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Konsum der Welt


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 01.09.2019

Die litauischen Künstlerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė erzählen in „Sun & Sea (Marina)“ auf der Biennale in Venedig vom Burn-out der Gesellschaft – und des Planeten


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Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 9/2019

Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė: „Sun & Sea (Marina)“, Biennale Venedig 2019.

V.l.n.r.: Lina Lapelytė, Rugilė Barzdžiukaitė und Vaiva Grainytė.


Foto Andrej Vasilenko

Ein fast sirenenhafter Chorgesang mit dem unleugbaren Potenzial, einen einzulullen, von suggestiver musikalischer Einfachheit. „This year the sea is as green as the forest“, eine Liedzeile, langsam sich auf Endsilben ausruhend. ...

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... Doch wie bei den mythologischen Sirenen ist Aufmerksamkeit geboten: Unter dem gleißenden Licht riesiger Lampen, die in einer alten Lagerhalle über einem künstlich aufgeschütteten Sandstrand hängen, wird von den dort auf Badehandtüchern dösenden Sonnenanbetern der Burn-out des Planeten besungen.

Die zeitkritische Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“ der litauischen Künstlerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė war der diesjährige Überraschungssieger auf der Biennale in Venedig: Das Trio gewann den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag. Seitdem strömen unzählige Besucher in das alte Gebäude im Militärhafen vis-à-vis des Arsenale-Geländes, um dort auf einer umlaufenden Empore aus der Vogelperspektive die unter ihnen im Sand liegenden Performer zu betrachteten und ihrem Gesang zu lauschen, der nach circa siebzig Minuten stets übergangslos in eine nächste Wiederholung geht und über acht Stunden seinen Sog entwickelt. Ein seeeehr langer Tag am Strand. Was sich da unten im Sand paniert und unter der künstlichen Sonne brutzelt, ist ein „fleischliches Tableau vivant“, ein Abbild unserer Gesellschaft, Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, alt, jung, männlich oder weiblich, ein demografischer Querschnitt, auch von Körperlichkeit. Sie lagern ihre Körper so oder so, blättern in Büchern, daddeln auf ihrem Smartphone herum, stricken, spielen Karten, Boccia, Federball, cremen sich ein, essen ihr in Plastikdosen portioniertes Obst, führen Gespräche oder ihren Hund Gassi und schütteln immer mal wieder den Sand von ihren Handtüchern.

Aus diesem Tun und bloßen Strand-Dasein erhebt sich ihr Gesang: Es sind Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen, kleine Geschichten, Alltagsbanalitäten, Träume, Reflexionen. Auf das echauffiert hervorgebellte Klagelied einer Frau über den mit Hundescheiße und Essensresten verdreckten Strand folgt der elegische Song eines Workaholics über seine Dauererschöpfung, eine reiche Mutter ergeht sich in der Aufzählung der Weltmeere, in denen ihr Sohn schon gebadet hat, während ein Fernbeziehungspaar den Alltag zwischen Frühstück, Gaslieferung und Abflug in einem Duett klärt. Sehr schön: die gesungenen Inhaltsangaben einer Sonnencreme-Flasche. Anarchisch gut: die unkontrolliert bellenden Statisten-Hunde.

In all ihren Haltungen und Handlungen liefern die Sänger keine Performance, sie sindnur Sonnenbader, denen im stoischen Liegen und Wenden, beim Abstreifen klebrigen Sands von der verschwitzten Haut der Gesang entweicht, in auf- und absteigenden Dreiklängen von Keyboard-Sounds begleitet. Arien, Songs, Chorpassagen. In der Dauerschleife eines Tages wirken sie wie ein Mantra.

Die innere Gedankenwelt der Einzelnen setzt sich sukzessive zu einer geistig-moralischen Landkarte der Jetztzeit zusammen, die ein vielgestaltiges und paradoxes Bild vom seelischen und sozialen Nirwana unserer kapitalistischen und konsumistischen Lebensweise und vom Raubbau des Anthropozäns an der Natur zeichnet. Barzdžiukaitė, Grainytė und Lapelytė tun das auf sehr leichte und ironische Weise, lassen ihre philosophischen Betrachtungen über den Zustand unserer Kultur stets nur kurz ansingen. Sie forcieren keine Endzeitstimmung, zeigen uns aber in der Kombination von faulem Freizeitspaß und kurzen Reflexionen über unseren zerstörerischen Lebensstil den Tanz auf dem Vulkan der Klimakatastrophe – die hier aussieht wie eine endogene Apokalypse.

„Sun & Sea (Marina)“ war erst die zweite gemeinsame Produktion der drei Litauerinnen, die sonst als Einzelkünstlerinnen unterwegs sind. Seit 2010 arbeiten sie zusammen. Rugilė Barzdžiukaitė als Regisseurin, Vaiva Grainytė als Librettistin und Lina Lapelytė als Komponistin. „Aber wenn wir zusammenkommen, verlieren wir unsere Autonomie. Jede von uns bringt eine bestimmte Fähigkeit in unsere Konstellation ein, und doch beeinflussen wir alle drei die Dramaturgie, die Musik und die Inszenierung“, betonte Rugilė Barzdžiukaitė anlässlich der Dresdner Premiere. Der meist jahrelange Entwicklungsprozess ihrer Arbeiten ist bestimmt vom Fehlen jeglicher Hierarchie, gegenseitiger Einmischung und Kritik.

Vor allem aber speist sich diese Arbeitsweise aus ihren eigenen interdisziplinären Interessen: Die ausgebildete Theaterregisseurin und Filmemacherin Rugilė Barzdžiukaitė springt zwischen ambitionierten dokumentarischen Filmen und der Theaterarbeit hin und her. Ihr grandioser jüngster Film „Acid Forest“ (2018) zeigt fast Hitchcock-artig einen durch den säurehaltigen Vogelkot unter Naturschutz stehender Kormorane komplett skelettierten Wald als eine Paradoxie von nicht zu vereinbarendem Arten- und Umweltschutz. Den kompositorischen Arbeiten von Lina Lapelytė, die sowohl Musik als auch Bildhauerei studierte, ist die performative Präsentation, die auf das Sichtbarmachen des Hörens abzielt, stets inhärent: „Für mich ist Musik eine visuelle Kunst“ – die ihren Aufführungsort eher in Galerien findet. Die Schriftstellerin Vaiva Grainytė arbeitet auch jenseits dieser Teamarbeit in Theaterprojekten. Der literarische Ansatz, der ihr lyrisches Werk bestimmt, prägt in seiner Verdichtung von Alltag in surrealer Poetik auch „Sun & Sea (Marina)“. Die Stärke der interdisziplinären Zusammenarbeit des Künstlerinnentrios liegt jedoch darin, dass sie die Spannungsverhältnisse zwischen den Genres und Inhalten niemals an eine Synthese verraten, sondern aufrechterhalten. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass die Biennale-Jury in ihrer Begründung hier eine „Brecht-Oper“ aufgeführt sieht.

Ihr gemeinsamer Venedig-Beitrag hat quasi eine deutsche Vorgeschichte: Sie entwickelten die Idee 2016/17 während eines Aufenthaltsstipendiums in der Akademie Schloss Solitude. Eine erste Vorform präsentierten sie damals in der Palermo Galerie in Stuttgart. 2017 folgte die offizielle Premiere am Staatstheater Braunschweig, später wurde das Stück auch in Litauen, beim Theaterfestival Sirenos in Vilnius, aufgeführt. Im vergangenen Jahr produzierten sie am Staatsschauspiel Dresden zudem eine deutsch gesungene Version. Für Venedig entstand schließlich eine englische Langfassung, die die Gesangsparts weniger dicht setzt, um den Sängern innerhalb der achtstündigen Performance die Möglichkeit zu geben, auch mal von der Szene zu verschwinden. Der Goldene Löwe war auch insofern überraschend, als bis dato noch nie ein bereits fertiges Kunstwerk prämiert wurde.

Die erste gemeinsame Arbeit der drei, die minimalistische Oper für zehn Kassiererinnen, Supermarktgeräusche und Klavier „Have a Good Day!“ kam 2013 heraus, erhielt unzählige Festivaleinladungen rund um den Globus und sechs internationale Preise. Schon hier ließ sich ihre Herangehensweise, die Poetik, Realität, Fiktion und Reflexion ineinandersetzt, beobachten. Auch das Prinzip des Hineinhörens in deninner stream of consciousness einer Gesellschaft. Die kapitalistisch programmierte „Unvermeidbarkeit des Konsums“, die in „Sun & Sea (Marina)“ zum ökologischen Kollaps in Juxtaposition gebracht wird, war in „Have a Good Day!“ Kernthema. Zehn Sängerinnen sitzen hier in blauen Schürzen, jede auf einem durch ein eigenes Podest erhöhten Stuhl, mit blinkendem Barcode-Scanner und Codes im Schoß, frontal aufgereiht unter grellen Neonröhren. Das Scanner-Geräusch bildet den Grundton, die Partitur ist bewusst monoton und das Libretto repetitiv wie die Abläufe im Supermarkt. In den abwechselnden Gesangsparts offenbart sich die Gedankenwelt von Supermarktkassiererinnen jenseits der uns bekannten mechanischen Grußformeln – jenes globalen Warenhaussounds aus „Guten Tag. Danke. Einen schönen Tag noch!“. Der kritische Blick auf die Arbeits- und Konsumwelt hat hier ebenfalls eine poetische Ader und einen sehr ironischen Unterton. Und auch hier funktioniert der gesellschaftliche Aufriss als Installation eines einzelnen Bildes, das allmählich mit Gedanken durchsetzt wird.

Es ist wohl diese spezielle Art der Sozialkritik, die präzise, aber nicht moralinsauer, vielmehr ästhetisch zugänglich und äußerst menschlich ist, was sowohl die Theater- als auch die Kunstwelt für diese Arbeiten einnimmt und sich eigentlich nur der Kritik stellen muss, ob dieses „Allzumenschliche“ in der Darstellung der passiven Hinnahme eklatanter Widersprüche vielleicht doch fatalistische Züge trägt.

Nach einer Ausbildung an Theaterhochschulen in Vilnius und London und ersten eigenständigen künstlerischen Arbeiten kamen die Film- und TheaterregisseurinRugilė Barzdžiukaitė (*1983), die Komponistin und MusikerinLina Lapelytė (*1984) und die SchriftstellerinVaiva Grainytė (*1984) erstmals für die minimalistische Opernperformance „Have a Good Day!“ als Team zusammen. Eingeladen zu zahlreichen internationalen Festivals, wurden sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2012 mit dem Globe Teana-Theatre Observation Award des ITI-Wettbewerbs „Music Theatre NOW“, 2014 mit dem litauischen Theaterpreis Golden Stage Cross und 2015 mit dem Jurypreis des europäischen Festivals für junge Regie Fast Forward. Ihre zweite Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“, die sie bereits 2016 entwickelten, läuft als litauischer Beitrag auf der diesjährigen Biennale in Venedig (noch bis zum 24. November) und wurde als bester nationaler Beitrag mit dem Goldenen Löwen prämiert.


Fotos DavidBaltzer/bildbuehne.de