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Korsaren greifen an


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 17.06.2022

2. KAPITEL NEUZEIT

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 7/2022

Das Gemälde »Korsaren« von Henryk Siemiradzki zeigt 1880 ausnahmsweise auch einen Mann in den Fängen der muslimischen Sklavenjäger

Dieser Angriff gleicht einem Selbstmord. Mit ihrer kleinen Galeote, einem von Ruderern angetriebenen Schiff, attackieren im Sommer 1504 zwei Brüder mit ihrer Korsaren-Mannschaft zwei große Galeeren, die zur päpstlichen Flotte gehören. Horuk und Khaired-Din Barbarossa jagen seit einigen Monaten bereits christliche Schiffe. Nun haben sie sich in der Nähe Elbas vor Italien diese beiden vorgenommen: das Flaggschiff des Kirchenstaates, das von einer weiteren Galeere eskortiert wird. Wie der Kampf genau abläuft, darüber gibt es keine Berichte. Sicher ist, dass die Korsaren beide Besatzungen überwältigen, die Schiffe stehlen und sie mitsamt zahlreichen Gefangenen nach Nordafrika bringen.

Zu Beginn des Jahres 1504 ist das westliche Mittelmeer noch fest in spanischer Hand. Das Königreich Neapel-Sizilien gehört ebenso zur Krone Spaniens wie Küstenfestungen in Nordafrika, von Tanger in ...

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... Marokko bis Penón vor Algier. Dann tauchten die muslimischen Korsaren auf und forderten den König in Madrid heraus.

Die Geschichte der muslimischen Piraterie im Mittelmeer beginnt nicht mit den Brüdern Barbarossa, aber mit ihnen tritt sie in eine neue Phase. Die Brüder stammen von der griechischen Insel Lesbos. Dort wurde Horuk Barbarossa 1474 als Sohn eines Christen geboren, der zum Islam konvertiert ist. Bereits der Vater hat zur Besatzung eines Kaperschiffes gehört und wohl auch für die osmanische Marine gekämpft. Als Lohn für seinen loyalen Dienst erhält er ein Stück Land auf Lesbos, wo er als Töpfer arbeitet.

Sein ältester Sohn Horuk übernimmt das Kommando über ein Schiff, das Kaufleute für Raubfahrten gekauft und ausgerüstet haben. Sein jüngerer Bruder Khair-ed-Din begleitet ihn auf den Fahrten, die sehr erfolgreich laufen. Gekaperte Schiffe behalten sie, gehen damit auf Jagd. Bald verfügen sie über eine kleine Flotte. Der Sultan von Tunis gestattet ihnen, seinen Hafen als Basis zu nutzen und die Beute auf seinen Märkten zu veräußern. Im Gegenzug erhielt er ein Fünftel des Raubgutes.

Der Emir von Algier ruft die Barbarossas zu Hilfe. Keine gute Idee

In den christlichen Mittelmeerländern gelten die Barbarossas schnell als gefährliche Piraten, als Schrecken des Meeres. Horuk Barbarossa verliert 1514 in einem Gefecht einen Arm, setzt dennoch seine Raubzüge fort. Nur zwei Jahre später ruft der Emir von Algier ihn zur Hilfe, um gegen die Spanier zu kämpfen. Die Brüder kommen mit 6500 Kämpfern, ermorden den Emir und reißen die Macht an sich.

1517 wehren sie einen spanischen Angriff auf die Stadt ab, aber die Kämpfe gehen weiter. In einer weiteren Schlacht im Jahr darauf stirbt Horuk. Daraufhin übernimmt Khair-ed-Din Barbarossa die Herrschaft über Algier und das Kommando über die Korsaren.

Sein Name bedeutet »Verteidiger des Glaubens«. Khair-ed-Din ist wie sein Bruder ein hervorragender Seemann, aber deutlich kultivierter. Er gilt als gebildet, beherrscht sechs Sprachen und hält vielerlei Kontakte ins christliche Europa, aber auch in das Osmanische Reich.

Dessen Sultan in Konstantinopel bittet Khair-ed-Din 1518 um Hilfe. Denn nicht nur die Spanier bedrohen immer wieder sein Reich, es gibt auch Ärger im Inneren mit den alten Eliten. Der Sultan macht Algier zur Provinz und ernennt Khair-ed-Din zum Dey, zum offiziellen Herrscher. Außerdem wird er Admiral der osmanischen Flotte und er bekommt 12 000 Janitscharen, Elitekrieger der türkischen Armee, die als Kinder ihren meist christlichen Eltern weggenommen wurden (siehe Beitrag Seite 32).

Mit dieser machtvollen Truppe hält der neue Dey die Spanier auf Distanz, unterdrückt alle Proteste und bemannt auch seine Raubschiffe mit den unerschrockenen Soldaten. So erhöht Khair-ed-Din die Schlagkraft der Korsaren. Sie lassen ihre Galeeren von Sklaven rudern und schicken so viele Kämpfer an Bord, dass christliche Gegner kaum eine Chance haben, sobald es zum Enterkampf kommt.

Die Korsaren aus Marokko, Algier, Tunis und Tripolis werden im christlichen Europa Barbaresken genannt. Die nordafrikanischen Stadtstaaten leben über Jahrhunderte vor allem von den Korsaren und ihrem Raub. Es geht in diesem Konflikt aber nicht nur ums Gold. Der Seeraub im Mittelmeer nimmt seit dem 16. Jahrhundert einen anderen Charakter an, er verbindet sich wie nie zuvor mit Politik und Religion. Christen und Muslime setzten in ihrem dauerhaften Konflikt immer wieder Freibeuter gegeneinander ein. Beide Seiten führen einen K reuzzug zur See, und die Barbaresken bezeichnen ihre Angriffe als Dschihad, als religiösen K ampf. Neben den Spaniern und dem Vatikan sehen die nordafrikanischen Korsaren vor allem die christlichen Ritterorden als ihre erbittertsten Gegner an.

1522 werden die Johanniter durch die Osmanen von Rhodos vertrieben und bauen kurz darauf Malta zur Festung aus. Von dort rüsten sie F lottillen aus und gehen ganz ähnlich vor wie die Barbaresken. Sie überfallen Dörfer an der K üste oder Schiffe auf hoher See, um Gefangene zu machen. Oft unterstützen die Johanniter auch Operationen der christlichen Herrscher. So beteiligen sie sich an Angriffen auf muslimische Bastionen und Küstenstädte in Nordafrika.

Der Kampf zwischen Christen und Barbaresken fesselt die Menschen in ganz Europa, selbst in den fernen deutschen Landen. Die »Gute Zeytung«, ein Flugblatt, das 1538 im deutschsprachigen Raum verkauft wird, bezeichnet Khair-ed-Din Barbarossa als Anführer der Korsaren. Dieser kontrolliert zu dem Zeitpunkt die Stadt Algier, befehligt eine große Flotte, terrorisiert die südlichen Küsten Europas und bietet dem spanischen Monarchen ständig Paroli.

Allein auf der Insel Ischia vor Italien versklaven die Korsaren 4000 Menschen

Die Sklavenjagd auf Nichtmuslime verbindet sich mit der Expansion des Osmanischen Reiches in den Mittelmeerraum. Bei den Operationen von türkischer Flotte und Heer gegen christliche Inseln übernehmen die Barbaresken eine wichtige Rolle. Sie stellen ihre Navigationskunst und ihre kampferprobten Besatzungen in den Dienst des Sultans. Gemeinsam überfallen sie auch größere Inseln und verschleppen deren Bewohner nach Nordafrika. 1544 trifft ein solcher Angriff Ischia im Golf von Neapel: Die Barbaresken und ihre Verbündeten entführen 4000 Menschen. Im selben Jahr verschleppen sie bis zu 700 Einwohner Liparis vor Sizilien. 1551 richtet sich die nächste große Offensive gegen Gozo bei Malta. Die Insel gehört dem Johanniterorden. Die Ritter können nicht verhindern, dass 6000 ihrer Untertanen versklavt werden.

»Entlang der ganzen Adriaküste drängte sich die Bevölkerung in befestigte Zentren«

US-Professor Robert C. Davis über Italiens verlassene Küsten aus Furcht vor Korsaren

Khair-ed-Din erlebt diesen Triumph gegen die Johanniter nicht mehr. Er stirbt 1546 in Konstantinopel. Längst gibt es weitere Kapitäne, die seinen Kampf gegen Spanien und christliche Schiffe fortsetzen. Die Barbaresken gehen bei ihren Angriffen trickreich vor. Sie hissen oft falsche Flaggen, nähern sich so ihren Opfern. Nur wenige Seemänner leisten noch Widerstand, wenn die Korsaren an Bord stürmen.

Die Zahl der Überfälle nimmt stetig zu. So schreibt der Universalgelehrte Eberhard Werner Happel 1688, dass die »Raubnester der Barbarei« Algier, Tunis und Tripolis »als geschworene Feinde der Christen« schon »viele tausend Christensklaven in ihrer harten Dienstbarkeit haben«. Die Entführten müssen auf Werften, Feldern, in Gärten, Bergwerken, Steinbrüchen oder als Ruderer an Bord der Galeeren schuften, zudem bringen sie Einnahmen durch Weiterverkauf und Freikauf.

An der italienischen und griechischen Küste entstehen zahlreiche Fluchttürme, in denen die Anwohner sich verschanzen, wenn fremde Segel gesichtet werden. Ganze Dörfer geben ihre Bewohner auf, weil die Gefahr zu groß scheint, überfallen und entführt zu werden. Von 1530 bis 1780 versklaven die Barbaresken mehr als eine Million Christen, im Schnitt 5000 pro Jahr. In der Forschung schwankt die exakte Zahl. Es sind aber so viele, dass Zeitgenossen vom »Weißen Gold« sprechen.

Europäische Mächte zahlen lieber Tribut als zu kämpfen

Nach 1585 durchqueren die Barbaresken regelmäßig die Straße von Gibraltar und stoßen auf den Atlantik vor. Dank dem Wissen der Renegaten – zum Islam konvertierter Sklaven – und neuen Segelschiffen können die Korsaren ihren Radius immer weiter ausweiten. Sie machen den Ärmelkanal unsicher und dringen 1627 bis nach Island vor (siehe Beitrag ab Seite 46).

Die Barbaresken profitieren im 17. und 18. Jahrhundert davon, dass die starken Seemächte wie Spanien, Frankreich und Großbritannien gegeneinander Kriege führen. Die nordafrikanischen Korsaren können deswegen häufig ungestört von den großen Flotten auf Raubfahrten gehen. Weder Briten noch Niederländer versuchen lange Zeit ernsthaft, die Piraterie im Mittelmeer zu beenden. Lieber zahlen sie Tribut an die Barbareskenstaaten und erkaufen sich auf diesem Weg Sicherheit für ihre Handelsschiffe. Auch Dänemark, Frankreich, Österreich und Schweden schließen solche Abkommen.

Nach 1730 endet die Glanzzeit der Barbaresken. Die Bagnos, die Sklavenquartiere, haben sich weitgehend geleert, und die Korsarenflotten sind viel kleiner geworden. Khair-ed-Din wird in der Türkei nicht vergessen. 1944 errichtet die Regierung im Barbaros Park in Istanbul ein großes Denkmal für ihn, das unweit seines Grabes steht. Auf seiner letzten Ruhestätte ist bis heute zu lesen: »Es starb der Herr des Meeres.«

LESETIPP

Der Autor dieses und weiterer Artikel im Heft, Dr. Hauke Friederichs, hat über die Barbaresken und deren zeitgenössische Darstellung promoviert: »Piraten, Kaper und Korsaren im Mittelmeer«, edition lumière 2018, € 44,80