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Komponieren als Trauerarbeit


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 06.12.2019

Mieczyslaw Weinberg ist einer der wichtigsten osteuropäischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Am 8. Dezember hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert.


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Fotos: Weinberg Society

Wenige Biografien sind so eng mit den Schrecken des 20. Jahrhunderts verbunden wie die Mieczyslaw Weinbergs. Schon ein Teil seiner Vorfahren, die aus dem moldawischen Kischinjow/ Chișinau stammten, wurden bei Judenprogromen Anfang des 20. Jahrhunderts ermordet. Die Familie übersiedelte nach Warschau, wo Weinbergs Vater als Komponist und Musiker an einem jüdischen Theater arbeitete. Dort kommt Mieczyslaw 1919 zur Welt und ...

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... entwickelt früh eine Affinität zur Musik. Er schreibt erste Klavierstücke und Lieder, bevor er zwölfjährig ein Klavierstudium an der Warschauer Musikakademie beginnt.

Besonders prägend wird die Begegnung mit seinem Lehrer Jozéf Turczyński, der damals zu den bekanntesten Pianisten Polens zählt. Turczyński fördert Weinberg in seinem Bestreben, eine Karriere als Klaviervirtuose einzuschlagen, und stellt ihn auch dem legendären Pianisten und Komponisten Josef Hofmann vor. Der zeigt sich vom Spiel des Jungen begeistert und lädt ihn zum Studium nach Philadelphia auf das von ihm geleitete Curtis Institute of Music ein. Doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs macht einen Strich durch die Rechnung. „Plötzlich verbreitet der Rundfunk den Befehl: Da der Feind sich Warschau nähere, sollten alle Männer die Stadt verlassen“, erinnert sich Weinberg später an den Abend des 6. September 1939. „Am nächsten Morgen verließ ich Warschau mit meiner kleinen Schwester Richtung Osten. Da ihre Füße in ihren Schuhen wund scheuerten, kehrte sie bald wieder zu Mutter und Vater zurück. Ich aber setzte meinen Weg fort.“ Er wird der Einzige aus seiner Familie sein, der den Krieg überlebt. Doch das erfährt Weinberg erst sehr viel später.

Wie durch ein Wunder gelingt es ihm, die sowjetische Grenze zu überschreiten und sich bis nach Minsk durchzuschlagen. Dort beginnt er ein reguläres Kompositionsstudium bei Wassilij Solotarjow, einem Schüler Balakirews und Rimski-Korsakows. In Minsk entstehen Weinbergs erste vollgültige Werke, darunter sein zweites Streichquartett, zwei Liederzyklen und eine Sinfonische Dichtung. Dort hört er auch erstmals Musik von Dmitri Schostakowitsch, die er mit „der Entdeckung eines Kontinents“ vergleicht. Am Tag nach seiner Abschlussprüfung greift Hitler die Sowjetunion an, und Weinberg muss erneut fliehen. Er setzt sich nach Taschkent in Usbekistan ab, wo er als Korrepetitor am städtischen Opernhaus arbeitet. Hier lernt er auch seine spätere Frau Natalija kennen, die Tochter des berühmten Schauspielers Solomon Michoels.

Weinberg und Schostakowitsch mit Mitgliedern des Beethoven-Quartetts


Weinberg mit Rudolf Barschai


Weinberg (zweiter von rechts) bei der Uraufführung seiner Oper „Der Idiot“ 1991


Schostakowitsch sah in Weinberg einen ihm ebenbürtigen Komponisten


Bis heute ist unklar, auf welchem Weg Dmitri Schostakowitsch die Partitur der ersten Sinfonie Weinbergs kennenlernte, ob der Komponist sie selbst verschickte oder ob Freunde Schostakowitsch mit dem Werk bekannt machten. Tatsache ist, dass sich Schostakowitsch stark beeindruckt zeigt und Weinberg in den schwierigen Kriegsjahren eine Aufenthaltsgenehmigung für Moskau verschafft. 1943 übersiedelt das Ehepaar in die sowjetische Hauptstadt, wo Weinberg bis zu seinem Tod als freischaffender Komponist und Pianist wirkt.

Aus der Bekanntschaft mit Schostakowitsch entwickelt sich rasch eine intensive Freundschaft. Schostakowitsch empfiehlt und protegiert den vierzehn Jahre Jüngeren und attestiert ihm, „einer der hervorragendsten Komponisten der heutigen Zeit“ zu sein. Und Weinberg bekennt: „Obwohl ich nie bei ihm Unterricht nahm, zähle ich mich als seinen Schüler, sein Fleisch und Blut.“ Sie spielen sich gegenseitig ihre neuesten Werke vor, und wenn Weinberg in finanzielle Schwierigkeiten gerät, was gelegentlich der Fall ist, unterstützt ihn der Ältere mit Bargeld, was im gemeinsamen Freundeskreis allgemein bekannt ist.

Weinberg mit David Oistrach, Galina Wischnewskaja und Mstislaw Rostropowitsch 1967


Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe: Musikalische Verweise auf Werke des jeweils anderen finden sich vor allem in ihren Streichquartetten. Die Freundschaft hält bis zu Schostakowitschs Tod 1975. Doch die Ähnlichkeit in Stil und Gestus in ihren Arbeiten hat zur Folge, dass der jüngere Weinberg stets im Schatten Schostakowitschs bleibt, ihm im Westen sogar lange der Ruf eines Epigonen anhaftet. Schostakowitsch selbst hat hingegen immer wieder betont, dass die Werke Weinbergs seinen eigenen zumindest ebenbürtig seien. Allerdings bleiben Weinberg die Ironie und der Sarkasmus in den Arbeiten seines Mentors zeitlebens fremd. Seine Art, auf die Gräuel der Zeit zu reagieren, ist eine andere, weniger beißende.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschärft sich das ideologische Klima in der Sowjetunion wieder. Im Sinne des „Sozialistischen Realismus“ soll die Kunst volkstümlicher, leichter verständlich und vor allem optimistischer werden. Manche Werke etwa von Schostakowitsch und Prokofjew passen nicht mehr ins Bild, und auch Kompositionen von Weinberg werden in Reden und Artikeln der Kulturadministration wiederholt scharf kritisiert. So urteilt Grigorij Bernandt, einer der Chefideologen der Stalin- Zeit, 1948: „Das Streben nach Originalität um jeden Preis, die Neigung zu trockener Linearität, zu harmonischer Schroffheit, zum Aufbrechen der Melodie stranguliert tiefe Gedanken und Gefühle fast überall, wo sie in seiner Musik zum Vorschein kommen.“ In der Folge scheuen sich viele Konzertveranstalter, Werke Weinbergs auf ihre Programme zu setzen. Zeitweise muss er sich mit Brotarbeiten wie Film- und Theatermusik finanziell über Wasser halten.

Doch schlimmer als die ideologischen Maßregelungen, obwohl auch die lebensgefährlich sein konnten, trifft Weinberg der aufkommende Antisemitismus in der Sowjetunion. 1948 wird sein Schwiegervater von den Schergen Stalins umgebracht, das Verbrechen als Verkehrsunfall getarnt. Die antisemitische Hetze gipfelt in einer von Stalin und seiner Geheimpolizei erfundenen „Verschwörung der Kremlärzte“. Einer der Hauptangeklagten dieses antisemitischen Prozesses gegen die sogenannten „Mörder in weißen Kitteln“ ist ein enger Verwandter von Weinbergs Frau Natalija. Im Februar 1953 wird Weinberg selbst verhaftet und ins berüchtigte KGB-Gefängnis Lubjanka gebracht. Ihm wird vorgeworfen, an einem Komplott zur Gründung einer jüdischen Republik auf der Krim beteiligt zu sein. Schostakowitsch, obwohl er mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, verfasst umgehend einen mutigen Bittbrief an den Geheimdienstchef Berija – allerdings ohne Erfolg. Erst nach dem Tod Stalins im März 1953 wird Weinberg aus der Haft entlassen.

In den späten 50er-Jahren verbessert sich Weinbergs Situation gravierend. Er etabliert sich als einer der wichtigsten Komponisten der Sowjetunion, er selbst bezeichnet die 60er-Jahre als seine „goldene Ära“. Viele bedeutende Interpreten nehmen sich seiner Werke an – darunter Mstislav Rostropowitsch, David Oistrach, Leonid Kogan, Kyrill Kondraschin und das Borodin Quartett. Weinberg erweist sich als ungemein produktiv: Allein 26 Sinfonien, 17 Streichquartette und mehr als ein Dutzend Bühnenwerke umfasst sein Werkverzeichnis. Hinzu kommen unzählige Lieder, Sonaten und Filmmusiken, viele davon ohne Opuszahl. Die emotionale Spannweite reicht von derber Zirkusmusik bis zu einem Requiem auf Gedichte Federico García Lorcas, eines seiner Hauptwerke aus dem Jahr 1966, dessen biografischer Hintergrund auf der Hand liegt.


Die Auseinandersetzung mit Krieg und Holocaust wurde sein zen trales Thema


Denn im Jahr zuvor hat Weinberg erfahren, dass seine Eltern und seine Schwester im Warschauer Ghetto umgekommen sind. Im selben Jahr veröffentlicht er seine „Kantate der Liebe“, die er den Kindern von Auschwitz widmet. Die Auseinandersetzung mit Krieg und Holocaust wird zu Weinbergs zentralem Thema: „Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema Krieg. Dies war leider nicht meine eigene Wahl. Es wurde mir von meinem Schicksal diktiert und vom tragischen Schicksal meiner Familie. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, vom Krieg zu schreiben, von den Gräueln, die der Menschheit in unserem Jahrhundert widerfuhren.“

In seiner sechsten Sinfonie verarbeitet Weinberg ein Kinderlied. Es geht um einen Jungen, der sich eine Geige gebaut hat. Als sich Soldaten nähern, klettert er auf einen Baum, um das Instrument zu schützen. Doch der Baum wird von den Soldaten gefällt. Fast 40 Jahre nach dessen Ermordung widmet er die dritte Sonate für Solo-Violine dem Andenken seines Vaters. Um die Vernichtung der europäischen Juden kreist auch die 1968 entstandene Oper „Die Passagierin“, die auf einem Roman der polnischen Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz basiert. Das Werk erzählt von einer KZ-Aufseherin in Auschwitz, die auf einer Überfahrt nach Brasilien eine Insassin des Lagers, Marta, sieht und fürchtet, von ihr erkannt worden zu sein. In Rückblenden wird die Geschichte der beiden Frauen erzählt. Auf dem Höhepunkt der Oper weigert sich Martas Geliebter, einen von den SS-Schergen verlangten Walzer zu intonieren, und stimmt stattdessen Bachs berühmte Chaconne aus der zweiten Partita für Violine solo an. Ein selbstmörderischer Triumph der Kultur über die Banalität des Bösen? Weinbergs Musik ist in diesem Werk alles andere als sentimental oder rückwärtsgewandt. Er parodiert Bach und Beethoven und arbeitet mit russischer Folklore ebenso wie mit Elementen von Jazz und Chanson. Doch die romantische Grundhaltung, die sich in den meisten seiner Werke findet, scheint auch hier immer wieder durch. Zur Entstehungszeit 1968 findet das Thema kein allzu großes Interesse in der Sowjetunion, und so erlebt die Oper erst mehr als vierzig Jahre nach ihrer Fertigstellung ihre erste szenische Aufführung bei den Bregenzer Festspielen 2010.

In den 80er-Jahren beginnt Weinbergs Ruhm zu verblassen. Jüngere Komponisten wie Alfred Schnittke oder Sofia Gubaidulina finden nun mehr Aufmerksamkeit, und im Westen gilt Weinberg als Schostakowitsch-Epigone. Er zieht sich weitgehend ins Privatleben zurück, Aufführungen seiner Werke werden seltener.

„Ich muss sagen, dass mir das Komponieren immer schwerer fällt“, so Weinberg damals. „Mein Freundes- und Bekanntenkreis wird immer kleiner, und zwar mit katastrophaler Geschwindigkeit.“ 1990 tritt er zum letzten Mal in der Öffentlichkeit auf, als er den „Staatspreis der UdSSR“ erhält. Der Zusammenbruch der Sowjetunion zieht für Weinberg eine Verschlechterung seiner Situation nach sich. Doch in den Westen umzusiedeln, kommt für ihn schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Frage. Am 26. Februar 1996 stirbt Mieczysław Weinberg nach langer Krankheit in Moskau.

„Die Schönheit ist nicht tot. Sie fiel in Ungnade.“ Diese Worte des Fürsten Myschkin aus Weinbergs Oper „Der Idiot“ nach Dostojewskis Roman lassen sich direkt auf Weinbergs Musik beziehen. Denn trotz aller menschenverachtenden Schrecken, die das Leben für ihn bereithielt und die er in seinen Werken verarbeitete, blieben Humanität, Schönheit und kompositorische Finesse zeitlebens die entscheidenden Richtlinien in seinem Schaffen. Mit seiner Musik hat er den Opfern von Krieg und Verfolgung im 20. Jahrhundert ein Gesicht gegeben.

Hör-Emphfelungen

Die Passagierin ; M.Breedt, E. Kelessidi, R.Sacca, Philharmonischer Chor Prag, Wiener Symphoniker, T. Currentzis (2010); Arthaus (2 DVDs).
Sinfonien Nr. 2 u. 21 ; City of Birmingham SO, Mirga Grazinyte-Tyla (2018); Deutsche Grammophon.
Concertino für Violine und Streicher, Sinfonie Nr. 10, Sonate für Violine solo, Trio op. 48 ; Kremerata Baltica, Gidon Kremer (2012); ECM.Requiem ; Wiener Sängerknaben, Philharmonischer Chor Prag, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev (2010); Neos (SACD)