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KOOL SAVAS: „Schweigen ist das stärkste Statement“


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 14.09.2021

Artikelbild für den Artikel "KOOL SAVAS: „Schweigen ist das stärkste Statement“" aus der Ausgabe 10/2021 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2021

GARTENIDYLLE Ist Kool Savas auf seine alten Tage etwa spießig geworden? Natürlich nicht. Die Kleingartenparzelle gehört dem Fotografen, der die Idee hatte, das Rapper- Dasein ironisch zu brechen.

„Ein Song mit Grönemeyer ist ein großer Traum von mir.“

Ein schwül-heißer Tag in einem Villenviertel in Westberlin. Kool Savas, vor 46 Jahren als Savaş Yurderi geboren, hat in seinem unterirdischen Tonstudio Platz genommen. Er trägt ein nassgeschwitztes weißes Lacoste-T-Shirt, eine schwarze Trainingshose von Nike und transparente Brudiletten von Haftbefehl. Wie man seine am 1. September erschienene Autobiografie finde, will er mit ebenso viel freundlicher Bestimmtheit wie Misstrauen wissen. Wenn er spricht, mischen sich drei Idiome: Kreuzberger Straßenjargon, Rapper-Sprech und Manager-Vokabeln wie „Branding“ und „USP“, die davon künden, dass er sich als Marke versteht, die es zu bewahren und weiterzuentwickeln gilt. „Ich mache es wie Porsche“, sagt er, „ich erweitere mein Portfolio, so wie Porsche es mit dem SUV Cayenne gemacht hat, weil sich die Zielgruppe geändert hatte.“

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... BULLETIN: Im Prolog Ihres Buchs schreiben Sie: „Ich will mehr als das Narrativ vom Kreuzberger Hinterhof kind zum strahlenden ‚King of Rap‘, dem die Sonne aus dem Arsch scheint.“ Was war Ihr Motiv, 368 Seiten über Ihr Leben zu schreiben?

KOOL SAVAS: Ich habe anhand meiner Biografie einen Ratgeber geschrieben, was Künstler zu beachten haben, die dauerhaft erfolgreich sein wollen, statt als One-Hit-Wonder zu enden. Beim Lesen des Manuskripts ist mir aufgefallen, dass mir das Künstlerische nie schwergefallen ist. Mein Kampf war das alltägliche Leben: Wieso habe ich lange nicht die Hauptrolle in meinem Leben gespielt? Warum zweifle ich so oft an mir? Warum höre ich nicht immer auf mich selbst? Wie lebt man im Einklang mit sich und den eigenen Überzeugungen? Wie gelangt man zu Freiheit und Selbstbestimmung, statt sich nur als Komparse zu sehen und im Strom mitzuschwimmen?

Der Untertitel Ihres Buchs lautet „24 Gesetze“. Welche halten Sie für die wichtigsten?

Der Sinn des Lebens ist, deinem Leben einen Sinn zu geben. Mach deinen persönlichen Tiefpunkt zum Anfang von etwas Neuem. Sei die Veränderung, die du dir für dein Leben wünschst. Erfülle keine Erwartungen, folge dir selbst. Wähle deine Schlachten weise. Wenn du ein kleines Problem in ein großes verwandeln willst, dann verschieb es auf morgen. Nichts ist so wichtig wie jene, die immer an deiner Seite sind. Für mich stehen mein Sohn und meine Frau an erster Stelle.

„Man muss anerkennen“, schreiben Sie, „dass es außerhalb der Familie niemanden gibt, auf den man sich verlassen kann.“ Das ist niederschmetternder Pessimismus.

Mein Menschenbild ist, dass jeder von uns erst mal allein auf der Welt ist und nur sich selbst vertrauen sollte. Wer ist schon absolut loyal und wirklich für einen da? Ich könnte jeden meiner Freunde verstehen, der mich für seine Familie im Stich lässt, wenn es hart auf hart kommt. Ich würde es ja genauso machen. Nicht jede Freundschaft muss sich so anfühlen, dass man sich für den anderen von einer Klippe stürzen würde. Ich habe Freunde, die noch nie bei mir zu Hause waren.

„Ich würde jederzeit ein vegetarisches Produkt herausbringen.“

Haben Sie einen besten Freund?

Ja, wir sind in vielem extrem unterschiedlich, aber wir spielen uns nichts vor, haben tiefes Vertrauen zueinander und wissen viel über die Seele und Probleme des anderen. Trotzdem ist es zwischen uns nicht wie im Kinderfilm, wo zwei Kumpels gegen den Rest der Welt stehen. So eine Freundschaft hatte ich nie.

In Ihrem Buch entzaubern Sie den Mythos, auf der Straße gäbe es eine gerechtere Gegenwelt mit Solidarität und Gleichheit.

Auf verklärende Ghetto-Storys reagiere ich allergisch. Ich habe früh gespürt, dass auf der Straße um Macht und Unterwerfung gekämpft wird. Die Werkzeuge heißen Angst, Einschüchterung und Gewalt. Die Unterdrückten lassen sich das gefallen, weil viele von ihnen selbst Unterdrücker werden wollen. Oft ist das gar kein bewusster Vorsatz, so wie Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, später ihre eigenen Kinder schlagen.

Meine Eltern sind gebildet und waren lange Zeit hundertprozentige Kommunisten. Mein Vater saß wegen seiner Überzeugungen fünf Jahre lang in einem Folterknast in der Türkei. Er hat mir früh vermittelt, Unterdrückung sei etwas, das es zu bekämpfen gilt. In der Subkultur spiegeln sich die Hierarchien unserer Gesellschaft. Von utopischem Geist habe ich nie etwas gespürt.

Warum sind Sie 2004 aus Kreuzberg ins beschauliche Touristenmekka Heidelberg gezogen?

Ich habe meine damalige Freundin auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Heidelberg kennengelernt, wo sie studierte. Für mich war das eine schicksalhafte Begegnung. In Berlin gab es außer meiner Familie nichts, was mich hielt oder gar glücklich machte. Ich hatte von der Stadt schlicht und ergreifend die Schnauze voll und habe durch meinen Umzug eine wichtige Lektion gelernt: Du kannst vor deinen Problemen weglaufen!

„Mein Rat ist: Lass dich nicht so einfach triggern.“

„Auf verklärende Ghetto-Storys reagiere ich allergisch.“

Sie hatten 13 Jahre lang einen Berater, vor dem Sie vermutlich besser weggelaufen wären.

Ich habe dieser Person erlaubt, so viel Macht über mich zu erlangen, wie niemand über einen anderen Menschen haben sollte. Ich wollte blind vertrauen, aber das war ein kapitaler Fehler, denn dieser Mensch kannte jeden meiner Schwachpunkte genau. Man muss dem eigenen Gespür folgen, ob man sich wirklich gern mit einer Person trifft oder sich das nur vorspielt. Bei den ersten Warnsignalen muss man in die Konfrontation gehen. Weil ich stattdessen die Augen verschlossen habe und konfliktscheu war, trifft mich genauso viel Schuld wie ihn.

Sie haben den Battle-Rap in Deutschland populär gemacht. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Heute macht es fast niemand mehr unter der Behauptung, dass die Mutter des Gegners auf dem Strich arbeitet. Alles, was man sich aus den Fingern saugen kann, wird benutzt. Und der Zirkus außenrum spielt fröhlich die Begleitmusik. Schlagzeilen, Reaction-Videos, YouTube­

Analysen: Vom Beef im deutschen Rap leben mehr Künstler als vom tatsächlichen Beef auf ihren Tellern.“

Was Kampfsport dem Battle-Rap voraushat, sind eine Arena, klare Regeln und ein Schiedsrichter. Kein Boxer zieht im Ring auf einmal ein Messer und sticht auf dich ein. Werde ich angegriffen, frage ich mich zunächst, ob man das sportlich sehen sollte. Wenn beide cool damit sind, finde ich es okay, den anderen ein bisschen zu ärgern und daraus Entertainment zu machen. Die rote Linie ist, Menschen zu degradieren oder zerstören zu wollen, indem man dazu auffordert, sie zu ächten. Meine persönliche Strategie bei neun von zehn Angriffen ist: ignorieren! Abperlen lassen! Der Angegriffene lässt schneller die Hüllen fallen als der Angreifer. Die wenigsten kommen damit klar, wenn ihre Angriffe auch nicht die winzigste Reaktion auslösen. Schweigen kann das stär ste Statement sein, weil die Leute denken: Der ignoriert diesen Vogel, weil der unter seiner Würde ist. Warum sollte ich mit gekränkten Reaktionen Leuten Relevanz verschaffen, die in meinen Augen keine haben?

Ein Strategieberater könnte einwenden: Wer auf Angriffe in den sozialen Medien nicht rechtzeitig reagiert, riskiert, aus einem Schneeball eine Lawine zu machen.

Das Schlimme ist, dass die Leute immer noch nicht begriffen haben, dass dieses ganze Social-Media-Ding nicht echt ist. Dort werden Schauspiele inszeniert, die nach 48 Stunden niemanden mehr interessieren. Zwei Tage sind die magische Zeitspanne, danach muss der Angreifer einen riesigen Aufwand betreiben, um die Sache künstlich zu strecken. Mein Ratschlag ist: Lass dich nicht so einfach triggern.

So wie Udo Lindenberg den Deutschrock begründet hat, sind Sie der Pionier des deutschsprachigen Rap. Was ließ Sie 1996 von englischen Texten auf deutsche umsteigen?

In dem Jahr besuchte ich mit meiner damaligen Freundin die Band Living Legends in Oakland in Kalifornien. Wir chillten zwei, drei Wochen zusammen, und weil die Jungs gerade ihr neues Album bewarben, nahmen sie mich zu Radiostationen mit. Um ihre Coolness und Weltläufigkeit zu demonstrieren, baten sie mich, auf Deutsch zu rappen. Wenn ich englisch rappte, hieß es jedes Mal: „Das beeindruckt uns nicht. Jeder von uns kann Englisch, und wir rappen alle besser als du.“ Das war für mich ein Aha-Moment. Ich begriff, dass ich nur auf Deutsch die Leute beeindrucken kann, zu denen ich musikalisch oder textlich aufschaue.

In Ihrem 1999 veröffentlichten Lied „Ihr müsst noch üben“ heißt es: „Nutte, blas zu Ende, meine Zeit ist knapp bemessen. Deine Mutter wartet draußen und will Penis in die Fresse.“ In welchem Gemütszustand ist Ihnen dieser Text eingefallen?

Ich war damals absolut tiefenentspannt und fand das superwitzig, aber das ist 22 Jahre her. Es wäre traurig, wenn mein damaliger Humor mein Humor von heute wäre.

Herabsetzende Begriffe wie „Schwuchtel“ waren in Rap und Hip‐Hop lange gang und gäbe.

Ich habe das Wort bestimmt schon mal in Texten verwendet, aber im Jahr 2021 rede ich nicht mehr so – schon gar nicht, wenn mein siebenjähriger Sohn neben mir steht.

Rappen Frauen eigentlich mit, wenn Sie bei Auftritten „Ihr müsst noch üben“ anstimmen?

Ja, sie kennen den Künstler Kool Savas und wissen, dass der Text nur unterhaltsamer Blödsinn ist, der emotionalisieren soll. Meine Mutter ist Pädagogin und Feministin und müsste den Text eigentlich inakzeptabel finden, aber auch sie sagt: „Na ja, ist ja nur Quatsch.“ Wenn Frauen nichts von mir kennen und zum ersten Mal ein Konzert von mir besuchen, kassiere ich bei derberen Songs allerdings schon mal einen Mittelfinger. Das ist für mich auch völlig in Ordnung. Wer so etwas rappt, sollte bei einem Mittelfinger nicht anfangen zu heulen.

Ihre Frau stammt aus dem Iran. Ist sie die schärfste Kritikerin Ihrer Texte?

Nein, sie empfindet meine derberen Texte als lustigen Stumpfsinn und sagt: „Wie gut, dass meine Eltern Deutsch nicht so gut verstehen und du so schnell rappst.

Es wäre mir unangenehm, wenn sie jedes Wort verstehen würden.“ Meine Frau ist auch deshalb super, weil sie mich nicht auf Biegen und Brechen ändern will.

Werden Sie bei Streitigkeiten mit Ihrer Frau zum Battle-Rapper?

Nein, ich mag keine langen emotionalen Aussprachen. Selbst in Filmen finde ich sie unangenehm und unnötig. Wenn meine Frau und ich ein Problem haben, lösen wir es mit ein paar klaren, einfachen Sätzen. Wer weiß, was Sache ist, muss nicht viele Worte machen oder Dinge dramatisieren. Oft sage ich zweieinhalb Sätze, und das war es dann für mich.

Kennen Sie die Moderatorin und Rap‐Journalistin Visa Vie?

Ja, sie ist eine Freundin von mir.

„Ich habe Freunde, die Uhren für 300.000 Euro tragen.“

Sie sagt, sie würde Monate brauchen, die Fälle von sexualisierter Gewalt in der deutschen Rap-Szene aufzuzählen, von denen sie weiß. Auch sie selbst sei ein Opfer.

Meiner Erfahrung nach ist sexualisierte Gewalt kein Rap-typisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. In der High Society gibt es wahrscheinlich nicht weniger Vergewaltigungen. Da gibt es Typen, die um einiges krasser drauf sind. Ich kenne wenig Rapper mit einem Geisteszustand, der mich ver muten lassen könnte, sie wüssten nicht, wo beim Umgang mit einer Frau die roten Linien verlaufen.

Gendern Sie in Ihrem privaten Leben?

Ich habe gehört, dass man eine Frau, die irgendwo zu Gast ist, nicht als Gast bezeichnet, sondern als Gästin. Vielleicht schaffe ich es, mir das in ein paar Jahren anzugewöhnen. Noch würde ich mir als Heuchler vorkommen, das Wort Gästin in den Mund zu nehmen. Die Frage ist doch, ob eine Unterscheidung einen konstruktiven Zweck erfüllt oder nicht.

Wer von Astronauten spricht, sollte im selben Atemzug von Astronautinnen sprechen. Sonst könnte ein Mädchen denken, nur Jungs haben das Zeug, ins Weltall zu fliegen.

Warum beten so viele Rapper Geld und Reichtum an?

Weil man es ihnen vorgelebt hat. Und weil sie noch nicht an dem Punkt waren, Geld zu haben und dann zu begreifen, dass Geld nicht glücklich macht. Wer ein tolles Auto und eine tolle Uhr hat, wird erst mal respektiert. Aber wenn das abgehakt ist, muss etwas anderes dazukommen, sonst bleibt dein Leben leer und oberflächlich. Ich kann jeden verstehen, der aus einfachsten Verhältnissen kommt und Geld für ein großes Ziel hält. Es wäre arrogant, dem zu sagen, Geld sei nicht erstrebenswert. Rap ist mittlerweile ultrakommerzialisiert und Materialismus extrem verbreitet – so wie in der ganzen Gesellschaft. Rap ist heute keine superpolitische Sache mehr wie zu Zeiten von Public Enemy in den Achtzigern.

Fühlen Sie sich reich?

Mein Verstand sagt, ich habe ausgesorgt. Mein Gefühl sagt, ich werde noch lange hart arbeiten müssen.

Was machen Sie mit Ihrem Geld?

Ich habe Freunde, die Uhren für 300.000 Euro tragen. Das würde mir keine Sicherheit geben. Mein emotional bester Kauf war ein Seegrundstück in Brandenburg, das ungefähr so viel gekostet hat wie eine dieser Uhren. Als ich den Kaufvertrag unterschrieb, hatte ich das großartige Gefühl, etwas für die Zukunft meines Sohnes getan zu haben.

Ihr Kollege Capital Bra, bürgerlich Vladislav Balovatsky, hat mit dem „BraTee“ einen Eistee und mit der „Gangstarella“ eine Tiefkühlpizza in mehreren Geschmacksrichtungen in den Supermarktregalen. Würden Sie so was auch machen?

Natürlich. Ich bin seit dreißig Jahren Vegetarier. Ein vegetarisches Produkt rauszubringen, das zu mir passt, würde ich jederzeit machen.

Sie haben Ihrem Vater zum 60. Geburtstag eine Rolex geschenkt. Wie hat er reagiert?

Er hat sich schon gefreut, aber nicht wegen des Geldwerts. Meine Eltern sind Menschen, die von heute auf morgen auf all ihren Besitz verzichten würden, wenn dadurch die Welt besser werden würde. Sie halten den Kommunismus immer noch für das einzige Prinzip, das die Menschheit retten kann. Aber sie haben auch gelernt, cool damit zu sein, dass ihr Sohn ihnen einen gewissen Komfort verschafft.

„Meine Frau empfindet meine Texte als lustigen Stumpfsinn.“

Sie hatten mal einen Porsche, einen Lamborghini und einen türkisen McLaren 570S mit Flügeltüren.

Den McLaren habe ich nach zwei Monaten zurückgegeben, weil er unmenschlich laut war. Den konnte man im Alltag nicht nutzen. Der war zu radikal.

Wie groß ist Ihr Fuhrpark heute?

Ich fahre einen 911er-Porsche, meine Frau hat einen Mercedes G 63 AMG, einen Geländewagen.

Fürchten Sie manchmal, wegen Ihres gehobenen Lebensstils könnten Ihnen beim Texten Themen ausgehen, die Menschen berühren, weil sie ihr Leben gespiegelt sehen?

Überhaupt nicht. Beim Texten beziehe ich meine Gedanken von überallher:

Müll, den ich gucke, Scheiß, den ich höre, Alltagssituationen, die ich mitmache.

Ich lebe ja nicht wie die Prinzessin auf der Erbse und werde den ganzen Tag rumgetragen. Ich bin deutlich wortkarger als früher, weil ich mittlerweile lieber zuhöre, als selbst dauernd zu quasseln. Ich habe große Freude daran, eine Blumenverkäuferin nach ihrem Leben auszufragen. Meine Frau verflucht mich manchmal dafür und dreht mir den Rücken zu.

Als Ihr Sohn noch in die Kita ging, hat er an Kinder Probefahrten in Ihrem Lamborghini verschenkt. Wie verhindern Sie, dass aus ihm ein Angeber und Großkotz wird?

Wir versuchen ihn in vielen Gesprächen immer wieder, so gut es geht, zu erden.

Irgendwann wird er in den Sommerferien einen Job annehmen müssen, der ihm zeigt, wie schwer Geld zu verdienen ist. In seinem Alter gibt es die Tendenz zu sagen: „20 Euro? Das ist doch überhaupt nicht viel Geld!“ Da muss ich ihn dann sehr bremsen und ihm irgendwie begreiflich machen, wie lange man für 20 Euro netto an der Kasse von McDonald’s arbeiten muss.

Sie sind jetzt 46. Wollen Sie weitermachen, bis man Sie als meckernden Rap-Opa mit den Füßen voran von einer Bühne trägt?

Mick Jagger ist Milliardär und steht immer noch auf der Bühne. Das ist doch das Geilste, was es gibt. Ich bin schon ewig ein riesiger Fan von Herbert Grönemeyer. Mit ihm einen Song zu machen ist ein großer Traum von mir. Er ist 65 und gibt nächstes Jahr 20-Jahre-„Mensch“-Jubiläumskonzerte. Das finde ich bewundernswert. Wie ich mich kenne, komme ich nicht drum herum, mit 65 immer noch Musik zu machen. Allerdings nicht mehr als Frontman. Ich bin nicht der Ultra-Star-Typ, der auf Fame und Glamour aus ist und die ganze Zeit Applaus für sein Ego braucht. Eine Künstlerschmiede gründen und junge Talente produzieren: Das wäre es!

Gibt es einen Satz, der Sie im Leben begleitet und den Sie am liebsten ins Gehirn Ihres Sohnes einbrennen möchten?

Es gibt zwei davon. Der eine lautet:

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu.“ Der andere stammt aus dem Film „Unbroken“ über den amerikanischen Leichtathleten und Weltkriegshelden Louis Zamperini:

„Ein kurzer Moment des Schmerzes für ein Leben voller Ruhm.“ Man kann manchmal nicht garantieren, dass etwas nicht wehtun wird, aber wenn man es trotzdem macht, wird man sich hinterher besser fühlen und ein Leben lang was davon haben.

Kool Savas: „King of Rap – Die 24 Gesetze“, 368 Seiten, Verlag Droemer