Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Kontrovers: Verpflichtende Supervision


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 03.06.2019

Supervision ist ein bewährtes Beratungsformat: Sie kann die Motivation und Gesundheit von Lehrkräften stärken und deren berufliche Kompetenzen erweitern. Sollte man sie an Schulen deshalb verpflichtend einführen, wie es in manchen sozialen Berufen schon lange der Fall ist? Oder verstärkt eine Pflicht zur Supervision die Abwehr, die viele Lehrkräfte ohnehin gegenüber diesem Beratungsformat verspüren?

PRO

Supervision gehört zu den prominenten Empfehlungen für den Erhalt und die Förderung von Leistungsfähigkeit, Arbeitszufriedenheit und Gesundheit von Lehrkräften und Schulleitungen. Leider ereilt sie in den ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Pädagogik. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2019 von Liebe Leserinnen und Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von Seiten- und Quereinsteiger in der Schule: Neue alte Wege in den Lehrerberuf. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Seiten- und Quereinsteiger in der Schule: Neue alte Wege in den Lehrerberuf
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von Lehrerkräftemangel – eine unendliche Geschichte. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lehrerkräftemangel – eine unendliche Geschichte
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von Von einer Notmaßnahme zu einem dauerhaften Konzept?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Von einer Notmaßnahme zu einem dauerhaften Konzept?
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von .Im kalten Wasser wohlig baden: Mein Weg zur »echten« Lehrkraft. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
.Im kalten Wasser wohlig baden: Mein Weg zur »echten« Lehrkraft
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von Mein Vorbild war Herr Schmitz: Über Umwege ans Berufskolleg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mein Vorbild war Herr Schmitz: Über Umwege ans Berufskolleg
Vorheriger Artikel
Serie »Lehrerbelastung«, Folge 6: Schonst du dich sch…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Rezensionen: Neuerscheinungen
aus dieser Ausgabe

... meisten Fällen dasselbe Schicksal wie individuelle Vorsätze oder die allgegenwärtige Forderung nach Kooperation und Teamarbeit: Sie erleiden Schiffbruch auf dem halben Ozean zwischen Denken und Handeln.

Schule ist ein Gemeinschaftswerk

Zwar setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass der Bildungsund Erziehungsauftrag nicht nach Art der Einzelkämpfer erfüllt werden kann. Dennoch ist es noch ein gutes Stück Weg bis zu der Erkenntnis, dass die konkrete Schule ein Gemeinschaftswerk derer ist, die diese Schule tagtäglich realisieren. Politische, materielle und administrative Vorgaben sind nur das – leider allzu oft marode und desolate – Fundament, auf dem Lehrpersonal, Eltern und Schülerschaft ihre Schule bauen müssen. Selbst optimale Rahmenbedingungen machen noch keine gute Schule (genauso wenig wie eine gute Familie), sondern erst das stimmige Zusammenwirken vor dem gemeinsamen Wertehorizont der Akteure. Dazu gehören unter anderem die Sorge jeder einzelnen Lehrperson um den bestmöglichen Stand ihrer fachlichen und interaktionalen Qualifikation sowie die gemeinsame Anstrengung der Schulgemeinde für ein gutes und gesundes Lern- und Arbeitsklima.

Menschen sind »nicht-triviale« Systeme

Wer in einem sozialen Beruf arbeitet, erlebt immer wieder, dass Menschen »nicht-triviale«, offene Systeme sind, bei denen sich nicht sicher vorhersagen lässt, in welcher Weise sie reagieren, wenn man auf sie einwirkt – die beabsichtigten Wirkungen bleiben aus, verkehren sich in ihr Gegenteil oder es treten unbeabsichtigte Nebenwirkungen auf. Diese Personen sollten deshalb ihr professionelles Tun immer wieder systematisch überdenken. Das gilt besonders für Lehrpersonen, die in ihrer zentralen Tätigkeit, dem Unterricht, weitgehend autonom agieren können; nach ihrem Referendariat erleben sie kaum noch, dass jemand ihren Unterricht fachlich kompetent beurteilt. Das kann schnell zu blinden Flecken und Qualitätseinbußen, zu gesundheitlich und interaktional beeinträchtigenden Routinen führen. Dagegen ist Supervision ein Instrument der ersten Wahl, um neue Ideen oder Vorgehensweisen und andere soziale Lern- und Arbeitsformen zu erproben – eingebettet in ein kooperatives Grundverständnis des Kollegiums. Alternativ bieten sich auch Spielarten von Supervision an, z. B. Intervision, Kollegiale Fallberatung, Mentoring, Hospitation, Coaching, selbstorganisierte Start-ups zur gemeinsamen Erprobung.

Verpflichtende Supervision muss in der Schule arbeitszeitlich und organisatorisch verankert sein

Insofern wäre es nur konsequent, ein gewisses Kontingent an supervisorischen Arbeitsformen verpflichtend einzuführen. Dazu müssen die Gesellschaft, die Bildungspolitik und die Schulverwaltung einen Perspektivwechsel in Bezug auf Schule vornehmen: Kooperative Strukturen können nicht den Einzelnen aufgelastet werden, auch wenn die nach oben offene Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern dazu verführt. Verpflichtende Supervision muss in den Arbeitsabläufen von Schule arbeitszeitlich und organisatorisch verankert und wie die Teilnahme an Fortbildungen gewertet werden. Darüber hinaus müssen die Kosten für private Anbieter übernommen werden, wenn die Bildungsadministration entsprechende Ressourcen, z. B. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, nicht bereitstellen kann.

Angesichts der restriktiven Bildungsfinanzierung kann dies zunächst vielleicht nur für Berufsanfänger und Seiteneinsteiger realisiert werden. Insbesondere für diese Personengruppe dürfte es sich positiv auf die Leistungsfähigkeit, Arbeitszufriedenheit und Gesundheit auswirken und zur Stabilität einer guten gesunden Schule beitragen. Ohne Investition in die Personen wird sich ein Bildungswesen, das den vielfältigen Ansprüchen gerecht werden soll, nicht erreichen und halten lassen. Denn dem anspruchsvollen Bildungs- und Erziehungsauftrag können Lehrerinnen und Lehrer nur nachkommen, wenn sie ihre personalen Kompetenzen immer wieder unter Anleitung und im kollegialen Austausch überprüfen und sich in ihrem Tun abstimmen.

Helmut Heyse ist Schulpsychologe und wurde 2001 mit dem »Projekt Lehrergesundheit Rheinland-Pfalz« beauftragt. Diesem Thema ist er treu geblieben, was zahlreiche Publikationen zur Lehrergesundheit dokumentieren.

KONTRA

Ich liebe Supervision – ein wunderbares Beratungsformat, um alles, was einen im Berufsalltag umtreibt, im geschützten Raum unter professioneller Begleitung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten zu können. Ich habe dieses Beratungssetting sehr früh in meiner Berufsbiografie kennenund schätzen gelernt und konnte so das Durcheinander an äußeren Erwartungen und innerem, selbst erzeugten Druck entwirren. Ich habe allerhöchsten Respekt vor den Lehrer*innen und ihrer Berufsleistung, was leider nicht selbstverständlich ist. Neulich berichtete mir eine Lehrerin, dass ihr Schulleiter das berüchtigte Zitat von Ex-Kanzler Schröder »Lehrer sind faule Säcke « auf sein eigenes Kollegium anwandte – und er meinte es ernst. Zahlreiche Untersuchungen zur Lehrer*innen-Gesundheit belegen, dass Lehrkräfte zu den am meisten belasteten Berufsgruppen gehören und die psychische Indikation an oberster Stelle steht (vgl. auch die Beiträge in der aktuellen PÄDAGOGIK-Serie »Lehrerbelastung«). Vor diesem Hintergrund vertrete ich die These, dass Schule ohne Supervision nicht mehr gedacht werden darf, denn diese ist eines der wirksamsten Mittel, um Lehrer*innen im Sinn einer salutogenetischen Prophylaxe zu unterstützen.

Supervision braucht Vertrauen und den Willen, etwas zu verändern

Supervision darf jedoch kein Zwangsinstrument werden. Sicherlich gibt es gute Argumente für eine verpflichtende Supervision, und man kann auf die seit langem funktionierende Praxis in der Sozialarbeit verweisen. Aber dort hatte man über hundert Jahre Zeit, um sich mit Supervision anzufreunden. Zwangssysteme verstärken die Abwehr! In Deutschland gibt es keine Kultur professioneller Beratung jenseits von Beurteilungskontexten. Man hält die Klassentür lieber verschlossen. So glaubt man vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein. Nach meiner Erfahrung wird Supervision nicht selten mit Angst vor Überwachung und Kontrolle, der Sorge, den Ansprüchen nicht zu genügen, verknüpft. Da ist die Befürchtung, dass vielleicht doch etwas »nach oben« durchsickert und man sich auf die Verschwiegenheit nicht wirklich verlassen kann. Andere assoziieren Supervision mit Versagen. Seit fast 20 Jahren arbeite ich mit Lehrkräften im Auftrag eines kirchlichen Anbieters. Etliche kommen zu uns, obwohl sie von ihrer Bezirksregierung kostenlos Supervision in Anspruch nehmen könnten. Sie nehmen Nachteile in Kauf, weil ihnen die Unabhängigkeit der Supervisor* innen wichtig ist. Mit einer verpflichtenden Supervision handelt man sich alle Probleme einer internen Supervision ein: Wie unabhängig sind die Supervisor*innen vom zu supervidierenden System? Wie sicher und geschützt ist das gesamte Setting? Wie wird die Gruppe zusammengesetzt?

Basierend auf den Forschungen Klaus Grawes und unter Einbeziehung der aktuellen Hirnforschung ist das Drei-Faktoren-Modell State of the Art, um die nachhaltige Wirksamkeit von Beratungsprozessen zu beschreiben: erstens die Vertrauensbeziehung zwischen Berater*in und Klient*in; zweitens die Suche nach Ressourcen und drittens das konkrete Einüben einer alternativen Praxis. Jegliche Beratungsarbeit, also auch Supervision, lebt von der Freiwilligkeit. Ohne die Bereitschaft, etwas zu verändern, sich mit seinen – auch unfertigen – Gedanken einzubringen, ohne das Vertrauen zum/r Supervisor* in und in die Sicherheit des Settings bleibt Supervision eine leere Hülle. Eine verpflichtende Supervision für alle 800 000 Lehrkräfte in Deutschland einzuführen wäre ein – nicht nur finanzielles – Mammutprojekt. Deshalb erscheint es mir realistischer und vom Selbstverständnis der Supervision her angemessener, niederschwellige Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Zugang zu Supervision erleichtern. So müsste es Lehrkräften möglich sein, ohne großen Zeitaufwand und mit geringer finanzieller Eigenbeteiligung auf Supervision zugreifen zu können.

Keine Pflicht, sondern ein Recht auf Supervision

Statt einer Pflicht zur Supervision fordere ich ein Recht auf Supervision, das Recht, an jeder Schule mit gleichgesinnten Kolleg*innen eine Supervisionsgruppe zu etablieren, einen Raum zur Verfügung gestellt zu bekommen, zeitlich dafür freigestellt zu werden und sich eine*n externe*n Supervisor*in suchen zu dürfen. Denn – da bin ich mir sicher – die guten Erfahrungen der Kolleg*innen würden »Schule machen «. Oft höre ich von den Supervisand* innen: »Warum habe ich das nicht schon eher gemacht?«

Dr. Meinfried Jetzschke ist Supervisor und Dozent in der Lehrerfort- und -weiterbildung am Pädagogischen Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte-Villigst.