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Kontrovers: Vegetarische Mensa


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 02.03.2020

Heutzutage gibt es in fast jeder Mensa in Deutschland Fleisch. Weshalb auch nicht? Das nährstoffreiche, kräftestärkende und insgesamt genussvolle Stück Fleisch ist für den Großteil der Bevölkerung Deutschlands unverzichtbar. Doch ist Fleisch in Mensen wirklich gut oder sollten wir darauf verzichten? Und wenn ja, warum? Wir sind in unserer Klasse zu keinem einheitlichen Urteil gekommen.


PRO

Aus unserer Sicht bietet eine vegetarische Mensa überzeugend viele positive Aspekte. Die Lebensmittelbranche hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Noch vor einigen Jahrzehnten gab es Fleisch nur zu besonderen ...

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... Anlässen, heute ist Fleisch immer und überall zu erhalten. Auch der Preis sinkt kontinuierlich, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Bedingungen, unter denen die Zuchttiere gehalten werden, oft unzumutbar sind. Hühner haben häufig nur den Platz eines DIN-A4-Blatts, die meisten Zuchttiere sehen nie das Tageslicht und werden unter unwürdigen Umständen transportiert und getötet. Durch unser Essverhalten fördern wir diese Produktionsweise.

Ökologische Aspekte

Viele Menschen machen sich die verheerenden Folgen des Fleischkonsums nicht bewusst. Trotz eines Rückgangs in den Industrieländern wächst der globale Konsum; alleine in den Jahren 1980 bis 2009 verdoppelte sich der Verbrauch (Quelle: www.vegetarismus.ch/pdf/b05.pdf).

Durch den hohen Nahrungsverbrauch der Nutztiere werden immer mehr Anbauflächen geschaffen. Weltweit werden durchschnittlich rund 67 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Tierhaltung und den Futteranbau verwendet. Auf der Fläche, die benötigt wird, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, könnte man im selben Zeitraum 200 Kilo Tomaten oder 160 Kilo Kartoffeln ernten. In Zentralamerika wurden innerhalb der vergangenen 40 Jahre 40 Prozent des gesamten Regenwaldes gerodet oder abgebrannt, um Weiden zu gewinnen oder Futtermittel anzubauen.

2004 wurden 1,5 Millionen Tonnen Fleisch aus dem Ausland in die EU importiert. Für die Emissionsbilanz bedeutet das: Pro Kilo Lebensmittel aus Übersee, das per Schiff transportiert wird, könnten elf Kilo innerhalb von Deutschland geliefert werden

Die Endredaktion des Textes haben für unsere Klasse Merlin Baaken, Lorenz Dickel und Paul Simon Klose übernommen. Alle Autor*innen gehören zur Gruppe Korall an der Laborschule Bielefeld.

Der Wasserverbrauch ist mittlerweile zu einem ernsthaften globalen Problem geworden. Bei einer ausreichenden Ernährung mit 80 Prozent vegetarischer Nahrung und 20 Prozent Fleischanteil beträgt der Wasserverbrauch pro Jahr und Person 1300 Kubikmeter (www.swissveg.ch/ wasserverbrauch), bei einer rein vegetarischen Ernährung nur rund die Hälfte. Durch den steigenden Konsum an tierischen Produkten wird weltweit immer mehr Wasser in der Landwirtschaft benötigt.

Gesundheitliche Aspekte

Vegetarische Gerichte enthalten viele gesunde Komponenten: Salat, Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide, Vollwertprodukte. Regelmäßiger, fast täglicher Fleischkonsum ist ungesund, weil zu viel tierisches Eiweiß die Organe und den Kreislauf belastet. Zudem werden Tiere in Massentierhaltung mit Antibiotika behandelt, damit sie auf dem engen Lebensraum nicht krank werden. Die Antibiotika bleiben im Fleisch und gelangen in unsere Körper. Durch den häufigen Gebrauch von


Täglicher Fleischkonsum ist ungesund, weil zu viel tierisches Eiweiß die Organe und den Kreislauf belastet.


Lebensraum nicht krank werden. Die Antibiotika bleiben im Fleisch und gelangen in unsere Körper. Durch den häufigen Gebrauch von


Antibiotika entwickeln sich multiresistente Keime, die in die Ökosysteme und das Trinkwasser gelangen und damit auch für Menschen große Risiken bergen.

Kulturelle Aspekte

Manche Religionen verbieten den Verzehr von Schweinefleisch (Islam) oder nicht koscherem Fleisch (Judentum). In der Regel bleiben diese Aspekte in den Mensaangeboten unberücksichtigt. Das führt dazu, dass Schüler*innen und Lehrer*innen dieser Religionen vom Mensaangebot ausgeschlossen sind beziehungsweise wesentliche Essenskomponenten weglassen müssen. Zudem befinden sie sich täglich in einer besonderen Rolle und müssen sich gegenüber ihrem Umfeld erklären, oder sie geben einem möglichen sozialen Druck nach und entscheiden sich gegen ihre religiösen oder kulturellen Regeln.

Unsere Recherchen haben uns überzeugt. Ein Kompromiss könnte eine weitestgehend vegetarische Mensa sein, die höchstens an zwei Tagen ein fleischhaltiges Angebot in Bioqualität macht. So würde die Mensa ökologischer werden, den Fleischkonsum reduzieren und gleichzeitig Menschen zufriedenstellen, die sich Fleisch wünschen.

KONTRA

Im vergangenen Schuljahr gab es an unserer Schule eine Elterninitiative: Das Mensaessen sollte auf ein ausschließlich vegetarisches Angebot umgestellt werden. Den Eltern ging es bei ihrem Antrag um die Gesundheit der Schüler*innen und den Umweltaspekt, also einen günstigeren ökologischen Fußabdruck durch vegetarisches Essen. Sie wandten sich mit ihrem Anliegen an die Schulleitung. Diese drängte darauf, dass für eine solch weitgehende Änderung eine ausführliche Diskussion vor allem unter den Schüler*innen stattfinden solle.

Beteiligung durch uns, die es betrifft

Also wurden wir als Schüler*innen aktiv und diskutierten über das Anliegen der Elterninitiative. Der Antrag stieß nicht auf Gegenliebe, obwohl wir an der Schule eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen haben, die sich ausschließlich vegetarisch ernähren oder Flexitarier sind.


Nur wenn alle an ihre Ernährungsgewohnheiten anknüpfen können, werden sie gerne in der Mensa essen.


Für uns als Schüler*innen sind zwei Argumente so gewichtig, dass wir uns letztlich gegen den Antrag aussprachen. Unsere Schule ist eine Ganztagsschule. Alle Schüler*innen, auch schon die Kinder der Primarstufe, verbringen ihre Mittagszeit in der Schule. Da ist es wichtig, dass für alle auch eine warme und wohlschmeckende Mahlzeit angeboten wird. Für viele Kinder ist es möglicherweise sogar die einzige Gelegenheit, eine warme Mahlzeit einzunehmen. Kinder aus sozial schwächeren Familien profitieren davon, in der Schule mittags - neuerdings sogar kostenfrei - essen zu können. Das finden wir gut. Uns ist es aber ganz wichtig, dass allen Kindern und Jugendlichen - gerade jenen, die besonders bedürftig sind - ein breites Essensangebot gemacht wird, ein Angebot, bei dem jedes Kind und jeder Jugendliche an seine Ernährungsgewohnheiten anknüpfen kann. Nur dann werden auch alle Schüler*innen gerne in der Schulmensa essen. Zu einem vielfältigen Angebot in diesem Sinne gehört aus unserer Sicht auch Fleisch, zumal einige Nährstoffe, die für die kindliche Entwicklung notwendig sind, nahezu ausschließlich in Fleisch zu finden sind. Dabei denken wir vor allem an Vitamin B12. Für eine optimale Versorgung mit Vitamin B12 wird daher auch empfohlen, ein- bis zweimal die Woche Fisch und - in Maßen - qualitativ hochwertiges Fleisch zu essen.

Auch uns ist bekannt, dass übermäßiger Fleischkonsum, insbesondere von rotem Fleisch, schaden kann. Daher sprechen wir uns dafür aus, dass in unserer Mensa vor allem weißes Fleisch auf den Tisch kommt und Wurst vermieden wird. Ein abwechslungsreiches, vielfältiges Nahrungsangebot erscheint uns allemal besser als das, was wir an unserem wöchentlichen Veggie Day in der Schule beobachten.

Kein Zwang, sondern Selbstbestimmung

Ganz besonders wichtig aber ist uns Schüler*innen etwas eher Grundsätzliches: Niemandem sollte eine bestimmte Ernährungsweise aufgezwungen werden. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner

Persönlichkeit, so steht es im Grundgesetz. Das bedeutet, dass jeder das Recht hat, für sich selbst zu bestimmen. Dazu gehört für uns auch, selbst entscheiden zu können, was man essen möchte. Mit einem aus schließlich vegetarischen Mensaangebot wird den Schüler*innen aber genau dieses Recht genommen. Für Schüler*innen, die Vegetarier*innen sind, ist dies unproblematisch. Sie haben sich ihre vegetarische Lebensweise allerdings selbst und unabhängig von dem schulischen Angebot gewählt. Aber alle Schüler*innen, die gerne Fleisch essen, werden sich ungerecht behandelt und vielleicht sogar unterdrückt und bevormundet fühlen.


Niemandem sollte eine bestimmte Ernährungsweise aufgezwungen werden.


Fazit

Wenn Schüler*innen eine spezielle Ernährungsform aufgezwungen würde, wäre das für uns Bevormundung statt Selbstbestimmung: Das passt nicht zu einer demokratischen Schule.

Die Endredaktion des Textes haben Leena Machielsen, Laura Ohmes und Paula Schütz übernommen. Alle Autor*innen gehören zur Gruppe Korall an der Laborschule Bielefeld.