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Kontrovers: Sind Bewerbungsschreiben noch zeitgemäß?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 05.10.2020

Seit einigen Jahren wird diskutiert, ob Anschreiben bei Bewerbungen noch zeitgemäß sind - oder ob sie endgültig ausgedient haben. Während einige Unternehmen auf Alternativen setzen, hat das klassische Motivationsschreiben im Unterricht noch immer seinen festen Platz. Zu Recht?


PRO

Vor einigen Jahren wurde in verschiedenen Medien das Ende des alten Bewerbungsschreibens eingeläutet. Anlass war seinerzeit die Ankündigung der Deutschen Bahn und von Telefónica Deutschland, künftig bei Azubi-Stellen beziehungsweise generell auf Bewerbungsschreiben zu verzichten und sich mit den harten Daten von Lebenslauf und ...

Artikelbild für den Artikel "Kontrovers: Sind Bewerbungsschreiben noch zeitgemäß?" aus der Ausgabe 10/2020 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 10/2020

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... Zeugnissen zu begnügen. Durchgesetzt hat sich dieser Verzicht auf Bewerbungsschreiben aber nicht - und das hat handfeste Gründe.• Nicht obwohl, sondern weil ein Recruiter in der Wirtschaft oft nur zwei bis vier Minuten Zeit für eine Vorsichtung und erste Auswahl hat, ist es sinnvoll, die eigene Bewerbung durch ein individuelles Anschreiben aus der Masse der anderen herauszuheben. Natürlich nicht durch die Verwendung von Standardvorlagen und austauschbaren sprachlichen Versatzstücken, sondern durch eine persönliche, authentische Bewerbung.• Ein kurzes Bewerbungsanschreiben bietet die große Chance, besondere Stärken zusätzlich in den Fokus zu rücken und eigene Schwerpunkte zu setzen.• Im Anschreiben kann man zeigen, dass man sich mit dem Unternehmen und der Stelle, um die man sich bewirbt, auseinandergesetzt hat.• Falls in Ausschreibungen auf ein gesondertes Motivationsschreiben verzichtet wird, bietet das Bewerbungsschreiben die Chance, das eigene Interesse und die persönliche Motivation zu verdeutlichen.• Gerade wenn man noch wenig Berufserfahrung hat und der Lebenslauf kaum etwas über das eigene Leistungsvermögen aussagt, kann man das im Anschreiben durch den Blick auf die eigenen Zukunftspotenziale ausgleichen. Überhaupt geben Zeugnisse und Arbeitsreferenzen nur Auskunft über die Vergangenheit, aber nicht darüber, wie man sich seine Zukunft und seine Entwicklungsperspektiven vorstellt.• Ein Anschreiben beinhaltet auch die Chance, scheinbare Schwächen des Lebenslaufs und der bisherigen Berufsstationen positiv aufzuklären, etwa was zeitliche Lücken oder häufigen Arbeitsplatzwechsel anbetrifft. Das sollte man aber selbstverständlich nur thematisieren, wenn man gute Argumente dafür hat.• Ein Bewerbungsschreiben legt oft die erste Grundlage für eine individuelle Kommunikation im dann hoffentlich folgenden Bewerbungsgespräch.

Heinz-Peter Meidinger ist Gymnasiallehrer, ehemaliger Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.


Beim Verfassen von Bewerbungsschreiben lauern selbstverständlich auch Gefahren. Ein schlechtes oder verfehltes Anschreiben kann genau das Gegenteil von dem bewirken, was man erreichen will. Statt sich positiv aus der Masse der Bewerbungen herauszuheben, führt es dazu, dass man gleich bei der Vorsichtung unabhängig von den sonstigen Qualifikationen aussortiert wird.

Folgende Fehler sollte man deshalb bei Bewerbungsschreiben nicht machen:

• Finger weg von Standardformulierungen und austauschbaren Worthülsen. Erstens ist das spätestens nach dem zweiten Satz offenkundig und zweitens verbirgt man damit die eigene Individualität und Persönlichkeit.
• Mehr als eine Seite lesen die Personaler bei der Erstdurchsicht nicht. Jedes längere Anschreiben läuft Gefahr, nicht gelesen und aussortiert zu werden.
• Man sollte auch das eigene Bewerbungsschreiben nicht von einem Ghostwriter verfassen lassen. Spätestens beim Bewerbungsgespräch würde die Differenz offenbar und auch da gilt: Authentizität ist das Wichtigste!
• Die ansprechende Form und die sprachliche Korrektheit der Bewerbung, auch gerade des Anschreibens, zeigt dem Arbeitgeber, dass man die Bewerbung ernst nimmt. Wer sich nicht die Mühe macht, seine Bewerbungsunterlagen nochmals auf Fehler durchzusehen oder auch durchsehen zu lassen, hat oft keine Chance, in die Vorauswahl zu kommen.

Kurzum, das Bewerbungsschreiben ist weder antiquiert noch tot - und zwar deshalb, weil es zusätzliche positive Chancen im Bewerbungsverfahren eröffnet. Im Übrigen hat die Deutsche Bahn seit 2017 bei Azubis nicht deshalb auf das Anschreiben verzichtet, weil es überflüssig ist, sondern deshalb, weil man angesichts des massiven Nachwuchsmangels darin eine Hürde sah, die manche Bewerber von vorneherein abschreckte. Überall da aber, wo es mehrere oder auch ganz viele Bewerbungen für eine Stelle gibt, ist es absolut sinnvoll, die Chancen eines klug formulierten, persönlichen Bewerbungsschreibens zu nutzen.

KONTRA

Hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle« - so oder so ähnlich beginnen viele Bewerbungsanschreiben. Warum nur? Und, viel wichtiger: Warum gibt es Unternehmen, die auch heute noch einen so großen Wert auf derartige Anschreiben legen? Passen Persönlichkeit, Motivation, Stärken, Schwächen und Individualität wirklich auf eine halbe DIN-A4-Seite? Nein. Die Aussagekraft solcher Schreiben tendiert gegen null. Für mich ist das Bewerbungsanschreiben tot. Und das nicht erst, seitdem die Coronakrise unsere Arbeitswelt auf den Kopf gestellt hat.

Im Gegenteil: Schon vor vier Jahren haben wir uns bei OTTO dazu entschieden, von unseren Bewerber*innen keine Anschreiben mehr zu fordern und stattdessen konsequent auf effiziente, digitalisierte Prozesse zu setzen. Das ist nur folgerichtig, schließlich basiert die gesamte Transformation von OTTO - hin zum größten deutschen Onlineshop und zum modernen Techkonzern - auf einer umfassenden Digitalisierung samt tiefgreifendem Kulturwandel. Das muss auch für unser Recruiting gelten: Speziell im Werben um Tech-Talente konkurrieren wir heute direkt mit anderen Großunternehmen und Techkonzernen aus den USA. Dieser Wettbewerb ist hart - und wird immer härter. Unternehmen, die hier nicht schon im Bewerbungsprozess smart, schnell und am Puls der Zeit agieren, sind heute ganz schnell raus. Das müssen wir vermeiden.

LinkedIN schlägt Lebenslauf

Machen wir es mal konkret: Nehmen wir an, Sie sind 27 Jahre alt, Softwareentwickler* in, sitzen gerade im ICE von Hamburg nach Berlin und scrollen per Smartphone durch die Jobbörsen. Plötzlich entdecken Sie eine interessante Stelle. Wie geht’s dann weiter? Zug anhalten, umdrehen und nach Hause fahren, um schnell den PC anzuschmeißen, den Lebenslauf im Word-Dokument zu aktualisieren und ein Anschreiben zu verfassen, das womöglich auch noch ausgedruckt werden muss? Würden Sie denken, dass dieses Unternehmen ein moderner, attraktiver Arbeitgeber ist? Wohl kaum.


In einer Handelsblatt- Umfrage gab die Hälfte der befragten Bewerber*innen an, von einem Bewerbungsanschreiben mindestens genervt zu sein, schlimmstenfalls gänzlich abgeschreckt zu werden.


Wir machen es unseren Bewerber*innen deshalb so bequem wie möglich: Stelle bei OTTO gefunden, einfach mit LinkedIN- oder XING-Profil bewerben, zwei kurze Fragen beantworten, abschicken - fertig. Damit gestalten wir die Hemmschwelle, sich bei uns zu bewerben, so gering wie möglich. Und das gilt für alle Jobs und Hierarchien, denn nicht nur Azubis, auch Fach- und Führungskräfte tun sich zunehmend schwer mit dem Anschreiben. Schon vor zwei Jahren gab in einer Handelsblatt- Umfrage die Hälfte der befragten Bewerber*innen an, von einem Bewerbungsanschreiben mindestens genervt zu sein, schlimmstenfalls sogar gänzlich abgeschreckt zu werden. Viele empfanden das Aufsetzen eines Schreibens als Zeitverschwendung, wussten nicht, was sie schreiben sollten, oder setzten das Anschreiben mit einem Zahnarztbesuch oder einer Prüfung gleich. In den letzten zwei Jahren hat sich hieran nichts geändert, im Gegenteil.

Bewerbung ohne Anschreiben - eine gute Entscheidung

Unsere Entscheidung, als eines der ersten großen deutschen Unternehmen bei Bewerbungen kein Anschreiben mehr einzufordern, war und ist daher goldrichtig. Rückblickend stellen wir fest, dass unsere beiden Motivationsfragen, die bei der Bewerbung beantwortet werden, viel aussagekräftiger sind als gewöhnliche Anschreiben. Wir als Unternehmen bekommen Antworten auf genau die Fragen (»Warum ich?« und »Warum dieser Job?«), die uns interessieren. Alles andere im Anschreiben ist ohnehin meist nur schmückendes Beiwerk, das in einigen Fällen nicht einmal vom Bewerbenden selbst verfasst worden ist. Darauf verzichte ich gerne.

Unsere Expert*innen können aus diesen zwei Antworten mehr Schlüsse ziehen, arbeiten sich schneller durch den Bewerbungsprozess und stellen im ersten Gespräch gezieltere Fragen. Davon profitieren unsere zukünftigen Talente ebenso wie wir. Außerdem bekommen die Kandidat*innen so bereits im Bewerbungsprozess einen Einblick, wie wir bei OTTO heute arbeiten: persönlich, digital, unkompliziert und schnell.

Sabine Josch ist Personaldirektorin bei OTTO.