fern der Megapisten besser. In Obertilliach zum Beispiel – dort ließ es James Bond im FilmSpectre ordentlich krachen. Aber normalerweise bleibt es in dem kleinen Osttiroler Dorf friedlich und still.

In Obertilliach gibt es nur fünf Lifte und 15,6 Pistenkilometer. Das sind 1184 Kilometer weniger als im größten Skigebiet der Welt, Dolomiti Superski. Na und? Wer schafft schon 1200 Kilometer am Tag, wenn er zwischendurch noch Germknödel essen und in der Sonne sitzen muss? Weitere empfehlenswerte kleine Skigebiete abseits des Massentourismus: Sonnenkopf am Arlberg, Karersee und Pfelders in Südtirol, Turracher Höhe in Kärnten, Bad Hindelang im Allgäu, Bellwald in der Schweiz.

Die Langsamkeit

Einer der zentralen Widersprüche beim Pistenskifahren geht so: Anfahrt, Anstehen, Hinauffahren dauern insgesamt zwei Stunden – und dann ist man in sieben Minuten wieder unten beim Parkplatz. Am Ende eines solchen Tages hat man vier Stunden im Lift verbracht und eineinhalb Stunden auf der Selbstbedienungsalm. Fahrspaß hatte man netto eine halbe Stunde. Das steht in keinem Verhältnis. Deshalb: langsam machen, jede Abfahrt auskosten! Schussfahren ist was für Kinder und Profisportler. Es gibt auf der Piste keinen Preis für den Schnellsten. Einfach auch mal hinsetzen und in der Sonne ein bisschen Vitamin D tanken – das ist das beste Souvenir, das man sich von einem Skitag mitnehmen kann.

Die Nostalgie-Reise

Die Latten sind aus Hickory-Holz, ganz gerade und 1,95 Meter lang. Die Leder-Skischuhe fühlen sich angenehm weich und flexibel an. Die historische Bindung gibt wenig Halt. „Schön in die Knie gehen und bei der ersten Kurve einen Stemmbogen machen wie früher!“, ruft Daniel Müller. Er besitzt eine Sammlung von historischen Wintersportgeräten. Man kann sein Privatmuseum in Summaprada bei Chur nach Anmeldung besichtigen und einen Old-School-Skikurs bei ihm buchen ().

Zum „Nostalgie-Paket“ gehört die historische Kleidung. Müller bringt eine knielange Hose mit, dazu Wadenwickel aus grobem Filz, einen Leinenblazer, eine Schiebermütze. Außerdem bekommt der Gast eine Skibrille aus Leder und Glas zum Umbinden, das Modell „Uhu“ der Schweizer Armee aus dem Jahr 1920. Die Ausrüstung ist schwer und unpraktisch: Skifahren ist viel intensiver, man braucht mehr Kraft als mit modernen Carvern. Je nach Mut und Können ist man aber genauso schnell unterwegs wie mit modernen Skiern – und mit unverwechselbarem Stil.

Den Winter feiern

Winterfrische bedeutete früher keineswegs, möglichst viel Ski zu fahren. Sondern vor allem: die Berge genießen. Ein Spaziergang zur nächsten Alm, nachmittags gepflegt zum Tee, abends schön essen und tanzen gehen, Eichhörnchen füttern und dem Schnee beim Rieseln zusehen.

Seit es keine Schneesicherheit mehr gibt, hat man Gelegenheit, das alles wiederzuentdecken. In Sankt Moritz zum Beispiel wurde 2017 mit der Wiederherstellung des Country Club neben dem Kulm Hotel ein mondäner Ort für die winterliche Erbauung wiedererweckt. Dort kann man heute bei einem Hot Toddy, der englischen Variante des Grog, und mit Blick auf die Eislaufbahn die Geschichten des spektakulären Cresta Run nachlesen. Die begannen hier vor mehr als 100 Jahren – weil die Briten damals schon wussten: Skifahren ist zwar schön, aber eben nicht alles.

Der kleine Berg

Wer seine Kinder fürs Skifahren begeistern möchte, muss nicht unbedingt viele Stunden im Auto sitzen. Am angenehmsten ist das gemeinsame Pistenerlebnis in der Zone vor dem großen Stau, am nächsten Hausberg – ohne Monsterpreise, ohne Massen auf der Piste. Am Oedberg in Ostin am Tegernsee zum Beispiel, knapp 50 Kilometer südlich von München, haben Generationen von zukünftigen Abfahrtshelden gelernt, wie man alles auf zwei Kanten setzt, bevor man dann weitergeht, zu schwierigeren Aufgaben. Und wie man den Winter selbst dann genießt, wenn die Piste dafür mühevoll präpariert werden muss.

Damit es mal wieder richtig schneit, kann man ja in der Maria-Hilf-Kapelle in Gmund am Tegernsee eine Kerze stiften – dann läuft’s garantiert ganz entspannt. Natürlich noch mit der guten, alten Punktekarte. Und dem Schlepplift, der manchmal fünf Mal pro Auffahrt stehen bleibt, wegen herausfallender Kinder. Was macht uns das? Genießen heißt sich gedulden, selbst wenn man völlig neben der Spur ist.

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 47.


Fotos: mauritius images/Johner, SuperStock

Fotos: mauritius images/Alamy Stock Photo; Bigandt_Photography/iStock.com; Stockfood/Schardt Wolfgang