Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Kontrovers: Fördern Schulhunde die Lernatmosphäre?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.02.2020

PRO

Artikelbild für den Artikel "Kontrovers: Fördern Schulhunde die Lernatmosphäre?" aus der Ausgabe 2/2020 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 2/2020

Lena Drebes unterrichtet an der Heinrich-Böll-Schule in Bruchköbel Deutsch, Biologie und ev. Religion. Mit ihrer Hündin Fly, die sie seit 2017 im Unterricht einsetzt, hat sie eine Assistenz- und Schulhundeausbildung absolviert. lena.drebes@web.de

In der Arbeitsphase ist es heute besonders ruhig. Ein Drittel der Schüler*innen sitzt mit seinen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Auf dem einen Heft bedeckt die Pfote von Schulhündin Fly die Hälfte vom Blatt, bei dem anderen wedelt der Schwanz immer mal wieder hin und her. Alle arbeiten währenddessen konzentrierter als sonst. Lehrer* innen müssen heute neben ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Pädagogik. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Liebe Leserinnen und Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Üben in der Schule Grundlagen für eine erfolgreiche Praxis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Üben in der Schule Grundlagen für eine erfolgreiche Praxis
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Was kommt nach dem Erklären?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was kommt nach dem Erklären?
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Kommunikation üben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kommunikation üben
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Digital quizzen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Digital quizzen
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Sog statt Druck. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sog statt Druck
Vorheriger Artikel
Serie: Flickenteppich Sekundarschulsystem?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Lernen mit und über digitale Medien
aus dieser Ausgabe

... dem Kerngeschäft der Wissensvermittlung in fast allen Altersstufen und Schulformen erhebliche Erziehungsarbeit leisten. Der Schulhund als pädagogischer Helfer kann hierbei eine ertragreiche Unterstützung sein und ist damit eine wirkungsvolle Ergänzung im Unterricht.

Der Grundstein für eine erfolgreiche Arbeit mit dem Schulhund ist eine gute Bindung und Beziehung zwischen Hund und Halter*in. Genauso wichtig ist eine Schulgemeinde, welche diese wertvolle Arbeit toleriert, unterstützt und den Schulhund als Kollegen akzeptiert. Unerlässlich ist dabei, dass ein schuleigenes Konzept und ein auf die Schule und den Hund angepasster Hygieneplan entwickelt werden. Das Konzept bestimmt, welche genauen Aufgaben der Hund in der Schule übernimmt, zeigt auf, welche Räumlichkeiten für ihn tabu sind, und legt fest, welche Hygienevorschriften dringend eingehalten werden müssen. Räumlichkeiten wie Mensa und Klassenräume, in denen sich Schüler*innen oder Kollegen*innen mit Hundeallergie aufhalten, dürfen von Fly nicht betreten werden. Außerdem ist eine genaue Anleitung für die Desinfektion der Räume sowie für Handhygiene nach dem Hundekontakt für alle zugänglich.

Training von Selbstwahrnehmung, Impulskontrolle und Selbstdisziplin

Um meinen Schulhund Fly zielfördernd im Unterricht einzusetzen, habe ich drei Möglichkeiten: den Präsenz-Kontakt, die aktive Beteiligung und die inhaltliche Einbindung. Bei dem Präsenz-Kontakt bewegt sich Fly frei im Klassenzimmer. Die Schüler* innen können beliebig Kontakt zu ihr aufnehmen. Durch eine Klingel, welche Fly durch die Berührung mit ihrer Nase selbstständig betätigt, wird die Unterrichtsatmosphäre positiv beeinflusst und ein lernförderndes, ruhigeres Arbeitsklima geschaffen. Die aktive Beteiligung sorgt hingegen für Sprachanlässe, dient der Leseförderung (Lesehund) und ermöglicht den Schüler*innen, Fly in Arbeitsphasen als Lernpartner zu sehen. Festgelegte Wochenziele werden durch den Motivator Schulhund leichter erreicht. Wer seine Hausaufgaben in dieser Woche vollständig erledigt, alle Vokabeln gelernt oder einfach nur seinen Klassendienst gewissenhaft ausgeführt hat, darf am Ende der Woche frei mit der Schulhündin Fly kuscheln oder spielen. Ohne den Motivator Hund lag die Erfolgsquote bei weniger als 50 Prozent der Schüler*innen.

Ebenso ist es möglich, den Schulhund inhaltlich in den Unterricht einzubinden. Die Aufgabenstellungen können in solchen Phasen vom üblichen Unterricht abweichen. Der langweilige Grammatikunterricht wird somit für die gesamte Klasse attraktiv, indem Fly beispielsweise mit einem Rucksack voller kleiner Karten, auf denen Satzglieder und Wortarten abgedruckt sind, durch den Klassenraum läuft und damit die Hausaufgabenabfrage übernimmt. Für Fly wird nämlich gerne gelernt, und die Hausaufgaben werden gewissenhaft bearbeitet. Bei den Schüler* innen werden dadurch u. a. Selbstdisziplin, Impulskontrolle und Selbstwahrnehmung trainiert.

Mehr Zufriedenheit und Motivation

Die positiven Wirkungen alleine durch die Anwesenheit der Hunde sind inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen; Schulhunde führen demnach zu Stressreduktion, fördern eine entspannte Lernatmosphäre sowie die Lernmotivation. Auch führt das stressfreiere Unterrichtsklima bei Lehrkräften und Schüler*innen zu einer höheren Zufriedenheit und Motivation, wodurch der Lernerfolg erheblich gesteigert werden kann. Sichtbar wird dies vor allem in Klassenarbeiten, aber auch durch die Rückmeldung der Eltern und Schüler* innen. Denn seitdem Fly in der Klasse ist, kommen manche Schüler* innen auf einmal gerne in die Schule, obwohl sie vorher mit großer Schulangst zu kämpfen hatten. Aber auch alle anderen Schüler*innen sehen den Schulhund Fly als treuen Freund an, welcher sie jeden Tag in der Schule mit einem Schwanzwedeln begrüßt und sie so annimmt, wie sie sind. Zusätzlich erfahren sie täglich eine besondere Form der Anerkennung, Wertschätzung und Zuneigung, weil Fly alle Schüler*innen so nimmt, wie sie sind.

KONTRA

Immer mehr Pädagog*innen bilden ihre privaten Hunde zu Schulbegleithunden aus und nehmen die Tiere mit in den Unterricht. Die tiergestützte Pädagogik geht davon aus, dass die Hunde zu einer lernförderlichen Atmosphäre beitragen. Stimmt das oder zieht mit dem Hund nur ein weiterer Unruhestifter in den Unterricht ein?

Um Lernende »optimal« zu unterstützen, wird der Schulhund, Schulbesuchshund beziehungsweise Klassenhund in den letzten Jahren immer häufiger zur Motivation, zur Entspannung und zur Förderung eines ruhigen Verhaltens der Schüler*innen im Unterricht eingesetzt. Der Einsatz eines Schulhundes als Co-Pädagoge, Lernbegleiter oder auch Lernpartner ist eine neue Methode, die immer beliebter wird. Die Einsatzbereiche der Hunde, die mit in die Schule genommen werden, sind vielfältig, jedoch teilweise nicht klar definiert.

Keine verbindliche Ausbildung notwendig

Die meisten Bundesländer haben keine Vorgaben für die Anforderungen an den Einsatz eines Schulhundes. Andrea Beetz, die Vorsitzende des »Qualitätsnetzwerks Schulbegleithunde « kritisiert, »dass an Schulen häufig ungeeignete Hunde mit nicht dafür qualifizierten Lehrern im Einsatz « seien. Erst in den letzten Jahren entwickeln sich Programme zur Schulhundeausbildung, die allerdings für den Einsatz in Schulen keine bindende Wirkung haben. Das Mitbringen eines Hundes erfordert lediglich die Zustimmung der Schulleitung, des Kollegiums und der Eltern der betreffenden Klassen. So argumentiert eine Schulleiterin, dass »das Vertrauen zum Lehrer wichtiger sei als eine besondere Ausbildung « des Mensch-Hunde-Teams.

Mit den Schüler*innen der betreffenden Klassen wird im Idealfall über das Verhalten gegenüber dem Hund gesprochen; jedoch habe ich es auch erlebt, dass die Schüler*innen gar nicht gefragt wurden, ob sie einen Hund in der Klasse haben möchten. Die Lehrperson ging davon aus, dass der Hund auf jeden Fall erwünscht sei. Falls nicht, würde der erwartete Erfolg sicherlich bereits nach kurzer Zeit den Einsatz rechtfertigen. Die Schüler*innen sehen dies allerdings völlig anders. Auf meine Nachfrage kommen aus einer 9. Klasse einer Gesamtschule folgende Aussagen: »Ein Hund ist cool, aber viele Eltern und Kinder haben Angst, da sollte man das mit dem Hund lassen.« Oder: »Ich mag den Hund nicht, der hat schon so ekliges Fell.« In solchen Fällen trägt der Hund sicherlich nicht zu einer besseren Lernatmosphäre bei.

Darüber hinaus war den Schüler* innen nicht bewusst, was der Hund in ihrem Unterricht soll: »Wieso ist ein Hund mit im Unterricht? Ich lerne dadurch nicht besser.« »Wie soll mir ein Hund beim Lernen helfen?« Diese Unklarheiten und Probleme treten auf, wenn für den Schulhund kein Konzept an der Schule existiert. Die Schüler*innen reagieren auf den neuen Co-Pädagogen verunsichert und sehen den Vierbeiner keinesfalls als motivierend und unterstützend an.

Hunde können ablenken

An der St. Johannes-Grundschule in Eversberg sprachen sich Eltern und Lehrer*innen nach einiger Zeit sogar gegen den Schulhund aus, weil der Unterricht »immer wieder von dem niedlichen, wuscheligen Hund unterbrochen « wurde. Eltern klagten zunehmend darüber, dass ihre Kinder zu wenig gelernt hätten. In der Tat gibt es Studien, die belegen, dass Schüler*innen durch die Unterstützung des Schulhundes keine Notenveränderungen aufweisen konnten oder sogar schlechtere Leistungen erzielten. Das Ergebnis der Untersuchung von Nöhrig (2005) nimmt sehr kritisch Stellung zum Schulhund und kommt zum Ergebnis, dass durch den Hundebesuch die Situation in der Klasse chaotisch, unruhig und wenig kontrollierbar wurde. Zudem konnte keine anregende Lernsituation erkannt werden.

Ein Schulhund kann nicht von sich aus motivieren, unterstützen, die Selbstständigkeit und Sozialkompetenzen der Schüler*innen fördern und für ein ruhigeres Klassenklima sorgen. Dazu muss vorher ein nachvollziehbares Konzept erarbeitet worden sein. Sonst gerät der Hund in einen »Stress-Level«, der unkontrollierbar werden kann. Grundsätzlich sollte der Lärmpegel in einer Klasse immer niedrig sein, dafür sollte kein Hund nötig sein. Verantwortung zu übernehmen und Regeln einzuhalten, sollte ebenfalls ohne Hund machbar sein. Ein Hund darf nicht als Wundermittel instrumentalisiert werden. Meinen eigenen Hund setze ich ausschließlich nach Absprache mit allen unmittelbar Beteiligten als Schulbesuchshund für ausgewählte Stunden ein. Damit gerät der Hund nicht in unnötigen Stress, die Schüler*innen freuen sich auf die Stunde mit dem Hund, und diese Stunde kann konkret vorbereitet werden.

Alexandra Biegler ist Oberstudienrätin an der IGS Mainspitze und unterrichtet Deutsch, Mathematik und Erdkunde. Mit ihren Hunden Zara und Kiran, die sie seit 2016 mit in den Unterricht nimmt, absolvierte sie eine IRJGV-Ausbildung. Biegler@igsmainspitze.de