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Kontrovers: Gebundener Ganztag – die kindgerechte Form der Schule?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 02.09.2019

Seltsam heftig wird in Deutschland immer wieder einmal darüber gestritten, ob Schulen nur am Vormittag stattfinden sollen – und Schulhäuser mit all ihrer anregenden Ausstattung nachmittags ungenutzt leer stehen – oder ob der ganze Tag in der Schule diese zum Lebensraum und guten Ort zum Aufwachsen für Kinder und Jugendliche machen kann. Ist das denn gut für Kinder oder raubt man ihnen ihre freie Spielzeit?


PRO

In der französischen Sprache gibt es kein Wort für »Ganztagsschule «, da es in Frankreich kein anderes Schulmodell gibt. Die Ganztagsschule wird hier als »natürlich« empfunden und kaum hinterfragt. ...

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... Nun haben sich die Schulsysteme in den verschiedenen europäischen Ländern sicher unterschiedlich entwickelt und auch die Motive für schulische Ganztagsformen waren unterschiedlich. Für Deutschland lohnt es sich, wieder einmal klarzustellen, wo die Vorteile einer gebundenen Ganztagsschule liegen, und es lohnt sich, neu über die Ausweitung dieses Modells nachzudenken.

Mehrere Erwartungen werden damit verbunden:
• eine bessere pädagogische Gestaltung und Rhythmisierung des schulischen Angebots,
• eine bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler (aller Begabungs-und Leistungstypen),
• eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade auch für die Frauen (siehe Frankreich),
• mehr Bildungsgerechtigkeit durch erweiterte Bildungsangebote für alle.

Diese Erwartungen werden in der Praxis mit Leben gefüllt: Der Schultag lässt sich »bekömmlicher« rhythmisieren, Arbeit und Muße, Konzentration, Kreativität und Bewegung lassen sich aufeinander abstimmen. Oft wird in Kooperation mit externen Partnern das ganze pralle Leben in die Schule geholt: Kunst, Musik, Theater, Sport. Schüler* innen können sich durch unterschiedliche Angebote auf vielfältige Weise profilieren, sie können sich bewähren und Erfolgserlebnisse jenseits von Zensuren erleben. Im Vormittagsunterricht der Halbtagsschulen bleibt oft nur Zeit für jene Fächer, die laut Verordnungen unterrichtet werden müssen. Die Schule über den ganzen Tag hinweg kann dagegen zum »Lebensraum« werden durch gemeinsame Mahlzeiten, Klubs oder Arbeitsgemeinschaften. Nachweislich hat das auch Auswirkungen auf das Sozialverhalten im erweiterten Miteinander der Peers, zudem steigen Lernmotivation und Identifikation mit der eigenen Schule. Besonders wichtig aber: Die erweiterten Bildungsangebote außerhalb des Fachunterrichts kommen auch jenen Schüler*innen zugute, die eher bildungsarm aufwachsen oder durch prekäre Lebenssituationen nicht die Möglichkeiten haben, zusätzliche Bildungsangebote zu bezahlen.

Für die unterrichtliche Arbeit selbst ist von nicht zu unterschätzendem Wert, dass Lehrer*innen ihre Schüler* innen den ganzen Tag auch außerhalb des Klassenraums wahrnehmen, wichtige Beziehungen aufbauen und zusätzliche diagnostische Hinweise sammeln können, die ihnen helfen, sie richtig einzuschätzen, passgenaue Angebote für sie im Unterricht auszuwählen und leistungssteigernde Hilfen anzubieten.

Hinzu kommen natürlich die Vorteile für die Familien, die durch den Ganztag entlastet werden, weil Hausaufgaben weitgehend entfallen, ihnen dieser häufig beklagte Stress erspart bleibt zugunsten von unbeschwerter freier Zeit für-und miteinander. Familienmodelle, in denen ein Erwachsener mittags zu Hause auf seine Kinder wartet, sie versorgt und anregt, sind schon aus wirtschaftlichen Gründen längst überholt, ob man das nun beklagt oder nicht. Nicht geklärt ist zudem, ob dieser Erwachsene seinen Kindern all das bieten kann, was eine Schule an vielfältigen Anregungen durch viele Erwachsene und – mindestens genauso wichtig – durch die Gruppe Gleichaltriger zu bieten hat.

Gerade Kinder aus bildungsfernen, anderssprachigen und armutsbedrohten Elternhäusern verbringen, wenn die Schule mittags endet, sehr viel Zeit in ihren Milieus mit steigendem Risiko, dass sie weiter abgehängt werden; die Bildungsungerechtigkeit verschärft sich. Gebundene Ganztagsschulen sind geeignet, dieses Problem zu relativieren.


Der Schultag lässt sich »bekömmlicher« rhythmisieren, Arbeit und Muße aufeinander abstimmen.


Nicht zuletzt darf – aller Polemik gegen den ganzen Tag in der Schule zum Trotz – noch ein gesellschaftspolitischer Aspekt hervorgehoben werden: Auch Kinder und Jugendliche aus den bürgerlichen Quartieren unserer Groß-und Kleinstädte profitieren, wenn sie in der Ganztagsschule für ein paar Jahre ihres Lebens den »anderen« begegnen – denen, die sie eines Tages unterrichten, managen, verurteilen, anleiten, verarzten sollen. Ja, auch sie werden dadurch interkulturell bereichert.

Rainer Dahlhaus war Schulleiter der Gesamtschule Wuppertal-Langerfeld und Sprecher der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen NRW. Er ist Mitglied im Landesvorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) NRW. rainer.dahlhaus@ggg-nrw.de

KONTRA

Die schönsten Schultage, an die ich mich erinnern kann, fanden nicht in der Schule statt, sondern nach dem Unterricht. Wir haben aus ausrangierten Nylonstrümpfen Käscher gebastelt und am Rheinufer Elritzen fürs Kaltwasseraquarium (draußen auf dem Hof) gefangen (die waren davon nicht sehr angetan). »Wir« – das waren zwei Gymnasiasten und zwei Volksschüler. Nach dem Umzug meiner Eltern an den linken Niederrhein stromerten wir als Jugendliche im Herbst über die Süchtelner Höhen. Und das Tollste waren Tage mit »Hitzefrei « – ein Wort, bei dem moderne Bildungsforscher und -administratoren vermutlich einen Schwächeanfall bekommen –, die »Gang« im Freibad, Elvis aus dem Kofferradio und die verstohlenen Blicke hin und wieder auf die wunderbaren Wesen gerichtet, die die Schulen mit dem Wort »Mädchen« davor bevölkerten. »Wir« – von den Jungenschulen. So war der Halbtag: angefüllt mit Glück, Unsinn, Abenteuer, Verbotenem, Langeweile und nutzloser Freiheit. Freiheit für freie Jugendliche, nicht für betreute Feiglinge und Stubenhocker. Schule des Lebens in Risikokalkulation, Selbstverantwortung, Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit.

Gut, dass solche Zeiten vorbei sind – nicht wahr? Endlich versammelt sich Deutschlands Jugend geschlossen in Ganztagsschulen und konsumiert eine pädagogisch zugerichtete und überwachte Realität. Setzt sich allerdings auch dem Ganztags-Mobbing aus. Wahrscheinlich wird in Alsum ein pädagogischer Gang zum Rheinufer gestartet, Thema »Wir fangen Elritzen«, ein Arbeitsblatt ausgefüllt, zu den Bitterlingen machen wir in Hamborn einen Klippertschen »Museumsgang«, auf den Süchtelner Höhen wird die Problematik der Mülldeponien vor Ort besichtigt und im Viersener Kaiserbad (Sie wissen schon, Elvis im Kofferradio und Mädchen in Badeanzügen) ist immer ein Sozialarbeiter dabei. Irgendwas pädagogisch Sinnvolles wird man da ja wohl auch noch machen können – nicht wahr?

Nun gut – es gibt Gegenwind. Bei der G8/G9-Umfrage der NRW-Landeselternschaft Gymnasien (Dollase 2016) schneiden alle verpflichtenden Ganztagsangebote mit miesen Noten ab. Am besten: Schule bis Mittag, dann Freiheit. Kein Wunder – die moderne Arbeitszeitflexibilisierung der Eltern schafft zwei Stolpersteine für die fürsorgliche Zeitdiktatur – eine »Nine-to-five«-Versorgung hinterlässt Vereinbarkeitslücken von Familie und Beruf bei rund 20 bis 30 Prozent der Eltern, die brauchen auch abends und am Wochenende flexible »Rund-um-die-Uhr«-Angebote. Und bei rund 46 Prozent Eltern mit »ungewöhnlichen Arbeitszeiten« z. B. in NRW, darunter zwei bis drei Tage pro Woche Homeoffice, liegen die Freizeiten der Eltern so, dass sie leicht in Konkurrenz zum Pflichtganztag des Nachwuchses stehen. Also – eine Entschuldigung schreiben, damit man zu Omas Geburtstag gehen oder einen Anorak kaufen kann?! Der verpflichtende Ganztag ist schon gestorben, bevor er flächendeckend eingerichtet wurde.

Wenn also Ganztag, dann das freiwillige Nachmittagsangebot – aber ohne das »Rhythmisieren«, das als Königsweg vom grünen Tisch aus empfohlen wird. Also: Das ist keine Lösung, sondern eine Problembeschreibung.

Im Forschungsprojekt »Temporale Muster« (Dollase/Hammerich/Tokarski 2000) kam nämlich eines ganz klar in allen Bevölkerungsgruppen heraus: Wir haben nahezu alle das Muster verinnerlicht »Erst die Arbeit, dann das Spiel«. Ein adressatenorientiertes Rhythmisieren des Ganztags besteht also in Schule, Mittagspause, Hausaufgaben, Freizeit. Punkt und Ende.

Flexibilisierte Zeitstrukturen à la »mit einem Ruhepäuschen den Tag beginnen, dann ein wenig Makramee, dann Infinitesimalrechnung oder Glykolyse, dann ein bisschen Stilleübung (vielleicht 30 Minuten an die Wand gucken), dann Hausaufgaben, und das Ganze beim Kinder-Literaturkreis ausklingen lassen«, solche Zeitstrukturen sind – bisherigen empirischen Untersuchungen zufolge – öfter das Elysium für Bummelanten und wenig motivierte Zeitgenossen. Der Trend geht bei Kind und Kegel wie eh und je zu kompakten Freizeiten nach kompakten Arbeitszeiten – nicht zu rhythmisierten Flickenteppichen im Stundenplan.


Der verpflichtende Ganztag ist schon gestorben, bevor er flächendeckend eingerichtet wurde.

Prof. Dr. Rainer Dollase hat in Lehre und Forschung der Lehrerbildung an den Hochschulen Aachen, Köln, Essen und Bielefeld gearbeitet. Rainer.dollase@uni-bielefeld. de