Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Kontrovers: Brennpunktzulage nur für Lehrkräfte?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 02.01.2019

PRO

Wann ist Bildungspolitik gerecht? Über diese Frage zerbrechen sich Bildungspolitikerinnen und -politiker seit Jahrzehnten den Kopf. In dem, was wir nicht wollen, sind wir uns parteiübergreifend einig: Wirwollen nicht Jahr für Jahr ca. 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss und damit ohne berufliche Perspektive aus der Schulpflicht entlassen. Bei der Suche nach der richtigen Lösung gehen die Wege hingegen auseinander.

Segregation verringern

In Berlin verfolgen wir seit etwa zehn Jahren den Ansatz der gezielten Stärkung von sogenannten Schulen in schwieriger Lage, umgangssprachlich ...

Artikelbild für den Artikel "Kontrovers: Brennpunktzulage nur für Lehrkräfte?" aus der Ausgabe 1/2019 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 1/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Pädagogik. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen: Klassenverbände phasenweise auflösen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen: Klassenverbände phasenweise auflösen
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen: Begabungsgerechtes Fördern und Fordern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen: Begabungsgerechtes Fördern und Fordern
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen: Jahrgangsübergreifender Englischunterricht – das geht doch (gar nicht)?!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen: Jahrgangsübergreifender Englischunterricht – das geht doch (gar nicht)?!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen: Jahrgangsübergreifendes Lernen in Ensembles. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen: Jahrgangsübergreifendes Lernen in Ensembles
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jahrgangsübergreifendes Lernen: In altersübergreifenden Lerngruppen zieldifferent lernen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jahrgangsübergreifendes Lernen: In altersübergreifenden Lerngruppen zieldifferent lernen
Vorheriger Artikel
SERIE – 1. FOLGE: Belastung von Lehrerinnen und Lehrern
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Leistung und Schule
aus dieser Ausgabe

... Brennpunktschulen genannt. Dies sind Schulen, in denen besonders viele Schülerinnen und Schüler aus Familien stammen, die von Transferleistungen abhängig sind. Wir messen dies über die Quote der lernmittelbefreiten Schüler, kurz Lm B-Quote. Tatsächlich unterscheidet sich die Lm B-Quote der Schulen in Berlin massiv. Wir haben Kieze, in denen sie bei unter 10 Prozent liegt, sowohl an öffentlichen als auch an privaten Schulen. Gleichzeitig gibt es Kieze, in denen die Lmb-Quote an fast allen Schulen über 80 Prozent beträgt. Von 800 allgemeinbildenden Berliner Schulen haben 200 Schulen eine Lm B-Quote von mehr als 50 Prozent und 50 Schulen sogar eine von über 80 Prozent. Diese Zahlen zeigen deutlich das hohe Ausmaß der Segregation an unseren Schulen. Die Schülerinnen und Schüler, die wir in Berlin ohne Abschluss und damit fast ohne Perspektive aus dem System entlassen, besuchen genau diese Schulen. Deswegen steht für uns fest, dass die Schulen in den sozialen Brennpunkten unsere besten werden müssen. Sie sind nur dann »die besten«, wenn sie die Schülerinnen und Schüler individuell fördern und ihre Profile so schärfen, dass sie für alle Familien attraktiv werden. Denn die Erfahrung zeigt, dass starke Schulenmit attraktiven Profilen das beste Mittel gegen Segregation sind.

Dr. Maja Lasic ist bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Zuvor war sie u. a. für die Organisation Teach First an einer Brennpunktschule in Berlin-Wedding tätig.
Adresse: SPD-Fraktion, Abgeordnetenhaus von Berlin, Niederkirchnerstr. 5, 10117 Berlin
E-Mail: info@maja-lasic.de

Berliner Lehrkräfte sollen künftig 300 Euro mehr Gehalt bekommen, wenn sie an sogenannten Brennpunktschulen unterrichten. Damit will die Politik die Arbeit an diesen Schulen attraktiver machen und ein Zeichen der Wertschätzung setzen. Die Erzieherinnen und Erzieher fühlen sich dabei benachteiligt und fürchten um den sozialen Frieden in der Schule.

CONTRA

Der Senat von Berlin versucht seit elf Monaten, eine Gehaltszulage für Pädagog Innen an Schulen im sozialen Brennpunkt einzurichten. Damit möchte er die Arbeit an diesen Schulen attraktiver machen. Diese Bemühungen treffen auf eine riesige Lücke in der Bezahlung zwischen den einzelnen pädagogischen Berufsgruppen. Ausgebildete und im Quereinstieg befindliche Lehrer Innen erhalten ein Gehalt in den Stufen E11 bis E13, das der Erzieher Innen liegt bei E8, Erzieher Innen im Quereinstieg sind eingestuft auf E5. Die Kolleg Innen der Schulsozialarbeit, koordinierende Erzieher Innen und die Facherzieher Innen für Integration sind in die Stufe E9 eingegliedert.

Niemand kann die komplexen Aufgaben an einer Brennpunktschule allein bewältigen

Dem gegenüber stehen steigende Kinderzahlen bei gleichbleibender Raumsituation und die weiter wachsenden Personallücken. Brennpunktschulen potenzieren die Anforderungen an alle Pädagog Innen. Mindestens 80 Prozent der Schüler Innen kommen aus Familien, die von Transferleistungen leben. Es herrscht ein erhöhter Bedarf an zusätzlicher Sprachförderung, da in den Familien wenig bis kein Deutsch gesprochen wird. Das Aufeinandertreffen von Kindern unterschiedlichster Kulturen führt oft zu Spannungen auf dem Schulhof und im Klassenzimmer. Dem entgegenzuwirken bedarf es erhöhter Präsenz, einer konsequenten Sichtweise auf das einzelne Kind und eines pädagogischen Schulkonzeptes, das die Förderung der Stärken der Schüler Innen ganztägig fokussiert. Neben der eingangs beschriebenen Schere inder Bezahlung wirken unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und die alleinige Ferienarbeit der Erzieher Innen und der Schulsozialarbeit auf die Teams. Es bedarf einer großen Anstrengung der Schulleitungen und der koordinierenden Erzieher Innen, den Zusammenhalt und den inhaltlichen Austausch zwischen Lehrer Innenund Erzieher Innenteam zu organisieren. Keine Pädagog Innengruppe allein kann diese komplexen Aufgaben an einer Brennpunktschule bewältigen.

Umso verwunderlicher war es für uns Erzieher Innen, dass am Anfang nur über eine Brennpunktzulage für Lehrer Innen gesprochen wurde. Nach Protesten aus Erzieher Innenteams in Form offener Briefe, Zeitungsinterviews und Diskussionen mit Fachpolitiker Innen lenkte die Politik ein. Die Zulage wurde für Erzieher Innen und für die Schulsozialarbeit geöffnet. Das Umdenken hat aber nicht verhindert, dass unterschiedliche Verfahren zwischen den Berufsgruppen zur Anwendung kommen.

Beschlossen ist die Zulage von 300 Euro für Lehrer Innen – ausgebildet oder im Quereinstieg. Für alle anderen gibt es noch keine Einigung. Eine angedachte Aufstufung von E8 auf E9 hat den Makel, dass Facherzieher Innen für Integration, Schulsozialarbeiter Innen und die koordinierenden Erzieher Innen leer ausgehen. Quereinsteigende Erzieher Innen kommen bei diesem Modell gar nicht vor. Dieses politische Hin und Her im Berechnungsverfahren und die vergangenen Monate ohne Einigung stärken nicht den sozialen Frieden an unseren Schulen.

Es bedarf einer Neubewertung der Gehaltseinstufungen

Gleichwohl macht es für mich Sinn, dass wir uns für diese Zahlung engagieren. Es ist nach vielen Jahren, in denen der Druck auf unsere Schulen stetig gewachsen ist, ein erstes Zeichen der Wertschätzung. Die Politik erhofft sich, die Arbeitsstelle »Brennpunktschule « mit Geld attraktiver zu machen. Das mag im Ansatz vielleicht sogar funktionieren. Aber was viel wichtiger ist: Die monatelange Diskussion um diese Zahlung hat die Gehaltsschere und die realen Arbeitsbedingungen an unseren Schulen offengelegt. Für die kommenden Tarifverhandlungen für Erzieher Innen bedeutet dies, dass es nicht mehr um 5 Prozent Gehaltserhöhung gehen kann. Um die Schere zu schließen, bedarf es einer Neubewertung der Gehaltseinstufungen.

Gleiche Augenhöhe für alle pädagogischen Professionen

Aktuell ist zu befürchten, dass die Politik den Weg des geringsten Widerstandes geht und nur die Zulage der Lehrer Innen in Kraft setzt. Dann ist das Modell der Ganztagsschule gescheitert. Die pädagogische Qualität an unseren Ganztagsschulen entwickelt sichnur dann, wenn alle Berufsgruppen den Schulalltag gemeinsam verantworten. Wenn es einen regen inhaltlichen Austausch zwischenden Professionen gibt und alle Pädagog Innen mit einer Stimme sprechen. Dieser Aufgabe müssen sich die Teams an unseren Schulen stellen. Dafür, dass sie auf gleicher Augenhöhe miteinander im Gespräch sind, dafür hat die Politik umgehend zu sorgen.

Heiko Großer leitet das Team für die ergänzende Förderung und Betreuung an einer Brennpunktgrundschule im Berliner Wedding.
Adresse: Stiftung Pro Gemeinsinn g Gmb H, Zehdenicker Str. 8b, 10119 Berlin
E-Mail: grosser@pro-gemeinsinn.de