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KOMPLEMENTÄRE THERAPIE: Zarte Stiche mit großer Wirkung


natürlich gesund und munter - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 21.06.2018

Bei chronischen Schmerzen wirdAkupunktur seit Längerem angewandt. Dass die Therapie wirkt, ist nun auch wissenschaftlich nachgewiesen.


Artikelbild für den Artikel "KOMPLEMENTÄRE THERAPIE: Zarte Stiche mit großer Wirkung" aus der Ausgabe 4/2018 von natürlich gesund und munter. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natürlich gesund und munter, Ausgabe 4/2018

Insgesamt 14 Meridiane erstrecken sich über den gesamten Körper. Auf diesen Energie-leitbahnen liegen rund 700 Akupunkturpunkte, von denen etwa 400 genadelt werden können.


Sich abzulenken kann helfen. „Bitte husten Sie einmal kurz “, bittet Dr.med. Yimin Li ihre Patientin, bevor sie zielsicher eine lange hauchdünne Nadel auf einen Akupunkturpunkt platziert. „Merken Sie etwas?“, fragt sie, während sie die Nadel dreht. „Ja, ein leichtes Brennen“, bestätigt die Patientin. ...

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Sich abzulenken kann helfen. „Bitte husten Sie einmal kurz “, bittet Dr.med. Yimin Li ihre Patientin, bevor sie zielsicher eine lange hauchdünne Nadel auf einen Akupunkturpunkt platziert. „Merken Sie etwas?“, fragt sie, während sie die Nadel dreht. „Ja, ein leichtes Brennen“, bestätigt die Patientin. Dr. Li nickt zufrieden. Auf die Rückmeldung ist die Leiterin einer TCM-Praxis in Hamburg angewiesen, denn erst an einer Reaktion wie dieser kann die Ärztin erkennen, ob die Lebensenergie – im Chinesischen Qi genannt – am Akupunkturpunkt ankommt. „Manche spüren auch ein Kribbeln oder einen leichten Schlag“, erklärt Dr. Li, die nach ihrem Medizinstudium im chinesischen Guangzhou ihre Kenntnisse in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als langjährige Ober- und Chefärztin im Volkskrankenhaus Shunde im Praxisalltag vertiefen konnte. Ihre Patientin leidet an einer funktionellen Bewegungsstörung aufgrund chronischer Muskelverspannungen. Physiotherapeuten und Osteopathen konnten ihr kaum helfen. Von der Akupunktur bei Dr. Li erhofft sie sich nun echte Besserung.
Ursache sei ein Stau im Leber- und Gallenmeridian, der wiederum Folge einer Yin-Schwäche ist, so das Ergebnis von Dr. Lis Zungen- und Pulsdiagnose. Innerhalb weniger Minuten hat die Ärztin neun Nadeln eingebracht, viele davon auf dem Gallenmeridian, da über diese Leitbahn besonders gut auf Störungen des Bewegungsapparates eingewirkt werden kann. 20 bis 30 Minuten lang werden nun mit den Nadeln die Akupunkturpunkte stimuliert. Die Patientin ist voll entspannt. Sind die Nadeln erst einmal gesetzt, spürt sie nur noch deren Reizimpulse.

Eine uralte Behandlungsmethode

Die Akupunktur ist neben Chinesischer Kräuterheilkunde, Tuina Massage und der Bewegungslehre Qi Gong eine wichtige Behandlungsmethode der Traditionellen Chinesischen Medizin. Diese mehr als 2000 Jahre alte Erfahrungsmedizin geht davon aus, dass die beiden Kräfte Yin und Yang im menschlichen Körper im Gleichgewicht sein müssen, um gesund zu bleiben. Krankheit ist demnach immer eine Folge einer Yin-und-Yang-Störung.

Um zu erkennen, wo die Störung genau liegt, orientiert sich diese ganzheitliche Lehre an einem System von 14 Leitbahnen im Körper, sogenannten Meridianen, auf denen sich rund 700 Akupunkturpunkte befinden. Rund 400 davon sind für den Akupunkteur mit Nadeln gut erreichbar. „Durch das Setzen der Nadeln entlang dieser Leitbahnen werden bestimmte Punkte auf der Haut und das darunterliegende Gewebe stimuliert. So können das vegetative Nervensystem und damit die Körperregulation positiv beeinflusst werden“, erklärt Dr.med. Sven Schröder, Neurologe und Arzt der Chinesischen Medizin im Zentrum für TCM am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf. Ziel des behandelnden Mediziners ist es, die Energie so umzuverteilen, dass sie wieder gleichmäßig fließt.

Der Behandler muss wissen, wie er die Nadeln setzt

Dafür muss der Therapeut nicht nur genau wissen, wohin er die Nadel setzt, sondern auch, wie er sie setzt. „Bei der Nadelung werden viele verschiedene Techniken eingesetzt“, erläutert Petra Noll, Heilpraktikerin der Chinesischen Medizin und Expertin für Akupunktur. So kann der Akupunkteur beispielsweise durch das Drehen der Nadel gegen oder im Uhrzeigersinn den Energiefluss entweder stimulieren oder aber beruhigen. Auch wie tief die Nadeln gesetzt werden ist wichtig. „Wenn ich beispielsweise den Ischias behandeln will, muss ich längere Nadeln nehmen“, weiß die Heilpraktikerin. „An bestimmten Punkten hingegen, beispielsweise am Rücken, darf ich niemals tief nadeln, da ich die Lungen treffen könnte“, so Noll.

Als wirksam anerkannt und weit verbreitet

Kaum ein alternatives Verfahren ist hierzulande so anerkannt wie die Akupunktur. Nicht zuletzt, weil seit 2007 die gesetzliche Krankenversicherung bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen die Kosten für eine Akupunkturbehandlung übernimmt.
Dies ist der bundesweit durchgeführten GERAC-Studie (German Acupuncture Trials) zu verdanken, bei der die Wirksamkeit der Akupunkturtherapie mit der medikamentösen Standardbehandlung verglichen wurde. 500 niedergelassene Ärzte behandelten 3500 Patienten, die an chronischer Migräne oder Spannungskopfschmerz, Kreuzschmerz und Arthrose der Kniegelenke litten. Das Ergebnis der weltweit größten Untersuchung dieser Art: Bereits zehn bis 15 Akupunktursitzungen reduzierten die Beschwerdesymptomatik bei Migräne ähnlich wirksam wie die medikamentöse Therapie. Bei Knie- und Rückenschmerzen war der Effekt noch stärker.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die 2012 veröffentlichte Metastudie vom New Yorker Memorial Sloan-Klettering Cancer Center, für die die Wissenschaftler die Daten von 29 klinischen Studien mit rund 18 000 Patienten ausgewertet hatten, die unter chronischen Schmerzen am Rücken, in der Schulter, im Kniegelenk oder unter chronischen Kopfschmerzen litten. „Je nach Art der Schmerzen verringerten sich die Beschwerden bei den mit Akupunktur Behandelten um bis zu 23 Prozent gegenüber Patienten, die nur scheinakupunktiert – also nicht an chinesischen Punkten, sondern an anderen Stellen genadelt – wurden“, so das Resümee der Studie.

Die Ohrakupunktur

In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte der französische Arzt Dr. Paul Nogier eine weitere Akupunkturform: die Ohrakupunktur. Dieses Verfahren, bei dem der Therapeut kürzere Nadeln verwendet, beruht jedoch nicht auf der Meridianlehre, sondern auf der Reflexzonentherapie. Nogier erkannte, dass das Ohr einem auf dem Kopf liegenden Embryo ähnelt.

Die Entsprechungen von Organen und Extremitäten machen es dem Therapeuten relativ leicht, den passenden Akupunkturpunkt am Ohr zu lokalisieren.

Die Methode wird vor allem bei Schlafund Konzentrationsstörungen, bei Schmerzen, zur Raucherentwöhnung, aber auch bei Allergien und zur Entspannung eingesetzt. Oftmals nadeln Therapeuten auch zusätzlich zu den Körperpunkten einen Punkt am Ohr.

Derzeit wird im TCM-Zentrum Eppendorf intensiv daran geforscht, welchen weiteren Beschwerden man mit Nadelstichen gezielt zu Leibe rücken kann. In einer Studie von 2016 konnte nachgewiesen werden, dass die Akupunktur auch bei einer schmerzhaften Schultersteife, der sogenannten Frozen Shoulder, hilft. Dabei leiden die Patienten unter Bewegungseinschränkungen und sehr starken Schmerzen. Das liegt an Verklebungen in der Kapsel des Schultergelenks, die durch stark entzündliche Reaktionen hervorgerufen werden. „Die Akupunkturbehandelten hatten nach drei Monaten das Maß an Schmerzreduktion erreicht, für das die andere Gruppe, die nur orthopädisch und physiotherapeutisch behandelt worden war, ein Jahr gebraucht hat“, erklärt Dr. Schröder, Geschäftsführer des TCM-Zentrums.
Dank Lasertechnik ist es heute möglich, Akupunkturpunkte auch ohne Nadelstiche zu stimulieren. Mit rotem gebündeltem Licht können bei der Laserakupunktur schmerzfrei Impulse gesetzt werden. Die Anwendung dieses Stimulationsverfahren empfiehlt sich bei hypersensiblen Patienten und Kindern, so Dr. Schröder. Er gibt allerdings zu bedenken, dass mehr Behandlungen benötigt werden, um gleichwertige Effekte wie bei einer klassischen Nadelung zu erreichen. Ein Vorteil hingegen sei, dass mit dem Laser Regionen therapiert werden können, die mit Nadeln nur schwer erreichbar sind. Allerdings benötige man dafür ein Multikanalgerät, da die Handlaser in der Regel eine zu geringe Lichtstärke haben, so der Neurologe.
Die Wirkung der Lasertherapie ist noch nicht genau erforscht. Man vermutet jedoch, dass sie die Wundheilung, etwa bei offenen Beinen, fördern und entzündliche Prozesse lindern kann.

Akupunktur mit elektrisch verstärkter Wirkung

Eine weitere Form der Nadelung ist die Elektroakupunktur. Dabei wird der Reizimpuls zusätzlich mit Strom verstärkt. In China wird sie vor allem bei Gesichtslähmung und neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Auch am Hamburger TCM-Zentrum wird diese Akupunkturvariante bei Gesichts-, aber auch bei Arm- und Beinlähmung etwa nach einem Schlaganfall angewandt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung von Taubheitsgefühlen der Beine, häufig Folge von Diabetes oder einer Chemotherapie.
Auch wenn so mancher Akupunktur-Kritiker immer noch glaubt, dass die Wirkung der zarten Nadeln auf einem Placebo-Effekt beruht, einen Versuch ist die bewährte chinesische Behandlungsmethode allemal wert – vor allem, wenn andere Therapien nicht helfen und jemand nicht dauerhaft Medikamente einnehmen möchte.


Die Akupunktur hat eine lange Geschichte in der Traditionellen Chinesischen Medizin


Qualifizierte Akupunkteure finden

Verschiedene Fachverbände bieten auf ihren Internetseiten eine Therapeutensuche an:

► DieDeutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V. (DÄGfA) steht mit ihren rund 8400 Mitgliedern für Kompetenz und Erfahrung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Bundesweit von der DÄGfA ausgebildete und geprüfte Akupunkturärzte finden Sie unterwww.daegfa.de

► DieSMS – Societas Medicinae Sinensis ist eine der ältesten deutschsprachigen Ärztegesellschaften für Traditionelle Chinesische Medizin. Sie veranstaltet von den Ärztekammern akkreditierte Fortbildungen für die Zusatzbezeichnung Akupunktur. Niedergelassene Ärzte, die die umfangreichen Ausbildungen der SMS absolviert und mit einer Prüfung abgeschlossen haben, finden Sie unterwww.tcm.edu

► DieArbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin e. V. (AGTCM e. V.) ist ein gemeinnütziger Verein, in dem Therapeuten aus verschiedenen Heilberufen vertreten sind. Heilpraktiker und Ärzte, die eine Ausbildung in den Kooperationsschulen der AGTCM absolviert haben, finden Sie unterwww.agtcm.de


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