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KORF: INSEL DER GORGO


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Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 18.11.2021

SPEZIAL – KORFU

KorfuwarbereitsamEndedes19. / Anfangdes20.Jhs. einSehnsuchtsort.VorallemadligeBesucher,zudenen auchKaiserinElisabethvonÖsterreich-UngarnundKaiser WilhelmII.gehörten,zogesaufdieionischeInsel.Ihre Anwesenheittrugdazubei,dasantikeErbenichtnurzuretten, sondernauchdessenarchäologischeAufarbeitungzu ermöglichen.

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BlickaufdasAchilleion.Fotografieum1890

Im Jahr 1905 besuchte Kaiser Wilhelm II. Korfu. Nicht ohne Hintergedanken schlug der griechische König Georg bei einer Rundfahrt über die Insel vor, auch das Achilleion zu besichtigen. Der etwa 15 km südlich der Hauptstadt gelegene Palast war seit der Ermordung der Kaiserin von Österreich Elisabeth, genannt Sisi, von der Habsburgerfamilie kaum noch genutzt worden und stand praktisch leer. Sisi hatte Korfu im Jahr 1861 das erste Mal besucht; 30 Jahre später erfüllte sie sich mit dem Bau des Achill geweihten Schlosses einen Traum. Der homerische Held verkörperte für sie die ...

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... griechische Seele schlechthin. Der Eindruck, den das Schlösschen mit seinem verwilderten Garten auf den deutschen Kaiser machte, war überwältigend. Nach einigem hin und her konnte er es schon zwei Jahre später käuflich erwerben. 1908 führte eine Reise auf der «Hohenzollern» genannten Jacht von Venedig über Syrakus, Palermo und Messina nach Korfu. In seinen 1924 erschienenen Erinnerungen an Korfu blickt der Kaiser dichterisch-wehmütig auf diesen Moment zurück und schreibt: «Endlich durchfährt das Schiff den schmalen, von einem auf einer Klippe stehenden Leuchtturm befeuerten Kanal zwischen Epirus und Korfu, umfährt die mit schönen Olivenwäldern bestandenen Nordosthänge des Pantokrator und – da ruft schon der Ausguck: ‹Stadt Korfu in Sicht› (…) Dann geht es im Auto vorüber an der Statue des Grafen Schulenburg (…) Vor den Häusern und an der Straße steht das Landvolk, die Frauen und Mädchen in schönen bunten Trachten mit Schmuck (…) Am Tor Empfang durch Bürgermeister und Geistlichkeit (…) Unter den weißen Säulen der Einfahrt hält das Auto (…) Sobald die Reisegesellschaft beisammen ist, alle voller Staunen und Erwartung, geht es die große Treppe, empor bis zum zweiten Stock. Hier öffnen sich die Glastüren. Vor uns liegt der wundervolle oberste Garten (…) Staunende Ausrufe (…) Das ist Griechenland!»

Der deutsche Kaiser im Gespräch mit der Archäologie

Im Herbst 1910 wurde etwas südlich der Inselhauptstadt in der Nähe der Stadtmauer des antiken Korkyra zufällig ein antikes Relieffragment gefunden, das den mit einem Blitzbewehrten Zeus im Kampf gegen einen Giganten darstellt. Der Museumsdirektor von Korfu ließ daraufhin an dieser Stelle eine erste Schürfung vornehmen. Als der deutsche Kaiser in den Ostertagen des Jahres 1911 wieder auf Korfu weilte, besichtigte er die gemachten Funde und bat sich beim griechischen König sogleich die Erlaubnis aus, die Grabung auf eigene Kosten fortführen zu dürfen. Der Wunsch wurde gewährt und so konnten bis Anfang Juni alle erhaltenen Teile des Westgiebels des Tempels geborgen werden. Der bekannteste deutsche Klassische Archäologe seiner Zeit Wilhelm Dörpfeld (1853– 1940) wurde telegraphisch aus Olympia nach Korfu gerufen. Er übernahm ab dem 18. April die Oberaufsicht über die Grabung (Abb. 1−4). Der Archäologe ließ die Fundamente des neu entdeckten Tempels freilegen; dafür wurden auch Teile eines angrenzenden Klosters abgerissen. Alles wurde vermessen und exakt fotografiert. Dank seiner großen bautechnischen Kenntnisse war der Tempelgiebel bald rekonstruiert. Jemand aus der kaiserlichen Entourage verlieh Dörpfeld den Scherznamen «Sherlock Holmes der Ausgrabungen».

Nicht nur Dörpfeld war herbeigeholt worden, sondern auch Georg Karo, der per kaiserlichem Telegramm aus Athen ins Achilleion beordert wurde. Nominell war Dörpfeld Leiter der Athener Abteilung des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts, tatsächlich aber führte Karo seit 1909 die Geschäfte. Karo ist der erste deutsche Klassische Archäologe, der sich ganz der Erforschung der minoischen und mykenischen Kultur verschrieben hatte. In seinen 1959 erschienenen Erinnerungen Fünfzig Jahre aus dem Leben eines Archäologen schildert Karo seine Ankunft in Korfu als Komödie, seinen ersten Abend am Tisch des Kaisers im Achilleion jedoch mit liebenswürdigem Respekt.

Abb. 1–4 Aufnahmen von der Grabung des Jahres 1911 gefunden im Nachlass von Georg Karo (DAI Berlin, AdZ, NL Karo, Georg, K1 Album «Ausgrabungen auf Corfu, April 1911» Bild 2, Bild 14, Bild 16, Bild 17) aufgenommen aller Wahrscheinlichkeit nach von einem kaiserlichen Hofphotographen. Die Abb. 2–4 sind bislang unpubliziert.

Gerade auf Korfu angekommen und in der Annahme, den Rest des Tages frei zu haben, begab sich Karo zur Ausgrabungsstätte. Hoch zu Rade, in höchster Eile und höchster Erregung, erschien da der deutsche Konsul, um zu melden, Karo sei zum Diner ins Achilleion geladen. Da kein Wagen zur Verfügung stand, lieh sich der Archäologe das Fahrrad aus und sauste zum Hotel zurück. Dort angekommen schüttete er den Inhalt seines Koffers gerade aufs Bett, als der deutsche Gesandte in Abendgarderobe und angelegten Orden ins Zimmer stürmte. Die Ankunft des Wagens wurde gemeldet. In Frackhose und Lackschuhen stürzte Karo, die übrigen Kleidungsstücke über dem Arm, mit dem Gesandten hinaus. Während der holprigen Fahrt zum Achilleion gelang es ihm eben noch, sich fertig anzuziehen und die Krawatte anständig zu binden. Vor dem Tor stand der Kaiser, um seine Gäste zu begrüßen. Karo entschuldigte sich, aber Wilhelm II. meinte nur: «Was konnten Sie besseres tun als gleich zur Grabung zu fahren?» An der Tafel durfte er neben dem Kaiser Platz nehmen. «Der Platz neben Seiner Majestät war ehrenvoll», schreibt Karo nun in seinen Erinnerungen, «aber nicht ganz einfach. Während er sprach, durfte man natürlich nur respektvoll zuhören. Er selbst aß wenig und erstaunlich rasch und sprach sehr lebhaft. Ich mußte mit Überlegung antworten und kam so kaum zum essen. Aß ich nicht, so fragte er freundlich nach dem Grunde, den ich ihm doch nicht gut mitteilen konnte. Indessen war nur dieses erste Diner bei Hofe schwierig, ich sollte den nötigen Rhythmus bald lernen. Und neben der Kaiserin zu sitzen, war dank ihrer rücksichtsvollen Güte eine reine Erholung.» Das Achilleion und dessen Ausstattung kannte Karo schon von einem früheren Besuch her. Mit Recht streng urteilt er über das große Wandgemälde des Hans Makart-Schülers Franz von Matsch im Treppenhaus, das Achill in trium- phalistischer Pose darstellt, wie er die Leiche Hektors hinter seinem Wagen um die Mauern Trojas schleift. Karo nennt es eine unfassliche Verletzung des guten Geschmacks.

Im Frühjahr 1912 wurde vor allem im nahe gelegenen Park der Villa Mon Repos gegraben, Karo war auch vor Ort. Im folgenden Jahr konnte die kaiserliche Familie wegen des Balkankrieges nicht nach Korfu reisen und kam erst im März 1914 wieder. Dieses Mal legte Kaiser Wilhelm II. selbst Hand an. Sichtbar stolz schreibt er in seinen Erinnerungen: «Ein kostümlich höchst interessanter Fund wurde von mir persönlich gemacht. Eine etwa meterhohe Reliefplatte wurde aufgedeckt, die auch auf ihrer Vorderseite lag. Nach ihrer Umdrehung befreite ich den Stein mit Schwamm, Bürste und Wasser selbst vorsichtig von dem ihm anhaftenden Erdreich. Es kam die Kampfdarstellung eines vollbewaffneten hellenischen Kriegers zum Vorschein. Aber wie erstaunte ich, als ich an der akkurat und sauber ausgeführten Bewaffnung zum ersten Male bei antiken Kriegern Ober-und Unterarmschienen entdeckte (…)». Georg Karo in Athen bekam den Auftrag festzustellen, ob Darstellungen von Kriegern mit derartigen Schienen, etwa in der Vasenmalerei, bekannt seien. Nach einigen Nachforschungen konnte er feststellen, dass Oberschenkelschienen und ein kurzer Oberarmschutz belegt seien, für Unterarmschienen aber ließ sich kein bildlicher Beleg beibringen. Er meldete diesen Befund seiner Majestät ohne Zweifel persönlich und so erlebte er im Mai 1914 die letzten Tage der kaiserlichen Familie im Achilleion aus nächster Nähe. Niemand konnte ahnen – auch der Kaiser nicht –, dass nur wenige Wochen später der verhängnisvolle Erste Weltkrieg mit seinen beinahe 20 Millionen toten Soldaten und Zivilisten ausbrechen würde.

TempelarchitekturundGiebelbild

Bei dem Artemistempel, der mit kaiserlicher Unterstützung von Wilhelm Dörpfeld freigelegt wurde, handelte es sich um einen großen Ringhallentempel mit acht Säulen an den Schmalund sechszehn Säulen an den Längsseiten (Abb. 5). Im Inneren dieser imposanten Säulenarchitektur befand sich ein dreiteiliger Bau bestehend aus Vorhalle (Pronaos), Haupthalle (Cella) und Rückhalle (Opisthodom). In der 22 m langen und 2,50 m breiten Cella befand sich einst die Kultstatue der Artemis, über deren Aussehen wir aber nichts wissen.

Gewaltige Architektur verlangt nach monumentalem Bildschmuck und dieser findet sich im Bühnenraum des ornamentierten Giebels mit seinen 2,60 m Höhe und 17 m Breite in Gestalt einer mächtigen von Löwenpanthern flankierten Gorgo Medusa (Abb. 6). Der Eindruck ist so überwältigend, weil dieses Wesen eine dämonische Urkraft verkörpert, die unbezwingbar erscheint. Ihr schreckliches Gesicht lässt den Betrachter erstarren: glühender Blick, weitaufgerissener Mund, gebleckte Zähne, heraushängende Zunge, stumpfe Nase. Die geflügelte und mit Flügelschuhen ausgestattete Gottheit bewegt sich im archaischen Knielaufschema wie in rasender Geschwindigkeit nach rechts. Arme und Beine rotieren wie ein Windrad und man meint den Donner zu hören und den Sturmwind zu spüren, die von der Dämonin ausgehen. Ganz im Gegensatz zu ihrer schnellen Bewegung steht die ruhig-gespannte Kraft der Raubkatzen. Aber Vorsicht: Sie sind sprungbereit und können im nächsten Augenblick alles und jeden vernichten. Die Tiere verbeugen sich vor der dunklen Göttlichkeit der dämonischen Gorgo und sind zugleich Teil und Ausdruck ihrer alles bezwingenden Macht und Stärke.

Die Giebelfiguren waren, wie die festgestellten Farbreste beweisen, ursprünglich bemalt. Das knielange Gewand und die Stiefel waren rot und die Federn rot, schwarz oder blau. Rot wird die gebleckte Zunge gewesen sein, weiß die Zähne, vielleicht rotglühend die Augen, wie brennende Kohlen. Welche Farbe werden wohl Gesicht und Haare gehabt haben? Sicher werden auch Kleinigkeiten wie die Musterung des Gewandes an Knie, Arm und Hals farblich sorgfältig abgestimmt gewesen sein, ebenso wie der Schlangengürtel, der möglicherweise silbermetallisch glänzte, und die Schlangen mit Kinnbart am Hinterkopf der Gorgo. Die Löwenpanther könnten gelb mit schwarzen Punkten gewesen sein – oder dunkelblau mit goldenen Flecken, jedenfalls darf man sich das Ganze recht bunt, vielleicht sogar «poppig» vorstellen.

Erst allmählich nimmt der Betrachter die beiden kleinen Figuren wahr, die sich unmittelbar links und rechts zwischen Gorgo und den Löwenpanthern befinden. Es handelt sich um ihre mit Poseidon gezeugten Kinder Pegasos, das mythischen Flügelpferd, und Chrysaor «Goldschwert» (Hesiod, Theogonia 274–286). In Letzterem Perseus sehen zu wollen, wie gelegentlich vorgeschlagen wurde, ist abwegig und wird an dieser Stelle nicht mehr diskutiert. Für das Verständnis des Giebelbildes entscheidend ist, dass die Kinder noch nicht wirklich auf der Welt sind; ihre Geburt wird erst zu einem späteren Zeitpunkt, nach der Enthauptung der Gorgo durch Perseus, erfolgen. In echt archaischer Weise wird deren Existenz aber schon vorweggenommen. So wird der Betrachter daran erinnert, dass Pegasos und Chrysaor eine Frucht aus der Verbindung von Gorgo mit Poseidon sind.

Vom Ostgiebel haben sich nur wenige Bruchstücke erhalten; immerhin wird so viel deutlich, dass darin ebenfalls eine Gorgo flankiert von Löwenpanthern dargestellt war.

ÄltereErklärungendes Gorgobildes

In seinen Notizen hat Wilhelm Dörpfeld nicht nur die archäologischen Befunde beschreibend und zeichnerisch akribisch dokumentiert, sondern bald auch Überlegungen zur Herkunft und Bedeutung der Gorgo Medusa notiert (abrufbar unter http://arachne.uni- koeln.de/books/archive/ATH-Archiv- Doerpfeld-00021). In immer wieder neuen Anläufen umkreiste Dörpfeld das Problem. Er fasste die korkyräische Gorgo als eine vorgriechische Göttin auf, die später von den Griechen mit Artemis gleichgesetzt worden sei, vergleichbar der Artemis von Ephesos, bei der es sich ursprünglich um eine altanatolische Muttergottheit handelte. Die kreisrunde Kopfform, die Schwingen und die beflügelten Schuhe würden zum rastlos eilenden Lauf der Sonne passen und so möchte Dörpfeld in der Gorgo von Korfu eine uralte Sonnengöttin erkennen. Er nahm weiter an, dass diese Göttin vermittelt durch die Phöniker, die, wie er glaubte, auf Korfu einst eine Handelskolonie gehabt hätten, aus dem südarabischen Raum auf die Insel gekommen sei.

Der Deutung des berühmten Archäologen mochte die Forschung nicht folgen. Die Frage nach der Herkunft der Gorgo Medusa hat Gerhart Rodenwaldt, der im Jahr 1939 die maßgebliche Publikation zu den Bildwerken des Artemistempels vorgelegt hat, sehr viel vorsichtiger behandelt. Einerseits geht er davon aus, dass die Gestalt der Gorgo volkstümlich griechischer Herkunft ist, konstatiert andererseits aber durchaus orientalische Einflüsse. Bleibt Rodenwaldt hier also unentschieden, so legt er sich, was die Funktion der Gorgo und der Löwenpanther anbelangt, sehr viel deutlicher fest. Er erkennt in Gorgo die Beschützerin des Tempels und seines Kultbildes. Diese Auffassung hat einigen Anklang gefunden, wurde aber auch, etwa durch Karl Schefold, scharf kritisiert. Die Darstellung im Giebel müsse vielmehr als Ausdruck dämonisch-göttlicher Kraft gedeutet werden, die in archaischer Zeit als real empfundene Wirklichkeit gesehen und verstanden worden sei. Der Giebel verfolge, so Schefold, keinen vordergründigen «Zweck», sei nicht «Symbol, sondern dämonische Wirklichkeit».

Ein anderer Aspekt der Diskussion gilt der Frage nach dem inneren Zusammenhang, in dem Gorgo und Artemis stehen könnten. Schon Carl Robert und später Peter Zazoff vertraten die These, dass Gorgo wie Artemis eine «Herrin der Tiere» (griech. pothnia theron) sei. Damit würde Gorgo gewissermaßen zu einer mythischen Vorgängerin oder schrecklichen, älteren Schwester der Artemis. Dass diese Interpretation aber nicht haltbar ist, macht m. E. eine ikonographische Beobachtung deutlich. So hält die «Herrin der Tiere» – etwa auf dem Münchner Karneol-Skarabäus den Zazoff als Beleg anführt – die Tiere immer fest und hebt diese nach oben (Abb. 7). Gerade das tut Gorgo aber nicht: Sie berührt die Löwenpanther noch nicht einmal.

Die archäologische Diskussion um Herkunft und Bedeutung der Gorgo im Giebel des Artemistempels von Korfu dreht sich im Kreis. Fassen wir zusammen: Gorgo Medusa kommt nicht aus dem Osten, sondern entspringt griechischer Phantasie. Ihre Funktion im Giebel ist nicht einfach apotropäischer Art, sondern die Göttin muss als künstlerischer Ausdruck einer real empfundenen, dämonischen Gewalt verstanden werden. Gorgo stellt keine «Herrin der Tiere» dar; wie auch bei anderen frühen griechischen Tempeln stehen Giebelbild und die im Tempel verehrte Gottheit in keinem zwingenden inhaltlichen Bezug zueinander.

EinneuerErklärungsansatz

Dabei liegt die Lösung auf der Hand und soll abschließend noch angedeutet werden: Die Giebelszene spielt künstlerisch verdichtet auf einen Mythos an, der in die älteste Zeit zurückweist, in eine Urzeit, die vor der der klassischen Götter und ihren Sagen liegt, wie diese in den Ecken des Giebels links und rechts thematisiert werden. Wie Hesiod um 700 v. Chr. in seiner Theogonia («Götterabstammung») berichtet, wohnten die drei Gorgonen, Sthenno, Euryale und die sterbliche Medusa jenseits des großen Okeanos, hart an der Grenze der Nacht bei den singenden Hesperiden (Vers 274 f.). Auf ihrem Weg vom westlichen Rand der Welt nach Griechenland, den die schreckliche Göttin gewaltig wie ein Sturmwind zurücklegt, – so sehen wir sie im Tempelgiebel – vereinte sie sich auf einer weichen, nach Frühlingsblumen duftenden Wiese mit Poseidon, dem «Dunkelblaugelockten» oder «Schwarzblaulockigen», wie er bei Hesiod heißt (Vers 277: Κυανοχαίτης, Kyanochaitēs, mit diesem Beinamen schon bei Homer: Ilias 20, 144; Odyssee 9, 536). Aus dieser Verbindung werden Pegasos und Chrysaor hervorgehen. Deren Erscheinen im Giebel darf aber nicht sozusagen wörtlich genommen werden; sie sind noch nicht tatsächlich geboren, deshalb sind sie so klein dargestellt; vielmehr deuten die Beiden den göttlichen Zeugungsakt, die Vereinigung von Medusa und Poseidon, an. Es muss eine lokale Sage gegeben haben, nach der sich die Liebe von Poseidon und Medusa einst auf der Insel Korfu ereignet hatte. So wird das Giebelbild verständlich: Korfu ist der Ort, an dem der hieros gamos, die «Heilige Hochzeit», von Poseidon und Gorgo Medusa stattfand, Medusa wird auf Korfu von Poseidon schwanger.

Abb. 8a.b Bronzemünze von Korkyra, Kopf des Poseidon mit Lorbeerkranz und Dreizack an der Schulter nach rechts, auf der Rückseite ein Schiffsbug, zweite Hälfte des 1. Jhs. v.Chr. (SNG München 682).

Abb. 9a.b (oben) und 10a.b (unten) Zwei Silberstater der Stadt Korinth. Die erste Münze datiert R. Calciati in die Zeit zwischen 555 und 515 v.Chr., das zweite Stück in die Jahre zwischen 515 und 450 v.Chr. Der altertümliche Buchstabe, das Koppa (= Kappa), steht als Anfangsbuchstabe des Stadtnamens. Zu beachten ist, dass für den Giebel eine originelle Komposition entwickelt wurde, weil zwischen dem linken Löwenpanther und Gorgo nur wenig Raum bleibt. Das Flügelpferd steht nicht, wie auf den Münzen, mit allen vier BeinenaufdemBodenoderistimGaloppdargestellt,sondernstehtaufdenHinter-undstütztseine VorderbeineaufdemrechtenOberarmderGorgoab.AufdieseWeisewirdeinebesondersinnige Verbindung zwischen Mutter und Wunderpferd hergestellt.

Die Verehrung von Poseidon auf Korfu bezeugen zur Genüge die Münzen von Korkyra, auf denen der Kopf des Poseidon ein typisches und häufig geprägtes Motiv ist (Abb. 8 a.b). Hingegen passte Gorgo Medusa motivisch schon nicht mehr in die Münzprägung der klassischen und hellenistischen Zeit.

Wenn die Vermutung richtig ist, dass Korfu der Hochzeitsort von Poseidon und Medusa war, gewinnt die großartige Inszenierung der Gorgo im Giebel noch eine politische Dimension hinzu. Die Geschichte der Insel ist von den politischen Beziehungen, aber auch der Konkurrenz mit Korinth geprägt. Um 734 v. Chr. gründete Chersikrates im Osten der ionischen Insel die korinthische Kolonie Korkyra, in der die politischen und sozialen Institutionen der Mutterstadt eingeführt wurden. Teils mit Korinth teils selbständig gründete Korkyra weitere Kolonien (Apollonia, Epidamnos [Dyrrhachion], Leukas und Anakterion). Die Insel verfügte im 7. und 6. Jh. v. Chr. über die stärkste griechische Flotte im Adriaraum und konnte um das Jahr 660 v. Chr. sogar Korinth in der ersten bekannten Seeschlacht der Weltgeschichte besiegen (Thukydides 1,13,4). In den Jahren als der Artemistempel gebaut wurde, regierte in Korinth der Tyrann Periandros; Eduard Meyer nannte ihn den mächtigsten Herrscher der griechischen Welt um 600 v. Chr. Periandros setzte seinen Sohn Lykophron als Regenten von Korkyra ein. Die Beziehungen zwischen Mutterstadt und Kolonie waren also alles andere als harmonisch und unproblematisch. Lykophron wurde schließlich von korkyräischen Adligen ermordet.

Vielleicht wurde der Giebel nicht, wie bislang angenommen, in der Zeit des Periandros von einer korinthischen Werkstatt geschaffen, sondern von einheimischen Künstlern entworfen und realisiert und zwar nach dem Ende des Periandros im Jahr 583 v. Chr. Mythologisch ist die Geschichte Korinths ganz eng mit Pegasos verbunden, der im Giebel zu sehen ist. Es gibt, wie immer im griechischen Mythos, verschiedene Überlieferungen aber eine Tradition besagt, dass der korinthische Held und Poseidonsohn Bellerophon das geflügelte Zauberpferd an der korinthischen Quelle Peirene einfing und von dessen Rücken herab die Chimära, ein schlangenschwänziges Ungeheuer mit Löwenund Ziegenkopf, als zivilisationsschaffende Tat tötete. Pegasos avancierte zum Wappentier Korinths (Abb. 9 a.b. 10 a.b).

Wenn Pegasos im Giebel recht klein und unscheinbar, aber in liebevoller Zuneigung zu Gorgo auftaucht, wird daran erinnert, dass sich das viel wichtigere Ereignis zuvor auf Korfu ereignet hatte, nämlich die Vereinigung von Gorgo Medusa und Poseidon. Ohne die Zeugung des Pegasos, dem Wappentier Korinths, auf Korfu, wäre die Geschichte Korinths anders verlaufen und so kehrt sich das Verhältnis von Korinth und Korkyra um: Korfu konnte sich durch diese Erzählung geradezu zur Ahnherrin von Korinth machen. Das hätte Periandros, Lykophron und ihren Gefolgsleuten auf der Insel kaum gefallen. Während also der Tempel in den Jahren um 600/590 v. Chr. errichtet wurde, dürfte die Entstehung des Westgiebels nach der Ermordung des Lykophron und dem Tod des korinthischen Tyrannen, also nach 583 v. Chr. anzusetzen sein. Vielleicht ersetzte der Gorgo-Giebel mit seiner patriotischen Botschaft auch einen wenig älteren Vorgängergiebel mit «korinthischer» Message.

Adresse des Autors

Prof.Dr.KayEhling Oberkonservator StaatlicheMünzsammlungMünchen Residenz Residenzstr.1

D-80333München

Bildnachweis

Abb.1−4:DAIBerlin,AdZ,NLKaro,Georg,K1Album «AusgrabungenaufCorfu,April1911»Bild2,Bild14, Bild16,Bild17,MartinaDüntzer;5−10:StaatlicheMünzsammlungMünchen,NicolaiKästnerundSergioCastelli.

Literatur

A.DIERICHS,Korfu-Kerkyra.GrüneInselimIonischen Meer(ZabernsBildbändezurArchäologie;2004).

M.OPPERMANN,VomMedusabildzurAthenageburt (1990).

G.RODENWALDT,AltdorischeBildwerkeinKorfu(1938).

DERS.,DieBildwerkedesArtemistempelsvonKorkyra (1939).

WILHELMII.,ErinnerungenanKorfu(1924).

G.KARO,FünfzigJahreausdemLebeneinesArchäologen(1959).

K.SCHEFOLD,GriechischeKunstalsreligiösesPhänomen(1959).

P.ZAZOFF,LaufendeGorgo,stehendeArtemis?EingriechischerSkarabäusinPrivatbesitz,in:AA(1970)154–166.