Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 10 Min.

Konfetti für die Seele, Grooves für alle


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 25.07.2019

Längst sollte das neue Album veröffentlicht sein. Doch Kevin Parker lässt sich nicht hetzen. Mit seiner BandTame Impala arbeitet er an einer Neudefinition von Zeit – und an einem Rocktrip, wie es ihn noch nicht gab. Ein Besuch in L.A.


Es war eine nacht, die kevin parker so schnell nicht vergessen wird. er hatte ein haus in malibu gemietet und verfolgte vom Balkon aus, wie die berüchtigten Santa-Ana-Winde den Pazifik aufpeitschten. „Es war wie in der Apokalypse“, erinnert er sich an jene Nacht im vergangenen Herbst. „Ich war da draußen nicht mal in der Lage, an meinem Joint zu ziehen!“

Der 33-Jährige ...

Artikelbild für den Artikel "Konfetti für die Seele, Grooves für alle" aus der Ausgabe 8/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 8/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2019 von post@rollingstone.de. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
post@rollingstone.de
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Der neue Western-Star. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der neue Western-Star
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von LIEBLINGSSONGS DER REDAKTION PLAYLIST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBLINGSSONGS DER REDAKTION PLAYLIST
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Kinder des Olymp. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kinder des Olymp
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Q&A: Lloyd Cole. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Q&A: Lloyd Cole
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Wann ist ein Mann ein Mann?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Vorheriger Artikel
SCHÖNER SCHEITERN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel DAS RÄTSEL DES LEBENS
aus dieser Ausgabe

... bewunderte die Naturgewalten, kiffte in der Geborgenheit seines Wohnzimmers und schaute immer tiefer ins Gin-Glas. (Oder war’s Wein? Er weiß es nicht mehr, weil sich bei ihm je nach Schwere des letzten Katers beides abwechselt.) Im Hintergrund lief ein Endlos-Loop mit einem Drum-Beat, der seiner Inspiration auf die Sprünge helfen sollte. „Ich kann stundenlang dahocken und einen einzigen Beat auf Schlaufe legen“, sagt er. „Manchmal passiert absolut nichts, aber manchmal stoße ich dadurch auf eine Melodie, die mich dann nicht mehr loslässt.“

Kevin Parker stammt aus Perth und lebt in Los Angeles


FOTO VON KEILA ANNE

Er war mit der Arbeit am kommenden Tame- Impala-Album etwa auf halber Strecke und suchte weiterhin nach „verrückten, absolut abgefahrenen“ neuen Sounds, speziell nach einer passenden Melodie, die er über eine ungewohnte Akkordfolge legen wollte. Dazu hatte er sich schon einmal im Schlaf von einem Loop mit besagten Akkordprogressionen berieseln lassen in der Hoffnung, dass sie vielleicht den Weg vom Lautsprecher in sein schlummerndes Unterbewusstsein finden würden. „Ich wollte herausfinden, ob da überhaupt irgendwas passiert“, erinnert er sich. „Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass ich mir alles nur eingebildet habe und Opfer eines Placeboeffekts wurde, aber Tatsache ist, dass ich am nächsten Morgen meine Melodie hatte.“

In jener Nacht in Malibu hatte er sein Heil in dichten Dope-Schwaden und hypnotischer Perkussion gesucht, „weil ich dringend ein Ventil brauchte, um meinem Alltagsbewusstsein zu entkommen. Wenn ich zu lange klar und nüchtern denken muss, spüre ich schnell einen wachsenden Druck, der sich in mir aufbaut.“ Parker, der seine Musik nicht nur komponiert und performt, sondern auch mixt, produziert und tatkräftig vermarktet, neigt zu Selbstzweifeln und zu endlosem Finetuning eigentlich abgehakter Arbeitsprozesse. Wohingegen die Songs, die er mithilfe psychedelischer Hilfsmittel ans Tageslicht befördert, „völlig natürlich und mühelos aus meinem Kopf kommen und jungfräulich rein sind. Also erklärte ich diesen Prozess kurzerhand zu meiner offiziellen Vorgehensweise: Ich hau mir die Birne voll und mach die Nacht durch, bis die Sonne aufgeht.“ Als Parker am nächsten Morgen die Augen aufschlug, stand die Stadt in Flammen. Es war der 9. November 2018 und das sogenannte Woolsey Fire wütete im Nordwesten von L.A. in ungeahntem Ausmaß. Drei Menschen und unzählige Tiere kamen ums Leben, 1500 Häuser wurden zerstört und Naturschutzgebiete hektarweise verkohlt. Allein den Schaden an Grund und Boden bezifffffferte man später auf sechs Milliarden Dollar.

Ein verkaterter Parker wurde gegen zehn Uhr von seinem Manager geweckt. Er griff sich schnell den Laptop und seinen antiken Höfner-Bass – „den einzigen Gegenstand, dessen Verlust mir wirklich an die Nieren gegangen wäre“ – und lief zum Pacific Coast Highway. „Ich sah, wie die ganze Hügelkette in Flammen stand. Zunächst war ich von dem Spektakel so beeindruckt, dass ich fassungslos stehen blieb und unglaubliche Bilder auf meinem Smartphone festhielt. Aber nach etwa zehn Minuten merkte ich, wie sich der Himmel über mir bedrohlich verdunkelte und das Feuer auf Häuser in der nächsten Nachbarschaft übersprang.“ Stunden später erfuhr er, dass auch sein eigenes Haus Opfer der Flammen geworden war, inklusive der Einrichtung und des Equipments, das er mitgebracht hatte. „Wenn mein Manager mich nicht rechtzeitig geweckt hätte“, sagt er, „wer weiß …“ Inzwischen hat in Los Angeles der Sommer Einzug gehalten und Parker residiert in der geräumigen Villa in den Hollywood Hills, die er sich einen Monat nach der Feuersbrunst gekauft hat. Parker stammt aus Perth in Westaustralien, „der anderen Waldbrandmetropole der Welt“, wie er beiläufig erwähnt. Der Schrecken, der ihm in Malibu in die Knochen fuhr, hatte nicht ausgereicht, um ihm L.A. zu vermiesen.

Die Einweihungsparty für das neue Album wurde auf den Herbst verschoben, weil ihn einige Störfaktoren von der Arbeit abgehalten haben. Von der Feuersbrunst abgesehen waren das zum Glück eher positive Überraschungen. Im Februar heiratete Parker seine langjährige Freundin, Sophie Lawrence, die er bereits seit seinem 13. Lebensjahr kennt. Im März folgte die erste Einladung in die Kultsendung „Saturday Night Live“, und im April ging Tame Impalas erster Headliner-Gig beim Coachella- Festival über die Bühne. Die Performance ließ keine Wünsche offen. Der Sound war perfekt, und Parkers langjährige Begleitband tat ihr Bestes, um die trippigen, poppigen, fuzzigen Grooves ihres Bosses kongenial auf die Bühne zu bringen. Ihre bombastische Show umfasst laut Parker mobile Lichttürme, 18 Konfettikanonen, gemietete Laserblitze (im Wert von 500.000 Dollar) sowie ein gigantisches, ringförmiges, Ufo-artiges Etwas, das über der Bühne platziert ist und Rauch und Lichteffekte ausspeit. Das Wunder-Ufo „war aberwitzig teuer“ und hatte obendrein einen ärgerlichen Makel: „Erst später erfuhr ich, dass wir es bei künftigen Konzerten gar nicht mehr nutzen konnten, weil kaum eine der Bühnen die nötigen Dimensionen hat.“

Tame Impala sind ein rares Phänomen – wenn nicht sogar ein Oxymoron, das es eigentlich gar nicht geben kann: eine junge, unwahrscheinlich erfolgreiche Rockband. Selbst Parker kann sich ihren Erfolg nicht so recht erklären. „Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, warum die Leute uns lieben“, sagt er und findet ständig neue Gründe, warum die Zuneigung auf einem Missverständnis beruhen müsse. Als er nach der Coachella-Show von der Bühne kam, ließ er seiner Unzufriedenheit einmal mehr freien Lauf. „Wir rauften uns die Haare angesichts all der Pannen, die eigentlich vermeidbar gewesen wären. Was natürlich eine Eigenschaft ist, die wir mit allen Australiern teilen: Wir reden immer Klartext, auch wenn’s wehtut. ,Warum klangen die Drums so furchtbar?‘, jammerten wir. ,Warum funktionier-ten die Konfettikanonen nicht?‘ Vom Finale mal abgesehen waren nur neun der 18 Kanonen während der Show überhaupt im Einsatz.“ Parker, so erfahren wir, nimmt Konfetti nicht auf die leichte Schulter. „Wir hatten 300 Kilo dabei und wollten eigentlich noch mehr, doch der Veranstalter stellte sich quer. Ich war genervt und lief angefressen über die Bühne, doch nach dem Konzert erzählte mein Manager, dass wir Beyoncés Konfettirekord immerhin noch mehr als verdoppelt hatten. Danach ging’s mir besser.“ Kevin Parker hat sich noch immer nicht daran gewöhnen können, dass Fans in ihm einen waschechten Rockstar sehen. (Dass sich Kollegen wie Travis Scott, Lady Gaga und Rihanna als Fans zu erkennen gaben und mit ihm ins Studio gingen, machte die Erkenntnis zumindest etwas plausibler.) Er selbst beschreibt sich als introvertierten Stubenhocker, der sich eines Tages zu Hause an den Computer setzte, um seine ureigene Version von Garage Rock zusammenzubasteln. (Dass er obendrein aus Perth stammt, der vielleicht gottverlassensten Stadt, die Australien zu bieten hat, erwies sich nicht gerade als hilfreich.) Doch mit der Qualität seiner Musik nahmen auch seine sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu. „Ich musste in diese Bühnenpersönlichkeit erst langsam hineinwachsen“, erzählt er. „Man sagt einfach: Pfeif drauf, und schlüpft in diese Figur, die ein Publikum mitreißen kann. Aber in die Wiege gelegt wurde mir das nicht.“

Dann erwähnt er ganz nebenbei, dass Rihanna ihr sündteures Laser-Equipment offenbar nicht mietet, sondern gleich komplett gekauft hat. Ob das stimmt, sei dahingestellt, doch scheint es ihn zu beeindrucken. „I own my own lasers“, sagt er halb im Scherz und will wohl mal spaßeshalber prüfen, wie die Worte aus seinem Mund klingen. „Eines Tages will ich das wirklich sagen können.“ Der Tag könnte schneller kommen als erwartet. Als man Parker den Headliner-Gig beim Coachella anbot (Justin Timberlake hatte Probleme mit den Stimmbändern), „sagte ich sicher nicht: Klar doch, mach ich mit links! Aber inzwischen habe ich eine neue Einstellung zum Leben gefunden: Wenn man eine Chance bekommt, selbst wenn man nicht hundertprozentig sicher ist, dass man sie auch nutzen kann, dann sollte man sie ergreifen.“ In seiner Wohnküche steht eine halb leere Styroporverpackung mit Sushi, daneben liegt eine halb verfaulte Banane. Da Parker seine Zeit zwischen Perth, Los Angeles und diversen Auftritten aufteilen muss, hat die Inneneinrichtung des Hauses noch keine entscheidenden Fortschritte gemacht. Genau genommen gibt’s auf den 350 Quadratmetern Wohnfläche nur einen Schreibtisch (an dem er seine Vocals aufnimmt) und eine Matratze (auf der er rumhängt). Unter dem Panoramafenster mit atemberaubendem Ausblick steht eine trostlose Topfpflanze. „Ich fühle mich wie ein Hausbesetzer, der sich gewaltsam Zugang zu seinem eigenen Haus verschafft hat“, sagt er.

Die Unrast ist ihm nicht fremd. Als Parker vier Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Er zog zu seiner Mutter (die er als „liberal und lebensfroh“ bezeichnet), während sein Bruder beim Vater unterkam, der eher kleinkariert war und als Buchhalter bei einer Bergbaugesellschaft arbeitete. „Die Scheidung war aber leider noch nicht das Ende des Dramas.“ Ein paar Jahre später, so Parker, habe sein Vater seine zwischenzeitliche Stiefmutter verlassen und sei zu Parkers leiblicher Mutter zurückgekehrt. Doch auch der zweite Anlauf endete in Scherben. „Mein Bruder und ich zogen jedenfalls die Arschkarte“, erzählt er. „Es war nicht gerade das, was man eine glückliche Kindheit nennt.“ Er schluckte Acid, vertiefte sich in buddhistische Mystik und versuchte irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Diese ganzen Widrigkeiten „machten aus mir einen ziemlich sensiblen Jungen. Ich war gern allein, spielte Videospiele, konnte aber keine Gewaltszenen ertragen und machte lange Touren auf meinem Fahrrad. Auf der Highschool schlüpfte ich in alle möglichen Rollen. Zuerst war ich der wütende Rebell, rauchte mit zwölf Pot, versuchte mich an Graffiti und klaute im Schreibwarenladen Tacker, weil das für mich die Krönung des Rebellendaseins war. Ein paar Jahre später ging’s wieder in die entgegengesetzte Richtung: Ich verkroch mich in meine Höhle und wollte mit niemandem reden. Am Ende der Highschool entdeckte ich dann die Musik, und die sollte schließlich den Kern meiner Identität ausmachen.“

Sein sprunghafter Lebensweg mag erklären, warum Parker auf jedem Tame-Impala-Album das Wort „change“ oder eine Abwandlung davon verwendet: auf dem Stoner-freundlichen„Innerspeaker“ (speaker“ 2010), dem trippigen„Lonerism“ (2012) und dem poppigen, stets tanzbaren„Currents“ von 2015. Auf dem kommenden Album, so Parker, werde er auf Stilgrenzen überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen. „Während ich früher mit verschiedenen Einflüssen nur jongliert habe, mache ich diesmal keine halben Sachen mehr. Ich möchte herausfinden, zu welcher Bandbreite Tame Impala noch fähig ist.“

Und wozu zum Beispiel? „Ich habe ein Faible für bizarre Stadionrocksachen aus den Seventies. Die dramatischen Schmachtfetzen von Meat Loaf sind noch immer eine Klasse für sich.“


„Wir hatten 300 Kilo Konfetti dabei, doch der Veranstalter stellte sich quer. Nach dem Konzert erzählte mein Manager, dass wir trotzdem Beyoncés Konfettirekord verdoppelt hätten. Danach ging es mir besser“


Kevin Parker mit Tame Impala auf der Bühne


Übergreifendes Thema seiner künstlerischen Arbeit sei jedoch „das „Mysterium der Zeit“. Die Faszination für die großen kosmischen Rätsel, die Parker bereits früh entwickelt hatte, habe ihm auch dabei geholfen, die Defizite seiner Kindheit zu kompensieren. „Wenn ich zu Bett ging und dasselbe Sternbild sah, das ich am Abend davor beobachtet hatte, gab mir das ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit.“ Später auf dem College, wo er als Hauptfach Astronomie belegt hatte, „suchte ich immer nach einem Stern, der genauso viele Lichtjahre von der Erde entfernt war, wie ich in Lebensjahren alt war. Mit anderen Worten, was ich sah, war ein Stern in dem Zustand, in dem er sich zum Zeitpunkt meiner Geburt befand. Der Gedanke war ganz schön abgefahren!“ Nach dem vorzeitigen Abschied vom College zog Parker in eine Art Kommune befreundeter Musiker, die allesamt ihre eigenen Bands gründeten. Ihm selbst waren große Ambitionen damals eher fremd, ja geradezu suspekt. Das Publikum im örtlichen Club reichte völlig aus, und die Vorstellung, vor riesigen Zuschauermengen auftreten zu müssen, war ihm der reinste Horror. Doch nachdem er ein paar Tracks auf MySpace hochgeladen hatte, nahm die Zahl der Tame-Impala-Fans unaufhaltsam zu. Und was zunächst noch ein lokales Phänomen war, sollte sich nach der Unterzeichnung eines Plattendeals schnell weltweit ausbreiten – was ihm in der Heimat nicht nur Wohlwollen eintrug.

„Es gibt im australischen Volksmund dieses Bild der ‚tall poppies‘“, erklärt Parker, dem zufolge Pflanzen, die zu schnell wachsen, als Erste auf Normalmaß zurechtgestutzt werden. „,Currents‘ war gerade erschienen, als ich in Perth in meiner Stammkneipe saß. Ein Typ kommt auf mich zu und sagt: ,Hast du schon das neue Album von Tyler, The Creator gehört?‘ – ,Nein, aber es steht auf meiner Liste.‘ – ,Gut! Denn das ist besser als alles, was du in deinem Leben je gemacht hast.‘ Ich dachte nur: Du Idiot! Meine gute Laune war wie weggewischt. Ich hatte das Gefühl, als wäre in meiner Heimat, in meiner Heimatstadt die Stimmung plötzlich umgeschlagen.“ Er klingt noch immer so, als wäre das gerade eben erst passiert. „Ich will nicht behaupten, dass das der Grund war, warum ich nach L.A. ging. Aber ich verstehe, warum Leute in einer solchen Situation lieber wegziehen.“ Und natürlich versteht er in gewisser Weise auch den unfreundlichen Kneipengast. Noch vor ein paar Jahren hätte Parker selbst die Nase gerümpft, wenn sich lokale Bands mit peinlichen Frisuren und sündhaft teurem Equipment in Szene zu setzen versuchten. „Heute“, weiß er, „falle ich wohl selbst unter diese Kategorie.“

Ortswechsel. Mit seiner Tourband hat Parker sich heute in einem Proberaum in Burbank verabredet: Proben für die Auftritte in Europa, darunter auch das ME-Festival des „Musikexpress“ am 13. August in Berlin. „Wir waren früher schon mal in diesem Gebäude“, erwähnt er am Rande. „Paul McCartney war zufällig auch hier. Einer unserer Jungs bat um ein gemeinsames Foto – doch McCartney lehnte rundweg ab.“ Den Anfang macht die Band mit „Let It Happen“, der nicht nur einer ihrer größten Hits ist, sondern mit acht Minuten auch ihr längster. Ungefähr in der Mitte der Nummer scheint die Aufnahme zu „stottern“, so als würde eine Schallplatte einen Kratzer haben und immer wieder in die letzte Rille zurückspringen. „Im Studio kann man den Effekt natürlich problemlos erzeugen“, sagt Parker. „Aber live müssen ihn die Musiker möglichst naturgetreu nachempfinden.“ Sie nehmen sich die betreffende Passage gleich vor, machen einen Durchlauf und noch einen und noch zahllose mehr. Parker benutzt dabei sein Delay-Pedal, um den gewünschten Effekt auf der Gitarre zu erzeugen, und erwartet dann, dass seine Kollegen ihn exakt reproduzieren. Äußerste Präzision und Konzentration sind vonnöten – was angesichts eines Songs, der laut Parker genau die gegenteilige Botschaft vermittelt, etwas seltsam klingt: „Wie kann man lernen, die Dinge loszulassen, an die man sich immer geklammert hat? Wie schafft man es, sich vom Strom tragen zu lassen?“

Loslassen ist aber manchmal leichter gesagt als getan. Parker erzählt schließlich eine kleine Geschichte, die sich unlängst in Perth ereignete. Er war mit ein paar Freunden zu Hause und trippte auf Magic Mushrooms (die er „mushies“ nennt). „Ich hatte plötzlich die Idee, einen meiner ARIAs(das australische Gegenstück zu den Grammys) im Garten zu vergraben. Ich weiß nicht mehr, welche Auszeichnung es war, aber vermutlich ,Best Rock Album‘ für,Lonerism‘ .“ Er lacht. „Ich tat es also, und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie lange dieses dreieckige Ding aus Metall da jetzt unter der Erdoberfläche schlummern wird. Und falls es je wieder auftaucht: Wer wird es dort herausziehen? Ein menschliches Wesen?“ Das klingt fast so, sage ich zu ihm, als wollte er ein Symbol des Erfolgs auf ein stummes Stück Schrott reduzieren, das dann eines Tages von einem Alien entdeckt wird, das weder die Bedeutung des Gegenstands kennt noch den Namen, der auf ihm eingraviert ist.

Doch ich hatte Kevin Parker falsch eingeschätzt. „Das war aber ja eigentlich der Sinn des Ganzen“, antwortet er. „Ich wollte, dass sie die Worte lesen und sagen: Kevin Parker. Jetzt wissen wir auch, wo er gelebt hat.“