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Konfession und Kontext


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.07.2019

Kirchenmusik in Ost- und Südostasien


Christliche Kirchenmusik in asiatischen Gesellschaften spiegelt heute deren religiöse und kulturelle Vielfalt wider. Darin drücken sich Suchprozesse nach theologischer und spiritueller Identität in multireligiösen Gesellschaften aus. Ökumenische Bewegung und kontextuelle Theologien haben dazu wertvolle Impulse vermittelt.

Christliche Kirchen in Asien entstanden inmitten einer Vielfalt kulturell-religiöser Klanglandschaften: In den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung erklangen die Gesänge syrisch-orthodoxer Christinnen und Christen in Südindien, während ...

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2019

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... Brahmanen in den umliegenden Tempeln die Veden rezitierten und Musiker zu den Klängen von Veena und Flöte ihre Ragas intonierten. Im Japan des sechzehnten Jahrhunderts sangen Jesuiten gregorianische Messgesänge auf Latein, umgeben von buddhistischen Mönchen, die sich in Shomyo- Gesänge versenkten. Und der britische China-Missionar Hudson Taylor stimmte im neunzehnten Jahrhundert Erweckungslieder an, während chinesische Volksmusik zu pentatonischen Skalen ertönte.

Verena Grüter (* 1961): Studium der Musik und der Ev. Theologie in Köln und Bonn, 1992 Promotion in München, 1995–1998 Pfarrerin und Universitätsdozentin in El Salvador, 2007–2011 Tätigkeit beim Ev. Missionswerk in Deutschland, 2015 Habilitation an der Augustana- Hochschule Neuendettelsau und Verleihung der Privatdozentur, Forschung zur Musik in interreligiösen Begegnungen, 2016/17 Gastprofessur in Göttingen, 2018/19 Lehrstuhlvertretung in Heidelberg, seit 2019 Pfarrerin an der Reformations- Gedächtniskirche Nürnberg.


Kirchenmusik als ästhetischer Differenzmarker

Wer in asiatischen Ländern etwa einen Gottesdienst in einer lutherischen Kirche besucht, kann häufig die Melodien der Lieder mitsummen. Denn viele Kirchen pflegen lutherische Choräle und Erweckungslieder, übersetzt in die jeweils regionale Sprache, begleitet von Orgelklängen. Dies gilt nicht allein für lutherische Kirchen, sondern für einen großen Teil der aus europäischen und angelsächsischen Missionen hervorgegangenen christlichen Gemeinschaften und ebenso für die orthodoxen Kirchen. Mit ihrer gottesdienstlichen Musik grenzen sich diese Kirchen bewusst von ihrem kulturellen und religiösen Kontext ab. Kirchenmusik wird als ästhetischer Differenzmarker benutzt.

Für diese Praxis spricht, dass es die Minderheitensituation christlicher Kirchen in den meisten asiatischen Ländern erfordert, eine eigene religiös-kulturelle Identität zu behaupten.2 Insofern gottesdienstliches Singen und Musizieren eine spezifische theologische und spirituelle Identität verkörpert, stellt die Pflege des mit Missionaren und Migranten überlieferten Liedschatzes immer neu die Verbindung zur kulturellen – und damit kolonialen – Herkunft dieser Kirchen her. Aus postkolonialer Perspektive stellt sich jedoch die Frage, wie christliche Kirchen sich theologisch in ih ren jeweiligen kulturell-religiösen Kontexten positionieren. Dieser missionstheologischen Grundfrage wurde seit den 1960er Jahren insbesondere im Zusammenhang der ökumenischen Bewegung mit der verstärkten Entwicklung kontextueller Theologien und Musikstile begegnet.

Suche nach Identität und Ruf nach Befreiung

In Asien wurde diese Entwicklung von der Christian Conference of Asia vorangetrieben. Unter der Federführung des sri-lankischen Theologen Daniel Thambyraja Niles (1908–1970) erschien bereits 1963 dasEast Asian Christian Conference Hymnal. Dessen derzeit gültige Fassung stellt das im Jahr 2000 erschienene LiederbuchSound the Bamboo dar, das mehr als dreihundert christliche Lieder aus zweiundzwanzig asiatischen Ländern in vierzig verschiedenen Sprachen enthält.4 Die Texte formulieren Einsichten kontextueller Theologien, die Melodien sind vielfach Volksliedern entlehnt oder von einheimischen Musikern komponiert. Theologisch wurde dieses Vorgehen von den Herausgebern mit der Inkarnation begründet und mit dem Wunsch nach einer kultursensiblen Mission begleitet.5

Wie christliche Musik im Sinne einer asiatischen Befreiungstheologie wirkt, zeigt das Beispiel tamilischer Volksmusik in indischen Dalitgemeinden.6 Theologische Hochschulen in Indien wie das Tamilnadu Theological Seminary (TTS) in Madurai (Indien) arbeiten neben kontextuellen Theologien auch an der Schaffung kontextueller gottesdienstlicher Musik. Theologen der kastenlosen Dalits haben deren Musik, insbesondere die Verwendung der spezifischen Rahmentrommeln, zur Grundlage gottesdienstlicher Liturgie gemacht. Während die Liedtexte auf der Grundlage von Bibelstudien in Basisgruppen erarbeitet werden, drückt die Verwendung der Volksmusik und insbesondere der Trommeln im Gottesdienst die kulturelle Identität der Kastenlosen aus. Diese wird damit kritisch einer christlichen Kirche zu Ohren gebracht, die sich mit dem Unrecht des Kastensystems arrangiert hat.


Liedtexte entstehen in Basisgruppen und zeigen kulturelle Identität und Widerstand


Christliche Kunstmusik in Asien

Christliche Kirchenmusik erschöpft sich nicht in gottesdienstlichem Liedgut. Mit dem Ziel, die Komposition christlicher Kunstmusik in Asien anzuregen, hat der anglikanische Kirchenmusiker Francisco Feliciano (1941–2014) zu Beginn der 1980er Jahre in Manila das Asian Institute for Liturgy and Music (AILM) gegründet. Studierende aus den Kirchen Asiens studieren hier sowohl europäische als auch asiatische Musikstile. Hier werden Motetten von Palestrina und Bach in den Originalsprachen gesungen und zugleich vernakulare Instrumente und Skalensysteme studiert.7 Feliciano hat damit einen Raum geschaffen, in dem hochrangige asiatische Kunstmusik entsteht, in der sich weit über kulturelle, soziologische und religiöse Grenzen hinweg genuin asiatische christliche Identitäten aussprechen. Der Chor des AILM hat diese Musik weltweit bekannt gemacht: So etwa 1993 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in München, wo er als Kirchentagschor den Abschussgottesdienst gestaltete oder im Jahr 2006 im Rahmen des interreligiösen Musikfestivals „Musica Sacra International“ im Allgäu. Das Repertoire dieses Chores steht exemplarisch für eine selbstbewusste christliche Kirchenmusik in asiatischen Kontexten.

Ein Beispiel für Felicianos interkulturelles Schaffen ist seine 1997 komponierteMissa Mysterium 8 , in der er das Leiden der philippinischen Bevölkerung im Rahmen einer traditionellen Messliturgie thematisiert. Während der Komponist Texte, die sich auf die Kolonialgeschichte der Philippinen beziehen, auf Filipino singen lässt, greift er musikalisch auf europäische Kunstmusik des ausgehenden 20. Jahrhunderts ebenso zurück wie auf Elemente philippinischer Volksmusik. So entsteht ein tief beeindruckendes Werk, das über den spezifischen Kontext hinaus menschliches Leiden an kolonialem Unrecht hörbar macht.

Gottesdienst mit tamilischen Volkstänzen 2017 (Jahr) in Madurai (Tamil Nadu, Südindien)


Francisco Feliciano: Europäische Kunstmusik und philippinische Volksmusik in kreativem Prozess


Die kompositorische Arbeit am AILM erstreckt sich über christliche Kirchenmusik hinaus auch auf die Vertonung von Texten nichtchristlicher Religionen. Die Sammlung von Kompositionen, die das AILM anlässlich seines 25-jährigen Bestehens im Jahr 2005 herausgegeben hat, enthält neben Vertonungen christlicher Texte auch solche von Autoren anderer religiöser Traditionen wie etwa des Bengalen Rabindranath Tagore und des islamischen Mystikers Rumi.


Auch Texte nichtchristlicher Autoren werden vertont


Lobpreismusik

Gegenläufig zu diesen Bemühungen um eine eigenständige asiatische Kirchenmusik verbreitet sich auch in Asien die Lobpreismusik. Die anfängliche stilistische Vielfalt dieser Musik, ursprünglich Ausdruck einer kirchenkritischen Suche nach einem einfachen, zeitgemäßen christlichen Leben, wich bald dem vorherrschenden Stil populärer Musik, verbreitet von einer global agierenden christlichen Musikindustrie.9 Zu deren Global Playern gehört die Hillsong Church, die von Australien aus weltweit und auch in vielen asiatischen Ländern operiert. Konzerte der Hillsong-Band wie etwa im April 2015 in Jakarta10 oder kurz vor Weihnachten 2017 in Mumbai11 präsentieren Lobpreismusik ausschließlich in englischer Sprache und einem durchgängigen Rock-Pop-Stil. Darüber hinaus transportieren sie eine exklusivistische Theologie, die sich bereits im Titel des Konzerts ausspricht: „No other Name“ – „Kein anderer Name“ oder „Mighty to Save“ – „Mächtig zu retten“ spielen auf Jesus Christus an, dessen Name in riesigen Lettern auf der Wand hinter der Band eingeblendet wird. Dieser Exklusivismus steht den Versuchen christlicher Kirchen in Indonesien, eine proaktive Koexistenz mit ihren muslimischen Nachbarn zu pflegen,12 diametral entgegen. Auch VertreterInnen der Lobpreismusik weisen inzwischen auf die Notwendigkeit hin, für den Lobpreis musikalische Stilmittel des kulturellen Kontextes aufzugreifen. Dies geschieht bereits etwa in China, wo die Canaan Hymns mit volkstümlicher chinesischer Musik arbeiten.13 Darüber hinaus wäre es wünschenswert, auch die Liedtexte daraufhin zu überprüfen, wie sie die sozio-kulturellen, religiösen und politischen Kontexte theologisch reflektieren.

Fazit

Legt man die Einsicht neuerer musikwissenschaftlicher Forschungen zugrunde, dass Musik nicht einfach kulturelle Bedeutungssysteme widerspiegelt, sondern kulturelle Identitäten auch performativ erzeugt, dann lassen sich anhand der hier exemplarisch gewählten Typen christlicher Musik auch Typen theologischer Identität zeigen: Während in manchen Kirchen die Herkunft aus europäischen und angelsächsischen Missionen in der Feier der Liturgie und der Kirchenmusik wachgehalten wird, ist in der ökumenischen Bewegung eine Vielfalt kontextueller Musik entstanden, in der sich ein eigenständiges asiatisches Christentum ausdrückt. Es ist gekennzeichnet durch ein kritisch-dialogisches Verhältnis zum kulturell-religiösen Kontext. Lobpreismusik im Stile der Hillsongkirche wird sich fragen lassen müssen, wie die spirituelle Identität, die sie erzeugt, sich auf die Positionierung der ChristInnen in ihrem jeweiligen sozio-kulturellen und politischen Kontext auswirkt. Die künstlerische Auseinandersetzung mit regionalen Musikstilen sowie eine gründlichere theologische Reflexion der Liedtexte, wie sie etwa Sooi Ling Tan fordert, bilden wichtige Schritte auf dem Weg zu einer kontextuellen charismatischen Spiritualität.

Widerspruch? Ergänzungen? Anregungen? Schreiben Sie an die Redaktion

redaktion@musikundkirche.de

Veröffentlichung im Forum unter

www.musikundkirche.de

1 Georgina Born/David Hesmondhalgh (Hrsgg.),Western Music and Its Others. Difference, Representation, and Appropriation in Music , Berkeley/Los Angeles/London 2000.
2 Vgl. dazu Swee Hong Lim, Asian Christian Forms of Worship and Music, in: Felix Wilfred (Hrsg.),The Oxford Handbook of Christianity in Asia , Oxford 2014, S. 524–538.
3 Vgl. dazu: Verena Grüter,Abschied von den Missionaren. Vom Singen in den Kirchen der Welt , in: MuK 4/2013, S. 284–288; Verena Grüter/Benedict Schubert,Klangwandel. Über Musik in der Mission , Frankfurt am Main 2010.
4Sound the Bamboo: CCA Hymnal 2000 , Hong Kong 1990 (Christian Conference of Asia).
5 „Wir ersehnen weiterhin gute Texte, die mit frischer Kraft und treffender Bildlichkeit den in Jesus fleischgewordenen Gott erwecken“, Francisco Feliciano u. a., Vorwort, in:Sound the Bamboo: CCA-Hymnal 2000, VII (Übersetzung: VG).

6 Vgl. dazu: Zoe Sherinian,Tamil Folk Music as Dalit Liberation Theology , Bloomington 2014.

7 Vgl. dazu meinen Dokumentarfilm: „Das Asian Institute for Liturgy and Music. Filmdokumentation eines Besuchs in Manila von Verena Grüter“, DVD, in: Grüter/ Schubert (Hrsgg.),Klangwandel , a. a. O.

8 Francisco Feliciano,Missa Mysterium 1997, Ode Record Company, Auckland, New Zealand.

9 Einen guten Überblick dieser Entwicklung mit dem Schwerpunkt auf Asien vermittelt der Artikel von Sooi Lin Tang,Lobpreismusik weltweit – Theologie und Spiritualität eines musikalischen Genres aus asiatischer Perspektive , in: Jochen Arnold/Folkert Fendler/Verena Grüter/Jochen Kaiser (Hrsgg.),Gottesklänge. Musik als Quelle und Ausdruck des christlichen Glaubens , Leipzig 2013, S. 225–246.
10 www.youtube.com/watchtv= gFqbfVTARxU (19.5.2019)
11 www.youtube.com/watchtv=O 4yAE92LuDY (19.5.2019)
12 Vgl. dazu Jozef Mepibozef Nelsun Hehanussa,Theology of Encounter: Churches in Indonesia in a Multireligious Context , in: Verena Grüter (Hrsg.),Wegkreuzungen. Interkulturelle Theologie und kontextuelle Herausforderungen, (Missionswissenschaftliche Forschungen , Neue Folge, Vol. 34), Neuendettelsau 2017, S. 67–85.
13 vgl. dazu Tang,Lobpreismusik weltweit , S. 24.